{"id":10704,"date":"2005-09-07T19:49:24","date_gmt":"2005-09-07T17:49:24","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=10704"},"modified":"2025-07-14T09:58:47","modified_gmt":"2025-07-14T07:58:47","slug":"lukas-14-1-11-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/lukas-14-1-11-2\/","title":{"rendered":"Lukas 14, 1-11"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<h3><b><span style=\"color: #000099;\">17. Sonntag nach Trinitatis | 18. September 2005 |\u00a0Lukas 14, 1-11 | Elisabeth Birgitte Siemen |<\/span><\/b><\/h3>\n<p>(Text der d\u00e4nischen Perikopenordnung)<\/p>\n<p>Alles in dieser Welt kann missbraucht werden. Auch das Allerbeste. Freundschaft kann missbraucht werden \u2013 der Eine kann die Lust des Anderen ausnutzen, seine Freundschaft zu zeigen, und den Anderen darum bitten, bestimmte Dinge zu tun, die man dann nicht selbst zu tun braucht.<br \/>\nLiebe kann missbraucht werden. Der Verliebte kann Opfer eines Spiels des Anderen mit den verletzlichen Gef\u00fchlen werden, er kann ausgenutzt und zum Narren gehalten werden. Und nein, der Gedanke ist fast nicht auszuhalten, dass die Dinge so eingerichtet sind, \u2013 dass es in der ganzen Welt nichts gibt, was von der M\u00f6glichkeit ausgenommen w\u00e4re, missbraucht zu werden. Aber so ist es nun einmal.<br \/>\nAuch Religion kann missbraucht werden. Machthaber k\u00f6nnen sich erlauben, Sinn und Willen von Menschen mit Hilfe der Religion zu lenken \u2013 fast wie eine Art Fernbedienung, gleichsam durch einen Knopfdruck.<br \/>\nUnd das ist ja nicht so verwunderlich, denn Religion handelt immer vom Innersten, vom Wichtigsten \u2013 darum, was im Herzen wohnt, woran ein Mensch im tiefsten Grunde glaubt und was er f\u00fcr wahr und wichtig h\u00e4lt.<br \/>\nUnd wenn man Macht \u00fcber das Herz und den innersten Glauben eines Menschen bekommt, kann man ihn so manipulieren, dass er alles M\u00f6gliche tut.<br \/>\nIn dieser Zeit ist dieser Missbrauch leider nur allzu deutlich.<br \/>\nJa, wir stellen es uns jedenfalls so vor, dass die Dinge so zusammenh\u00e4ngen m\u00fcssen.<br \/>\nDass die Menschen, die am 11. September 2001 mit Gewalt und mit Macht das Cockpit \u00fcbernahmen und die Passagierflugzeuge zu lebenden Brandbomben machten, \u2013 dass diese Menschen f\u00fcr die Leiden anderer Menschen v\u00f6llig blind und taub gewesen sein m\u00fcssen. D\u00e4monisch besessen kraft der Religion.<br \/>\nManche Menschen sind da der Meinung, dies sei ein besonderer Zug am Islam. Aber das ist leider nicht so. Alle Religionen k\u00f6nnen missbraucht werden, und \u2013 fast h\u00e4tte ich gesagt, alle Religionen sind missbraucht worden. Der Hass christlicher Fundamentalisten in Amerika auf den Abort hat beispielsweise zur geplanten Erschie\u00dfung etlicher \u00c4rzte gef\u00fchrt, die auf diesem Gebiet arbeiten. Das ist uns nicht unbekannt.<br \/>\nUnd was f\u00fcr die Religion gilt, das gilt auch f\u00fcr die Politik. Auch das ist uns nicht unbekannt. Das hat uns die Geschichte unz\u00e4hlige Male gezeigt.<\/p>\n<p>Man k\u00f6nnte versucht sein, die Frage zu stellen: Was geh\u00f6rt eigentlich dazu, um Menschen dazu zu bringen, so m\u00f6rderisch und zynisch zu handeln?<\/p>\n<p>Die deutsche Philosophin Hannah Arendt stellte nach dem 2. Weltkrieg viele kluge \u00dcberlegungen an, wie es in Deutschland so schlimm hat kommen k\u00f6nnen. Sie selbst war in die USA geflohen und damit dem Schicksal entronnen, das das Hitlerregime f\u00fcr sie ausersehen hatte.<br \/>\nSie wohnte nach dem Krieg etlichen Prozessen gegen Nazis als Beobachter bei \u2013 u.a. den N\u00fcrnberger Prozessen, und sie stellte fest, dass diese Menschen nicht speziell sadistisch oder b\u00f6se waren. Es waren recht gew\u00f6hnliche Menschen, die nur in einer ungew\u00f6hnlichen Situation M\u00f6glichkeiten bekommen hatten, die andere Menschen nicht bekommen.