{"id":10657,"date":"2005-08-07T19:49:12","date_gmt":"2005-08-07T17:49:12","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=10657"},"modified":"2025-07-10T17:00:43","modified_gmt":"2025-07-10T15:00:43","slug":"markus-3-21-31-35","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/markus-3-21-31-35\/","title":{"rendered":"Markus 3, 21.31-35"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<h3 align=\"left\"><b><span style=\"color: #000099;\">13. Sonntag nach Trinitatis | 21. August 2005 |\u00a0Markus 3, 21.31-35 | Rudolf Rengstorf |<\/span><\/b><\/h3>\n<p align=\"left\">Liebe Gemeinde!<\/p>\n<p>Krach in der &#8222;Heiligen Familie.&#8220; Wenn davon erz\u00e4hlt wird, dann ist das mehr als der beschwichtigende Hinweis: Konflikte kommen in den besten Familien vor. An diesem Streit hier &#8211; so meine ich &#8211; k\u00f6nnen wir lernen, die eigenen famili\u00e4ren Konflikte besser zu durchschauen und uns nicht aufzehren zu lassen von ihnen, in dem wir dem Heiligen Raum geben..<\/p>\n<p>Die meisten Geschichten der Evangelien erleben wir aus der Sicht Jesu. Er kommt auch hier ins Bild, aber erst sp\u00e4ter. Zun\u00e4chst geht es darum, wie Jesus von anderen gesehen wird, n\u00e4mlich von seinen n\u00e4chsten Angeh\u00f6rigen, von seiner Mutter und seinen Geschwistern. Von Vater Josef ist keine Rede. Man wird annehmen m\u00fcssen, dass er gestorben ist. Und deshalb ist es umso notwendiger, dass der \u00c4lteste die Leitung der Familie \u00fcbernimmt, sich darum k\u00fcmmert, dass es weiter geht mit dem Handwerksbetrieb, und daf\u00fcr Sorge tr\u00e4gt, dass die Mutter weiterhin ihr Auskommen hat.<\/p>\n<p>Doch der \u00c4lteste &#8211; Jesus &#8211; hat sein Vaterhaus und seine Heimatstadt schon lange verlassen. Nicht etwa &#8211; was jeder verstanden h\u00e4tte -, weil er anderswo bessere M\u00f6glichkeiten hatte, sich eine eigene Existenz aufzubauen und eine Familie zu gr\u00fcnden. Von wegen! Anstatt sich Arbeit zu suchen, war er diesem komischen Heiligen Johannes nachgelaufen. Einem Mann, der v\u00f6llig unzivilisiert da unten am Jordan hauste. Man stelle sich das vor: nur mit einem Kamelfell bekleidet war er und n\u00e4hrte sich von Honig und Heuschrecken! Den zivilisierten Menschen drohte er das Strafgericht Gottes an, und die von solchen Predigten Beeindruckten tauchte er ins Wasser und wusch damit &#8211; wie es hie\u00df- ihre S\u00fcnden ab.<\/p>\n<p>Zu diesem wilden Kerl hatte es Jesus hingezogen. Und dann war dieser offenbar auf die Idee gekommen, das k\u00f6nne er auch, Menschen anziehen und Aufsehen erregen. Und so zog er nun durch Galil\u00e4a und predigte, obwohl er doch gar nicht zur Zunft der Schriftgelehrten geh\u00f6rte, sondern aus einem Handwerker-Haushalt kam. Entsprechend argw\u00f6hnisch verfolgten die Berufstheologen, was der Amateur da unters Volk brachte. Das kann nicht gut gehen, h\u00f6rte man sie immer wieder sagen. \u00dcber die heiligen Ordnungen &#8211; wie etwa den Sabbat setzt der sich in provozierender Weise hinweg, und notorischen S\u00fcndern gegen\u00fcber h\u00e4lt er nicht auf Abstand, sondern umgibt sich mit ihnen wie mit einem Hofstaat. Wie peinlich! &#8211; Es war h\u00f6chste Zeit, den wieder nach Hause zu holen und ihn an ein Leben mit t\u00e4glichen Pflichten nach bew\u00e4hrten Ordnungen zu gew\u00f6hnen.<\/p>\n<p>Also machte die Familie sich auf den Weg und fanden auch den Ort und das Haus, wo er sich gerade aufhielt. War ja nicht schwer, weil er in aller Munde war. und \u00fcberall Leute unterwegs waren zu ihm. Doch als sie das umlagerte Haus, in dem Jesus sich aufhielt, erreichten, nahm keiner Notiz von ihnen. Keiner dachte daran, die T\u00fcren aufzumachen, sie hineinzubitten. Nein, sie, die eben noch meinten, sie k\u00f6nnten den Ausrei\u00dfen wieder hineinholen in den Kreis, in den er geh\u00f6rte, sie erleben: Wir sind hier die Au\u00dfenstehenden, und keiner legt Wert darauf, uns reinzuholen.<\/p>\n<p>Eine Erfahrung, die keiner Mutter und keinem Vater im Umgang mit Heranwachsenden erspart bleibt. Ich erinnere nur daran, wie das ist, wenn man nachts vor der Disco auftaucht, um &#8211; wie verabredet &#8211; die Tochter abzuholen. Mein Kind, das aus meiner Welt stammt, verkehrt in Kreisen, die mir fremd sind und die mir deutlich signalisieren, dass ich nicht erw\u00fcnscht bin.. Das ist eine Erfahrung, die Jesus seiner Familie auch schon zugemutet hat. Und das in einer Zeit, in der die Menschen in der Regel in der Umgebung blieben, in der sie aufgewachsen waren.