{"id":10668,"date":"2005-08-07T19:49:25","date_gmt":"2005-08-07T17:49:25","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=10668"},"modified":"2025-07-12T15:58:38","modified_gmt":"2025-07-12T13:58:38","slug":"markus-1-40-45-4","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/markus-1-40-45-4\/","title":{"rendered":"Markus 1, 40-45"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<h3><b><span style=\"color: #000099;\">14. Sonntag nach Trinitatis | 28. August 2005 |\u00a0Markus 1, 40-45 | Hinrich Bu\u00df |<\/span><\/b><\/h3>\n<p>Liebe Gemeinde,<br \/>\n1.<br \/>\nein Auss\u00e4tziger aus der gro\u00dfen Schar der Leprakranken n\u00e4hert sich Jesus und kniet vor ihm nieder. Nat\u00fcrlich m\u00f6chte er vom Aussatz geheilt werden und spricht es auch aus: \u201eWillst du, Jesus, so kannst du mich rein machen.\u201c Es ist dieser Freimut, dass er eine Bitte aussprechen kann, die dem Leprakranken seine Menschenw\u00fcrde zur\u00fcckgibt. Die entscheidende Bewegung, die er vollzieht, liegt darin, dass er aus seiner Asozialit\u00e4t heraustritt. Er begibt sich mitten unter gesunde Menschen. Das erfordert Mut und Kraft. Doch er wagt den Schritt. Er will vom Aussatz gereinigt werden. Er hat gro\u00dfes Vertrauen in die heilende Kraft Jesu.<\/p>\n<p>Aber zu jeder vollzogenen Heilung geh\u00f6rt auch die gro\u00dfe Schar der Nichtgeheilten an denen man das nackte Elend sehen kann. Dem einzelnen Geheilten steht die Masse der unheilbar Kranken und Geplagten gegen\u00fcber. Wie wird Jesus, wie werden die J\u00fcnger und die heutigen Christen damit fertig?<\/p>\n<p>Jesus f\u00e4llt dadurch auf, dass er zun\u00e4chst nichts sagt. Nur eine Gef\u00fchlsregung wird von ihm berichtet, und die hat es in sich. \u201eEs jammerte ihn.\u201c In diesem Augenblick ist aller Jammer der Welt in Jesus versammelt. Es zog ihm gewisserma\u00dfen die Eingeweide zusammen. Er war im Innersten aufgew\u00fchlt. Und dies durch die Begegnung mit nur einem Auss\u00e4tzigen. Was w\u00e4re gewesen, wenn viele Leprakranke zu ihm gestr\u00f6mt w\u00e4ren und um Heilung vom Aussatz gebeten h\u00e4tten? Das w\u00e4re gar nicht auszudenken. Zugleich ist aller Jammer der Welt auf die Haut des Auss\u00e4tzigen geschrieben. Da kann einem schon der gro\u00dfe Jammer und das tief innen gesp\u00fcrte Elend kommen. Freilich kann man auch ein entgegen gesetztes Gef\u00fchl empfinden, und zwar Ekel beim Anblick des Auss\u00e4tzigen und Entsetzen \u00fcber das entstellte Gesicht. Es kann auch jenes schaurig-sch\u00f6ne Gruseln ausl\u00f6sen, das einem vor dem Fernseher bei Horrorbildern bestens unterh\u00e4lt und so die Not auf Abstand h\u00e4lt.<\/p>\n<p>Doch Jesus h\u00e4lt sich nicht lange bei Gef\u00fchlen auf, er schreitet zur Tat. Er ber\u00fchrt die Haut des Auss\u00e4tzigen. Er hat offensichtlich keine Angst vor einer solchen Ber\u00fchrung und f\u00fcgt hinzu: \u201eIch will\u2019s tun; sei rein!