{"id":10724,"date":"2005-10-01T19:49:23","date_gmt":"2005-10-01T17:49:23","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=10724"},"modified":"2025-07-14T10:24:46","modified_gmt":"2025-07-14T08:24:46","slug":"jesaja-58-7-12-3","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/jesaja-58-7-12-3\/","title":{"rendered":"Jesaja 58, 7-12"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<h3><b><span style=\"color: #000099;\">Erntedankfest | 2. Oktober 2005 |\u00a0Jesaja 58, 7-12 | Michael Nitzke |<\/span><\/b><\/h3>\n<p>7 Brich dem Hungrigen dein Brot, und die im Elend ohne Obdach sind, f\u00fchre ins Haus! Wenn du einen nackt siehst, so kleide ihn, und entzieh dich nicht deinem Fleisch und Blut!<br \/>\n8 Dann wird dein Licht hervorbrechen wie die Morgenr\u00f6te, und deine Heilung wird schnell voranschreiten, und deine Gerechtigkeit wird vor dir hergehen, und die Herrlichkeit des HERRN wird deinen Zug beschlie\u00dfen.<br \/>\n9 Dann wirst du rufen und der HERR wird dir antworten. Wenn du schreist, wird er sagen: Siehe, hier bin ich.<br \/>\nWenn du in deiner Mitte niemand unterjochst und nicht mit Fingern zeigst und nicht \u00fcbel redest,<br \/>\n10 sondern den Hungrigen dein Herz finden l\u00e4sst und den Elenden s\u00e4ttigst, dann wird dein Licht in der Finsternis aufgehen, und dein Dunkel wird sein wie der Mittag.<br \/>\n11 Und der HERR wird dich immerdar f\u00fchren und dich s\u00e4ttigen in der D\u00fcrre und dein Gebein st\u00e4rken. Und du wirst sein wie ein bew\u00e4sserter Garten und wie eine Wasserquelle, der es nie an Wasser fehlt.<br \/>\n12 Und es soll durch dich wieder aufgebaut werden, was lange w\u00fcst gelegen hat, und du wirst wieder aufrichten, was vorzeiten gegr\u00fcndet ward; und du sollst hei\u00dfen: \u00bbDer die L\u00fccken zumauert und die Wege ausbessert, dass man da wohnen k\u00f6nne\u00ab.<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde,<\/p>\n<p>\u201eBrich dem Hungrigen dein Brot!\u201c So fordert uns der Prophet auf. Gerade am heutigen Tag, k\u00f6nnen wir mit gutem Gewissen sagen, dass wir dem Bibeltext folgen. Der Altarbereich ist festlich geschm\u00fcckt mit Gaben, die traditionell gespendet wurden. Es ist etwas handfestes, nicht nur Symbolik, die mit didaktischen Mitteln die Worte der Predigt unterst\u00fctzen sollen, nein, diese Dinge kann man wirklich essen.<\/p>\n<p>Und sie werden gegessen. Nach dem Gottesdienst werden sie von der Suppenk\u00fcche Kana abgeholt. Ehrenamtliche Helfer arbeiten dort, und bereiten aus den gespendeten Gaben Mahlzeiten f\u00fcr die \u00c4rmsten der Armen zu. Ein unscheinbarer Laden in der Mallinckrodtstra\u00dfe wird so f\u00fcr manche Menschen in unserer Stadt zu einer Oase. Hier bekommen sie eine warme Mahlzeit, hier d\u00fcrfen sie Mensch sein und hier erfahren sie menschliche Zuwendung, durch die M\u00e4nner und Frauen, die etwas von ihrer Zeit und von ihrer Kraft teilen, um f\u00fcr diese Menschen da zu sein.<\/p>\n<p>Unsere Gaben erreichen also ihr Ziel. Und wir sind dankbar, dass es solche Einrichtungen, gibt die f\u00fcr andere da sind. Au\u00dferhalb der Erntedankfestzeit, wenn nichts vom Altar abgeholt werden kann, lebt diese Einrichtung von den Gaben von Lebensmittelh\u00e4ndlern und Gro\u00dfk\u00fcchen, die ihre \u00fcberz\u00e4hligen Kapazit\u00e4ten dort hingeben. Dass es mittlerweile mehrere solcher Einrichtungen gibt kann uns nicht beruhigen. Dennoch ist es wichtig, dass neben der Suppenk\u00fcche auch noch das sogenannte \u201eGasthaus\u201c und die Dortmunder Tafel existieren. Es kann uns zumindest etwas tr\u00f6sten, dass die Produkte unserer \u00dcberflussgesellschaft so noch wenigstens verwertet werden, und Menschen zum \u00fcberleben verhelfen.