{"id":10685,"date":"2005-08-07T19:49:13","date_gmt":"2005-08-07T17:49:13","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=10685"},"modified":"2025-07-13T17:28:50","modified_gmt":"2025-07-13T15:28:50","slug":"lukas-18-28-30-6","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/lukas-18-28-30-6\/","title":{"rendered":"Lukas 18, 28-30"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<h3><b><span style=\"color: #000099;\">15. Sonntag nach Trinitatis | 4. September 2005 | Lukas 18, 28-30 | Tom Kleffmann |<\/span><\/b><\/h3>\n<p>Gnade sei mit euch und Friede, von Gott unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus. Amen.<\/p>\n<p>Sucht ihr immer noch das Leben? Das wahre Leben, das andere Leben, das Leben zu dem wir bestimmt sind: ohne Angst, ohne L\u00fcge, voll und getragen, tief und liebevoll?<\/p>\n<p>Nicht nur die Jungen suchen es, jedenfalls wenn sie wach sind, noch nicht bestochen durch den tausendf\u00e4ltigen billigen Ersatz, den die Glitzerwelt uns aufdr\u00e4ngt. Auch die, deren Leben \u00e4u\u00dferlich l\u00e4ngst in gewohnten Bahnen verl\u00e4uft, Beruf und Familie, Arbeit und Urlaub, so viele Jahre schon, Sommer und Winter \u2013 auch sie suchen es, das andere Leben.<\/p>\n<p>Und wir Christen? Auch wir suchen es. Aber wenn wir Christen sind, dann haben wirs auch gefunden, wenigstens in Augenblicken. Oder besser: seine Wahrheit hat uns gefunden, dieses Leben ohne Angst, ohne L\u00fcge, tief und liebevoll. Aber weil wir immer wieder zur\u00fcckfallen in das t\u00e4gliche Dahinleben, in das seichte Leben, in das schlafende Leben, weil dessen Gesetze so m\u00e4chtig sind, suchen wir es auch immer wieder, das wahre Leben.<\/p>\n<p>Das wahre Leben, das andere Leben, das Leben zu dem wir bestimmt sind, das kommt nicht von allein. Viele Menschen glauben, das gibt es garnicht. Es gibt h\u00f6chstens ein angenehmes Leben, aber ein wahres Leben \u2013 was ist das? Wir glauben, da\u00df es m\u00f6glich ist \u2013 ein wahres Leben. Aber es kommt nicht von allein. Man kann es nicht kaufen. Das wahre Leben, das andere Leben, das hei\u00dft auch Abschied nehmen und sich entscheiden. Das wahre Leben, das kann schmerzlich sein, weil es einen Menschen herausholt aus dem Ich-Geh\u00e4use, in dem er sich behaglich eingerichtet hat und den Tod und das Leid nicht sieht. Es kann sehr schmerzlich sein, dieses Leben, aber wenn es wahr ist, wird es g\u00f6ttlich sein und herrlich und st\u00e4rker als der Tod.<\/p>\n<p>Ich lese aus dem Evangelium des Lukas, 18.Kapitel:<strong> [Lesung Lk.18,28-30] <\/strong><\/p>\n<p>Erschrecken sie nicht gleich. Da kann man ja erschrecken. Soll das der Weg sein: Alles aufgeben und aussteigen? Haus und Frau und Geschwister und Eltern und Kinder verlassen f\u00fcr das Reich Gottes? Was ist denn das, das Reich Gottes? Das klingt diffus, utopisch, abgehoben und nicht von dieser Welt. Dagegen die Familie, Eltern, Kinder, das ist doch unsere wirkliche Liebe, da mu\u00df sie sich doch bew\u00e4hren! Gerade da ist doch Treue gefordert, statt die Frau, die Kinder, die alten Eltern zu verlassen. Familie, Eltern, Kinder &#8211; das kann doch kein Gegensatz zum christlichen Leben sein! &#8211;<\/p>\n<p>Aber diese J\u00fcnger <em>haben<\/em> alles verlassen, Haus, Familie, Broterwerb. In der tiefsten Gewi\u00dfheit, das Richtige zu tun, sind sie mit ihm gegangen. Sie lebten in dem Glauben an eine unerh\u00f6rte Zeitenwende, in der nichts bleiben kann wie es war. Aber auch dann, auch wenn das g\u00f6ttliche Kraft und Wahrheit bedeutete, fragt doch: was hei\u00dft das f\u00fcr uns? Ist ein Leben sozusagen im Kloster, ohne Familie, ohne Eigentum, heiliger als das Leben des Familienvaters oder der Familienmutter, die zu Hause die schmutzigen Windeln ihrer Kinder wechseln? Ist ein Leben in Eheliebe und Familie nicht so heilig wie ein Leben, da\u00df im Z\u00f6libat darauf verzichtet? \u2013 Das Leben im Z\u00f6libat ist nicht heiliger. Und nat\u00fcrlich sind Familie, Elternliebe, Kinderliebe kein Gegensatz zum christlichen Leben. Also schauen wir genauer hin.<\/p>\n<p>Es gibt eine Vorgeschichte, auch Lukas 18. Da war ein Mann, der fragte Jesus: was mu\u00df ich tun, damit ich das wahre Leben habe, das ewige Leben? Und Jesus sagte: Du h\u00e4ltst die Gebote, du sollst nicht ehebrechen, du sollst nicht t\u00f6ten usw. Aber dir fehlt eins. Verkaufe alles was du hast und gibs den Armen und folge mir nach. &#8211; Da wurde der Mann traurig und ging weg, denn er war reich.