{"id":10660,"date":"2005-08-07T19:49:16","date_gmt":"2005-08-07T17:49:16","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=10660"},"modified":"2025-07-10T16:54:21","modified_gmt":"2025-07-10T14:54:21","slug":"lukas-10-23-37","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/lukas-10-23-37\/","title":{"rendered":"Lukas 10, 23-37"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<h3><b><span style=\"color: #000099;\">13. Sonntag nach Trinitatis | 21. August 2005 |\u00a0Lukas 10, 23-37 | Erik Bredmose Simonsen |<\/span><\/b><\/h3>\n<p>Man erkl\u00e4rt uns heutzutage fast allzu genau, wer dieser unser N\u00e4chster ist, dem wir dem Liebesgebot zufolge Liebe und Barmherzigkeit schulden. Die Geschichte vom barmherzigen Samariter macht das alles sehr anschaulich f\u00fcr uns, und bekanntlich kann es uns trotzdem gro\u00dfe Schwierigkeiten machen \u2013 nicht nur, weil unsere Liebe in der Regel nicht recht weit reicht, sondern auch weil es zu Komplikationen verschiedener Art f\u00fchren kann, wenn wir auch nur im Kleinen versuchen, dem Liebesgebot in unserem Alltag zu entsprechen.<\/p>\n<p>Wir wollen versuchen, ein wenig Licht in die Sache zu bringen, indem wir die durch die Medien so bekannte Angelegenheit des Pastoren einbeziehen, der einen kirchenministeriellen Tadel bekommen hat, weil er einige ausgewiesene serbische Fl\u00fcchtlinge versteckt hat.<\/p>\n<p>Die Sache ist viel diskutiert worden. Man hat so manches f\u00fcr und gegen die Handlungsweise des Pfarrers gesagt und geschrieben, und daf\u00fcr und dagegen, ob es angemessen ist, dass er eine dienstliche R\u00fcge erhielt. Es ist dabei allerdings bemerkenswert, dass die meisten von denen, die dem betreffenden Pfarrer kritisch gegen\u00fcberstanden, nichts daran auszusetzen hatten, dass er Fl\u00fcchtlingen half und sie versteckte. Ganz im Gegenteil haben viele zum Ausdruck gebracht, dass es ganz einfach die Pflicht eines Christenmenschen ist, zu helfen und sich eines Menschen, der in Not ist, anzunehmen, wenn man ihm gegen\u00fcbersteht, und zwar ohne jede R\u00fccksicht auf Hautfarbe oder Religion des notleidenden Menschen. Es ist ausschlie\u00dflich eine Frage des Gewissens. Wenn also der betreffende Pfarrer Fl\u00fcchtlingen hilft, die seiner Meinung nach in Lebensgefahr schweben, wenn sie nach Serbien geschickt werden, dann tut er insofern nur seine Pflicht. Er tut, was ein jeder von uns zu tun schuldig ist, wenn es die Situation erfordert.<\/p>\n<p>Das Problem in Sachen dieser Art entsteht dann, wenn man durch seine Handlungsweise mit den Gesetzen des Landes in Konflikt ger\u00e4t und sich \u00fcber die Bestimmungen des Parlaments und der \u00f6ffentlichen Beh\u00f6rden hinwegsetzt. Das darf man nat\u00fcrlich nicht. Zwar gibt es Leute, die meinen, dass man in solchen F\u00e4llen Ausnahmen machen m\u00fcsse, dass das System im Dienste der guten Sache Gnade vor Recht ergehen lassen m\u00fcsse. Aber wenn man diese Meinung vertreten will, dann beginnen die Probleme, sich zu h\u00e4ufen. Denn wo h\u00e4tte man dann die Grenze zu ziehen, wann eine Sache so gut ist, dass die Gesetze des Landes au\u00dfer Kraft gesetzt werden d\u00fcrften? Wir enden schnell in reiner Willk\u00fcr, wo jedermann sich seiner besonderen Sache annehmen k\u00f6nnte, die dann \u00fcber das Gesetz erhaben zu sein h\u00e4tte.