{"id":10723,"date":"2005-10-01T19:49:18","date_gmt":"2005-10-01T17:49:18","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=10723"},"modified":"2025-07-14T10:33:25","modified_gmt":"2025-07-14T08:33:25","slug":"jesaja-58-7-12-5","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/jesaja-58-7-12-5\/","title":{"rendered":"Jesaja 58, 7-12"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<h3><span style=\"color: #000099;\">Erntedankfest | 2. Oktober 2005 |\u00a0Jesaja 58, 7-12 | Friedrich Seven |<\/span><\/h3>\n<p>\u201eBis Sonntag, Herr Pastor\u201c &#8211; so verabschiedete sich Harald von mir und mir war damit klar, dass er heute Abend zur Kirchenvorstandssitzung wohl wieder nicht kommen w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Es war ein sch\u00f6ner Sommertag, ohne Regen und damit ein guter Tag f\u00fcr die Erntearbeit. Lange hatte ich gebraucht, um zun\u00e4chst einmal zu begreifen und dann zu akzeptieren, dass Ernte zeit f\u00fcr die Bauern eine Zeit ist, in der sie kaum eine andere Verpflichtung kennen, als die, g\u00fcnstige Gelegenheiten zum Abernten der Felder und zum Einfahren der Frucht zu nutzen. Zu oft warten sie Regentag f\u00fcr Regentag , bis endlich die Sonne mit einem Hoffnungsschimmer zur Fahrt auf die Felder einl\u00e4dt. Wer die Bauern dann auf ihren schwerf\u00e4lligen Maschinen wie auf Thronwagen sitzen sieht, der merkt, dass sich anscheinend auch in den Kabinen solcher Unget\u00fcme Musik aus dem Kopfh\u00f6rer gut h\u00f6ren l\u00e4sst. Die Freude an der Ernte scheint sich pr\u00e4chtig mit dem schwerf\u00e4lligen Rangieren und dem steten Hin und Her, dieser Streckenfresserei zu vertragen.<\/p>\n<p>Lotti, Haralds Frau, hatte mir einmal gesagt, dass bei allem Stre\u00df, den die Erntezeit mit sich bringe, die Ausfahrt auf die Felder fast so sch\u00f6n sei wie fr\u00fcher die allmorgendliche Ausfahrt in der warmen Jahreszeit zu den K\u00fchen, und da sie ihre wenigen K\u00fche schon vor Jahren abgeschafft hatten, freuten sie sich \u00fcber die Erntefahrten umso mehr.<\/p>\n<p>Freilich w\u00e4re der Stre\u00df mehr geworden und da inzwischen f\u00fcr die meisten Bauern tags\u00fcber noch die Verpflichtung best\u00fcnde, irgendwo in der Umgebung f\u00fcr acht Stunden am Flie\u00dfband zu stehen, k\u00f6nnte f\u00fcr viele die Arbeit erst am sp\u00e4ten Nachmittag beginnen und so w\u00fcrde f\u00fcr sie oft genug die Nacht zum Tag. Auch die Bauern w\u00fcssten inzwischen, was Nachtschicht ist. Wie man da in B\u00fcchern von \u201eFeierabendbauern\u201c schreiben k\u00f6nne, w\u00e4re ihr unverst\u00e4ndlich.<\/p>\n<p>Wer Harald also in den Sommermonaten an die Teilnahme an der Kirchenvorstandssitzung erinnern wollte, erntete auch bei denen im Kirchenvorstand nur Kopfsch\u00fctteln, deren Familien die Landwirtschaft schon lange aufgegeben oder die als Zugezogene nie ihr Auskommen auf den Feldern und Wiesen hatten suchen m\u00fcssen. Haralds Fehlen auf der Sitzung war in den Augen der \u00fcbrigen kein Vers\u00e4umnis, sondern eine Selbstverst\u00e4ndlichkeit, an der sich nur der sto\u00dfen konnte, der eben nicht dazugeh\u00f6rte.<\/p>\n<p>Harald hatte mir mal in Zeiten, als ich ihn noch an seine Pflicht erinnern wollte, im Kirchenarchiv Protokolle gezeigt, in denen zu lesen war, dass fr\u00fcher w\u00e4hrend der Erntezeit die Sch\u00fcler vom Feld geholt werden mussten und oft genug der Lehrer, wenn er denn den Unterrichtsbesuch nicht einmal mit dem Feldsch\u00fctzen erzwingen konnte, allein mit den Kindern des Pastors und mit seinen eigenen in der Schule sa\u00df. \u201e Ganz allein, Herr Pfarrer, werden Sie auf unseren Sitzungen aber nie sein\u201c, tr\u00f6stete er mich damals.