{"id":10722,"date":"2005-10-01T19:49:18","date_gmt":"2005-10-01T17:49:18","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=10722"},"modified":"2025-07-14T10:35:07","modified_gmt":"2025-07-14T08:35:07","slug":"lukas-12-15-21","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/lukas-12-15-21\/","title":{"rendered":"Lukas 12, 15-21"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<h3><span style=\"color: #000099;\">Erntedankfest | 2. Oktober 2005 |\u00a0Lukas 12, 15-21 | Tom Kleffmann |<\/span><\/h3>\n<p>Gnade sei mit euch und Friede, von Gott unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus. Amen.<\/p>\n<p>Erntedankfest. Das riecht nach Erde. Das riecht nach k\u00fchlem Morgentau, nach \u00c4pfeln, Birnen, Pflaumen. Das klingt nach Ausruhen, Zufriedenheit. Der jagende Sommer ist vorbei. Die Ernte ist eingefahren. Es ist Zeit zum Ausatmen. Zeit zum Nachdenken.<\/p>\n<p>Es ist so sch\u00f6n: \u00c4pfel gelb und rot, das r\u00f6tlich warme Herbstlicht, das Laub, die Ruhe der abgeernteten Felder \u2013 und wir sind satt, haben genug, und die Erde ist immer noch treu. Das Gef\u00fchl, eine Heimat zu haben. Das Gef\u00fchl, da\u00df das Leben gesegnet ist.<\/p>\n<p>Und doch kann es sein, da\u00df das alles nichts ist. Wenn du sterben mu\u00dft und nicht wei\u00dft wohin du gehst. Wenn du den Blick aufhebst mit kaltem Verstand und fragst, warum es diese Sonne, diese Erde, dieses Leben gibt, Geburt und Tod, unz\u00e4hlig. Ist diese Erde, auf der Wasser flie\u00dft, wo es Luft zum Atmen gibt, auf der es Pflanzen und Tiere gibt \u2013 ist diese Erde nicht ein absurder Zufall in einem unendlichen, t\u00f6dlichen All, ein winziger Punkt im Unermesslichen, und in ein paar Millionen Jahren ist alles vorbei und verbrannt und tot? Und da\u00df die Erde in einem Jahr um die Sonne kreist, da\u00df es Sommer und Winter, Saat und Ernte gibt, weil die Erdachse um ein paar Grad geneigt ist &#8211; ist nicht auch das nur ein absurder winziger Zufall im kosmischen Spiel?<\/p>\n<p>Und die Sch\u00f6nheit des Lichts, der H\u00fcgel, die eben vergangene Sch\u00f6nheit der Roggenfelder im Wind, der Segen der Augen \u2013 ist das nicht alles eine ganz subjektive Illusion unserer Sinne und unseres Hirns? &#8211;<\/p>\n<p>Sehr viele Menschen denken so, auch wenn sie es sich nicht klar machen. Und auch wir denken manchmal so, das ist der Preis der Aufkl\u00e4rung, ein schrecklicher Preis. Und weil viele Menschen so denken und es doch nicht aushalten, so zu denken; weil sie nicht glauben k\u00f6nnen, da\u00df es ein Geschenk ist, das Leben, weil sie den nicht kennen, der es schenkt, &#8211; deshalb leben sie auch so: wollen selbst Herr des Lebens sein, planen es durch, sichern es, sammeln in Scheunen f\u00fcr alle Zeit; produzieren und vermarkten und verpacken und verbrauchen Pflanzen, Tiere, Unterhaltung, Gl\u00fcck, Sorglosigkeit \u2013 rastlose Industrie des Lebens. Und am Ende ist es doch nur eine L\u00fcge.<\/p>\n<p>Sehen sie nicht die Verletztlichkeit des Lebens? Leben kommt nicht aus sich selbst. H\u00f6r auf deinen Atem! Hast du einmal eine Geburt gesehen? Hast du einen Menschen sterben gesehen? &#8211; &#8211;<\/p>\n<p>Errntedank. Wir Christen wissen eigentlich, da\u00df es ein Geschenk ist, das Leben \u2013 auch wenn wir oft nicht so tun. Wir glauben nicht, da\u00df diese Erde nichts als ein Zufall ist. Wir glauben, da\u00df es gewollt ist, da\u00df es uns gibt &#8211; da\u00df wir atmen, lachen, fragen, lieben. Wir glauben, da\u00df die Sch\u00f6nheit dieser Erde mehr ist als eine Illusion. Wir glauben, da\u00df sie wahr ist, da\u00df sie etwas bedeutet. Ein Geschenk jeder Atemzug, ein Geschenk dieser Apfel, ein Geschenk jeder Schluck Wasser und Wein, jeder Lichtstrahl der das Lebensbild in dein Auge zeichnet, jeder Ku\u00df, jeder Klang, der Geruch der Erde.