{"id":10721,"date":"2005-10-01T19:49:25","date_gmt":"2005-10-01T17:49:25","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=10721"},"modified":"2025-07-14T11:22:01","modified_gmt":"2025-07-14T09:22:01","slug":"jesaja-58-7-12-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/jesaja-58-7-12-2\/","title":{"rendered":"Jesaja 58, 7-12"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<h3><b><span style=\"color: #000099;\">19. Sonntag nach Trinitatis \/ Erntedankfest | 2. Oktober 2005 |\u00a0Jesaja 58, 7-12 | J\u00fcrgen Berghaus |<\/span><\/b><\/h3>\n<p>(\u00dcbersetzung &#8222;Hoffnung f\u00fcr alle&#8220; 2002)<br \/>\n&#8222;Gebt den Hungrigen zu essen, nehmt Obdachlose bei euch auf, und wenn ihr einem begegnet, der in Lumpen heruml\u00e4uft, gebt ihm Kleider! Helft, wo ihr k\u00f6nnt, und verschlie\u00dft eure Augen nicht vor den N\u00f6ten eurer Mitmenschen! Dann wird mein Licht eure Dunkelheit vertreiben wie die Morgensonne, und in kurzer Zeit sind eure Wunden geheilt. Eure barmherzigen Taten gehen vor euch her, meine Macht und Herrlichkeit beschlie\u00dft euren Zug. Wenn ihr dann zu mir ruft, werde ich euch antworten. Wenn ihr um Hilfe schreit, werde ich sagen: &#8218;Ja, hier bin ich.&#8216; Beseitigt jede Art von Unterdr\u00fcckung! H\u00f6rt auf, ver\u00e4chtlich mit dem Finger auf andere zu zeigen, macht Schlu\u00df mit aller Verleumdung! Nehmt euch der Hungernden an, und gebt ihnen zu essen, versorgt die Notleidenden mit allem N\u00f6tigen! Dann wird mein Licht eure Finsternis durchbrechen. Die Nacht um euch her wird zum hellen Tag. Immer werde ich euch f\u00fchren. Auch in der W\u00fcste werde ich euch versorgen, ich gebe euch Gesundheit und Kraft. Ihr gleicht einem gut bew\u00e4sserten Garten und einer Quelle, die nie versiegt. Euer Volk wird wieder aufbauen, was seit langem in Tr\u00fcmmern liegt, und wird die alten Mauern wieder errichten. Man nennt euch dann &#8218;das Volk, das die L\u00fccken der Stadtmauer schlie\u00dft&#8216; und &#8218;Volk, das die Ruinen bewohnbar macht&#8216;.&#8220;<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde!<\/p>\n<p>Deutschland hat gew\u00e4hlt. Und wie. Ich musste sogar f\u00fcnf Minuten vor der Wahlkabine warten, weil der Andrang so gro\u00df war. Aber dann das Ergebnis &#8211; das einzig Klare daran scheint zu sein, dass nichts wirklich klar ist. Jetzt wird in den Berliner Parteizentralen herumget\u00fcftelt, man entwickelt Strategien, f\u00fchrt Gespr\u00e4che &#8211; und im Idealfall kommt am Ende eine regierungsf\u00e4hige Koalition dabei heraus. Ich bin sehr gespannt, wie die wohl aussehen wird&#8230;<\/p>\n<p>Deutschland scheint unentschieden zu sein. Die rot-gr\u00fcne Regierung hat keine Mehrheit bekommen. Aber f\u00fcr die schwarz-gelben Herausforderer reicht es auch nicht. Die alt-neuen &#8222;Linken&#8220; haben beachtlich abgeschnitten, doch die wollen vorerst in der Opposition verharren. Manche rufen schon wieder nach Neuwahlen, als ob wir B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger uns irgendwie &#8222;verw\u00e4hlt&#8220; h\u00e4tten. Dabei spiegelt das verworrene Ergebnis doch nur die Gem\u00fctsverfassung der Bev\u00f6lkerung wider &#8211; man wei\u00df halt nicht genau, was das Beste f\u00fcr unser Land ist; kein Parteiprogramm konnte durchschlagend \u00fcberzeugen, und auch die Kanzlerfrage &#8222;Gerhard oder Angela&#8220; brachte kein eindeutiges Resultat.