{"id":10710,"date":"2005-09-07T19:49:28","date_gmt":"2005-09-07T17:49:28","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=10710"},"modified":"2025-07-14T09:46:16","modified_gmt":"2025-07-14T07:46:16","slug":"markus-914-27-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/markus-914-27-2\/","title":{"rendered":"Markus 9,17-27"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<h3><b><span style=\"color: #000099;\">17. Sonntag nach Trinitatis | 18. September 2005 | Markus 9,17-27 | Christian Tegtmeier |<\/span><\/b><\/h3>\n<p>Ich komme gerade aus Leipzig, der Stadt, in der die Wende im Herbst 1989 begann. Die Begegnung mit den Menschen aus jener Zeit, die Gespr\u00e4che besch\u00e4ftigen mich. Manches macht mich betroffen, anderes weckt Erinnerungen und ich frage mich, wie das damals war bei mir und meinen Freunden. Mut und Freude, Dankbarkeit und Staunen erf\u00fcllen mich \u2013 einiges ist ganz dicht in mir, anderes wird wieder wichtig. Kaum zu glauben, das es schon sechzehn Jahre her ist! Kaum zu glauben, dass das scheinbar Unm\u00f6gliche m\u00f6glich geworden ist: mit Gottes Hilfe. Menschen machten sich auf aus den Fesseln einer Diktatur und der \u00c4ngste, weg von der lebensbedrohenden und einsch\u00fcchternden Umwelt auf den Weg der Hoffnung, auf die Stra\u00dfen der Freiheit zum Leben. Die anderen, die M\u00e4chtigen, die, die Menschen beherrschen und im Griff haben wollten, mussten ohnm\u00e4chtig zusehen, kapitulieren, das Feld r\u00e4umen. Der Weg der Freiheit bildete Leben und neue Gemeinschaft, war vertrauensw\u00fcrdig und konnte Altes friedlich aufl\u00f6sen.<br \/>\nIm R\u00fcckblick fragen wir nach den bestimmenden Motiven. Da kommen politische Entscheidungen \u2013 der Wandel im Konzept der russischen F\u00fchrung, g\u00fcnstige Umst\u00e4nde aber auch das Wagnis des Glaubens ins Spiel, werden benannt und wecken Gef\u00fchle und Erinnerungen. Hoffnung und Tatkraft entstehen im Schutz der Gemeinschaft der Glaubenden und der Hoffenden. Und einige sagen: die Kirche als Gemeinschaft der Gesegneten teilt ihren Segen mit denen, die in ihrer Seele nach Gott d\u00fcrsten. Die Quelle zur Freiheit findet sich dort, wo Betende und auf Gott vertrauende Menschen ihre Hoffnung mit anderen teilen, andere teilhaben lassen an der Kraft, die in den Schwachen m\u00e4chtig ist. Und im gesch\u00fctzten und sch\u00fctzenden Raum der Kirchen, im Zelt Gottes also, motivieren und st\u00e4rken Friedensgebete offensichtlich unvergleichlich mehr als jede Rede drau\u00dfen in der von Waffen strotzenden und gewaltbereiten Welt, wo Macht und \u00c4ngste vorherrschen und noch den Rahmen setzen.<br \/>\nDiese friedliche Revolution aus dem Glauben hat tiefe Wurzeln in der Lebensgeschichte unseres Herrn Jesus Christus. Im Evangelium nach Markus hei\u00dft es:<\/p>\n<p>Einer aber aus der Menge antwortete: Meister, ich habe meinen Sohn hergebracht zu dir, der hat einen sprachlosen Geist.<br \/>\nUnd wo er ihn erwischt, rei\u00dft er ihn; und er hat Schaum vor dem Mund und knirscht mit den Z\u00e4hnen und wird starr. Und ich habe mit deinen J\u00fcngern geredet, da\u00df sie ihn austreiben sollen, und sie konnten&#8217;s nicht.<br \/>\nEr aber antwortete ihnen und sprach: O du ungl\u00e4ubiges Geschlecht, wie lange soll ich bei euch sein? Wie lange soll ich euch ertragen? Bringt ihn her zu mir!<br \/>\nUnd sie brachten ihn zu ihm. Und sogleich, als ihn der Geist sah, ri\u00df er ihn. Und er fiel auf die Erde, w\u00e4lzte sich und hatte Schaum vor dem Mund.<br \/>\nUnd Jesus fragte seinen Vater: Wie lange ist&#8217;s, da\u00df ihm das widerf\u00e4hrt? Er sprach: Von Kind auf.