{"id":10715,"date":"2005-09-07T19:49:16","date_gmt":"2005-09-07T17:49:16","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=10715"},"modified":"2025-07-14T10:13:29","modified_gmt":"2025-07-14T08:13:29","slug":"matthaeus-22-34-46","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/matthaeus-22-34-46\/","title":{"rendered":"Matth\u00e4us 22, 34-46"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<h3><b><span style=\"color: #000099;\">18. Sonntag nach Trinitatis | 25. September 2005 |\u00a0Matth\u00e4us 22, 34-46 | Elof Westergaard | <\/span><\/b><\/h3>\n<p>Jesus fragt die Pharis\u00e4er: \u201eWas denkt ihr von dem Christus? Wessen Sohn ist er?\u201c<br \/>\n\u201eEr ist Davids Sohn\u201c, wissen diese gesetzteskundigen Pharis\u00e4er.<br \/>\nUnd das ist ihre Antwort, denn sie wissen, dass Christus, Messias, \u201eder Gesalbte\u201c bedeutet und dass es der K\u00f6nig ist, der gesalbt wird.<br \/>\nChristus muss aus dem Geschlecht Davids sein, aus dem Geschlecht der K\u00f6nige. Das ist selbstverst\u00e4ndlich. Er muss Sohn von K\u00f6nig David sein. Sohn dessen, der den Riesen Goliath besiegt hat und das Reich gro\u00df gemacht hat. Ein solcher K\u00f6nigssohn muss Christus sein. Ein K\u00f6nig, der auftritt und alte Tr\u00e4ume von Land und Reichtum, Freiheit und Selbst\u00e4ndigkeit, St\u00e4rke und Kraft zu Wirklichkeit macht.<br \/>\nJesus stellt darauf den Pharis\u00e4ern die Frage, wie Christus Sohn Davids sein kann, wenn er in einem Davidspsalm im Alten Testament \u2013 in einem der Psalmen, die David selbst zugeschrieben werden \u2013 Christus \u201eHerr\u201c nennt?<br \/>\n\u201eJemandes Sohn ist ja wohl nicht sein Herr\u201c, sagt Jesus. \u201eEher ganz im Gegenteil\u201c, w\u00fcrde man sagen mit dem vierten Gebot im R\u00fccken: \u201eDu sollst deinen Vater und deine Mutter ehren.\u201c<br \/>\nDas ist ein Grundgebot. \u00dcber die, die dich geboren haben, kannst du niemals Herr werden. Im Gegenteil, du sollst sie ehren, wertsch\u00e4tzen und achten.<br \/>\nAber, fragt Jesus, wie kann es dann sein, dass K\u00f6nig David Christus seinen Herrn nennt, wenn er eigentlich sein Sohn ist.<br \/>\nJa, das ist eine gute Frage, die die Pharis\u00e4er unsicher macht. Diese Schriftgelehrten, die gerne m\u00f6chten, dass das Gesetz klar dasteht, so dass es sich konkret in Handlung ausdr\u00fccken und damit abgegrenzt dastehen kann gegen\u00fcber dem, was au\u00dferhalb des Gesetzes liegt.<br \/>\nDie Pharis\u00e4er sind unsicher. Denn sie k\u00f6nnen dieses R\u00e4tsel nicht l\u00f6sen und verbleiben merkw\u00fcrdig stumm.<br \/>\nUnd Jesus gibt ihnen auch selbst keine Antwort. Er bel\u00e4sst sie bewusst in ihrer Unklarheit.<br \/>\nDa sind etliche Dinge an dem, was Jesus sagt, und in dem Dialog, der auf uns heute unmittelbar fremd wirkt.<br \/>\nEtwas, was jedoch Jesus und den Pharis\u00e4ern gemeinsam ist.<br \/>\nDer Inhalt ist fremd: Diese Rede von Christus, dem Messias, und die Erwartung, dass ein solcher K\u00f6nig, ein Mensch in die Welt kommen wird.