{"id":10681,"date":"2005-08-07T19:49:24","date_gmt":"2005-08-07T17:49:24","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=10681"},"modified":"2025-07-13T17:36:47","modified_gmt":"2025-07-13T15:36:47","slug":"lukas-18-28-30-3","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/lukas-18-28-30-3\/","title":{"rendered":"Lukas 18, 28-30"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<h3><b><span style=\"color: #000099;\">15. Sonntag nach Trinitatis | 4. September 2005 |\u00a0Lukas 18, 28-30 | Lothar Grigat |<\/span><\/b><\/h3>\n<p>Liebe Gemeinde, ich nehme an, auch Sie kennen das sicherlich: Fragen nach Sinn und Nutzen, wie etwa: Was soll\u00b4s? Was hab ich denn davon? Was bringt`s mir? Solche Fragen liegen uns immer h\u00e4ufiger auf der Zunge, seitdem unser Leben so unberechenbar geworden ist. Sich ausbilden lassen? Wozu denn, wenn ich anschlie\u00dfend ja doch keinen Arbeitsplatz finde? Sparen? Warum, wenn das Geld ja doch immer weniger wert ist?<\/p>\n<p>Da kann auch der Glaube nicht ganz unber\u00fchrt bleiben. Was habe ich denn davon, mich nach dem Evangelium auszurichten und mein Leben davon bestimmt sein zu lassen? Andere machen es ja auch nicht \u2013 geht es denen etwa schlechter? Sonnt\u00e4glich in den Gottesdienst \u2013 bringt das was? Um Jesu willen Behinderte betreuen anstatt zum Bund zu gehen \u2013 lohnt sich das?<\/p>\n<p>Auch die J\u00fcnger Jesu wurden von solchen Fragen wohl immer mal wieder \u00fcberfallen. So wird erz\u00e4hlt, dass Jesus gerade mal einem reichen Menschen erkl\u00e4rt hatte, was ihm noch fehle, wenn er das ewige Leben suche: die Gebote halten, seinen Besitz verkaufen und ihm nachfolgen. Wir haben das ja vorhin als Schriftlesung noch einmal geh\u00f6rt (Lukas 18, 18-27). Und da muss es wie ein Ruck durch die J\u00fcngerschar gegangen sein: Ja, und wir? Sind wir nicht l\u00e4ngst auf diesem Weg? Petrus macht sich \u2013 wie so h\u00e4ufig \u2013 zum Wortf\u00fchrer im J\u00fcngerkreis, und das h\u00f6ren wir im Predigttext von heute:<\/p>\n<p><em>(Textlesung, evtl. nach Gute Nachricht-\u00dcbersetzung) <\/em><\/p>\n<p>Es gibt eine Reihe von Auslegern zu dieser Stelle, die meinen, das rieche aber doch sehr nach Eigenlob, was Petrus da sagt. Aber ob Petrus wirklich die J\u00fcnger so als Musterknaben hinstellen will? Ich glaube, wir k\u00f6nnten ihm damit wohl recht unrecht tun. Schlie\u00dflich waren die ehemaligen Fischer ja tats\u00e4chlich so etwas wie \u201eAussteiger\u201c geworden, hatten alle Br\u00fccken hinter sich abgebrochen, Familie und Haus und Hof aufgegeben \u2013 alles nur, um mit einem Wanderrabbi unterwegs zu sein? Wie viel Spott oder auch Mitleid haben sie wohl \u00fcber sich ergehen lassen m\u00fcssen! Und da klingt das, was Petrus sagt, doch wohl eher wie eine bange Nachfrage: Bist du dir wirklich bewusst, Meister, was wir alles f\u00fcr dich auf uns genommen haben? Haben wir uns auch nicht \u00fcbernommen?<\/p>\n<p>Aber auch daran ist zu erinnern: das Lukasevangelium ist gegen Ende des ersten Jahrhunderts entstanden. Etwa 70 Jahre nach Jesu Tod litt die junge Christengemeinde aber schon ganz erheblich unter Verfolgungen. Da wird man deren bange Frage in den Worten des Petrus mit h\u00f6ren m\u00fcssen: auf was haben wir uns da mit dir eingelassen, Herr? Wir sind voller Angst \u2013 wo wird das enden?