{"id":10737,"date":"2005-10-07T19:49:28","date_gmt":"2005-10-07T17:49:28","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=10737"},"modified":"2025-07-14T11:34:52","modified_gmt":"2025-07-14T09:34:52","slug":"genesis-8-18-22-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/genesis-8-18-22-2\/","title":{"rendered":"Genesis 8, 18-22"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<h3><b><span style=\"color: #000099;\">20. Sonntag nach Trinitatis | 9. Oktober 2005 |\u00a01. Mose 8, 18-22 | Thomas Meurer |<\/span><\/b><\/h3>\n<p><strong>Gottes Herzensumsturz <\/strong><\/p>\n<p>\u201eMach das nie wieder!\u201c \u2013 Vom Zorn gesch\u00fcttelt steht Sebastian vor Kai und br\u00fcllt ihn aus Leibeskr\u00e4ften an. Mit seinen sieben Jahren ist er ganz und gar Emp\u00f6rung. Kai hat eine Grenze bei ihm \u00fcberschritten und er f\u00fchlt sich ohnm\u00e4chtig. Und je mehr er seine Ohnmacht sp\u00fcrt, desto w\u00fctender wird er. Und weil er sich \u00e4rgert, dass ihm das geschehen ist, beginnt er zu drohen: \u201eWenn du das noch einmal machst, dann\u2026\u201c<\/p>\n<p>Eine andere Szene: \u201eIch will es auch nie wieder tun!\u201c, beteuert Lars. Seine Mutter hat ihn dabei erwischt, wie er einen Pralinenkasten, der eigentlich als Geschenk f\u00fcr seine Oma gedacht war, ge\u00f6ffnet und sich daraus bedient hat. Lars f\u00fchlt sich ziemlich mies. Er sieht ein, dass das mit dem Pralinenkasten falsch war. Alles an ihm ist Entschlossenheit. Nie wieder soll ihm so etwas passieren. Was hei\u00dft \u201esoll\u201c? Es wird ihm nicht wieder passieren.<\/p>\n<p>Zwei Szenen, liebe Zuh\u00f6rerinnen und Zuh\u00f6rer, die mehr sind als \u201eKinderszenen\u201c. Und auch zwei \u00c4u\u00dferungen, die nicht nur aus Kindermund zu h\u00f6ren sind: \u201eMach das nie wieder!\u201c und \u201eIch will es auch nie wieder tun!\u201c Beiden S\u00e4tzen gemeinsam ist ja die Vorstellung, dass es ab heute und hier ganz anders wird. Nichts ist mehr so, wie es war. Alles auf Anfang. Jetzt wird alles ganz anders. Das, was schief lief, passiert kein zweites Mal.<\/p>\n<p><strong>Ein ver\u00e4nderungsbereiter Gott <\/strong><\/p>\n<p>Die heutige Schriftlesung aus dem 1. Buch Mose erz\u00e4hlt vom Verhalten Gottes nach der Sintflut. Gott setzt nach der Flut buchst\u00e4blich ein Zeichen. Der Regenbogen ist das f\u00fcr alle Zeiten sprechende Zeichen daf\u00fcr, dass Gott nie wieder tun will, was er da getan hat. Er plant nicht mehr, den Menschen noch einmal von der Erde zu vernichten. Gott verspricht mit diesem Zeichen, dass ab jetzt alles seinen geregelten Gang gehen wird. Nicht mehr aufh\u00f6ren sollen Aussaat und Ernte. Darauf ist Verlass: Gott wird den Rhythmus der Welt nicht mehr aus dem Takt bringen.<\/p>\n<p>\u201eMach das nie wieder!\u201c \u2013 W\u00fcrde ich einer der beteiligten Figuren in der Geschichte der Sintfluterz\u00e4hlung Sprache und Stimme geben k\u00f6nnen, dann w\u00e4re das der erste Satz, der mir in den Sinn k\u00e4me. Die Fernsehbilder aus New Orleans noch vor Augen, m\u00f6chte ich einem \u00dcberlebenden der Sintflut in der biblischen Erz\u00e4hlung am liebsten den Satz in den Mund legen: Mach das nie wieder, Gott!<\/p>\n<p>Seit biblischen Zeiten steht die Frage im Raum, wie Gott all das Zerst\u00f6rerische zulassen kann, das die Menschheit heimsucht. Oder ist es am Ende sogar Gott selber, der dieses \u00dcbel \u00fcber den Menschen verh\u00e4ngt, der Katastrophen nicht nur zul\u00e4sst sondern schickt? Solange wir Gott als Gott denken, k\u00f6nnen wir nicht anders, als ihn uns so allm\u00e4chtig vorzustellen, dass er auch die Kr\u00e4fte der Natur entfesseln und ihren Verlauf beherrschen kann. Gott, so wei\u00df die Bibel zu erz\u00e4hlen, schafft nicht nur Licht und Leben, sondern auch Finsternis und Unheil. W\u00fcrden wir Gott anders denken, w\u00e4re er nicht mehr der allm\u00e4chtige Sch\u00f6pfer des Himmels und der Erde, als den die Bibel ihn beschreibt. Und dennoch zeigt der Abschnitt aus dem 1. Buch Mose auch eine ganz andere Seite dieses Gottes. Gott gibt das Versprechen \u201eIch will es nie wieder tun!