{"id":10678,"date":"2005-08-07T19:49:20","date_gmt":"2005-08-07T17:49:20","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=10678"},"modified":"2025-07-13T17:39:36","modified_gmt":"2025-07-13T15:39:36","slug":"lukas-18-28-30-5","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/lukas-18-28-30-5\/","title":{"rendered":"Lukas 18, 28-30"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<h3><span style=\"color: #000099;\">15. Sonntag nach Trinitatis | 4. September 2005 |\u00a0Lukas 18, 28-30 | Andreas Pawlas |<\/span><\/h3>\n<p><strong>Da sprach Petrus: Siehe, wir haben, was wir hatten, verlassen und sind dir nachgefolgt. Jesus aber sprach zu ihnen: Wahrlich, ich sage euch: Es ist niemand, der Haus oder Frau oder Br\u00fcder oder Eltern oder Kinder verl\u00e4sst um des Reiches Gottes willen, der es nicht vielfach wieder empfange in dieser Zeit und in der zuk\u00fcnftigen Welt das ewige Leben. <\/strong><\/p>\n<p>Liebe Gemeinde!<\/p>\n<p>Zu diesem biblischen Bericht geh\u00f6rt eine entscheidende Vorgeschichte, die wir aber erst sp\u00e4ter bedenken werden. Lassen Sie uns zun\u00e4chst einmal nur auf diesen Bibelabschnitt schauen. Und eigentlich m\u00fcsste es jetzt hierzu eine Art Dialogpredigt geben, n\u00e4mlich zwischen einem mittelalterlichen M\u00f6nch einerseits und einem evangelischen Christen unserer Tage andererseits. Und was da den heutigen Evangelischen angeht, so w\u00fcrde der sicherlich schnell fragen, was uns denn heute morgen hier in Sparrieshoop diese Frage des Hl. Apostels Petrus wohl interessieren sollte? Denn die scheint doch vollkommen \u00fcberholt und aus einer versunkenen Welt zu sein. Nat\u00fcrlich mag es damals im alten Pal\u00e4stina, \u00fcblich gewesen zu sein, ab und zu einmal mit einem Wanderrabbi mitzugehen. Denn was sollte man anderes machen in Zeiten, wo es doch noch kein Schulsystem gab? Da wanderte man einfach f\u00fcr eine Weile mit einem weisen Mann mit, um Gutes und Lebenswichtiges zu h\u00f6ren und zu lernen.<\/p>\n<p>Allerdings, wenn unser Bibelwort nur mit solchen damals ganz \u00fcblichen Lernverfahren zu tun h\u00e4tte, was sollte das f\u00fcr uns heute bedeuten k\u00f6nnen? Und au\u00dferdem m\u00fcsste doch dann die Frage des Apostels v\u00f6llig <strong><em>\u00fcberzogen<\/em><\/strong> erscheinen. Und die Antwort, die er dann bekommt, ebenso. Denn dann w\u00e4re es doch v\u00f6llig <strong><em>normal<\/em><\/strong>, f\u00fcr eine Weile alles zu verlassen, um lernend unterwegs zu sein. Und nat\u00fcrlich <strong><em>lohnt<\/em><\/strong> es sich auch zu lernen. Denn irgendwie zahlt sich das immer aus. Aber warum sollte man da \u201evielfach wieder empfangen in <strong><em>dieser<\/em><\/strong> Zeit und in der <strong><em>zuk\u00fcnftigen<\/em><\/strong> Welt das ewige Leben\u201c?<\/p>\n<p>Oder geht es vielleicht in unserem Bibelwort doch um etwas v\u00f6llig Anderes? Und jetzt muss unser mittelalterlicher M\u00f6nch mit seiner ganz anderen Meinung zu diesem Bibelwort zu Wort kommen. Und da w\u00fcrde er dieses Bibelwort uns gar nicht gern \u00fcberlassen wollen, sondern es v\u00f6llig f\u00fcr sich beanspruchen und sagen: \u201eDas ist genau <strong><em>mein<\/em><\/strong> Bibelwort. Denn <strong><em>Ich<\/em><\/strong> bin es doch, der Haus oder Frau oder Br\u00fcder oder Eltern oder Kinder verlassen hat und ins Kloster gegangen ist. <strong><em>Ich<\/em><\/strong> bin es doch, der alles hinter sich gelassen hat um des Reiches Gottes willen. <strong><em>Ich<\/em><\/strong> bin es doch, der alle diese Opfer gebracht hat. Und nun darf ich doch wirklich damit rechnen, dass ich daf\u00fcr vielfach wieder empfange in dieser Zeit und in der zuk\u00fcnftigen Welt das ewige Leben.