<br \/>\nHeute sind wir sehr viel mehr damit besch\u00e4ftigt, wozu wir selbst werden oder gemacht werden sollen, wohin uns unsere eigenen religi\u00f6sen Gef\u00fchle f\u00fchren k\u00f6nnen und was sich in unseren eigenen Tiefen verbirgt, als dass wir uns daf\u00fcr interessierten, was zu uns kommt, was uns im Leben gegeben und geschenkt wird.<br \/>\nAber auch die Form und die Art und Weise, wie Jesus argumentiert, droht unserer eigenen Zeit fremd zu werden, dass er n\u00e4mlich zu einer alten Schrift greift und hier versucht, etwas Wahres und Bedeutendes \u00fcber das Wesen Gottes f\u00fcr seine eigene Zeit zu finden. Dass Jesus das Buch der Psalmen nimmt und daraus einen Vers zitiert und ihn in seine eigene Zeit \u00fcbertr\u00e4gt und ihn hier dazu benutzt, die Sicheren auf dem falschen Fu\u00df zu erwischen. Dieses Vertrauen darauf, was gewesen ist \u2013 dass es mit in unsere Gegenwart gebracht werden kann, in unser Jetzt, dieses Vertrauen ist auf dem Wege, aus unserer Gesellschaft zu verschwinden.<\/p>\n<p>Denn wie halten wir es eigentlich mit der Vergangenheit und ihrem Ausdruck heute? K\u00f6nnen wir sie zu irgenwas gebrauchen? K\u00f6nnen wir aus der Geschichte lernen? K\u00f6nnen wir sie mit uns in unsere eigene Zeit her\u00fcbernehmen?<br \/>\nWohl kaum. Oder h\u00f6chst selten. Unser Sinn daf\u00fcr nimmt jedenfalls ab.<br \/>\nAlles verl\u00e4uft heute so fix, dass wir die Methoden des Augenblicks so einseitig betonen. Wir m\u00fcssen uns in der flexiblen Gesellschaft, von der wir ein Teil sind, zurechtfinden k\u00f6nnen. Wir leben in einem ununterbrochenen Strom von Nachrichten, neuen Geschichten, neuen Verh\u00e4ltnissen. Und hier geht es um uns selbst und darum, was wir selbst schaffen k\u00f6nnen.<br \/>\nGeschichte, Kulturerbe, Ausdr\u00fccke der Vergangenheit werden zu sekund\u00e4ren Angelegenheiten, einigerma\u00dfen verstaubt und von Alter heimgesucht. Dass man aus einem alten Psalm, m\u00f6glicherweise von K\u00f6nig David verfasst, etwas Wahres \u00fcber unser Verh\u00e4ltnis zu Gott herauslesen k\u00f6nnte, und das Paradoxe in dem Bild von Gottes Gegenwart hier auf Erden, das ist kaum zu glauben.<br \/>\nNimmt man die Schrift ernst und will man etwas daraus hervorheben und mit ins Jetzt nehmen, dann ist man wohl am ehesten Fundamentalist, und Fundamentalisten sind gef\u00e4hrlich.<br \/>\nAber das sind wir dann, sei es, dass wir uns einer pietistischen, grundtvigschen oder sonst irgendeiner kirchlichen Richtung verbunden f\u00fchlen, oder dass wir der Meinung sind, wir st\u00fcnden ganz au\u00dferhalb dieser leicht pharis\u00e4ischen Unterscheidungen.<br \/>\nUm sich auf eine solche Argumentation einzulassen, die Jesus hier benutzt: er weist auf das Verst\u00e4ndnis hin, dass es in der \u00dcberlieferung etwas gibt, was auch zu uns heute spricht. Dass wir nicht einfach nur in einer neuen Spur stehen und hier alles selbst erfinden m\u00fcssen. Es hat andere gegeben, die vor uns das Mysterium, das Christus ist, empfunden und dar\u00fcber nachgedacht haben.