<\/p>\n<p>7 Brich dem Hungrigen dein Brot, und die im Elend ohne Obdach sind, f\u00fchre ins Haus! Wenn du einen nackt siehst, so kleide ihn, und entzieh dich nicht deinem Fleisch und Blut!<br \/>\n8 Dann wird dein Licht hervorbrechen wie die Morgenr\u00f6te, und deine Heilung wird schnell voranschreiten, und deine Gerechtigkeit wird vor dir hergehen, und die Herrlichkeit des HERRN wird deinen Zug beschlie\u00dfen.<\/p>\n<p>Wenn Menschen heutzutage ihre Freigiebigkeit \u00f6ffentlich machen, dann wird meistens etwas mit der Nase ger\u00fcmpft. Macht er das nicht nur, um ein gutes Gewissen zu haben? Kauft er sich von seinen Gewissensbissen frei. Will er nur im Rampenlicht der \u00d6ffentlichkeit stehen und sich im Licht seiner Menschenfreundlichkeit sonnen?<\/p>\n<p>Das was heutzutage unter dem Generalverdacht des Eigenlobs steht, ist nach dem Propheten Jesaja, die nat\u00fcrliche Folge seines moralisch guten Verhaltens. Ja, dann steht der Mensch im Licht, dann wird es einen richtigen Triumphzug geben, den Gott mit seiner Herrlichkeit begleitet. Aber wer genau zuh\u00f6rt, merkt, warum es solch einen Anlass zu \u00fcberschw\u00e4nglicher Freude gibt.<\/p>\n<p>Da hei\u00dft es doch: <strong>deine Heilung wird schnell voranschreiten<em>. <\/em><\/strong>Hei\u00dft dass denn, dass im Umkehrschluss, ein Mensch, der nicht freigiebig ist, der nicht teilt, und andere an seinem Reichtum teilhaben l\u00e4sst, krank ist?<\/p>\n<p>Ja, vielleicht ist Krankheit so gemeint, dass ich merke, dass mir etwas fehlt. Das ist ja auch eine in unserem Sprachgebrauch, durchaus gebr\u00e4uchliche Form der Umschreibung. Ich gehe zum Arzt, wenn mir etwas fehlt.<\/p>\n<p>Und wenn ich nicht teilen kann, wenn ich andere nicht teilhaben lassen kann, wenn ich nicht freigiebig bin, da fehlt mir eben etwas wichtiges.<\/p>\n<p>Doch diese Situation muss nicht immer so bleiben, in dem Moment, wo ich erkenne, was mir fehlt, und ich an andere denke und f\u00fcr sie sorge, dann stehe ich wieder im Licht. Und f\u00fchle selbst, wie die Kraft dieses Lichtes mich dann auch sp\u00fcren l\u00e4sst, dass ich gesund bin.<\/p>\n<p>9 Dann wirst du rufen und der HERR wird dir antworten. Wenn du schreist, wird er sagen: Siehe, hier bin ich.<\/p>\n<p>Dann gelingt auch die Kommunikation mit Gott. Wenn es mir solcherma\u00dfen an nichts fehlt, dann habe ich die Freiheit mich an Gott zu wenden, und dann steht nichts dem im Wege, dass ich seine Antwort auch h\u00f6re.<\/p>\n<p>Der Prophet beschreibt also, was zu einem gelingenden Leben geh\u00f6rt. Er beschreibt, wie ein ganzheitliches Leben aussieht. Ganz und komplett ist der Mensch nicht nur, wenn er k\u00f6rperlich gesund ist, wenn er wohl situiert ist, sondern wenn er die sittliche Reife mit sich bringt, und wenn er f\u00fcr andere da sein kann.<\/p>\n<p>Allein auf sich bezogen ist der Mensch also kein ganzheitlicher Mensch, er braucht die intakte Beziehung zum Mitmenschen, und auch zur gesamten Sch\u00f6pfung Gottes.<\/p>\n<p>Der Prophet beschreibt das, wenn er den teilenden Menschen mit Ehrentiteln schm\u00fcckt. Titel die sich manchmal ganz verwunderlich anh\u00f6ren.<\/p>\n<p><em>du sollst hei\u00dfen: \u00bbDer die L\u00fccken zumauert und die Wege ausbessert, dass man da wohnen k\u00f6nne\u00ab.