\u201c \u2013 so, als h\u00e4tte er sich wie ein Kind in der Wahl seiner Mittel vergriffen, h\u00e4tte nicht geahnt, was er da angerichtet hat. Ein Bibelwissenschaftler hat in diesem Zusammenhang einmal vom \u201eHerzensumsturz\u201c Gottes gesprochen, der in vielen prophetischen Texten des Alten Testaments zum Ausdruck kommt. Gott reut das B\u00f6se, das er seinem Volk oder der Menschheit insgesamt angedroht oder sogar bereits angetan hat, und er tut es nicht.<\/p>\n<p>Vielleicht ist es schwierig f\u00fcr uns, dies zu begreifen: der allm\u00e4chtige Gott, dessen Ratschl\u00fcsse als ewig gelten, wird in manchen biblischen Texten als ein Gott beschrieben, der durchaus seine Meinung und sein Empfinden \u00e4ndern kann. Ist Gott ein wankelm\u00fctiger Sch\u00f6pfer, ein \u201eWendehals\u201c, ein unzuverl\u00e4ssiges Gegen\u00fcber f\u00fcr den Menschen? Ist der Mensch der Willk\u00fcr Gottes ausgeliefert, seiner Tageslaune gleichsam, die niemand voraussehen kann?<\/p>\n<p><strong>Gott als Partner des Menschen <\/strong><\/p>\n<p>Der biblische Text der Sintfluterz\u00e4hlung zeigt vor allem eines: Gott ist ein Partner des Menschen, der einsieht, dass er eine Grenze \u00fcberschritten hat. Das ist f\u00fcr mich die eigentliche frohe Botschaft dieses biblischen Textes: nicht, dass die Wasser zur\u00fcckgehen und die Erde gerettet ist, nicht dass das B\u00f6se von der Erde getilgt und die ganze Sch\u00f6pfung gleichsam zur\u00fcck auf Anfang geschaltet worden ist, sondern die frohe Botschaft dieses Textes liegt darin, dass Gott kein selbstverliebter Despot, kein selbstherrlicher Diktator ist, sondern einer, der sein Handeln in Frage zu stellen und sich dem Menschen gegen\u00fcber selbst verpflichtet. Das ist f\u00fcr mich das entscheidend Neue dieses biblischen Gottes im Vergleich zu den G\u00f6ttern der anderen V\u00f6lker und Kulturen alttestamentlicher Zeit: Gott kehrt um, er verpflichtet sich gegen\u00fcber dem Menschen zu einem sch\u00fctzenden Handeln. Gott selber schr\u00e4nkt sich in seiner Allmacht ein, bindet sich an sein Versprechen, die Welt nicht mehr aus dem Takt geraten zu lassen.<\/p>\n<p>\u201eMach das nie wieder!\u201c \u2013 Dieser Satz kann leicht zum emp\u00f6rten Gebet eines Menschen werden, dessen Grenzen von Gott \u00fcberschritten wurde. Der Abschluss der Sintfluterz\u00e4hlung ermutigt uns dazu, dieses kurze Gebet unserem Gott zuzumuten: Mach das nie wieder! Das gilt f\u00fcr Naturkatastrophen und globale Unf\u00e4lle ebenso wie f\u00fcr das kleine private Ungl\u00fcck, die individuelle Not, die nur mich betrifft und mein Leben beschwert. Seit jenem Bogen, den Gott in die Wolken gesetzt hat, ist klar, dass Gott sich nicht als absolutistischer Herrscher aufspielt. Gott ist lernf\u00e4hig, ver\u00e4nderungsbereit. Auf einen solchen Gott kann ich mich einlassen. Auf einen Gott, der auf mein \u201eMach das nie wieder!\u201c reagiert und mir gegen\u00fcber eingesteht: \u201eIch will es nie wieder tun!\u201c<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Dr. Thomas Meurer<br \/>\nAmelsb\u00fcrener Str. 20<br \/>\n48165 M\u00fcnster<br \/>\nc\/o Philosophisch-Theologische Hochschule Sektion Praktische<br \/>\nTheologie Hohenzollernring 60<br \/>\n48145 M\u00fcnster<br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.pth-muenster.de\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">www.pth-muenster.de<\/a><br \/>\n<a href=\"mailto:thomasmeurer@t-online.de\">thomasmeurer@t-online.de<\/a> <\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>20. Sonntag nach Trinitatis | 9. Oktober 2005 |\u00a01. Mose 8, 18-22 | Thomas Meurer | Gottes Herzensumsturz \u201eMach das nie wieder!\u201c \u2013 Vom Zorn gesch\u00fcttelt steht Sebastian vor Kai und br\u00fcllt ihn aus Leibeskr\u00e4ften an. Mit seinen sieben Jahren ist er ganz und gar Emp\u00f6rung. 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