{"id":10701,"date":"2005-09-07T19:49:16","date_gmt":"2005-09-07T17:49:16","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=10701"},"modified":"2025-07-14T10:03:00","modified_gmt":"2025-07-14T08:03:00","slug":"matthaeus-85%e2%80%9213","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/matthaeus-85%e2%80%9213\/","title":{"rendered":"Matth\u00e4us 8,5\u201213"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<h3>Gemeinschaft des Friedens f\u00fcr alle \u2013 Internationaler Friedenstag der Vereinten Nationen und des \u00d6RK | 21. September 2005 | <span id=\"de-HOF-24569\" class=\"text Luke-7-1\">Matth\u00e4us 8,5\u201213 | <\/span>Rainer Stahl |<\/h3>\n<p>Liebe Leserin, lieber Leser,<br \/>\nliebe Schwestern und Br\u00fcder,<\/p>\n<p>ein herausragendes Ereignis und eine thematische Zuspitzungen bestimmen den heutigen Sonntag:<\/p>\n<p>Zum einen sind wir heute eingeladen, den Internationale Friedenstag der Vereinten Nationen und des \u00d6kumenischen Rates der Kirchen am 21. September schon voraus zu begehen. Der Tag steht diesmal unter dem Motto: \u201eGemeinschaft des Friedens f\u00fcr alle\u201c, das unsere Mitchristinnen und Mitchristen in Asien erarbeitet und vorgeschlagen haben. Damit treten die vielen ungel\u00f6sten Konflikte auf unserer Erde in unseren Blick. Damit werden wir an die viel zu viele Waffengewalt und das so immense Leiden erinnert. Damit werden wir herausgefordert, Probleme und Konflikte \u2013 die es immer wieder geben wird \u2013 wenigstens friedlich zu meistern zu versuchen.<\/p>\n<p>Zum anderen sind wir als Staatsb\u00fcrgerinnen und Staatsb\u00fcrger unserer Bundesrepublik heute aufgefordert, einen neuen Bundestag zu w\u00e4hlen. Heute Abend werden wir alle vor dem Fernseher sitzen und mit Spannung das Ergebnis der Wahl zur Kenntnis nehmen. Selbstverst\u00e4ndlich kann und will ich zu keinem bestimmten Wahlverhalten auffordern. Aber ich ermuntere, sich dieser wichtigen Herausforderung nicht zu verweigern, sondern den Weg unserer Gesellschaft durch die Teilnahme an der Wahl mit zu bestimmen \u2013 und werde der eigene Einfluss als noch so gering empfunden, und bestehe noch solche Ungewissheit darin, wie entschieden werden sollte.<\/p>\n<p>Unser Predigttext thematisiert die Problemhaftigkeit der Welt am Beispiel pers\u00f6nlicher Krankheit. Wir alle wissen, dass Krankheiten eng mit dem Leben in unserer menschlichen Gemeinschaft zusammen h\u00e4ngen \u2013<br \/>\nmit beruflichen Herausforderungen, denen man nicht zu entsprechen k\u00f6nnen meint,<br \/>\nmit Frustrationen und Entt\u00e4uschungen, die sich in k\u00f6rperlichem Leiden manifestieren,<br \/>\nmit Spannungen und Konflikten in der Familie und zu nahe stehenden Mitmenschen, die nicht gel\u00f6st werden k\u00f6nnen,<br \/>\nmit innerer Zerrissenheit zwischen aufgepfropften oder selbst auferlegten Idealen und mangelndem Leistungsverm\u00f6gen (auf welchem Gebiet auch immer), die Spannungen in das Leben tragen, die nicht ausgehalten werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Von daher wird uns einleuchten, wenn ich vorschlage, dass wir heute \u00fcber die Herausforderung der pers\u00f6nlichen Krankheit hinausgehen.