<\/p>\n<p>Aber wenn es ein Geschenk ist, dann ist es auch eine Bestimmung. Und alles kommt darauf an, da\u00df wir den kennen, der es schenkt. Und da\u00df wir den Sinn erfahren, der sich an der Grenze dieses Lebens bew\u00e4hrt. Was soll das Geschenk des Lebens, wenn wir sterben m\u00fcssen? Wer da keine Antwort findet, versteckt sich \u2013 versteckt die Frage in Sorgen und Planen, sammelt in Scheunen und Konten f\u00fcr alle Zukunft, &#8211; und das Leben zerrinnt. Wovon leben wir wirklich?<\/p>\n<p>[Lesung Lk.12,15-21]<\/p>\n<p>Wenn das Leben ein Geschenk Gottes ist, dann hat Gott ihm auch einen Sinn gegeben. Vier Schritte m\u00f6chte ich gehen, um das auszulegen, was Jesus sagt. Vier Gedanken m\u00f6chte ich ihnen mitgeben. Zum einen: Was hei\u00dft <em>in Scheunen sammeln<\/em>? Zum anderen: Was bedeutet der Todesgedanke f\u00fcr das Leben? Drittens: Wie k\u00f6nnen wir den kennen, der das Leben schenkt, den Einen, den Unsichtbaren, Anfang und Ende? Und schlie\u00dflich: Was hei\u00dft <em>reich bei Gott<\/em> sein?<\/p>\n<p><em> In Scheunen sammeln<\/em> meint nicht die notwendige Vorsorge, die nun einmal zu unserem Dasein geh\u00f6rt. Gott hat uns auch einen n\u00fcchternen Verstand gegeben, um K\u00fchlschr\u00e4nke zu bauen, unser Haus in Ordnung zu halten und an eine Altersversorgung zu denken. Darum geht es nicht. <em>In Scheunen sammeln<\/em> hat etwas damit zu tun, wie du dein Leben verstehst. <em>In Scheunen sammeln<\/em> hei\u00dft, das Geschenk nicht als Geschenk nehmen, dankbar und auch ehrf\u00fcrchtig, und seine Liebe weitergeben, sondern es vereinnahmen, an sich rei\u00dfen, festhalten und zum Besitz machen \u2013 wie einer, der einatmet, aber nicht ausatmen will. Warum? \u2013 aus Angst, aus Blindheit?<\/p>\n<p><em> In Scheunen sammeln<\/em> hei\u00dft, sich selber das Leben bauen, wie eine Burg, und du bist der Herr, der drinnen sitzt. <em>In Scheunen sammeln<\/em> hei\u00dft, sich auf sich selbst verlassen, auf das Erarbeitete, auf den Besitz &#8211; und seine Identit\u00e4t darin haben, seinen Stolz, seine Sicherheit. Besitz sammeln, Erfolge sammeln &#8211; und der Mensch hat das Gef\u00fchl, er wird immer gr\u00f6\u00dfer. Den Tod nicht sehen und immer nur Pl\u00e4ne machen.<\/p>\n<p><em> In Scheunen sammeln<\/em> hei\u00dft, das Lebensgeschenk f\u00fcr sich behalten und eine Burg zu bauen, in der du dich sicher f\u00fchlst \u2013 dein Lebensraum, dein Geld, dein Haus, dein Clan &#8211; und alles Leid bleibt drau\u00dfen.<\/p>\n<p><em> Du Narr<\/em> ! Alles, was du am Ende f\u00fcr dich hast, ist der Tod. Das Leid bleibt nicht drau\u00dfen. Da sind die Kranken weiser, die Verzweifelten, die Traurigen.<\/p>\n<p><em> Diese Nacht wird man deine Seele von dir fordern<\/em> &#8230; Der Todesgedanke ist ein Gericht Gottes, das dich auf die F\u00fc\u00dfe stellt. Die falsche Selbstsicherheit rei\u00dft er weg. Haus, Geld, Pl\u00e4ne, Stolz \u2013 alles egal. <em>Diese Nacht wird man deine Seele von dir fordern. <\/em>Die Zeit konzentriert. Das Leben auf dem Punkt. Jetzt ist Leben. Entweder es hat jetzt einen Sinn oder es hat garkeinen Sinn.