\u201c<\/p>\n<p>Aber klingt das nicht wie eine Art Kuhhandel? Hier bringe ich <strong><em>Opfer<\/em><\/strong> und da <strong><em>entsch\u00e4digt<\/em><\/strong> mich Gott daf\u00fcr <strong><em>reichlich<\/em><\/strong>. Und das nicht nur zeitlich sondern sogar ewiglich, was jedoch nach mittelalterlicher Logik v\u00f6llig plausibel war. Aber bestimmt w\u00fcrde man heutigen M\u00f6nchen Unrecht tun, wenn man ihnen gegenw\u00e4rtig noch ein solches Denken unterstellte. Jedoch genau<strong><em> das<\/em><\/strong> ist sicherlich <strong><em>mit<\/em><\/strong> ein Ergebnis der Reformbem\u00fchungen Martin Luthers, dass n\u00e4mlich dadurch die ganze Kirche und damit auch das M\u00f6nchtum in Denken und Leben ver\u00e4ndert wurde. Denn ganz massiv wandte sich damals Luther gegen solch ein Kuhhandel-Denken mit Gott. Nein, wer so mit Gott handeln will, der nimmt einerseits Gott in seiner grenzenlosen Liebe, Macht und Herrlichkeit nicht ernst. Andererseits aber hat er nichts wirklich begriffen vom Menschen und von seiner S\u00fcnde. Und S\u00fcnde hei\u00dft ja konkret, diese schlimme und schmerzhafte Entfernung von Gott. Und aus dieser realistischen Perspektive ist es ein katastrophaler <strong><em>Irrtum<\/em><\/strong> zu meinen, Mensch und Gott seien wirklich so etwas wie zwei gleichberechtigte Handelspartner, die miteinander um gegenseitige Vorteile feilschen k\u00f6nnten: \u201eIch bringe dir ein Opfer und du gibst mir Gutes in Zeit und Ewigkeit.\u201c Denn wie sollten denn Du und ich wirklich gleichberechtigter Handelspartner Gottes sein, wenn wir immer wieder schmerzhaft erfahren m\u00fcssen, wie <strong><em>unvollkommen<\/em><\/strong> wir als Menschen sind, wie wir unserem Geschick einfach <strong><em>ausgeliefert<\/em><\/strong> sind, oder wie belastet mit <strong><em>Schuld<\/em><\/strong> wir sind, so dass man manchmal nur noch aufschreien kann. Was f\u00fcr eine meilenweite Entfernung zu Gott! Und was sollten da alle Selbstqu\u00e4lereien des Menschen und selbst gew\u00e4hlte Trennungen helfen k\u00f6nnen, um diese Trennung zwischen begrenztem, leidvollen Menschlichem und unbegrenztem, erf\u00fcllten G\u00f6ttlichen zu \u00fcberbr\u00fccken?<\/p>\n<p>Und genau dies ist bei der Ursprungssituation unseres Bibelwortes zu bedenken. Denn Jesus zog damals weder durchs Land, um das zeitgen\u00f6ssische Bildungssystem durch Wanderunterricht zu verbessern, noch einen g\u00f6ttlichen Kuhhandel anzubieten im Sinne des: \u201eWenn du sch\u00f6n flei\u00dfig opferst, dann gelingt dir alles in Zeit und Ewigkeit.\u201c Sondern er zog als fleischgewordene Liebe Gottes durchs Land, weil er doch das Elend der Menschen sah und ihre Orientierungslosigkeit, so dass sie ihn einfach <strong><em>jammerten<\/em><\/strong>. Und die Leute <strong><em>schrieen<\/em><\/strong> nach ihm in ihrer Not, weil da kein anderer war, der ihnen helfen konnte. Genau <strong><em>das<\/em><\/strong> ist die Situation des Menschen. Was sollte da irgendein Opfer-Kuhhandel helfen k\u00f6nnen. Und au\u00dferdem, was <strong><em>h\u00e4tte<\/em><\/strong> der Mensch auch schon, was er Gott zum Handel anbieten k\u00f6nnte, dem Gott, dem doch alles dieser seiner eigenen Sch\u00f6pfung geh\u00f6rt?