\u201c Und sogleich wich der Aussatz von ihm, und er wurde rein, so der Wortlaut des Markustextes. Warum handelt Jesus so? Es tritt ihm ein Mensch entgegen, ein Gesch\u00f6pf Gottes. Ein Mensch \u2013 das ist Anspruch. Das Wort springt einen an, ohne Ansehen der Person. Womit deutlich wird: Das Gebot der N\u00e4chstenliebe sprengt jeden Rahmen, den der Familie, der Schicht, des Verbandes, der Religion. Der einfache Satz \u201eEr ist ein Mensch\u201c reicht, um andere und vor allem Jesus in Bewegung zu setzen.<\/p>\n<p>2.<\/p>\n<p>Aber warum in aller Welt droht Jesus dem Auss\u00e4tzigen nach vollbrachter Tat und treibt ihn von sich? Ich kann nur Vermutungen vorbringen. Wilhelm St\u00e4hlin hat in seinen Predigthilfen gesagt. Jesus wollte den Geheilten auf eigene Beine stellen, damit er wieder Zutrauen zu sich selber fasst. Dass Jesus den Geheilten geradezu anfaucht, ja regelrecht von sich st\u00f6\u00dft, unterstreicht, dass er keine falsche N\u00e4he, wie zu einem Guru, entstehen lassen will. Sicher will er auch jede falsche Anh\u00e4ngerschaft vermeiden. Nur kein Personenkult. Nat\u00fcrlich kann auch William Wredes \u201eMessiasgeheimnis\u201c eine Rolle spielen, welches das ganze Markus-Evangelium durchzieht. Die Theologie des Messiasgeheimnisses hat eine doppelte Funktion: Jede Heilung wird zum Zeichen der anbrechenden Gottesherrschaft<br \/>\nund die Theologie sch\u00e4rft den Unterschied zwischen Glauben und Schauen, zwischen Hoffnung und endg\u00fcltiger Erl\u00f6sung ein.<\/p>\n<p>O ja, das ist in der Tat ein gro\u00dfer Unterschied, vor allem der zwischen Hoffnung und endg\u00fcltiger Erl\u00f6sung: \u201eKein Aug hat je gesp\u00fcrt, kein Ort hat mehr geh\u00f6rt solche Freude. Des jauchzen wir und singen dir das Halleluja f\u00fcr und f\u00fcr.\u201c Am meisten freilich \u00fcberzeugt mich das Argument, dass Jesus sich auf keinen Fall mit Jammer und Elend abfinden will und auch den dahinter stehenden Verursachern den Kampf ansagt.<\/p>\n<p>3.<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich die Frage: Warum ist Jesus nicht ganz und gar der Auferstandene ohne das schreckliche Kreuz? Oder anders gefragt: Warum wird Christus zu einem solchen Erl\u00f6ser, dass er gleichzeitig der Gekreuzigte und der Auferstandene ist?<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde, um diese Frage zu beantworten, ist es gut zu bedenken, wie es mit den Wunden steht, die uns an Leib und Seele geschlagen wurden. Einige wenige haben noch Splitter im Leib, die aus dem 2. Weltkrieg stammen. Andere haben Streitigkeiten hinter sich, die Narben an der Seele hinterlassen haben. Bei Dritten darf man ein Thema nicht ansprechen, ohne dass sie sofort hoch gehen. Die Wunden sitzen zu tief, als dass sie geheilt werden k\u00f6nnten. Sie sind ein St\u00fcck unserer Lebensgeschichte. Sie zeigen, dass ich nicht aalglatt durch das Leben gekommen bin, sondern K\u00e4mpfe zu bestehen hatte. Mitunter habe ich gesiegt, mitunter auch herbe Niederlagen erlitten. Wunden zeigen den Realit\u00e4tsbezug des Lebens an. Sage mir, wo deine Wunden sind, und ich sage dir, wer du bist.