<\/em><\/p>\n<p>Wer m\u00f6chte schon gern ein L\u00fcckenb\u00fc\u00dfer sein? Diese Assoziation k\u00f6nnte einem in den Sinn kommen, wenn man das Wort des Propheten h\u00f6rt. Doch hier ist ja anderes gemeint. Nicht ein L\u00fcckenb\u00fc\u00dfer, der an einen Platz gestellt wird, wo er sich nicht richtig entfalten kann, und nur eine L\u00fccke mit seiner eigenen Person ausf\u00fcllen soll. Nein, der Prophet gibt hier dem Menschen eine aktive Aufgabe. Er wird die L\u00fccken selbst entdecken und aktiv suchen, und wird helfen die so entstandenen Sch\u00e4den gering zu halten.<\/p>\n<p>Und auf das Beispiel des Teilens bezogen, ist die Metapher des Propheten durchaus heute noch passend.<\/p>\n<p>Wer heute arm ist und externe Hilfe braucht, der ist an den L\u00fccken des Sozialsystems gescheitert, der ist durchs soziale Sicherungsnetz gefallen, und der ist dankbar, dass es Menschen gibt, die diese L\u00fccken aktiv zu schlie\u00dfen helfen.<\/p>\n<p>Wege ausbessern wird dieser hilfreiche Mensch. Es kommt also nicht darauf an, alles Gott zu \u00fcberlassen und sich selbst zur\u00fcckzulehnen. Die aktive Mitarbeit des Menschen ist gefragt.<\/p>\n<p><em>Und du wirst sein wie ein bew\u00e4sserter Garten und wie eine Wasserquelle, der es nie an Wasser fehlt. <\/em><\/p>\n<p><em> 12 Und es soll durch dich wieder aufgebaut werden, was lange w\u00fcst gelegen hat, und du wirst wieder aufrichten, was vorzeiten gegr\u00fcndet ward; <\/em><\/p>\n<p>Gerade am heutigen Erntedankfest wird deutlich, dass es ein Zusammenwirken von Mensch und Gott gibt, und dass dieses Zusammenwirken in einem rechten Ma\u00df geschehen muss.<\/p>\n<p>Jesaja spricht vom bew\u00e4sserten Garten, von der wiederaufgebauten W\u00fcste. Das betont die Aufgabe des Menschen, als Teil der Sch\u00f6pfung die Gaben Gottes zu bebauen und zu bewahren.<\/p>\n<p>Im bekannten Erntedanklied hei\u00dft es: <strong>Wir pfl\u00fcgen und wir streuen den Samen auf das Land, doch Wachstum und Gedeihen steht in des Himmels Hand. <\/strong><\/p>\n<p>Am heutigen Tag danken wir traditionell f\u00fcr den Teil den Gott zu diesem Gemeinschaftswerk zugesteuert hat, wir danken daf\u00fcr, dass er das Gedeihen gegeben hat. Und wir denken auch vermittelt durch die aufgebauten Gaben daran, was da die Aufgabe des Menschen ist.<\/p>\n<p>In der Zeitschrift \u201eNatur und Kosmos\u201c<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">(*)<\/a> wird die Aufgabe des Menschen in der Landwirtschaft als Kulturleistung beschrieben:<\/p>\n<p>\u201eVor etwa 5000 Jahren spitzen die Menschen in unseren Breiten Holzst\u00fccke an und stellten Haken her, mit denen sie den Boden aufrei\u00dfen konnten, um Furchen und f\u00fcr die Saat zu ziehen: der Hakenpflug. \u2013 eine gro\u00dfartige Kulturleistung. Nicht umsonst bedeutet das lateinische <em>cultura <\/em>urspr\u00fcnglich \u201eAnbau\u201c und \u201eBodenpflege\u201c.<\/p>\n<p>Den Gro\u00dfteil ihrer Geschichte hat die Menschheit als Sammler, Fischer, J\u00e4ger zugebracht. Erst als sie lernten, das Land zu bearbeiten, zu s\u00e4en und zu pflanzen, begannen sie auch, die Natur zu gestalten. Doch die Agrarwirtschaft ist weit mehr als die etymologische Wurzel von Kultur. Die zuverl\u00e4ssige Versorgung mit Lebensmitteln erm\u00f6glichte es den Menschen sesshaft zu werden, D\u00f6rfer und St\u00e4dte zu bauen. Die Bev\u00f6lkerung wuchs, differenzierte Gesellschaften entstanden. All das ist der Humus, auf dem Kunst und Kultur, technischer Fortschritt und soziale Eigenschaften wachsen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>In Kleinasien begannen die ersten Bauern schon vor rund 10.000 Jahren, wildes Getreide, Erbsen und Linsen anzupflanzen.