<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde, \u00e4hnlich unklar war wohl auch die Lage in Israel um das Jahr 500 vor Christus herum, als unser Predigttext entstanden ist. Gewiss, die babylonische Gefangenschaft war vor\u00fcber, in der zweiten und dritten Generation lebte man schon wieder im Gelobten Land &#8211; aber irgendwie lief die ganze Sache nicht richtig rund. Nur schleppend kam der Wiederaufbau der zerst\u00f6rten Hauptstadt Jerusalem in Gang, die Versorgung mit lebensnotwendigen G\u00fctern klappte mehr schlecht als recht &#8211; und offenbar setzten sich die Starken gegen Schw\u00e4chere in der Gesellschaft durch, so dass zunehmend mehr soziale Schieflagen sichtbar wurden.<\/p>\n<p>Was war zu tun in dieser Situation ? Sollte man dankbar sein f\u00fcr das bisher Erreichte, oder galt es weitere Verbesserungen zu fordern ? Mussten die Benachteiligten getr\u00f6stet oder die Machthaber in ihre Schranken gewiesen werden ? Unser Predigttext l\u00e4sst sich in diesen Fragen nicht eindeutig auslegen, vielleicht ist er sogar selbst eine Zusammenstellung aus unterschiedlichen Positionen im Gottesvolk Israel zu jener Zeit. Ich m\u00f6chte versuchen, einige Argumentations-F\u00e4den aus dem Kn\u00e4uel herauszul\u00f6sen und nach ihrer Brauchbarkeit f\u00fcr uns heute zu fragen.<\/p>\n<p>Zun\u00e4chst f\u00e4llt mir auf, dass offenbar Menschen mit einem gewissen Wohlstand angesprochen werden. Das passt nat\u00fcrlich gut zu unserem Erntedankfest, wo die Gaben der Sch\u00f6pfung und die Produkte der Menschen in ihrer ganzen F\u00fclle vor dem Altar kunstvoll aufgebaut sind &#8211; und doch nur einen kleinen Teil von alledem umfassen, was uns sonst noch zur Verf\u00fcgung steht.<\/p>\n<p>Dieses Leben im Wohlstand droht allzu leicht eine Selbstverst\u00e4ndlichkeit zu werden, und meine eigenen Anspr\u00fcche liegen ziemlich hoch. W\u00e4re hier nicht mehr Bescheidenheit angebracht ? Und Dankbarkeit f\u00fcr die Wohltaten eines hochtechnisierten Landes ? &#8222;Helft, wo ihr k\u00f6nnt, und verschlie\u00dft eure Augen nicht vor den N\u00f6ten eurer Mitmenschen!&#8220; Diese Aufforderung setzt eigenen Wohlstand voraus, eigenes Verm\u00f6gen oder K\u00f6nnen. Was ich selbst habe, darf und soll ich nach meinen Vorstellungen nutzen &#8211; aber ich brauche es nicht krampfhaft festzuhalten, sondern all dies Gute kann noch weiterflie\u00dfen und auch andere begl\u00fccken. Doch dazu ist es n\u00f6tig, meine Augen zu \u00f6ffnen f\u00fcr die Menschen um mich herum. Was sind deren Bed\u00fcrfnisse, und k\u00f6nnen sie die aus eigener Kraft erf\u00fcllen? Oder werden sie ohne fremde Hilfe wohl niemals auf einen gr\u00fcnen Zweig kommen ?<\/p>\n<p>In Jesaja 58 werden menschliche N\u00f6te ganz konkret beim Namen genannt : Hunger, Obdachlosigkeit, Armut oder Unterdr\u00fcckung &#8211; hier geht es also nicht um allgemeine Moralvorschriften, sondern um einen realistischen Blick auf menschliches Elend. Da ist nichts abstrakt konstruiert, sondern uns werden Gesichter vor Augen gemalt, Gesichter von Menschen aus unserer allt\u00e4glichen Umgebung.<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde, solch einen Blick f\u00fcr die Gesichter der ganz normalen Not brauchen auch wir in Deutschland. Denn wo soziale Leistungen zur\u00fcckgefahren werden &#8211; und das meinen mittlerweile fast alle politischen Parteien tun zu m\u00fcssen &#8211; da geht es den den fr\u00fcheren Empf\u00e4ngern dieser Leistungen schlechter als vorher. Und nicht jeder hat soviel finanzielles Polster, um derartige Einschnitte problemlos ausgleichen zu k\u00f6nnen. Die Einsparungen im Gesundheitswesen und das Arbeitslosengeld II lassen die Schere zwischen Armen und Reichen in unserem Land noch weiter auseinander gehen. Aber was hilft es, wenn die Besserverdienenden jetzt ein schlechtes Gewissen kriegen ? N\u00fctzlicher w\u00e4re, wenn sie sich die Weisung unseres Predigttextes zu Eigen machten: &#8222;Helft, wo ihr k\u00f6nnt, und verschlie\u00dft eure Augen nicht vor den N\u00f6ten eurer Mitmenschen!