<\/p>\n<p>Das ist nat\u00fcrlich unhaltbar. \u201eMit dem Gesetz soll man das Land bebauen\u201c, hei\u00dft es mit dem ber\u00fchmten nordischen Rechtssprichwort, und das bedeutet: damit Land und Reich bestehen und das Ganze zusammenh\u00e4ngen kann, m\u00fcssen wir ein Gesetz haben, das f\u00fcr alle gilt und vor dem wir alle gleich sind.<\/p>\n<p>Und das kann ja sehr grob und streng klingen, aber es geh\u00f6rt zu unserem Verst\u00e4ndnis der Rolle des Gesetzes in unserer Gesellschaft, dass es nicht nur streng und buchst\u00e4blich angewandt wird, sondern dass es dar\u00fcberhinaus auch die M\u00f6glichkeit der Auslegung in konkreten F\u00e4llen umfasst. Darum haben wir nicht nur eine Polizei, die Gesetzesbrecher verhaftet, sondern auch ein Rechtssystem, das alle Gesetzes\u00fcbertretungen f\u00fcr sich behandelt und die Fakten jedes einzelnen konkreten Falles vor der Urteilsfindung in Betracht zieht.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich k\u00f6nnen die Gesetze des Landes als unbillig empfunden werden, aber wenn sie ganz allgemein so empfunden werden, dann k\u00f6nnen sie auch ge\u00e4ndert werden, und das geschieht auch oft. Unsere Gesetzgebung wird ununterbrochen korrigiert, so dass sie zu der Entwicklung der Gesellschaft passt und dem allgemeinen Rechtsempfinden in der Bev\u00f6lkerung entspricht. Dazu haben wir ja die gesetzgebende Versammlung: das Folketing (unser Parlament).<\/p>\n<p>Aber entscheidend ist nat\u00fcrlich, dass das jeweils geltende Gesetz einzuhalten ist, sonst w\u00fcrde alles in Willk\u00fcr und Chaos enden.<\/p>\n<p>Und hier spielt es keinerlei Rolle, ob es ein Pfarrer oder meinetwegen auch ein Bischof ist, der sich im Namen des Gewissens veranlasst sieht, die Gesetze des Landes zu brechen, denn niemand von uns ist \u00fcber das Gesetz erhaben, welche Gr\u00fcnde auch immer vorliegen m\u00f6gen. Was sollte eine Gesetzes\u00fcbertretung rechtfertigen k\u00f6nnen, k\u00f6nnte man fragen; jedenfalls nicht die Erz\u00e4hlung Jesu von heute, wo es sich interessanterweise um einen Priester und einen Leviten handelt, also zwei der religi\u00f6sen Frontfiguren der damaligen Gesellschaft, die den Notleidenden einfach liegen lassen und an ihm vorbeigehen. Wenn es um die N\u00e4chstenliebe und unsere Verantwortung in der Welt geht, gibt es f\u00fcr Jesus keinen Unterschied, ob man wei\u00df oder schwarz, Mann oder Frau, Pastor, Arzt, Bauer oder Hausfrau ist. Wir sind alle gleich vor dem Gesetz \u2013 und im \u00dcbrigen auch vor Gott.<\/p>\n<p>Wenn wir uns nun all dessen versichert haben, ist doch zu wiederholen und zu betonen, dass wir wie gesagt alle in Lagen kommen k\u00f6nnen, wo unser Gewissen uns trotzdem gebietet, die Gesetze des Landes zu umgehen, wenn wir einem Menschen in Not gegen\u00fcberstehen. Die Not des konkreten Menschen kommt immer zuerst.<\/p>\n<p>Das liegt \u00fcbrigens auch in Jesu Erz\u00e4hlung, indem der Grund des Priesters und Leviten, den Notleidenden nicht anr\u00fchren zu wollen, sehr wohl religi\u00f6ser Art hat sein kann, weil das j\u00fcdische Gesetz Vorstellungen dar\u00fcber enthielt, dass man unrein wurde, wenn man mit kranken Menschen in Ber\u00fchrung kam.