<br \/>\nUnd oft hat er ihn ins Feuer und ins Wasser geworfen, da\u00df er ihn umbr\u00e4chte. Wenn du aber etwas kannst, so erbarme dich unser und hilf uns!<br \/>\nJesus aber sprach zu ihm: Du sagst: Wenn du kannst &#8211; alle Dinge sind m\u00f6glich dem, der da glaubt.<br \/>\nSogleich schrie der Vater des Kindes: Ich glaube; hilf meinem Unglauben!<br \/>\nAls nun Jesus sah, da\u00df das Volk herbeilief, bedrohte er den unreinen Geist und sprach zu ihm: Du sprachloser und tauber Geist, ich gebiete dir: Fahre von ihm aus und fahre nicht mehr in ihn hinein!<br \/>\nDa schrie er und ri\u00df ihn sehr und fuhr aus. Und der Knabe lag da wie tot, so da\u00df die Menge sagte: Er ist tot.<br \/>\nJesus aber ergriff ihn bei der Hand und richtete ihn auf, und er stand auf.<\/p>\n<p>Die Umst\u00e4nde der Heilung eines epileptisches Kindes lassen sich rasch benennen: Die J\u00fcnger, das Volk und Schriftgelehrte streiten sich, unerwartet kommt Jesus dazu, fragt nach dem Grund des Streites und erh\u00e4lt Auskunft. Ein Vater m\u00f6chte sein krankes Kind zu ihm bringen, das von einem \u201esprachlosen\u201c Geist besessen ist. Beide, Vater und Sohn sind schicksalhaft miteinander verbunden, die Freiheit des Vaters ist durch die Krankheit des Kindes \u00fcberschattet, die Kraft zum gl\u00fccklichen und gesunden Leben schwindet bei beiden mehr und mehr.<br \/>\nSo sucht der Vater, der am Ende seiner Kraft ist Hilfe und Trost f\u00fcr sich und seinen Sohn, schildert die Krankheitssymptome und bitte Jesus um Heilung. Jesus weist erst einmal die J\u00fcnger in ihre Schranken und l\u00e4sst den kranken Jungen zu sich bringen, der sogleich einen heftigen Anfall hat. Auf Nachfrage berichtet der Vater von der Dauer des tragischen Schicksals seiner Familie, aber auch von seiner gro\u00dfen Hoffnung , die er in Jesus setzt:<br \/>\n<em>\u201eVon Kind auf.<br \/>\nUnd oft hat er ihn ins Feuer und ins Wasser geworfen, da\u00df er ihn umbr\u00e4chte. Wenn du aber etwas kannst, so erbarme dich unser und hilf uns!\u201c<br \/>\n<\/em> Diese, f\u00fcr den Verlauf des Geschehens wichtigen Worte, liebe Gemeinde, zeugen von Hoffnung und Vertrauen, lassen letztendlich die Heilung m\u00f6glich werden. Ich meine, nicht in der Heilung an sich liegt die Tiefe der \u00fcberlieferten Geschichte, sondern in der Zuversicht und ungebrochenen Hoffnung des Vaters, die ihn allen Widrigkeiten zum Trotz Jesus aufsuchen , ihm seinen Not klagen, sich alles von der Seele reden l\u00e4sst, was ihn und sein Kind beherrscht, \u00e4ngstigt, ihnen Mut und Kraft raubt. Denn seit der Geburt des Sohnes m\u00fcssen sie ohnm\u00e4chtig mit dem Zwang und der Gewalt einer Macht leben, die sie um ihr wahres Leben bringen will und wird. Alle menschenm\u00f6gliche Zuwendung und Heilung schl\u00e4gt fehl, greift daneben, verst\u00e4rkt das Leiden eher als dass es erleichtert , l\u00e4sst Pflegende und den Kranken rat- und mutlos werden.<br \/>\nUnd dann in der tiefsten Resignation ein Funke der Hoffnung, die fragende Bitte:<br \/>\n<em>\u201eWenn du aber etwas kannst, so erbarme dich unser und hilf uns!\u201c<br \/>\n<\/em>\u201eWenn du Gott, es kannst!\u201c \u2013 wer sollte es denn sonst k\u00f6nnen? Das ist Gottvertrauen, das sind Worte eines mutigen Bekenners, keine stammelnden Worte eine v\u00f6llig hilflosen Menschen. Das erkennt Jesus, deshalb hilft er und sagt:<br \/>\n<em>\u201ealle Dinge sind m\u00f6glich dem, der da glaubt.