<\/p>\n<p>Nun auf Jesus bezogen: W\u00e4re mit seiner Auferstehung die irdische Leidensgeschichte abgestreift, ein f\u00fcr allemal, wie k\u00f6nnte er dann Mitleiden haben mit unseren K\u00fcmmernissen? Wie k\u00f6nnte ihn Leid und Schmerz in dieser Welt noch betreffen? Es ist das Besondere an Jesus Christus, dass er zugleich der Leidende und der Auferstandene ist. Er identifiziert sich mit den M\u00fchseligen und Beladenen. \u201eIch bin krank gewesen und ihr habt mich besucht. Ich bin hungrig gewesen und ihr habt mir zu essen gegeben. In jedem M\u00fchseligen begegnen wir gleichzeitig der Gestalt Jesu, die uns mit durchdringenden Augen anblickt. Zugleich ist er der Auferstandene, der Hoffnung auf \u00dcberwindung des Leidens weckt. \u201eGott wird abwischen alle Tr\u00e4nen von ihren Augen.\u201c (Offb. 21,4) Mit einem Satz: Jesus ist der Leidtragende und der \u00dcberwinder allen Elends. Die Seligpreisungen sprechen hier eine gl\u00fccklich machende Sprache. \u201eSelig sind, die da Leid tragen, denn sie sollen getr\u00f6stet werden.\u201c &#8211; \u201eSelig sind, die da hungert und d\u00fcrstet nach Gerechtigkeit, denn sie sollen satt werden (Matth. 5,4.6) Selbst wer bereits verloren ist, ist bei Jesus gut aufgehoben. Kreuz und Auferstehung sind eine unschlagbare Verbindung.<\/p>\n<p>Es gibt heutzutage viele, die der Botschaft von der Auferstehung ausgesprochen skeptisch gegen\u00fcber stehen. Sie sagen es deutlich: \u201eHerr Pastor, Frau Pastorin, daran kann ich nicht glauben. Sie will mir nicht in den Kopf.\u201c Wer dem gegen\u00fcber blinden Glauben verlangt, nach dem Motto \u201eAugen zu und durch\u201c, ist nicht gut beraten. \u201eHabe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen\u201c, hat Immanuel Kant gesagt und geschrieben. Wer seinen Verstand anstrengt, wird der Philosophie nicht gerecht und der Religion auch nicht. Der Glaube macht den Menschen nicht klein, er l\u00e4sst ihn vielmehr in h\u00f6chste H\u00f6hen greifen. Zum Bespiel wenn wir singen: \u201eEhre sei Gott in der H\u00f6he\u201c. Wir strecken uns sonnt\u00e4glich mit unserem Gesang nach dem H\u00f6chsten aus und k\u00f6nnen ihn doch nicht erreichen. Zum Glauben geh\u00f6rt Bescheidenheit, gewiss. Doch zu ihm geh\u00f6rt auch der Verstand in Gestalt des Zweifels, der wider den Stachel l\u00f6ckt.<\/p>\n<p>Jesus l\u00e4sst dem zweifelnden Thomas eine Sonderbehandlung widerfahren. Sie, liebe Gemeinde, k\u00f6nnen die Erz\u00e4hlung im Jovannesevangelium Kap. 20 nachlesen. Thomas kann, wenn er will, Jesu Wunden ber\u00fchren, die Narben seines geschundenen K\u00f6rpers, die Zeichen seiner Verletzlichkeit. Ich wiederhole noch einmal den Satz aus dieser Predigt: \u201eDas ist das Besondere an Jesus Christus, dass er zugleich der Leidende und der Auferstandene ist\u201c. Als Jesus ihm gestattet, seine Wunden zu ber\u00fchren, bricht es aus ihm hervor: \u201eMein Herr und mein Gott.\u201c Er erkennt den Auferstandenen. Im Allertiefsten erblickt er den Allerh\u00f6chsten. Sein Zweifel ist der Durchbruch zur Wahrheit. Nun hat er endlich Durchblick.<\/p>\n<p>Amen<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Landessuperintendent i. R. Dr. Hinrich Bu\u00df<br \/>\nLudwig-Beck-Str. 4<br \/>\n37075 G\u00f6ttingen<br \/>\n<a href=\"mailto:Hinrich.Buss@evlka.de\">Hinrich.Buss@evlka.de<\/a> <\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>14. Sonntag nach Trinitatis | 28. 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