<\/p>\n<p>Na gut, hierzulande und heutzutage ist die christliche Gemeinde schon sehr lange nicht mehr in der Situation der Fischer vom See Genezareth, und sie wird nat\u00fcrlich auch nicht verfolgt wie im r\u00f6mischen Weltreich. In unseren Gottesdiensten versammeln sich keine \u201eAussteiger\u201c; Christen f\u00fchren mitsamt ihren Pfarrern und Pfarrerinnen ein gutb\u00fcrgerliches Leben mit festem Wohnsitz und gesichertem Einkommen, in der Mehrzahl jedenfalls. Und sich frei religi\u00f6s bet\u00e4tigen zu k\u00f6nnen, das garantiert uns unsere Verfassung.<\/p>\n<p>Aber wer Zeitung liest, die Nachrichten verfolgt und mit offenen Augen durch die Stadt geht, ich glaube, der wei\u00df, dass ein solches Leben in Sicherheit und Geborgenheit l\u00e4ngst zur Ausnahme geh\u00f6rt! Millionen von Fl\u00fcchtlingen irren durch unsere Welt, und t\u00e4glich kommen neue hinzu: Christen fliehen vor Moslems; Christen und Moslems fliehen vor den eigenen Glaubensgeschwistern, nur weil sie einer anderen Volksgruppe angeh\u00f6ren. Aus Armut, Hunger und Unfreiheit fl\u00fcchten Menschen aus fast allen Erdteilen zu uns \u2013 zu uns, von denen sie wissen, dass wir von allen G\u00fctern reichlich haben und dass wir Christen sind! Viele mussten ihre Familie zur\u00fccklassen, oder ihre Angeh\u00f6rigen wurden ermordet; die meisten sind ohne Arbeit und Aufenthaltsberechtigung, leben in Heimen oder in Containern oder gar auf der Stra\u00dfe. Auch hier bei uns!<\/p>\n<p>Und sie sind f\u00fcr uns alle eine st\u00e4ndige Erinnerung daran, dass es letztlich nicht unser Verdienst ist, wenn wir eine Wohnung und Arbeit, Heimat und Freiheit, Essen und Kleidung haben. Ob wir das genau irgendwie insgeheim doch auch sp\u00fcren, weil wir uns auch des \u00f6fteren so aggressiv den Ausl\u00e4ndern gegen\u00fcber verhalten? L\u00e4sst uns unser schlechtes Gewissen vielleicht sogar unbewusst so reagieren, weil wir ja sonst vieles von dem, was wir besitzen, zu ihren Gunsten aufgeben m\u00fcssten?<\/p>\n<p>Ich glaube, es sind tats\u00e4chlich in der Nachfolge Jesu eine sichere Heimat und ein Dach \u00fcber dem Kopf, das gemachte Bett und der gedeckte Tisch nicht einfach so inklusive; das wird an der ganzen Geschichte Gottes mit seinen Menschen sichtbar: sie ist eine Aufbruchs- und Wanderungsgeschichte, von Abraham bis Jesus, vom Exil in Babylon bis zu den Hugenotten oder den vertriebenen deutschen Juden \u2013 den Glaubensfl\u00fcchtlingen <em>aller<\/em> Zeiten und L\u00e4nder!<\/p>\n<p>Aufbrechen, loslassen, unterwegs sein \u2013 das geh\u00f6rt offenbar einfach dazu; und der Schrecken, auf was wir uns denn da eingelassen haben mit diesem Jesus, der kann uns auf unterschiedlichste Weise treffen: Wenn ich um Gottes, um der Menschen, um des Gewissens willen Besitz aufgeben, auf ein Recht verzichten oder mich einschr\u00e4nken soll, wenn Trennungen zu ertragen und Sicherheiten aufzugeben sind. Vielleicht sind wir ja wieder kurz vor solchen Situationen, wenn die Finanzen in unseren Kirchen derzeit immer weniger und die Diskussionen um die k\u00fcnftige Finanzierung unserer Arbeit, unseres Miteinanderlebens immer heftiger werden: was, wenn wir wirklich auf den so bequemen Kirchensteuereinzug verzichten m\u00fcssen, wenn wir auf das freiwillige Engagement unserer Gemeindeglieder angewiesen w\u00e4ren? Sind wir bereit, Gemeinde Gottes vielleicht ganz anders zu leben als bisher? Risiken der Nachfolge! Und wof\u00fcr das alles? Was bringt mir das ein?