<br \/>\nHannah Arendt nannte es die \u201eBanalit\u00e4t des B\u00f6sen\u201c.<br \/>\nEiner der Verbrecher, deren Geschick sie mit besonderer Aufmerksamkeit verfolgte, war Adolph Eichmann, der bekanntlich in Israel vor Gericht gestellt und zum Tode verurteilt worden ist.<br \/>\nHannah Arendt beschreibt ihn als eine \u201ebeunruhigend\u201c normale Person, alles andere als ein b\u00f6ser sadistischer M\u00f6rder, der auf der Anklagebank sa\u00df.<br \/>\nHinter der harmlosen und sogar leicht kultivierten Fassade verbarg sich ein Mann, der, weil er das Wichtigste verloren hatte, keine Skrupel gehabt hatte, so zu handeln, wie er es getan hat. \u2013 Er betonte sogar mehrfach, dass er im \u00dcbrigen nur auf Befehl gehandelt habe!<br \/>\nAber er verga\u00df das Wichtigste. Das, was wir auch oft vergessen.<br \/>\nEr hatte die F\u00e4higkeit vergessen, selbst zu denken. Die F\u00e4higkeit, ja und nein zu sagen, die F\u00e4higkeit, zwischen gut und b\u00f6se zu unterscheiden und dann danach zu handeln.<br \/>\nUnd haben wir erst einmal das vergessen, dann l\u00e4uft man Gefahr, seine Seele zu verlieren, also sich selbst und den gesunden Menschenverstand \u2013 und dann k\u00f6nnen wir zu einem Werkzeug f\u00fcr alles M\u00f6gliche werden \u2013 f\u00fcr Konzentrationslager oder Passagierflugzeuge als lebende Bomben.<\/p>\n<p>Nun mag jemand vielleicht denken \u2013 wie h\u00e4ngt das alles zusammen mit dem Evangelium des heutigen Tages? Haben wir uns nicht allzu weit wegbewegt?<br \/>\nNein, weil es dieselben Dinge sind, um die es in beiden Zusammenh\u00e4ngen geht, wenn auch im Evangelium in weitaus kleinerem Ma\u00dfstab.<br \/>\nAber auch f\u00fcr die Menschen, von denen wir heute h\u00f6ren, kommt es zum Kurzschluss.<br \/>\nEs geht um das Sabbatgebot. Alle guten Juden wussten und wissen, dass man am Sabbat ruhen soll \u2013 am 7. Tag, weil Gott, wie es im ersten Sch\u00f6pfungsmythos im Alten Testament hei\u00dft, am 7. Tag ruhte von allen seinen Werken, die Gott hervorgebracht hatte, als er die Welt und alles auf ihr und an ihr schuf.<br \/>\nUnd als Mose vom Berg in der W\u00fcste herabkommt, mit den zehn Geboten, steht da: Gedenke des Sabbattages \u2013 und das bedeutet, dass man freihat von seiner Arbeit und stattdessen den Tag zu Gebet und Gottesdienst benutzt, zum Beisammensein mit Familie und Freunden \u2013 um f\u00fcr die Aufgaben der kommenden Woche aufzutanken.<br \/>\nDeshalb hat Gott den alten Berichten zufolge dem Menschen einen Ruhetag gegeben.<br \/>\nAber man muss aufpassen, ob man dieses Gebot nicht missbrauchen kann.<br \/>\nIm Haus des Pharis\u00e4ers sa\u00dfen Leute beieinander und belauerten Jesus \u2013 w\u00fcrde er den kranken Mann heilen? \u2013 und damit das Gebot \u00fcbertreten? \u2013 denn Heilung war ja Arbeit, wenn man so etwas nun einmal machen konnte; und w\u00fcrde er das tun, worauf sie sicher gehofft haben, dann h\u00e4tte er sich in ihren Augen als das enttarnt, was er ihrer Meinung nach war, als ein religi\u00f6ser Charlatan, der nach Belieben mit dem Gesetz umging.<br \/>\nNun hat Gott aber das Gebot des Ruhetags nicht gegeben, damit Menschen sich damit gegenseitig die K\u00f6pfe einschl\u00fcgen. Und er hat es auch nicht gegeben, damit man glauben sollte, man k\u00f6nnte wom\u00f6glich der Pflicht, anderen Menschen zu helfen, entgehen. Und deshalb fragt Jesus denn auch: ist es erlaubt, am Sabbat zu heilen? \u2013 und niemand antwortet, und da heilte er den Mann.<\/p>\n<p>Es mag schwierig sein, zwischen dem ersten Teil des Lukastextes und seinem letzten Teil einen Zusammenhang zu sehen, aber er besteht.<br \/>\nWir verstehen, dass es einen kleinen Kampf um die besten Pl\u00e4tze am Tisch gegeben hat, je n\u00e4her beim Wirt, desto n\u00e4her obenan, und desto gr\u00f6\u00dfer ist die Auszeichnung.