<br \/>\nNicht nur Krankheitsgeschichten provozieren uns als Christen \u2013 zum Beispiel eben die Krankheitsgeschichte des Jungen, der immer wieder zu selbstzerst\u00f6rerischen Bewegungen gedr\u00e4ngt wird.<br \/>\nSondern auch die Problemhaftigkeit der Gesellschaft im Allgemeinen,<br \/>\ndie Leidensgeschichten derer, die nicht mithalten k\u00f6nnen,<br \/>\ndie Ausbr\u00fcche von Hass und Verblendung, die es immer wieder gibt,<br \/>\ndie Organisation von Gewalt und Verbrechen,<br \/>\ndie Versuche, mit Waffengewalt Fakten zu schaffen,<br \/>\ndie Kriege.<\/p>\n<p>Wenn wir den Blick so ausweiten, dann wird \u2013 jedenfalls f\u00fcr mich \u2013 das Erschrecken \u00fcber die Wirkungslosigkeit der Kirche besonders bedr\u00e4ngend: \u201eUnd ich habe mit deinen J\u00fcngern geredet \u2026 und sie konnten\u2019s nicht\u201c \u2013 so berichtet der Mann gegen\u00fcber Jesus \u00fcber das mangelnde Verm\u00f6gen der Kirche. Und die Kirche selbst gesteht vor Jesus dieses mangelnde Verm\u00f6gen unumwunden zu: \u201eWarum konnten wir ihn nicht austreiben?\u201c \u2013 so fragen Jesus seine eigenen J\u00fcnger.<\/p>\n<p>Da ergibt sich f\u00fcr mich ein erster und entscheidender Hinweis: Die Schuld am Scheitern des Wirkens der Kirche wird nicht bei anderen gesucht, nicht der Komplexit\u00e4t der Gesellschaft angelastet, nicht aus m\u00f6glicher Unterdr\u00fcckung und Zur\u00fccksetzung abgeleitet. Die Schuld am Scheitern des Wirkens der Kirche wird bei sich selbst gesehen:<br \/>\nWas machen <strong> wir<\/strong> falsch?<br \/>\nWo m\u00fcssten <strong> wir<\/strong> uns \u00e4ndern?<\/p>\n<p>An dieser Stelle m\u00fcssen wir kurz innehalten. Eine Zwischen\u00fcberlegung ist notwendig, damit wir beim Verstehen und Predigen nicht in die Irre gehen. Ich meine die M\u00f6glichkeit und die Notwendigkeit der Identifikation der Personen der Geschichte mit Gruppen heute:<\/p>\n<p>Eine Gleichsetzung wird uns allen einleuchten. Im Grunde habe ich sie bisher schon vorgenommen: Die J\u00fcnger in unserer Geschichte sind ein Bild f\u00fcr die Kirche heute. F\u00fcr unsere Ortsgemeinde, in der wir leben. F\u00fcr die Gemeinschaft im Bistum, in der regionalen Kirche, in der Landeskirche, der wir angeh\u00f6ren. Schlie\u00dflich sind die J\u00fcnger ein Bild f\u00fcr die weltweite kirchliche Gemeinschaft, der wir zugeh\u00f6ren \u2013 z.B. als Gliedkirche des Lutherischen Weltbundes.<\/p>\n<p>Der Mann und sein kranker Sohn geh\u00f6ren zum einen zur Menge, die die Kirche umsteht, die von au\u00dfen kritisch verfolgt, was da abl\u00e4uft. Er ist also noch auf dem Weg in die Kirche hinein. Vielleicht wird er immer drau\u00dfen bleiben.<br \/>\nZugleich aber \u2013 ich hoffe, Sie teilen diesen Eindruck \u2013 geh\u00f6rt er eigentlich schon zur Kirche. Ist er doch im Vertrauen, dass ihm die J\u00fcnger helfen k\u00f6nnten, dass ihm die Kirche helfen k\u00f6nnte, auf uns zugekommen. Und: Spricht er doch dieses Vertrauen \u2013 so zweifelnd es sein mag \u2013 deutlich aus: \u201eIch glaube!\u201c Darin erkenne ich mich selbst. Wie ich, so geh\u00f6rt auch er zur Kirche hinzu!<br \/>\nAu\u00dferdem: Geh\u00f6rt er nicht auch mit seiner Bitte \u2013 \u201ehilf meinem Unglauben!