<\/p>\n<p>Dabei hatte Harald gar nicht von Kind auf dazugeh\u00f6rt und war von seinen Eltern zu allem anderen als zum Bauern ausersehen. Aber durch den Krieg war es anders gekommen und schlie\u00dflich hatten der Krieg und der Hunger ihn in unser Dorf gebracht. Hier, so erz\u00e4hlte er oft, h\u00e4tte er sich wieder sein Brot verdienen k\u00f6nnen. Bis er freilich hier heimisch geworden w\u00e4re, h\u00e4tte es schon ziemlich lange gedauert, eigentlich bis er endlich seine Frau kennen gelernt und in deren bescheidene elterliche Landwirtschaft <strong>eingeheiratet<\/strong> h\u00e4tte. Er betonte, wenn er davon erz\u00e4hlte, das Wort \u201eeingeheiratet\u201c stets so, dass deutlich werden konnte, wie sehr die beiden Jung-Verliebten hatten damals auch den Gesetzen von Haus und Hof gehorchen m\u00fcssen und im Dorf geblieben waren, um das Anwesen mit seinen angestammten Gerechtigkeiten auf Holz und Weide zu bewahren und weiter auszubauen.<\/p>\n<p>Gerade heute aber war es ganz dumm, da\u00df Harald bei der Sitzung nicht dabei sein w\u00fcrde, wo doch der baldige Erntedanktag auf der Tagesordnung stand: Wie in den St\u00e4dten, so wollten auch wir endlich mal \u00fcber den Gottesdienst hinaus und noch vor dem abendlichen Dorffest Erntedank in der Gemeinde feiern und planten ein Eintopfessen aus den Erntegaben, die die Kinder des Kindergottesdienstes am Samstag zuvor im Dorf einsammeln sollten. Dabei war es f\u00fcr die Kirchenvorsteherinnen und Kirchenvorsteher offenbar eine sch\u00f6ne Vorstellung, mit den Kindern, worunter auch die eigenen Enkel sein k\u00f6nnten, in die gro\u00dfen G\u00e4rten zu gehen und sie noch etwas Obst ernten zu lassen, bis sie ihnen dann k\u00f6rbeweise Kartoffeln, Kohl und andere Gem\u00fcse mitgeben w\u00fcrden, so dass sie sicher selbst noch beim Tragen mithelfen m\u00fcssten.<\/p>\n<p>Wir besprachen auf der Sitzung alles n\u00f6tige, Harald und Lotti wurden einfach mit eingeplant und so konnten wir nur hoffen, dass auch am Erntedanktag das Wetter freundlich w\u00fcrde und wir zum Erntedankessen auf den Kirchhof bitten k\u00f6nnten.<\/p>\n<p>F\u00fcr den Samstagabend vor dem Fest hatten wir uns noch vorgenommen, die Erntekrone aufzuh\u00e4ngen, wof\u00fcr wir Harald brauchten.<br \/>\nAn diesem Abend dann trafen wir Lotti schon in der Kirche, wo sie mit der K\u00fcsterin den Altar geschm\u00fcckt hatte, nur Harald war nicht zu sehen.<br \/>\n\u201eHier bin ich\u201c, rief es pl\u00f6tzlich von oben, als einer nach ihm rief. Er hatte sich schon auf den Dachboden begeben und alles so gerichtet, dass wir die Erntekrone hochziehen k\u00f6nnten.<br \/>\nAls die Erntekrone schlie\u00dflich hing und wir uns alle darunter im Altarraum versammelt hatten, wollte Lotti, die auch den Lesedienst \u00fcbernehmen sollte, nocheinmal den Bibeltext lesen, der f\u00fcr den morgigen Sonntag vorgesehen war.<br \/>\nDie K\u00fcsterin hatte das Lektionar bereits aufgeschlagen und Lotti las:<\/p>\n<p>Brich dem Hungrigen dein Brot, und die im Elend ohne Obdach sind, f\u00fchre ins Haus! Wenn Du einen nackt siehst, so kleide ihn, und entzieh dich nicht deinem Fleisch und Blut. Dann wird dein Licht hervorbrechen wie die Morgenr\u00f6te und deine Heilung wird schnell voranschreiten und deine Gerechtigkeit wird vor dir hergehen, und die Herrlichkeit des Herrn wird deinen Zug beschlie\u00dfen. Dann wirst du rufen, und der Herr wird dir antworten. Wenn du schreist, wird er sagen: \u201eSiehe, hier bin ich.\u201c<\/p>\n<p>Wenn du in deiner Mitte niemand unterjochst und nicht mit den Fingern zeigst und nicht \u00fcbel redest, sondern den Hungrigen dein Herz finden l\u00e4sst und den Elenden s\u00e4ttigst, dann wird dein Licht in der Finsternis aufgehen und dein Dunkel wird sein wie der Mittag. Und der Herr wird dich immerdar f\u00fchren und dich s\u00e4ttigen in der D\u00fcrre und dein Gebein st\u00e4rken. Und du wirst sein wie ein bew\u00e4sserter Garten und wie eine Wasserquelle, der es nie an Wasser fehlt. Und es soll durch dich wieder aufgebaut werden, was lange w\u00fcst gelegen hat, und du wirst wieder aufrichten, was vorzeiten gegr\u00fcndet ward. Und du sollst hei\u00dfen: \u201eDer die L\u00fccken zumauert und die Wege ausbessert, dass man da wohnen k\u00f6nne.