<\/p>\n<p>Nun kann man nat\u00fcrlich einwenden: Mit dieser besonderen Situation, in der Jesus sich damals befand, kann man doch nicht die fr\u00fchen, f\u00fcr viele Eltern so besorgniserregenden Emanzipationsbestrebungen von Heranwachsenden heute in Verbindung bringen. Zugegeben, die Situation war damals ziemlich einmalig. Doch macht Jesus durch das, was er dann sagt, sein Verhalten sehr wohl zur Regel f\u00fcr alle, die sich zu ihm halten wollen. Denn als man ihm drinnen schlie\u00dflich mitteilt, dass drau\u00dfen seine Familie auf ihn wartet, sagt er nicht etwa: &#8222;Liebe Gemeinde! Ihr m\u00fcsst jetzt erst mal ohne mich weiter machen. Ich will und muss mich um meine Familie k\u00fcmmern. Denn Familie muss immer Vorrang haben.&#8220; Nein, diese Priorit\u00e4t gibt es f\u00fcr Jesus nicht, er widerspricht ihr sogar ausdr\u00fccklich. Das hat er &#8211; wie Lukas in seiner bekannten Geschichte erz\u00e4hlt &#8211; schon als Heranwachsender, als Zw\u00f6lfj\u00e4hriger, getan. Und hier als Erwachsener l\u00e4sst er keinen Zweifel daran, dass Familie sich f\u00fcr ihn nicht von selbst versteht. Denn er fragt: &#8222;Wer ist meine Mutter und meine Br\u00fcder?&#8220; Und dann blickte er auf die Menschen, die um ihm im Kreise sa\u00dfen und sagte: &#8222;Seht, das ist meine Mutter und das sind meine Br\u00fcder!&#8220;<\/p>\n<p>Und wieder k\u00f6nnte man einwenden und sagen: &#8222;Wenn Jesus seine nat\u00fcrliche Familie ersetzt durch die Menschen, die sich auf Grund seiner T\u00e4tigkeit zu ihm gehalten haben, dann ist das seine Sache. F\u00fcr uns kann das nicht gelten, weil wir nicht solche Gefolgschaft haben&#8220;. Als h\u00e4tte Jesus diesen Einwand geh\u00f6rt, macht er mit seinem n\u00e4chsten Satz deutlich: F\u00fcr Christen gibt es ein allgemein g\u00fcltiges Kriterium f\u00fcr das, was eine h\u00f6here Verbindlichkeit hat als die nat\u00fcrliche Familie: &#8222;Denn wer Gottes Willen tut, der ist mein Bruder und meine Schwester und meine Mutter!&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Wer Gottes Willen tut&#8220; &#8211; wer ist das? Eine Antwort auf diese Frage hei\u00dft: das ist die Kirche. Und daher kommt es, dass Menschen, die zum Gottesdienst oder anderen kirchlichen Veranstaltungen kommen, erleben, dass sie unversehens als Br\u00fcder und Schwestern angesprochen werden. Doch da das ja oft nichts als Zufallsbegegnungen sind, werden solche Anreden schnell zur unverbindlichen Floskel.<\/p>\n<p>Ein Beispiel f\u00fcr die, die Gottes Willen tun, stellt Jesus uns ja vor Augen: die Menschen, die um ihn versammelt sind. Kaum Leute, die daf\u00fcr bekannt waren, dass sie ein vorbildliches, Gott wohlgef\u00e4lliges Leben f\u00fchrten. Eher schon waren sie Menschen, die mit dem Leben \u00fcber Kreuz lagen und von ihrer Umwelt abgeschrieben waren. Eines aber taten sie: Sie h\u00f6rten Jesus zu und lie\u00dfen sich von ihm in Gottes heilsame N\u00e4he ziehen.<\/p>\n<p>Was hei\u00dft das alles f\u00fcr den Umgang mit Familienkonflikten?<\/p>\n<p>Zum einen h\u00f6re ich aus dieser Geschichte: Die Familie hat f\u00fcr Jesus keinen besonderen religi\u00f6sen Rang. Sie hat ihr Recht und ihre Zeit. Aber sie hat kein Recht darauf, einen Menschen in ihren Gewohnheiten, Erwartungen und Normen festzuhalten. Denn man soll Gott mehr gehorchen als der Familie.<\/p>\n<p>Und zum anderen h\u00f6re ich: Der die Familienbande sprengende Wille Gottes ist nicht als eine feste, f\u00fcr alle verbindliche Norm vorgegeben. Gottes Wille hat etwas mit Jesus zu tun und mit der Art, in der er sich Menschen zugewandt hat. Und ganz gewiss ist nicht jeder Versuch von Halbw\u00fcchsigen oder Erwachsenen, aus der Familie auszubrechen, mit dem Tun des Willens Gottes gleichzusetzen. Doch Voraussetzung daf\u00fcr, dass ein Mensch empf\u00e4nglich wird f\u00fcr den Willen Gottes, ist dies: er muss sich frei gemacht hat von menschlicher Bevormundung &#8211; so schmerzlich dieser Prozess f\u00fcr alle Beteiligten auch sein mag. Und dann Gott zutrauen und ihn darum bitten, dass er dem ins Freie Gehenden zeigt, wo er ihn haben will. Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Rudolf Rengstorf<br \/>\nSuperintendent in Stade<br \/>\nWilhadikirchhof 11<br \/>\n21682 Stade<br \/>\ne-mail: <a href=\"mailto:Rudolf.Rengstorf@evlka.de\">Rudolf.Rengstorf@evlka.de<\/a> <\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>13. Sonntag nach Trinitatis | 21. August 2005 |\u00a0Markus 3, 21.31-35 | Rudolf Rengstorf | Liebe Gemeinde! 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