\u201c \u2013 zu uns, zur Kirche? Wer von uns wagt es, den Glauben als fest gepachteten und sicheren Besitz zu bezeichnen? Wir alle glauben \u2013 und wir brauchen die Hilfe Gottes, die Hilfe Christi, die Hilfe des Geistes Gottes, dass unser Glaube gest\u00e4rkt werde.<\/p>\n<p>Wohin aber geh\u00f6rt Jesus, wohin geh\u00f6rt Christus? Die Versuchung ist gro\u00df, auch in ihm die Kirche zu sehen. Und das w\u00fcrde hei\u00dfen: Auch der Kirche die F\u00e4higkeit zuzutrauen, so zu helfen, wie er helfen wird. Die Geister und die Probleme unserer Zeit anbalfern zu k\u00f6nnen: \u201eFahrt aus! Fahrt nicht mehr in die Welt ein!\u201c<br \/>\nHier m\u00fcssen wir beachten, woher Jesus kommt: Er kommt aus einer v\u00f6lligen Sonderstellung, die niemandem sonst verhei\u00dfen ist: \u201eDas ist mein lieber Sohn; den sollt ihr h\u00f6ren!\u201c Konsequenterweise wird den J\u00fcngern, die diese Verkl\u00e4rung miterleben, verboten, davon zu berichten.<br \/>\nDieser selbe Jesus, der verkl\u00e4rt wurde, muss jetzt im F\u00e4higkeits- und Unf\u00e4higkeitszusammenhang wirken. Und so meine ich: Dieser Jesus, dieser Christus darf nicht mit uns, mit der Kirche heute gleichgesetzt werden. Er bleibt auch uns, auch der Kirche gegen\u00fcber und uns und der Kirche voraus.<\/p>\n<p>Au\u00dferdem bleibt er uns, der Kirche, voraus, weil nur durch ihn eine L\u00f6sung unserer Fragen und Probleme gegeben wird. Wir fragen ihn: \u201eWarum konnten wir ihn nicht austreiben?\u201c \u201eWarum waren wir bei Bew\u00e4ltigung konkreter Probleme schwach und wirkungslos?\u201c Darauf gibt Christus eine Antwort, die in jeder kirchengeschichtlichen Stunde gilt, die auch f\u00fcr unsere Kirche zu Beginn des 21. Jahrhunderts gilt: \u201eDiese Art kann nicht ausfahren als durch Beten.\u201c \u201eDie Herausforderungen, vor die Ihr Euch gestellt seht, k\u00f6nnt Ihr nur meistern, wenn Ihr betet.\u201c<\/p>\n<p>Ich vermute, dass dies vielen in unserer Kirche, die so genau wissen, wie wir als Christen leben m\u00fcssten, die sehr parteiliche Probleml\u00f6sungen f\u00fcr die N\u00f6te unserer Gesellschaft \u201aauf Lager haben\u2019, nicht recht passen wird: \u201eWarum beten?\u201c Vielmehr werden sie denken: \u201eEndlich die Konsequenzen aus dem Glauben ziehen, dann w\u00e4re doch viel erreicht.\u201c<\/p>\n<p>Diesen Einwurf verstehe ich sehr. Er ist mir ja auch bei meinem Nachdenken genau an dieser Stelle eingefallen. Und als erstes eingefallen. Trotzdem lohnt es sich, genauer hinzusehen. Die L\u00f6sung liegt n\u00e4mlich in unserer kleinen Geschichte selbst.<\/p>\n<p>An welches Beten denkt Christus? Ist dieses Beten vielleicht vorgebildet in der Erz\u00e4hlung selbst? Ich meine: Ja! Ein Vorbild des Betens, das Christus von seiner Kirche erwartet, gibt der Vater des kranken Sohnes. Unser Beten muss zwei Schwergewichte haben:<\/p>\n<p>Einmal d\u00fcrfen wir sagen: \u201eIch glaube.\u201c D.h., wir d\u00fcrfen und wir sollen als Christen und als Kirche unseren Glauben beschreiben. Unsere Hoffnungen zum Ausdruck bringen. Die Visionen des Lebens, denen wir folgen, vorlegen und bezeugen: Schon in unserem Leben ist Heil-Sein m\u00f6glich. Es gibt Gerechtigkeit zwischen uns Menschen, im Umgang mit den Ressourcen unserer Erde. Frieden hat wirklich eine Chance. Die Entscheidung f\u00fcr gewaltfreie Umgangsformen trotz aller Spannungen und Ungleichheiten ist sinnvoll. Ich m\u00f6chte dieses Feld einfach mit den genannten Allgemeinbegriffen angedeutet haben. Sie alle verstehen, was ich meine. Haben Sie Mut, nach den konkreten Wegen f\u00fcr Frieden, f\u00fcr Gerechtigkeit, f\u00fcr einen unsere Umwelt m\u00f6glichst wenig zerst\u00f6renden Umgang mit der Natur zu suchen und auf diesen Wegen dann auch zu gehen.