<\/p>\n<p>Der Samariter fasste dies Gesetz gro\u00dfz\u00fcgig auf und zeigte Barmherzigkeit, als die Situation es so verlangte, und er war als der N\u00e4chste des Mannes, der in die H\u00e4nde von R\u00e4ubern gefallen war.<\/p>\n<p>Auf diese Weise kann jeder von uns aus Gewissensgr\u00fcnden mit dem Gesetz in Konflikt geraten. Es kann nicht anders sein. Der einzige gangbare Weg muss daher sein, dass man dem notleidenden Menschen im Geheimen hilft, w\u00e4hrend man zugleich bereit zu sein hat, f\u00fcr seine Handlungen einzustehen und die Strafe auf sich zu nehmen, die die \u00dcbertretung mit sich bringen mag, sofern entdeckt wird, was man getan hat. Das geh\u00f6rt ganz einfach dazu. Und meines Wissens ist der erw\u00e4hnte Fl\u00fcchtlingspfarrer denn auch v\u00f6llig damit einverstanden.<\/p>\n<p>Auf dem Hintergrund dessen, was Jesus \u00fcber den barmherzigen Samariter erz\u00e4hlt, sowie dessen, was Jesus auch sonst sagte und tat, ist es also die Pflicht eines Christenmenschen, einem Menschen in Not zu helfen, und zwar v\u00f6llig unabh\u00e4ngig von den Unkosten, ob es dem Gesetz zuwider l\u00e4uft oder nicht.<\/p>\n<p>Ist man aber soweit gekommen, muss man indessen darauf achten, dass man nicht anf\u00e4ngt, sich selbst seine N\u00e4chstenliebe zugute zu halten. Und dies ist wiederum eines der Dinge, die man im Zusammenhang mit der konkreten Sache der versteckten Fl\u00fcchtlinge diskutiert hat. Und auch hier bin ich nicht der Meinung, dass man den genannten Pfarrer mit Recht tadeln kann, denn das war meines Wissens nie seine Absicht.<\/p>\n<p>Aber wenn sich, wie es in dieser Sache geschehen ist, die \u00d6ffentlichkeit, die Medien und die Politik einmischen, dann ist es wirklich schwer, sich da herauszuhalten. Denn dann l\u00e4uft man ja gerade Gefahr, als der selbstgerechte W\u00e4chter der Barmherzigkeit und der Gerechtigkeit dazustehen, und dann ist man jedenfalls auf dem besten Wege dorthin, wo man in Widerspruch zur Verk\u00fcndigung Jesu ger\u00e4t. Jesu Verk\u00fcndigung wendet sich ja immer genau gegen die, die versuchen, sich selbst im Namen der Liebe oder der Wohlt\u00e4tigkeit in den Vordergrund zu stellen. Jesu Pointe ist, dass in dieser Hinsicht niemand von uns in Wirklichkeit sich etwas vormachen kann, denn verglichen mit der aufopfernden Liebe, die er verk\u00fcndete und f\u00fcr die er selbst ein lebendiges Beispiel war, ist unsere Liebe unter allen Umst\u00e4nden nur ein blasser Abglanz.<\/p>\n<p>Und dar\u00fcber hinaus kann man sagen: wenn man direkt anf\u00e4ngt, aus der Barmherzigkeit politische Ideologie und Programm zu machen, dann ist es nicht mehr die konkrete N\u00e4chstenliebe, um die es geht, denn dann ist die Frage nach der N\u00e4chstenliebe zu einer prinzipiellen Frage geworden. Was etwas ganz Anderes ist als Jesu Verweis auf unseren konkreten N\u00e4chsten.