<\/p>\n<p>Keine Wahrheit des Lebens ohne den Tod. Sein Gedanke (wenn der Mensch ihn aush\u00e4lt und nicht schon wieder zu seinen Scheunen geflohen ist und die Fr\u00fcchte z\u00e4hlt), sein Gedanke bringt die Frage, die eine, die gro\u00dfe, die ungeheure, die erwachsene und schreckliche Frage. Die Antwort ist er noch nicht.<\/p>\n<p>Wie lebe ich so, da\u00df ich im n\u00e4chsten Augenblick sterben k\u00f6nnte und es w\u00e4re gut? Woher kommt das Leben wirklich? Was ist seine Bestimmung? Was ist sein Geheimnis?<\/p>\n<p>Das Leben ist ein Geschenk. Wir glauben nicht, da\u00df diese Erde ein Zufall ist. Wir Christen glauben, da\u00df es gewollt ist, da\u00df es uns Menschen gibt. Aber das Geschenk, den Sinn erfahren wir nur, wenn wir den kennen, der es schenkt. Um die Bedingung dieser Erfahrung \u2013 darum geht es in der Geschichte vom reichen Kornbauern. Die ganze falsche Selbstsicherheit mu\u00df zu Grunde gehen. Die selbstgebaute Burg, in der der Mensch sich sicher f\u00fchlte, die mu\u00df zerbrechen \u2013 das ist die Bedingung, wahrscheinlich immer wieder. Immer wieder: <em>Du Narr! Diese Nacht<\/em>&#8230; Das Gericht der Wahrhaftigkeit. Damit wirklich das Leben beginnt, das Gott schenkt.<\/p>\n<p>\u201eGottis natur ist, das er au\u00df nicht etwas macht\u201c \u2013 am Anfang der Welt, in der Nacht des Kreuzes, und jetzt, wenn du gezwungen bist, die Augen aufzumachen, wenn du Angst hast. \u201edarumb\u201c, sagt Luther, \u201ewer noch nit nichts ist, au\u00df dem kan gott auch nichts machen.\u201c Und was macht er aus dir? Einen Menschen, frei von Angst und L\u00fcge. Einen Menschen, der nicht in sich selbst gefangen lebt, sondern von der Liebe, die ihm geschenkt wird. Einen Menschen, der in denen lebt, die er liebt. Das macht Gott, wenn du wei\u00dft, da\u00df du ein Narr warst, wenn du vertraust, da\u00df er da ist. Und dann, wenn du davon lebst, da\u00df er gekommen ist, auf unsere Erde, in unseren Tod, dann siehst du wieder das warme Herbstlicht, den Morgentau, die \u00c4pfel, Birnen, Pflaumen. Du siehst sie neu. Zusammen sehen wir sie neu \u2013 und es ist ein Gottesdienst. Und wir haben wirklich eine Heimat.<\/p>\n<p>Ja \u2013 so m\u00fc\u00dfte es sein.<\/p>\n<p>Wir sammeln unser Leben nicht \u2013 weder in Scheunen, noch in H\u00e4usern oder in S\u00e4cken oder auf Konten oder in unsern K\u00f6pfen. Nur Gott kann es sammeln. Wer ist <em>reich bei Gott<\/em> ? Ich glaube, reich bei Gott ist, wer von der Liebe Gottes lebt, im Augenblick. Wer frei ist, das Eigene loszulassen, auch das eigene Leben in der Zeit. Wer schenken kann &#8211; in dem Vertrauen, da\u00df f\u00fcr ihn gesorgt ist.<\/p>\n<p>Dieser Frieden ist h\u00f6her ist als aller Verstand. Er bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>PD Dr. Tom Kleffmann<br \/>\n<a href=\"mailto:tkleffm@gwdg\">tkleffm@gwdg<\/a><\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Erntedankfest | 2. Oktober 2005 |\u00a0Lukas 12, 15-21 | Tom Kleffmann | Gnade sei mit euch und Friede, von Gott unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus. Amen. Erntedankfest. Das riecht nach Erde. Das riecht nach k\u00fchlem Morgentau, nach \u00c4pfeln, Birnen, Pflaumen. Das klingt nach Ausruhen, Zufriedenheit. Der jagende Sommer ist vorbei. 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