<br \/>\nHier in der Kirche ist es glasklar, dass wir nicht nur Originale sind. Hier in der Kirche h\u00f6ren wir jeden Sonntag Lesungen aus dem Alten und aus dem Neuen Testament. Alte Texte, die wir wie zu uns gesprochen h\u00f6ren und deren Worte sich, indem sie gesagt werden, an unsere Welt jetzt richten und auf diese Weise fortgesetzt als neue Worte dastehen.<br \/>\nWir verhalten uns dann zu ihnen, h\u00f6ren sie, als zu uns gesagt \u2013 in Widerspruch und in Zuspruch.<br \/>\nIndem wir auf sie h\u00f6ren und kritisch mit ihnen diskutieren, verhalten wir uns mit einer gewissen Demut zur Vergangenheit \u2013 sagen wir, dass diejenigen, die vor uns waren, sich ebensogut wie wir zu der gottgeschaffenen Welt, in der wir leben, verhalten konnten, zu Leben und Tod, und dass sie sich ebensogut zu dem verhalten konnten, was uns im Leben von Gott geschenkt wird.<br \/>\nUnd nicht nur das. Indem wir uns zu den Schriften verhalten, akzeptieren wir auch, dass wir nicht selbst die Welt schaffen, sondern dass die Wahrheit von au\u00dfen zu uns kommt, von einem anderen Ort als unseren eigenen Gedanken, Verstand und Herz.<br \/>\nGottes Geschichte mit der Welt ist ja gerade, dass er am Anfang nahe war, dass er nahe war vor langer Zeit, bevor wir geboren wurden, und noch immer nahe ist. Auch hier in seinem Wort und in seinen Taten. Hierin liegt sowohl ein Gericht \u00fcber uns, gegen alle unsere Selbstgen\u00fcgsamkeit, als auch zugleich die Gnade, die Hoffnung, die Gott uns bringt.<br \/>\nJesus und die Pharis\u00e4er argumentieren mit den Schriften, mit dem Gesetz und den Propheten, aber das Besondere an Jesus ist, dass er in seiner Rede von Christus das Mysterium zeigt, das sein Leben hier bei uns ist.<br \/>\nEs besteht eine Doppeltheit in Christus, in der genau diese N\u00e4he und Gegenwart Gottes in der Welt pointiert wird. Christus ist Sohn Davids, Sohn der Welt, in ihr geboren, aber zugleich ist er Herr \u00fcber den, dessen Sohn er ist. Er erhebt sich \u00fcber die Welt, indem er ein Teil von ihr ist. Das ist Gottes Geschichte mit uns. Worauf Jesus mit diesen Worten \u00fcber sich selbst hinweist \u2013 denn er selbst ist es ja, um den es hier geht \u2013, das ist das Mysterium, das sein Leben hier bei uns enth\u00e4lt und ist. Zu gleicher Zeit ist er m\u00e4chtig in seinem Wort und in seiner Tat, zugleich aber steht er kurz darauf mit der Dornenkrone auf seinem Haupt, und die aufgebrachte Volksmenge spuckt ihm ins Gesicht.<br \/>\nZu gleicher Zeit streben die Fliegen nach seiner Leiche, und zugleich erweist sich das Grab am Ostersonntag als leer, in Licht getaucht, und es steht so als Ausdruck f\u00fcr die Hoffnung, durch die wir leben werden.<\/p>\n<p>Karl Laurids Aastrup schrieb w\u00e4hrend des Zweiten Weltkrieges, damals, als die M\u00e4chte der Welt auch Krieg f\u00fchrten, ein Lied \u00fcber diesen Dialog zwischen den Pharis\u00e4ern und Jesus.<br \/>\n\u201eWir meinen, er ist Wunder\u201c, schreibt Aastrup in dem Lied, als Antwort auf die Frage: Was denkt ihr von dem Christus?<br \/>\nIn Aastrups Lied finden wir auch eine starke Pointierung der Doppelheit zwischen dem Allm\u00e4chtigen und dem Gekreuzigten, dem Starken und dem Schwachen, in ein und derselben Person.