<\/p>\n<p>F\u00e4ngt man die N\u00e4chstenliebe in einem System und Programm ein, wird sie zu etwas blo\u00df Prinzipiellem, dann geschieht unweigerlich eine Verfl\u00fcchtigung unserer konkreten Verantwortung und unserer konkreten Liebe. Dann ist es nur allzu leicht, den konkret in Not Geratenen einfach nur liegen zu lassen um der Idee willen, von deren Realisierung man so besessen ist. Der Notleidende hat ja nicht viel davon, dass er m\u00f6glicherweise zu h\u00f6ren bekommt, wenn wir unser flottes Programm der N\u00e4chstenliebe erst einmal realisiert haben, dann wird es keine Probleme mehr in der Welt geben. Auf diesem Konto sind schon unfassbar viele Menschenleben geopfert worden \u2013 und werden auch in Zukunft viele Menschen umkommen. Denn das betreffende Programm l\u00e4sst sich ganz einfach nicht verwirklichen, \u2013 weil es nur Menschen sind, die das zu tun h\u00e4tten, und so weit reicht unsere Liebe nun einmal nicht.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich kann man ohne weiteres eine politische Partei stiften, die versucht, die Probleme der Welt zu l\u00f6sen und die Welt f\u00fcr alle zu einer guten Wohnung zu machen \u2013 und welche politische Partei w\u00fcrde nicht sagen, dass das insoweit auch ihre Aufgabe und Zielvorstellung sei, obwohl auch die politischen Parteien sehr verschieden sein k\u00f6nnen in ihrer Auffassung von den M\u00f6glichkeiten der Realisierung dieses Programms. Blo\u00df h\u00e4tte ein solches Programm nicht richtig mit der N\u00e4chstenliebe zu tun, von der Jesus spricht \u2013 jedenfalls h\u00e4tte es das nur \u00e4u\u00dferst indirekt. Christliche N\u00e4chstenliebe kann nur konkret sein. Das ist es, was Jesus uns heute zu sagen hat. In diesem Zusammenhang ist es bemerkenswert, dass Jesus hier nicht davon spricht, wer unser N\u00e4chster ist, sondern vielmehr davon, f\u00fcr wen wir der N\u00e4chste sind. In der Erz\u00e4hlung Jesu liegt das Hauptgewicht darauf, dass f\u00fcr den Notleidenden der Samariter der N\u00e4chste war \u2013 das geht direkt aus der Gegenfrage Jesu an den Schriftgelehrten hervor: Wer von diesen Dreien ist dem zum N\u00e4chsten geworden, der von den R\u00e4ubern \u00fcberfallen war?<\/p>\n<p>Vielleicht erz\u00e4hlt Jesus die Geschichte so, weil er sagen will, dass wir gerade nicht anfangen sollen, gro\u00df \u00dcberlegungen dar\u00fcber anzustellen, wer unser N\u00e4chster ist, weil es ganz einfach nicht darum geht, wem wir unsere Barmherzigkeit angedeihen lassen wollen und wann, sondern ganz im Gegenteil darum, dass wir uns derer annehmen sollen, denen wir auf unserem Weg begegnen oder die bei uns anklopfen. Und es kann einem ja auf ganz andere Weise unbehaglich nahe gehen, wenn man nicht selbst w\u00e4hlen darf, wem man seine G\u00fcte schenken will. Amen<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Pastor Erik Bredmose Simonsen<br \/>\nPr\u00e6stebakken 11<br \/>\nDK-8680 Ry<br \/>\nTel.: ++ 45 &#8211; 86 89 14 17<br \/>\nE-mail: <a href=\"mailto:ebs@km.dk\">ebs@km.dk<\/a><\/strong><\/p>\n<p><strong>\u00dcbersetzung aus dem D\u00e4nischen: Dietrich Harbsmeier <\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>13. Sonntag nach Trinitatis | 21. August 2005 |\u00a0Lukas 10, 23-37 | Erik Bredmose Simonsen | Man erkl\u00e4rt uns heutzutage fast allzu genau, wer dieser unser N\u00e4chster ist, dem wir dem Liebesgebot zufolge Liebe und Barmherzigkeit schulden. 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