\u201c<\/p>\n<p>W\u00e4hrend Lotti las, hatten wir uns hingesetzt, obwohl sie doch eigentlich nur f\u00fcr sich zum \u00dcben lesen wollte. Wir blieben noch sitzen, als Harald zum Lesepult ging, sich das Buch nahm und seine Frau anschaute \u201eWie hie\u00df das da gerade, wie steht das da?: \u201aWenn Du den Hungrigen Dein Herz finden l\u00e4sst!\u2019<\/p>\n<p>Gott sei Dank, Lotti, dass ich damals Dein Herz finden konnte, Danke, dass Du mich Hungrigen aufgenommen hast. Also, ich freu mich auf morgen!\u201c<\/p>\n<p>Am Sonntag kamen dann nur wenige, so wenige, wie schon lange nicht mehr am Erntedanktag, und als wir uns nach dem Gottesdienst auf den Kirchhof begaben, hatte sich der Regen, der uns schon am fr\u00fchen Morgen begr\u00fc\u00dft hatte, zu einem kr\u00e4ftigen Landregen entwickelt, so dass Tische und B\u00e4nke auf dem Kirchhof von der K\u00fcsterfamilie schon wieder abgedeckt worden waren und wir wussten ,dass unser kleiner Haufen in den Pfarrsaal w\u00fcrde ziehen m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Missmutig zogen wir eilig in den Pfarrsaal, nur Harald blieb lange auf dem Kirchhof stehen und er schien den Regen zu genie\u00dfen.<\/p>\n<p>\u201e&#8230;wie ein bew\u00e4sserter Garten und wie eine Wasserquelle, der es nie an Wasser fehlt.\u201c \u2013 sagte er dann, als er sich tropfnass zu uns setzte und so zufrieden wirkte, als h\u00e4tte er auch schon gegessen. \u201eSo sch\u00f6ne Worte!\u201c.<\/p>\n<p>Wir blieben lange beieinander im Pfarrsaal, Haralds Anzug war schon fast wieder trocken und noch zweimal wurde Kaffee gekocht.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Dr. Friedrich Seven<br \/>\nIm Winkel 6<br \/>\n37412 Scharzfeld<br \/>\n05521\/2429<br \/>\ne-mail. <a href=\"mailto:friedrichseven@compuserve.de\"> friedrichseven@compuserve.de<\/a><\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Erntedankfest | 2. Oktober 2005 |\u00a0Jesaja 58, 7-12 | Friedrich Seven | \u201eBis Sonntag, Herr Pastor\u201c &#8211; so verabschiedete sich Harald von mir und mir war damit klar, dass er heute Abend zur Kirchenvorstandssitzung wohl wieder nicht kommen w\u00fcrde. Es war ein sch\u00f6ner Sommertag, ohne Regen und damit ein guter Tag f\u00fcr die Erntearbeit. Lange [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":13653,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[22,1,2,727,157,853,114,560,165,155,349,109],"tags":[],"beitragende":[],"predigtform":[],"predigtreihe":[],"bibelstelle":[],"class_list":["post-10723","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-jesaja","category-aktuelle","category-at","category-archiv","category-beitragende","category-bibel","category-deut","category-erntedank","category-friedrich-seven","category-kapitel-58-chapter-58-jesaja","category-kasus","category-predigten"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/10723","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=10723"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/10723\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":25179,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/10723\/revisions\/25179"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media\/13653"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=10723"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=10723"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=10723"},{"taxonomy":"beitragende","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/beitragende?post=10723"},{"taxonomy":"predigtform","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtform?post=10723"},{"taxonomy":"predigtreihe","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtreihe?post=10723"},{"taxonomy":"bibelstelle","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/bibelstelle?post=10723"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}