<br \/>\nUnd nur in dieser Doppeltheit ist Christus zu verstehen:<br \/>\nEr ist Gott und Mann.<br \/>\nEr ist vom Himmel, und doch offenbart auf der Erde des Todes.<br \/>\nEr ist der Weise, der alles wei\u00df, aber zugleich der, der sich in den Staub beugt.<br \/>\nEr ist der Herr, der alles lenkt, und zugleich wurde er ein Armer unter Br\u00fcdern genannt.<br \/>\nEs ist das Mysterium und Paradox, das hier in den Worten des Liedes ausgedr\u00fcckt wird.<br \/>\nAber ein Paradox und Mysterium, das Liebe und Macht miteinander verbindet.<br \/>\nDenn in dem Gottesbild, dem wir in Christus begegnen, werden die wesentlichsten Gebote konkret, die nach Jesu eigenen Worten die Essenz aller Gebote ausmachen.<br \/>\nAls die Pharis\u00e4er Jesus fragen, was das h\u00f6chste Gebot im Gesetz sei, antwortet er: \u201eDu sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gem\u00fct.\u201c \u201eDu sollste deinen N\u00e4chsten lieben wie dich selbst.\u201c<br \/>\nDas sind Gebote aus der Zeit und zugleich aus der Ewigkeit.<br \/>\nUnd Aastrup f\u00e4ngt diese Pointe ein, wenn er in dem Lied \u00fcber Christus schreibt: \u201eWir glauben, er ist der Gute, \/ der alles gab \/ und dehalb unser N\u00e4chster ward \/ in Kreuz und Grab.\u201c<br \/>\nMit anderen Worten: \u201eDu sollst Gott lieben und die sollst deinen N\u00e4chsten lieben wie dich selbst.\u201c Diese Gebote sind die h\u00f6chsten Gebote, \u2013 aber sie sind keine Gebote, die in unserem eigenen Licht der Frage zu sehen sind, wie bekomme ich ein gutes und harmonisches Leben? Sie sind zu sehen im Licht dessen, dass Christus der Gute ist, der alles gab, und unser N\u00e4chster ward in Kreuz und Grab. Dass wir in ihm zugleich unserem F\u00fcrsprecher vor Gott und unseresgleichen begegnen. Dass das Leben in ihm Sinn und F\u00fclle erh\u00e4lt, weil er mit seinem Leben, mit seinem Wort, seinem Tod und Auferstehung unsere Unzul\u00e4nglichkeit und Hinf\u00e4lligheit zu Schanden macht und uns in unserer Tiefe eine Hand reicht, damit wir nicht in der Finsternis unseres eigenen Lebens nur zugrunde gehen. In ihm ist Liebe und die Macht. Ja, Aastrup kann deshalb die Gewissheit des Glaubens geradezu mit den Worten ausdr\u00fccken: \u201eWir wissen, Christus wird uns geben, was er zuvor gegeben, und uns zum Leben holen, aus unserem Grab.\u201c<br \/>\nIm Namen Jesu Christi. Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Pastor Elof Westergaard<br \/>\nGramvej 2, Husby<br \/>\nDK-6990 Ulfborg<br \/>\nTel. +45 97 49 51 08<br \/>\nE-mail: <a href=\"mailto:eve@km.dk\">eve@km.dk<\/a><br \/>\n<\/strong><br \/>\n<strong>\u00dcbersetzung aus dem D\u00e4nischen: Dietrich Harbsmeier<\/strong><em><br \/>\n<\/em><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>18. Sonntag nach Trinitatis | 25. September 2005 |\u00a0Matth\u00e4us 22, 34-46 | Elof Westergaard | Jesus fragt die Pharis\u00e4er: \u201eWas denkt ihr von dem Christus? Wessen Sohn ist er?\u201c \u201eEr ist Davids Sohn\u201c, wissen diese gesetzteskundigen Pharis\u00e4er. 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