\u201c Also in der Region, die f\u00fcr die christlich-j\u00fcdische Welt so gro\u00dfe Bedeutung hat. \u201eEtwa um dieselbe Zeit erfanden die Menschen in einigen Regionen Chinas und im Nahen Osten bereits Hacke und Grabstock, um damit den Boden zu bearbeiten. Die Europ\u00e4er lie\u00dfen sich damit noch einige tausend Jahre Zeit. In Deutschland fand der erste Ackerbau im 6. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung statt \u2013 zun\u00e4chst mussten die dichten Urw\u00e4lder gerodet werden. Die R\u00f6mer verbreiteten sp\u00e4ter Wein-, Obst- und Gem\u00fcseanbau bis in den Norden Europas, die Araber f\u00fchrten Baumwolle, Zuckerrohr und Bew\u00e4sserungssystem auf der iberischen Halbinsel ein. Aus Wald und Moor wurde Schritt f\u00fcr Schritt fruchtbares Ackerland. Heute ernten in den niederl\u00e4ndischen Gew\u00e4chsh\u00e4usern Hightech-Roboter Gurken und Tomaten. Hochgez\u00fcchtete Kulturpflanzen bringen Spitzenertr\u00e4ge rund um den Globus. Doch die besten Weine gedeihen immer noch dort, wo die Winzer die nat\u00fcrliche Beschaffenheit des Bodens respektieren. &#8230; So ist bis heute die \u2013 wie auch immer \u2013 kultivierte Natur, die den Menschen mit Nahrung und Rohstoffen, mit Biomasse, Heil- und Genussmitteln versorgt und der Fortentwicklung von Kultur und Kunst Impulse gibt.\u201c<\/p>\n<p>Der Mensch wirkt also mit, aber er soll nicht hineinregieren in das Werk der Natur, in den Plan der Sch\u00f6pfung. Er soll L\u00fccken schlie\u00dfen und Wege ausbessern, dass man gut wohnen kann. Er soll die Kulturleistung vollbringen, aber die Leistung der Kreation, also der Sch\u00f6pfung, Gott \u00fcberlassen.<\/p>\n<p>In einem guten Zusammenwirken, wei\u00df jeder wo er seinen Platz hat. <strong>Wir pfl\u00fcgen, und wir streuen den Samen auf das Land, doch Wachstum und Gedeihen steht in des Himmels Hand. <\/strong><\/p>\n<p>So sind wir dankbar, dass Gott die Welt geschaffen hat, mit allem was auf ihr w\u00e4chst und lebt, so sind wir dankbar, dass er uns die M\u00f6glichkeiten gegeben hat, darin zu gestalten und zu bearbeiten.<\/p>\n<p>So wollen wir ihn bitten, dass er uns immer wieder den Mut gibt zu teilen, und dass er uns die Einsicht gibt zu erkennen, wo das L\u00fccken ausf\u00fcllen und Wegeausbessern aufh\u00f6rt, und wo wir versuchen uns in seine Zust\u00e4ndigkeit einzumischen.<\/p>\n<p>Am heutigen Erntedankfest wollen wir Gottes Gaben entgegennehmen und weitergeben, wir wollen innehalten und das Licht Gottes sp\u00fcren als eine w\u00e4rmende Kraft, die uns stark macht, die Aufgaben zu erf\u00fcllen, die uns gestellt sind. Wir wollen im Gespr\u00e4ch bleiben mit unseren Mitmenschen, damit wir erfahren, wessen sie bed\u00fcrfen, und wir wollen im Gespr\u00e4ch bleiben mit Gott und immer wieder die n\u00f6tige Ruhe finden auf sein Wort zu h\u00f6ren, damit wir ihm auch antworten k\u00f6nnen mit unserem Dank.<\/p>\n<p>Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p>Text Klaus Sieg und Dierk Jensen. Oktober 2005, Seite 80f. Konradin-Verlag. www.natur.de<\/p>\n<p><strong>Pfarrer Michael Nitzke<br \/>\nEv. Kirchengemeinde Kirchh\u00f6rde<br \/>\n<a href=\"mailto:nitzke@kirchhoer.de\">nitzke@kirchhoer.de<\/a><br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.kirchhoer.de\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">www.kirchhoer.de<\/a><br \/>\n<\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Erntedankfest | 2. Oktober 2005 |\u00a0Jesaja 58, 7-12 | Michael Nitzke | 7 Brich dem Hungrigen dein Brot, und die im Elend ohne Obdach sind, f\u00fchre ins Haus! 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