<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich gibt es Menschen, die wissen nichts von einem solchen Leiden am Leben und an sich selbst. Und wer bislang ohne Schrammen und Blessuren durchs Leben gekommen ist, und darum die Welt so in Ordnung findet, wie sie ist, der muss ja auch nicht weiter zuh\u00f6ren. Allerdings k\u00f6nnte es vielleicht f\u00fcr ihn doch wichtig sein, noch einmal kurz auf den eigentlichen Anfang der Geschichte zu h\u00f6ren.<\/p>\n<p>Denn kurz bevor der Hl. Apostel Petrus mit Jesus ins Gespr\u00e4ch kam, da war ein sehr frommer Mann zu Jesus gekommen und hatte ihn gefragt, was er tun m\u00fcsse, um das ewige Leben zu ererben. Und da hatte ihn Jesus auf die zehn Gebote verwiesen. Jedoch wollte sich der fromme Mann damit nicht abspeisen lassen und sprach: \u201eDas habe ich alles gehalten von Jugend auf.\u201c Als Jesus das h\u00f6rte, da sah er ihn an und gewann ihn lieb (Mk 10,21) und sprach er zu ihm: \u201eEs fehlt dir noch eines. Verkaufe alles, was du hast, und gib&#8217;s den Armen, so wirst du einen Schatz im Himmel haben, und komm und folge mir nach!\u201c Als aber der fromme Mann <strong><em>das <\/em><\/strong>h\u00f6rte, da wurde er traurig, denn er war sehr reich. Und er ging davon. Und genau diese Szene hatte die Menschen damals gewaltig<strong><em> erschreckt<\/em><\/strong>. Denn genauso wie heute besa\u00dfen sie <strong><em>alle<\/em><\/strong> irgendwie und irgendwo etwas und mussten das auch zum Leben haben. Aber nun merkten sie wohl mit einem Male, wie sehr sie alle an dem hingen, was sie besa\u00dfen oder was ihnen lieb war. Und darum fragten sie sich verwirrt und erschreckt: Wie sollte da blo\u00df einer selig werden k\u00f6nnen?<\/p>\n<p>Und erst <strong><em>darauf hin<\/em><\/strong> sprach dann Petrus: \u201eSiehe, wir haben, was wir hatten, verlassen und sind dir nachgefolgt.\u201c Und vielleicht klingt da sogar noch etwas nach wie: \u201eWir <strong><em>haben<\/em><\/strong> doch darum nichts mehr, was wir den Armen geben k\u00f6nnten, um so einen <strong><em>Schatz<\/em><\/strong> im Himmel zu haben.\u201c Wie den auch sei, auf keinen Fall hatte Petrus mit seinem Wort vor, mit Christus irgendeinen Opfer-Kuhhandel zu beginnen im Sinne des \u201eGuck \u00b4mal, wie viel Opfer ich gebracht habe. Mit was darf ich nun rechnen?\u201c Und wir wissen ja auch, dass jeder, der so berechnend auf die erste Christenheit schauen wollte, merken musste, dass da die Rechnung nicht aufging. Denn was ernteten die ersten Christen so bald? Verfolgung, Gef\u00e4ngnis, Folter und gar nicht so selten den Tod &#8211; eben in der Nachfolge Christi, der ja aus weltlichen Augen auch nur im Kreuzestod gescheitert schien.<\/p>\n<p>Nein, unter den J\u00fcngern hatte alle Berechnung und aller Opfer-Kuhhandel aufgeh\u00f6rt. Denn sie <strong><em>konnten<\/em><\/strong> doch gar nicht anders, als bei Christus zu sein. Weil ihnen doch Gott in Christus nahe kam, deshalb <strong><em>mussten<\/em><\/strong> sie ihm einfach nachfolgen und alles stehen lassen. Der Petrus sein Fischerboot und seine Fischernetze. Der Matth\u00e4us seine eintr\u00e4gliche Stelle an der Zollstation. Und das war kein Opfer, sondern ein Perspektivenwechsel in der Gegenwart Gottes.<\/p>\n<p>Und genau einen solchen Perspektivenwechsel erlebten doch auch so viele andere, die sehnsuchtsvoll endlich auf ein Zeichen von Gott warteten, sei es zur Heilung ihrer Schmerzen oder zur Vergebung ihrer Schuld. Sie hatten zun\u00e4chst bitter erfahren m\u00fcssen, dass letztlich Gut und Geld oder Freundschaft und Verwandtschaft nicht helfen k\u00f6nnen, um ein heiles, erf\u00fclltes und befreites Leben zu f\u00fchren. Aber nun durch den Perspektivenwechsel in der Gegenwart Jesu Christi, da waren sie froh und dankbar, <strong><em>Gottes heilsame N\u00e4he<\/em><\/strong> versp\u00fcren zu k\u00f6nnen. Und damit wurde doch alles anders und gut. Wie sollten sie darum noch von Gut und Geld oder Freundschaft und Verwandtschaft Heil und Heilung erwarten k\u00f6nnen? Nein, sie lie\u00dfen alles hinter sich. Denn sie brauchten es nicht mehr.