{"id":10688,"date":"2005-08-07T19:49:28","date_gmt":"2005-08-07T17:49:28","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=10688"},"modified":"2025-07-13T17:19:09","modified_gmt":"2025-07-13T15:19:09","slug":"lukas-18-28-30-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/lukas-18-28-30-2\/","title":{"rendered":"Lukas 18, 28-30"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<h3><b><span style=\"color: #000099;\">15. Sonntag nach Trinitatis | 4. September 2005 |\u00a0Lukas 18, 28-30 | Ulrich Nembach |<\/span><\/b><\/h3>\n<p>Nach der Flut ist vor der Flut \u2013 vom Menschen und seinen Reaktionen<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde,<\/p>\n<p>unter den Bildern, die uns in diesen Tagen erreichen, blieb mir eins besonders in Erinnerung. Es zeigt einen Mann, notd\u00fcrftig gekleidet, der klagt, seine Not herausschreit. Er hat gerade seine Frau verloren. Sie, er und die Kinder hatten sich auf sich auf dem Dach ihres Hauses in New Orleans gerettet. Die Wassermassen lie\u00dfen dann das Haus bersten. Er hielt seine Frau an der Hand. Sie rutschte ab. Er hielt sie fest und konnte eigentlich nicht mehr. Seine Frau rief ihm zu: La\u00df mich! Du kannst mich nicht mehr halten! Rette die Kinder, sorge f\u00fcr sie!\u201c\u2026 und sie rutschte ab.<br \/>\nAnders waren die Situationen bei den Flutkatastrophen in Bayern, \u00d6sterreich, der Schweiz, in Rum\u00e4nien und davor an Elbe und Oder.<br \/>\nNoch wieder anders war die Situation im vom Terror gesch\u00fcttelten Bagdad,<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde, in dieser Situation haben wir als Predigttext vorgeschlagen bekommen Lk. 18,28-30. Der Text ist nicht f\u00fcr diese Situationen niedergeschrieben worden. Auch nicht bei den Flutkatastrophen, bei denen ich im Folgenden bleiben m\u00f6chte, um nicht ins Allgemeine abzugleiten oder hier zu lang zu werden. Unser Text ist fast 2000 Jahre alt. Und doch passt er in diese Situationen. Erstaunlich!<br \/>\nIch lese den Text.<\/p>\n<p>Man kann den Text, Jesu Rede mit einem Wort Luthers zusammenfassen: \u201eWoran du dein Herz h\u00e4ngst, das ist dein Gott\u201c. Jesus stellt letztlich vor die Alternative: Gott oder unsere Welt.<\/p>\n<p>H\u00e4tte jener Mann nicht rechtzeitig weggehen k\u00f6nnen? In Bayern und anderswo ist einiges zum Schutz vor Hochwasser getan worden, aber nicht genug. Mancher Anlieger wollte sich nicht von seinem Grund trennen, obwohl man den f\u00fcr Schutzma\u00dfnahmen brauchte. Die Rum\u00e4nen haben kein Geld; andere halfen ihnen nicht; und mancher wohnte eben gern am Wasser aus diesem oder jenem triftigen Grund. \u00c4hnlich oder so ungef\u00e4hr war es in den anderen L\u00e4ndern. Immer gab es Gr\u00fcnde.<br \/>\nViele, die in New Orleans blieben, sagen, dass sie ihr Eigentum sch\u00fctzen wollten. In Bayern hingen manche an ihrem Land, manche hofften vielleicht auch auf einen h\u00f6heren Preis, den ihnen der Staat zahlen sollte \u2013 nun haben sie teuere Sch\u00e4den.<br \/>\nZu New Orleans muss man wissen, dass Besitz in den USA mehr bedeutet als in Europa, in Deutschland. Besitz ist, was man hat, was man ist. Besitz hilft bei Krankheit, versorgt den Menschen im Alter. Anders ist es in Deutschland, das ein Sozialstaat ist. Land bedeutet hier nat\u00fcrlich auch einen Schatz, den man darum nicht gern hergibt.<\/p>\n<p>\u00c4hnlich war es vor einigen Monaten, als die gro\u00dfe Flutwelle am 26.12.2004 drohte und eine rechtzeitige Warnung zum Teil deshalb nicht weitergegeben wurde, weil sie Touristen verschrecken k\u00f6nnte. Von diesen h\u00e4ngt viel, oft alles ab. Nach der Flutwelle warben die \u00dcberlebenden um Touristen, weil diese die einzige Einnahmequelle f\u00fcr sie sind.<\/p>\n<p>Nicht anders war es schon fr\u00fcher. Bevor der Vesuv Pompeji und Herculanum zerst\u00f6rte, war auch noch Zeit zum Weglaufen. Nicht wenige blieben und starben. Auch sie hatten ihre Gr\u00fcnde f\u00fcr das Bleiben.