<br \/>\nAber genau dieser Kampf um die Pl\u00e4tze spiegelt im Kleinen die menschliche Selbstbehauptung wider, die in ihrer pervertierten Form so leicht zu Fanatismus wird. Ob man sich Allahs Soldaten, Jahves Heerf\u00fchrer oder Christi Streiter nennt, es ist ein und dasselbe: ein Versuch, sich selbst \u00fcber alle Ma\u00dfen bedeutend zu machen. Von au\u00dfen gesehen kann es den Anschein haben, als l\u00f6sche der Betreffende seine eigene Pers\u00f6nlichkeit v\u00f6llig aus. Die Wirklichkeit ist allerdings eine ganz andere.<br \/>\nWenn man sich mit dem Erfolg und Fortschritt seiner Sache, seiner Religion, seiner Ideologie identifiziert, dann bekommt man in Wirklichkeit ein Mega-Ich, das allem und allen \u00fcberlegen ist. Gr\u00f6\u00dfer kann man nicht mehr werden, das ist der Platz am n\u00e4chsten an der Seite Gottes oder Allahs selbst \u2013 und es ist das Paradies, das offen wartet.<br \/>\nUnd die Pharis\u00e4er empfanden sich als Jahves Frontsoldaten, und sie k\u00e4mpften den Kampf um den ersten Platz.<br \/>\nJesus aber erz\u00e4hlt ihnen ein Gleichnis, das ihnen klar zeigt: in seinem Weltbild verh\u00e4lt es sich genau umgekehrt. Wer sich selbst erh\u00f6ht, soll gedem\u00fctigt werden, um umgekehrt.<br \/>\nDieses Gleichnis hat allerdings die Schw\u00e4che, dass es sich in Wirklichkeit gar nicht richtig verstehen l\u00e4sst, ohne dass man Jesu ganze Lebensgeschichte in es hineindenkt; die ganze Geschichte \u2013 von Gott selbst, der Mensch wird, geboren in einem schmutzigen Stall auf einem Felde, und der als der schlimmste Verbrecher gekreuzigt wurde, der starb und auferstand am 3. Tage, wie es im Glaubensbekenntnis hei\u00dft. Er ist ein Beispiel daf\u00fcr, was es hei\u00dft, sich selbst zu dem\u00fctigen.<br \/>\nDie wahre Mitmenschlichkeit ist, sich selbst auf den Platz neben dem j\u00e4mmerlichsten aller Menschen zu setzen, damit sie sich doch in der Liebe eines anderen Menschen selbst spiegeln und dadurch ihre eigene menschliche W\u00fcrde finden k\u00f6nnen.<br \/>\nUnd das war genau das, was Jesus tat.<br \/>\nUnd so kann Gott uns erz\u00e4hlen, dass es keinen Menschen gibt, der unter dem Ma\u00df steht, keinen Menschen, der unter ihm Platz finden k\u00f6nnte.<br \/>\nNur an seiner Seite.<br \/>\nUnd eben deshalb hat er uns auch gezeigt, dass aller Kampf um Auszeichnung und bessere Pl\u00e4tze unangebracht und hoffnungslos ist.<br \/>\nDenn mit seinem eigenen Leben machte er allen Spekulationen ein Ende.<br \/>\nSein Leben, sein Tod und seine Erh\u00f6hung auf den Platz zur rechten Hand Gottes machen alle unsere Ambitionen \u00fcberfl\u00fcssig.<br \/>\nWeil Gott sich in ihm zu unserem Menschenbruder, zu unserem Mitmenschen gemacht hat, und weil dieser Bruder sich auf den geringsten Platz im Leben gesetzt hat, sollten wir begreifen, dass Christentum nichts mit Selbstbehauptung und Ambitionen f\u00fcr sich selbst oder den lieben Gott zu tun hat.<br \/>\nChristentum hat auch nichts damit zu tun, dass eine Sache, ein Gesetz oder einige Gebote oder eine Religion mit unserer Hilfe gewinnen sollen.<br \/>\nDas Ziel des Christentums ist der Mensch als Mitmensch und als Ziel f\u00fcr die Liebe Gottes. Die Liebe ist das Mittel, der Mensch ist das Ziel.<br \/>\nEr hat es m\u00f6glich gemacht, dass wir daran glauben k\u00f6nnen, indem er unser Mitmensch geworden ist. Da ist es dann nur die Frage, ob wir es auch wagen, daran zu glauben.<br \/>\nAmen.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Pastorin Elisabeth Birgitte Siemen<br \/>\nKirseb\u00e6rbakken 1<br \/>\nDK- 2830 Virum<br \/>\nTel.: +45 45 85 63 30<br \/>\ne-mail: <a href=\"mailto:ebsi@km.dk\">ebsi@km.dk<\/a><\/strong><\/p>\n<p>\u00dcbersetzung aus dem D\u00e4nischen: Dietrich Harbsmeier<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>17. Sonntag nach Trinitatis | 18. September 2005 |\u00a0Lukas 14, 1-11 | Elisabeth Birgitte Siemen | (Text der d\u00e4nischen Perikopenordnung) Alles in dieser Welt kann missbraucht werden. Auch das Allerbeste. 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