<\/p>\n<p>Jesu Antwort an Petrus und an jeden, den eine solche Frage bedr\u00e4ngt, die ist tr\u00f6stlich! Sie ermutigt und nimmt die Angst; sie l\u00e4dt ein zu vertrauen. Und offenbar hat er auch gar keine Sorge, das k\u00f6nnte im Sinn einer billigen Lohnmoral missverstanden werden. \u201eIhr werdet,\u201c so sagt er, \u201ealles vielf\u00e4ltig zur\u00fcck bekommen: jetzt schon, in dieser Welt, und auch in der Ewigkeit.\u201c<\/p>\n<p>Was und wie das im Einzelnen ist, das wird nicht gesagt. Also haben wir auch nicht zu r\u00e4tseln. Die Ewigkeit lotet ohnehin niemand aus. Auf jeden Fall aber ist es ein \u201eMehr\u201c \u2013 ein Mehr an Leben! Denn was wir meinen, unbedingt sichern zu m\u00fcssen, woran wir uns klammern, was wir gegen Arme und Fl\u00fcchtlinge beispielsweise verteidigen wollen, das macht Leben im Sinne Jesu noch nicht aus. Unsere Wertordnung ist f\u00fcr Gottes Reich nicht g\u00fcltig; Besitz und Geld, Urlaub und Bequemlichkeit, Gl\u00fcck unter Gleichgesinnten \u2013 das ist im Ma\u00dfstab Gottes immer noch nicht alles; da gibt es mehr, Reicheres, Vollkommeneres! Eine Erfahrung, auf die ich nicht verzichten m\u00f6chte, eine Begegnung, eine Hoffnung \u2013 unvergleichbar mit allem, was ich so meine, festhalten zu sollen. Und vielleicht w\u00e4re es ja nicht verkehrt, sich auch gelegentlich doch mal zu fragen, ob ich denn in der Nachfolge Jesu wirklich so leer ausgegangen bin, wie das mir manchmal so scheint. Und ist das, was ich an begl\u00fcckenden Momenten auch erlebe, an Freunden und gl\u00fccklichen Augenblicken oder gelungenen Lebensentscheidungen, nicht vielleicht doch auch so etwas wie eine \u201eGegengabe\u201c f\u00fcr so manches, auf das ich mehr oder weniger leidvoll verzichten muss? Jedenfalls sollte ich mich das hin und wieder fragen!<\/p>\n<p>Und auch wir Prediger und Predigerinnen m\u00fcssen uns fragen, ob wir nicht viel zu h\u00e4ufig nur zum Loslassen und Einschr\u00e4nken aufrufen und viel zu selten dazu anleiten, f\u00fcr unerkannten Reichtum auch zu danken! Ich finde, es muss etwas dran sein an Jesu Versprechen! Und wir sind heute nur eingeladen, ihm zu vertrauen, dass es auch an uns wahr wird \u2013 oder auch l\u00e4ngst schon wahr geworden ist.<\/p>\n<p>Und Gottes Friede begleite unsere Gegenwart und unsere Zukunft, indem wir Jesu Versprechen trauen und darin miteinander verbunden bleiben. Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Dekan Lothar Grigat<br \/>\nPfarrstr. 12<br \/>\n34576 Homberg (Efze)<br \/>\n<a href=\"mailto:kirchenkreis-homberg@ekkw.de\">kirchenkreis-homberg@ekkw.de<\/a> <\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>15. Sonntag nach Trinitatis | 4. September 2005 |\u00a0Lukas 18, 28-30 | Lothar Grigat | Liebe Gemeinde, ich nehme an, auch Sie kennen das sicherlich: Fragen nach Sinn und Nutzen, wie etwa: Was soll\u00b4s? Was hab ich denn davon? Was bringt`s mir? 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