\u201c<br \/>\n<\/em>Wirklich alles! Der Vater bekennt seinen eigenen Unglauben, bittet um St\u00e4rkung seines Gottesvertrauens. Und Jesus hilft beiden, Vater und Sohn. Der Vater erf\u00e4hrt durch Jesus, wie es um ihn im Grunde seines Herzens steht, und so l\u00e4sst er sich bewusst ermutigen, das neu gest\u00e4rkte gewonnene Vertrauen Zur Lebensgrundlage werden zu lassen.<\/p>\n<p>Ich erw\u00e4hnte eingangs, dass ich gerade aus Leipzig komme, mit Menschen gesprochen habe, die zur Wende aus dem Glauben heraus beigetragen haben. Das gilt f\u00fcr glaubende Mitglieder der Kirche wie solche, denen Gottvertrauen bis dahin g\u00e4nzlich fremd oder gar suspekt war. Sie alle teilen mit den J\u00fcngern, dem Vater und dem Sohn die gute Erfahrung, dass ihre Bitte um Ver\u00e4nderung in der Not Widerhall fand, dass sie nicht allein waren in ihrem Gebet. Und so wie erlebter und getragener Glaube dem Kranken und seinem Vater neues Leben schenkte, wie um Gottes Willen Unm\u00f6gliches m\u00f6glich geworden war, so wandelte gemeinsam erlebtes Gottvertrauen und Gebet Angst in Freude, Zwang in Freiheit &#8211; oftmals nur durch das kleine Licht einer Kerze.<br \/>\nGewiss, eine so gl\u00fcckliche Stunde l\u00e4sst sich nicht \u201emachen\u201c, geschweige denn nach theoretischen Erkenntnissen gestalten. Doch eines gilt: wenn Jesus spricht, fordert er heraus \u2013 die im Gottvertrauen offenen Menschen ebenso wie jene, die meinen, dass sie auch ohne Gott selig werden k\u00f6nnen. Jesus schilt den Unglauben des Bittenden ebenso wenig, wie Kirche der Wende darauf verzichten konnte, sich um den Glauben und seine gebotene St\u00e4rke zu streiten.<br \/>\nSie lebte \u00fcberzeugend und glaubw\u00fcrdig aus der Botschaft von Jesus Christus, steckte mit ihrem Glauben an, konnte mitrei\u00dfen, bildete neue Gemeinschaften, gab Mut, Unm\u00f6gliches zu wagen und \u00fcberraschend m\u00f6glich werden zu lassen. Um solche Kraft d\u00fcrfen wir bitten, auch in weniger schicksalsschweren Stunden und Tagen. Zum Beispiel heute, am Tag der Wahl.<br \/>\nJesu Zuspruch fordert dich und mich, euch und uns heraus, sein Heil zu sehen und anzunehmen. Wir k\u00f6nnen uns seine Gnade zusprechen lassen, uns aufmachen aus Resignation und Stagnation einer matten Gesellschaft in eine andere Zukunft. Von ihr wissen wir nicht, wohin sie uns f\u00fchret. Wir wissen aber, dass wir Vertrauen wagen d\u00fcrfen um Gottes Willen.<br \/>\nDieses Wissen belebt den noch zaghaft Glaubenden und best\u00e4rkt den schon im Glauben Gefestigten. Das mutige Wagnis des Glaubens scheint in vielen Gemeinden zu fehlen, bei den Mitarbeitern ebenso wie bei den treuen Gemeindegliedern. Unser Glaube vermag wohl weniger Menschen anzustecken, als er es in Wirklichkeit k\u00f6nnte. Denn oftmals trauen wir Glaubenden uns nicht \u00fcber das zu sprechen, was uns tr\u00e4gt und was uns von Gott als Weg zur Freiheit geschenkt wird.<br \/>\nSo werde ich bitten, werde Gott meine Sorge und meine Not nennen, mich ihm anvertrauen, damit mein Gottvertrauen wachsen kann, damit mir der Mut nicht fehlt, den der Vater in seiner ausweglosen Situation hat: der Mut sich Jesus zuzuwenden und ihm zu sagen:<br \/>\n<em>\u201eWenn du aber etwas kannst, so erbarme dich unser und hilf uns!\u201c<br \/>\n<\/em>Ich w\u00fcnsche Ihnen, liebe Gemeinde, den Mut und die Kraft, sich an Ihn zu wenden.<br \/>\nM\u00f6ge es am Vertrauen auch dann nicht fehlen, ihm zu folgen, wenn das lockende Ziel der Ver\u00e4nderung nicht schon drau\u00dfen erkennbar vor der Kirche liegt.<br \/>\nAmen.<\/p>\n<hr \/>\n<p align=\"left\"><strong>Christian Tegtmeier<br \/>\n<a href=\"mailto:gabriele.tegtmeier@t-online.de\">gabriele.tegtmeier@t-online.de<\/a><\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>17. 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