&#8220; Also Augen auf, und flugs dem einen oder der anderen geholfen ! Niemand kann alles Elend dieser Welt allein auf seine Schultern laden &#8211; aber ein gewisser Betrag zur Unterst\u00fctzung anderer bleibt bestimmt jeden Monat \u00fcbrig; und ein paar Stunden meiner Freizeit regelm\u00e4\u00dfig im sozialen Bereich zu investieren, das steigert auch meine eigene Lebensqualit\u00e4t. &#8222;Dann wird mein Licht eure Dunkelheit vertreiben wie die Morgensonne&#8220; hei\u00dft es zweimal in unserem Predigttext als Wort Gottes.<\/p>\n<p>Wir Protestanten scheuen uns ja traditionell vor jeder Art von Werkgerechtigkeit &#8211; nicht durch meine guten Taten, sondern durch Gottes Gnade werde ich ins rechte Licht gesetzt. Jesaja 58 teilt diese Bedenken nicht. Vielmehr bereitet mein Handeln zugunsten der Armen gewisserma\u00dfen das Feld, auf dem Gott anschlie\u00dfend sein Licht leuchten lassen will. Wohl gemerkt : Gottes Licht, nicht unser eigenes! Aber Gottes Licht strahlt gerade dort auf, wo wir uns um Notleidende k\u00fcmmern. Dort geht die Dunkelheit zu Ende, und die Morgensonne bricht an. Ein sch\u00f6ner Gedanke, trostvoll auch f\u00fcr Leute, die erst am Anfang ihrer praktischen Solidarit\u00e4t f\u00fcr ihre Mitmenschen stehen und die vielleicht auch den einen oder anderen R\u00fcckschlag bei ihren Bem\u00fchungen verkraften m\u00fcssen. &#8222;Immer werde ich euch f\u00fchren. Auch in der W\u00fcste werde ich euch versorgen.&#8220;<\/p>\n<p>Das, liebe Gemeinde, ist f\u00fcr mich die Grundlage f\u00fcr alles vorher Gesagte. Wenn ich anderen abgeben soll von meinem Besitz oder meinen F\u00e4higkeiten, dann brauche ich daf\u00fcr das Vertrauen, auch selbst gut versorgt zu sein. Das sagt uns Gott sogar f\u00fcr W\u00fcstenzeiten zu, wenn alles bisher scheinbar fest Gef\u00fcgte ins Wanken ger\u00e4t, wenn all meine gewohnten Sicherheiten zu zerbrechen drohen. &#8222;Ja, hier bin ich&#8220; verspricht uns der Ewige, wenn wir ihn in einer Notlage um Hilfe anrufen. Mit einem derart hilfsbereiten Gott an meiner Seite sollte uns die eigene Hilfeleistung viel leichter fallen.<\/p>\n<p>Erntedankfest 2005 : dankbarer R\u00fcckblick auf erreichten Wohlstand, Weisung zur t\u00e4tigen N\u00e4chstenliebe im Alltag, verbindliche Zusage des Beistandes Gottes auch in schweren Zeiten. Damit m\u00fcssten sich doch eigentlich regierungsf\u00e4hige Koalitionen bilden lassen &#8211; und auf alle F\u00e4lle kann ich selbst damit sinnbringend leben ! Und der Friede Gottes, der h\u00f6her ist als all unsere Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserm Herrn! Amen.<\/p>\n<p>LIEDVORSCHL\u00c4GE eg 304 &#8222;Lobet den Herren, denn er ist sehr freundlich&#8220; eg 502 &#8222;Nun preiset alle Gottes Barmherzigkeit&#8220; eg 420 &#8222;Brich mit den Hungrigen dein Brot&#8220; eg 510 &#8222;Freuet euch der sch\u00f6nen Erde&#8220;<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Pfarrer J\u00fcrgen Berghaus<br \/>\n51377 Leverkusen<br \/>\nScharnhorstsr. 38<br \/>\nTel.\/Fax 0214 \/ 8707091<br \/>\n<a href=\"mailto:berghaus@ekir.de\">berghaus@ekir.de<\/a><\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>19. Sonntag nach Trinitatis \/ Erntedankfest | 2. Oktober 2005 |\u00a0Jesaja 58, 7-12 | J\u00fcrgen Berghaus | (\u00dcbersetzung &#8222;Hoffnung f\u00fcr alle&#8220; 2002) &#8222;Gebt den Hungrigen zu essen, nehmt Obdachlose bei euch auf, und wenn ihr einem begegnet, der in Lumpen heruml\u00e4uft, gebt ihm Kleider! 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