<\/p>\n<p>Was sind das f\u00fcr Gr\u00fcnde? Es sind gewichtige Gr\u00fcnde. Es geht generell um das Leben, seinen Unterhalt, seine Qualit\u00e4t. Genau darum geht es auch im Text. Dort geht es um die Familie, nicht weniger als um die Familie! Selbst sie ist laut Jesus das Vorletzte. Das Reich Gottes bleibt.<br \/>\nEine Auslegerin unseres Textes \u2013 sie schrieb ihre \u00dcberlegungen vor den Flutkatastrophen der letzten Tage nieder \u2013 fragt radikal nach Beziehungen, die unser Text meint. Sie kommt zu dem Schlu\u00df, dass es um \u201eneue Lebensperspektiven\u201c geht. \u201e Loslassen\u2026befreit \u2026 von den bangen Sorgen um das eigene Leben\u201c (Antje Labun, in: Dt. Pfr., 2005\/7, 366).<br \/>\nH\u00e4tten jener Mann und seine Frau sich um ihr Leben gesorgt, so w\u00e4re seine Frau noch am Leben! Soll sich ein Landwirt nicht um seine Wiesen sorgen, die die das Leben seiner Familie als \u00f6konomische Basis erm\u00f6glichen, mindestens mit erm\u00f6glichen?<\/p>\n<p>Das, was jene Auslegerin schreibt, nicht ungew\u00f6hnlich. Denken nicht viele \u2013 auch und gerade unter kirchentreuen Christen so? Die Wissenschaft bewegt sich letztlich nicht selten ebenfalls auf diesem Niveau, in diesen Bahnen des Denkens \u2013 oder sollte ich richtiger sagen: in diesen Grenzen des Denkens? Bis in unsere Tage war Konsens unter den Vulkanologen, dass die Beschreibung des Ausbruchs des Vesuvs, die uns \u00fcberliefert ist, eine \u00dcbertreibung darstellt. Plinius der J\u00fcngere war Augenzeuge und schrieb das Gesehene nieder. Die Basis der Argumentation waren die immer wieder kehrenden, kleineren Ausbr\u00fcche des Vulkans. Gr\u00f6\u00dfere wie die, die Pompeji und Herculanum zerst\u00f6rte, sind &#8211; Gott sei\u00b4s gedankt \u2013 seltener. Die nahe liegende Frage an die Argumentation: Warum Pompeji und Herculanum zerst\u00f6rt wurden, wo doch die kleineren Ausbr\u00fcche keine gr\u00f6\u00dferen Sch\u00e4den anrichten, wurde nicht gestellt. Die heutigen Bewohner der H\u00e4nge des Vesuvs wissen um die gro\u00dfen Sch\u00e4den, und sie wissen, dass ein gr\u00f6\u00dferer Ausbruch bevorsteht, aber sie leben ruhig vor sich hin.<\/p>\n<p>Unsere Bitte um das t\u00e4gliche Brot im Vater-unser gilt dem nahe Liegenden. Das nahe Liegende ist nicht das N\u00e4chste. Nahe liegend ist das Wesentliche. Es ist die Basis f\u00fcr alles. Gottes Reich ist nahe liegend in der Kirche, aber auch im Alltag. Um das Kommen des Reichs Gottes bitten wir im Vater-unser wie um das t\u00e4gliche Brot im Vater-unser.<br \/>\nDas t\u00e4gliche Brot meint f\u00fcr jenen Mann aus New Orleans buchst\u00e4blich Brot f\u00fcr sich und seine Kinder, aber auch Kleidung \u2013 er hat nicht mehr, als was er am Leibe tr\u00e4gt \u2013 und es meint auch Wohnung und Arbeit. F\u00fcr die Kinder braucht er Trost wegen des Todes der Mutter und f\u00fcr sich selbst wegen des Verlustes der Frau. Das ist viel, sehr viel \u2013 mehr als Regierung und Hilfsorganisationen leisten k\u00f6nnen. Und doch braucht er noch mehr, wesentlich mehr: Das nahe Liegende, Gottes Hilfe, sein Reich.<br \/>\nPaul Gerhard, der durch den 30-j\u00e4hrigen Krieg hindurch lebte und so Zerst\u00f6rung, Not, Elend erlebte, singt von dem nahe Liegenden.<br \/>\nWir wollen eins seiner Lieder singen, wie wir schon zuvor eins seiner Lieder sangen.<br \/>\nAmen<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Prof. Dr. Dr. Ulrich Nembach<br \/>\n<a href=\"mailto:ulrich.nembach@theologie.uni-goettingen.de\">ulrich.nembach@theologie.uni-goettingen.de<\/a><\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>15. Sonntag nach Trinitatis | 4. September 2005 |\u00a0Lukas 18, 28-30 | Ulrich Nembach | Nach der Flut ist vor der Flut \u2013 vom Menschen und seinen Reaktionen Liebe Gemeinde, unter den Bildern, die uns in diesen Tagen erreichen, blieb mir eins besonders in Erinnerung. 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