<\/p>\n<p>Sobald wir uns aber auf diesen Wegen aufmachen, brauchen wir die Bitte \u201ehilf meinem Unglauben!\u201c Denn \u2013 als langj\u00e4hrige Beobachterinnen und Beobachter, als Mitwirkende in der Kirchenszene m\u00fcssen Sie mir hier doch Recht geben \u2013 unsere Kirchen sind von Br\u00fcchen zwischen Forderungen, zwischen Anspr\u00fcchen und tats\u00e4chlichem Leben, effektiv Verwirklichtem gekennzeichnet. Ich darf als bewusst evangelisch-lutherischer Theologe nur einen Zusammenhang ansprechen: In der Theorie vertreten wir lebhaft unser \u201esola fide\u201c und unser \u201esola gratia\u201c, unser \u201eallein aus Glauben\u201c und unser \u201eallein aus Gnaden\u201c. Aber in der kirchlichem Lebenspraxis gelten doch meist ganz andere Dinge: n\u00e4mlich Leistung, n\u00e4mlich Geld. Auch uns gelingt es nicht, wirklich \u00fcberzeugend den Vorrang von Glauben und Gnade in der Organisationsform unserer Kirche darzustellen. Ich brauche nur an die N\u00f6te zu erinnern, die durch Teilstellen \u2013 die aber oft gar nicht als Teil<strong> zeit<\/strong>stellen gemeint sind! \u2013 und die durch Punktsysteme entstehen. Hier k\u00f6nnen wir all die gro\u00dfen Grunds\u00e4tze, die wir gern in die Gesellschaft hinein verk\u00fcndigen, selbst h\u00f6chstens in Ans\u00e4tzen verwirklichen. Hier m\u00fcssen wir \u2013 wenn wir denn ehrlich sein wollen \u2013 bitten: \u201eHilf meinem Unglauben!\u201c<\/p>\n<p>Ist das nicht ein guter Rat f\u00fcr uns als Kirche angesichts der Herausforderungen in unserer Gesellschaft und der Pflicht, Frieden zu organisieren? Zweierlei sollen wir tun: Die Dimensionen unseres Glaubens wirklich bezeugen und sie in unseren Gemeinden und auch in Richtung auf die gr\u00f6\u00dftenteils nichtglaubende Gesellschaft wach halten. Zugleich aber haben wir unsere eigenen M\u00e4ngel vor Gott, vor Christus einzugestehen und um Hilfe zu bitten \u2013 im Gebet, also nicht vor der nichtglaubenden Welt.<\/p>\n<p>Wenn Christus uns sagt, dass nur Beten helfe, dann hat er die Zusage gegeben, dass solches Gebet erh\u00f6rt werden wird, dass er also dazu helfen wir, dass beim einen oder beim anderen Problem, bei der einen oder bei der anderen Herausforderung die n\u00f6tige L\u00f6sung von ihm geschenkt wird. Ein St\u00fcck Gerechtigkeit gestaltet werde. Ein Bereich Frieden wachsen kann.<\/p>\n<p>Ist das nicht schon eine gro\u00dfe Verhei\u00dfung? Ich lade Sie ein, sich auf diese Verhei\u00dfung einzulassen. Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Dr. Rainer Stahl<br \/>\nGeneralsekret\u00e4r des Martin-Luther-Bundes<br \/>\n<a href=\"mailto:gensek@martin-luther-bund.de\">gensek@martin-luther-bund.de<br \/>\n<\/a> <\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gemeinschaft des Friedens f\u00fcr alle \u2013 Internationaler Friedenstag der Vereinten Nationen und des \u00d6RK | 21. 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