<\/p>\n<p>Darum ging es: um den Besitz, um all das, durch das der Mensch sich selbst definiert. Und das ist die Frage: Wenn die Freiheit davon die Bedingung ist, die Bedingung des wahren Lebens, wer \u00fcberhaupt kann es dann erreichen? Und da sagt Petrus: <em>wir haben alles, was wir hatten, verlassen, und sind dir nachgefolgt.<\/em><\/p>\n<p>Es geht nicht um das Haus, die Frau, den Mann, die Eltern, die Kinder als solche. Sondern es geht um den Besitz, um die Freiheit vom Besitz \u2013 und damit ist eben nicht nur materieller Besitz gemeint. All das, wodurch wir uns selbst definieren, selbst aufbauen, festmachen &#8211; all das, worin du dir selbst deine Identit\u00e4t baust, worin du dich spiegelst, weil es deins ist: all das trennt vom wahren Leben \u2013 <em>wenn seine Wahrheit denn dies ist, da\u00df du von der Liebe Gottes lebst, die bis in den Tod reicht, und sie in dir zum Andern str\u00f6mt, und du das Eigenste findest, indem du es schenkst.<\/em><\/p>\n<p>Aber wer sich festklammert an seinem Besitz, weil er seine Identit\u00e4t ist, wer sich spiegelt und festh\u00e4lt in dem, was vermeintlich ihm geh\u00f6rt, der bleibt in Wahrheit mit sich allein. Der ist in Wahrheit in sich selbst gefangen. Auch die Familie, selbst die eigenen Kinder k\u00f6nnen in diesem Sinn Besitz sein. Mein Haus, meine Frau, mein Auto, meine Kinder. Und das Sch\u00f6nste, das Lebendigste kann unter der Hand zur L\u00fcge werden. Wenn du nur auf dein eigenes Kind schaust, wenn du dich durch es definierst, durch seine Klugheit, seinen Erfolg, und die Kinder der Anderen sind dir egal, dann stimmt was nicht. Wenn dich deine Familie nicht verbindet mit den Andern, sondern wenn du in ihr von den andern abgrenzt, dann stimmt was nicht. <em>Wie schwer kommen die Reichen<\/em>, die sich definieren in ihrem Besitz, <em>in das Reich Gottes<\/em>!<\/p>\n<p>Die Freiheit, die die Bedingung wahren Lebens ist, kann sich keiner selbst geben. Die J\u00fcnger h\u00e4tten ihren Besitz nicht verlassen, wenn sie das Neue, das Wahre nicht gesehen h\u00e4tten. Wenn der wirkliche Gott sie nicht ber\u00fchrt h\u00e4tte und ihnen die Augen ge\u00f6ffnet h\u00e4tte, dann w\u00e4re nichts passiert.<\/p>\n<p>Deswegen ist diese Freiheit, die Freiheit vom Besitz, auch keine Leistung, die du bringen kannst. Und so weh es vielleicht tut, den Lebensl\u00fcgen ins Gesicht zu sehen &#8211; um Askese geht es nicht. Wenn Gott der Sch\u00f6pfer ist, dann empfangen wir seine Liebe auch im Licht, im Atem, im Essen, im Trinken, und zwar reichlich, auch in K\u00fc\u00dfen und herrlicher Leidenschaft, und im Leben der Kinder. Aber es ist immer ein Geschenk, kein Besitz; und das Leben ist, die Liebe dieses Geschenkes weiterzugeben \u2013 es annehmen und die Liebe genie\u00dfen, aber nicht festhalten, sondern weiterschenken.<\/p>\n<p>Die Freiheit, die der reiche J\u00fcngling nicht hat, die Freiheit des Petrus, zu der auch wir bestimmt sind, und die wir doch oft nur ahnen, das ist kein trauriger R\u00fcckzug aus der Welt, sondern es ist die Freiheit zum wahren Leben. So redet Luther von der Freiheit eines Christenmenschen. <em>Ein Christenmensch ist ein freier Herr \u00fcber alle Dinge und niemandem untertan.<\/em> Wenn Gott der Sch\u00f6pfer und Grund in Christus zu ihm gekommen ist, dann ist er frei vom Tod, frei von allen Dingen und Gesetzen. Es gibt keinen Besitz, der ihn beherrscht. Er hat seine Identit\u00e4t woanders. <em>Kein Ding ist so gut, so b\u00f6se, es mu\u00df mir zugut dienen, wenn ich glaube.<\/em> Aber zugleich gilt: Der Christenmensch ist ein Knecht aller Dinge. Das hei\u00dft: wenn Christus ihn hochhebt in g\u00f6ttliche Freiheit, dann schickt ihn von da wieder runter mitten ins pralle Menschenleben, um f\u00fcr den andern dazusein: zur Frau, zum Mann, zum Bruder und zur Schwester, zu den Eltern und Kindern. <em>Aus dem allen ergibt sich die Folgerung, da\u00df ein Christenmensch nicht in sich selbst lebt<\/em> (oder in seinem Besitz), <em>sondern in Christus und in seinem N\u00e4chsten. Durch den Glauben f\u00e4hrt er \u00fcber sich in Gott, aus Gott f\u00e4hrt er wieder unter sich durch die Liebe und bleibt doch immer in Gott und in g\u00f6ttlicher Liebe.<\/em><\/p>\n<p>Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>PD Dr. Tom Kleffmann<br \/>\nG\u00f6ttingen<br \/>\n<a href=\"mailto:tom.kleffmann@theologie.uni-goettingen.de\">tom.kleffmann@theologie.uni-goettingen.de<\/a><\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>15. Sonntag nach Trinitatis | 4. September 2005 | Lukas 18, 28-30 | Tom Kleffmann | Gnade sei mit euch und Friede, von Gott unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus. Amen. Sucht ihr immer noch das Leben? 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