<\/p>\n<p>So oder so \u00e4hnlich muss das damals gewesen sein. Aber wie ist das nun f\u00fcr uns moderne Menschen? Oder sind wir gar nicht so modern, und versuchen doch immer wieder, mit Gott einen Opfer-Kuhhandel zu machen, etwa in dem Sinne: \u201eLieber Gott, jetzt verzichte ich auf den t\u00e4glichen Nachtisch, aber dann musst Du mich auch wieder gesund machen.\u201c oder \u201eLieber Gott, jetzt habe ich so viel gespendet, jetzt musst Du doch machen, dass mein weggelaufener Sohn mir wieder ein Lebenszeichen gibt.\u201c Aber ist das dann sehr viel anders als das, was mittelalterliche M\u00f6nche gemacht haben und wodurch Gott sich in seiner Freiheit und Unendlichkeit niemals zwingen l\u00e4sst? F\u00fchlen wir dagegen nicht viel mehr diese Sehnsucht, endlich ein Zeichen von Gott zu erhalten, und endlich Heil und Heilung und Vergebung von Schuld zu erfahren? Und haben wir da nicht zu mindest eine Ahnung, von diesem Perspektivenwechsel, n\u00e4mlich wie in der N\u00e4he Gottes und im Vertrauen auf Gottes Wirken einfach alles anders und besser wird?<\/p>\n<p>Aber soll das nun f\u00fcr uns hei\u00dfen, wenn wir Gottes N\u00e4he in Jesus suchen, auch alles zu verlassen, um mit ihm auf Wanderschaft zu gehen? Nein, denn nach Tod und Auferstehung wandert Jesus nicht mehr derart leiblich durch unsere irdische Gegend, so dass wir uns ihm anschlie\u00dfen k\u00f6nnten. Aber seit Himmelfahrt k\u00f6nnen wir uns sicher sein, dass wir in Andacht und Gebet Jesus <strong><em>\u00fcberall<\/em><\/strong> begegnen k\u00f6nnen und deshalb <strong><em>\u00fcberall<\/em><\/strong> ein erf\u00fclltes und befreites Leben f\u00fchren k\u00f6nnen, von Gott gef\u00fchrt und bewahrt.<\/p>\n<p>Muss sich nicht darum nicht ganz von selbst jeder, der froh und dankbar durch Jesus Christus diesen Perspektivenwechsel erlebt und so endlich <strong><em>Gottes N\u00e4he<\/em><\/strong> versp\u00fcren kann, auch ein neues Verh\u00e4ltnis zu Gut und Geld oder Freundschaft und Verwandtschaft gewinnen? Denn um das Heil f\u00fcr sein Leben zu erlangen, da braucht man das alles nicht mehr. Man darf die Dinge dieser Welt benutzen, ja, sich sogar an ihnen als gute Gottesgaben freuen, aber man h\u00e4ngt sein Herz nicht mehr daran und wird damit frei. Und damit wird gleichzeitig auch der Blick frei, um die Not des N\u00e4chsten zu sehen \u2013 und um gern und nicht knickerig zu helfen. Denn einem selbst ist ja in der N\u00e4he Gottes geholfen worden und schon so viel geschenkt worden, dass es nicht zu bemessen ist. Wer so vom Glauben an das Reich Gottes erf\u00fcllt ist, der hat schon in dieser Zeit mehr empfangen, als diese Welt zu geben vermag und hat gleichzeitig durch den Glauben bereits Anteil an der zuk\u00fcnftigen ewigen Welt. Gott schenke uns diesen Glauben, damit wir ihn loben und preisen hier und in Ewigkeit.<\/p>\n<p>Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Pastor Dr. Andreas Pawlas<br \/>\nEv.-luth. Kirchengemeinde Barmstedt<br \/>\nErlenweg 2<br \/>\n25365 Kl. Offenseth-Sparrieshoop<br \/>\n<a href=\"mailto:Andreas.Pawlas@web.de\">Andreas.Pawlas@web.de<\/a> <\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>15. Sonntag nach Trinitatis | 4. 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