{"id":10739,"date":"2005-10-07T19:49:25","date_gmt":"2005-10-07T17:49:25","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=10739"},"modified":"2025-07-14T11:30:58","modified_gmt":"2025-07-14T09:30:58","slug":"matthaeus-22-1-14-3","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/matthaeus-22-1-14-3\/","title":{"rendered":"Matth\u00e4us 22, 1-14"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<h3><b><span style=\"color: #000099;\">20. Sonntag nach Trinitatis | 9. Oktober 2005 |\u00a0Matth\u00e4us 22, 1-14 | Lars Ole Gjesing |<\/span><\/b><\/h3>\n<p>(Text der d\u00e4nischen Perikopenordnung)<\/p>\n<p>Matth\u00e4us ist Prediger. Genau wie jeder andere, der die Geschichten Jesu weitergibt, tut er das nicht als Literaturgeschichtler, nicht, um neutralen Unterricht und Aufkl\u00e4rung f\u00fcr wohlmeinende Interessierte zu geben, sondern er tut das eben als Prediger, er tut es, um etwas zu bewirken, um mit seiner Weitergabe Menschenleben zu ver\u00e4ndern. Als Prediger hat Matth\u00e4us seine besonderen Eigenarten. Eine davon hat damit zu tun, wie er Gottes Langmut verk\u00fcndet. Die meisten Prediger wollen gern hervorheben, dass sie lange w\u00e4hrt. So geht es auch Matth\u00e4us, aber er will immer auch \u2013 und zwar mit gro\u00dfem Nachdruck \u2013 zu verstehen geben, dass sie wahrlich auch nicht unendlich ist, dass die Langmut ein Ende hat und dass sie nicht dasselbe ist wie mangelnder Ernst und Gleichg\u00fcltigkeit. Wenn Matth\u00e4us Jesu Gleichnis von der Hochzeit des K\u00f6nigssohnes nacherz\u00e4hlt, dann meldet sich der Nachdruck an zwei Stellen, wo die Menschen versagt haben.<\/p>\n<p>Das erste Mal ist das der Fall, als die Knechte des K\u00f6nigs angegriffen, misshandelt und get\u00f6tet worden sind; da wird \u2013 in der Wiedergabe des Matth\u00e4us \u2013 nicht einfach eine passend bemessene Strafe von Seiten des K\u00f6nigs verh\u00e4ngt, nein, er schickt seine Heere aus, l\u00e4sst die M\u00f6rder umbringen und z\u00fcndet die Stadt an, wo sie wohnen. Es ist wohlgemerkt ein Gleichnis, eine erdichtete Geschichte \u2013 kein Beispiel zur Nachahmung. Und als einer der zuletzt Eingeladenen nicht das Festkleid anhat, das man ihm gegeben hat, da wird er nicht blo\u00df durch die Hintert\u00fcr diskret nach drau\u00dfen bef\u00f6rdert \u2013 er wird an H\u00e4nden und F\u00fc\u00dfen gefesselt und hinausgeschmissen, und dort drau\u00dfen herrschen Heulen und Z\u00e4hneklappern. Lukas erz\u00e4hlt dasselbe Gleichnis in einer sehr viel milderen Form nach, so dass wir Stoff f\u00fcr einen Vergleich haben. Die prophetische Wut, die sich bei Matth\u00e4us findet, steht in dem Vergleich sehr deutlich da. Woher kommt sie? Was ist das f\u00fcr eine Wut?<\/p>\n<p>Es ist eine Wut, die in der gew\u00f6hnlichen Lebenserfahrung wohlbekannt und wohlbegr\u00fcndet ist. Es ist die Wut dar\u00fcber, dass Leute ihr Leben vergeuden, es vor\u00fcbergehen lassen, ohne es zu ergreifen, als w\u00e4re es nichts Besonderes. Es ist die Wut, die uns manchmal packen kann, wenn wir einem Menschen gegen\u00fcberstehen, der seine Lebensm\u00f6glichkeiten begraben hat und nun zu Hause sitzt und \u00fcber das vergeudete Leben nachgr\u00fcbelt, dar\u00fcber, was schief gegangen ist und woran man nun nichts mehr \u00e4ndern kann, tief versunken in seine eigenen halb neurotischen Probleme ohne den echten Wunsch, aus der Enge herauszukommen. \u2013 Es gibt auch Menschen, die da nicht herauskommen <em>k\u00f6nnen<\/em>, aber das ist eine andere Geschichte.<\/p>\n<p>In einer besonders starken Ausgabe k\u00f6nnen wir manchmal diese prophetische Wut bei einer besonders hart betroffenen Gruppe beobachten. Es kommt nicht so selten vor, dass ein Krebs- oder AIDS-Kranker, der nur noch kurze Zeit zu leben hat, in eine v\u00f6llig ruhige und intensive und abgekl\u00e4rte Lebensphase kommt, in der jeder einzelne Tag gelebt wird als die Kostbarkeit, die er ist, und in der das Gro\u00dfe gro\u00df ist und das Kleine klein. Von ihnen kann man hin und wieder diesen rasenden Ausfall gegen uns andere h\u00f6ren: Warum lasst ihr nur eure Tage so unbemerkt verstreichen? Warum lasst ihr eure Kinder hinter eurem R\u00fccken heranwachsen, w\u00e4hrend ihr herumsaust und euch in Arbeit und selbstgemachten Sorgen begrabt? Warum liebt ihr eure Frauen und Nachbarn nicht mit Verschwendung, anstatt den lieben langen Tag mit Kleinlichkeit und Irritation zwischen den N\u00e4chsten verstreichen zu lassen? Wenn der Horizont weit genug ist, wenn Leben und Tod zu Grenzen des Raumes werden, dann meldet sie sich wahr und unabweislich diese Wut oder diese tiefe Trauer \u00fcber Vergeudung, Kleinlichkeit, Undankbarkeit. F\u00fcr diese wohlbekannte und wohlbegr\u00fcndete Wut hat Matth\u00e4us einen besonders ausgebildeten Sinn. Aber er hat sie nicht erfunden. Und er hat sie auch nicht in die evangelische \u00dcberlieferung hineingebracht. Er hat sie mit Jesus gemein. Der Jesus, der manchmal mit einer unertr\u00e4glichen glanzbildartigen Milde abgebildet wird, wurde immer wieder von dieser prophetischen Wut ergriffen: als er angesichts der Beschr\u00e4nktheit der J\u00fcnger ausrufen muss: Wie lange soll ich dies Geschlecht ertragen? Als er den Tempel mit einer Gei\u00dfel reinigt, als er den Feigenbaum in bildlicher Handlung verflucht, als er die St\u00e4dte Chorazin und Betsaida wegen ihrer Hartherzigkeit verflucht und seine Generation mit beleidigten Kindern vergleicht, die nicht mitspielen wollen, obwohl sie zum Leben selbst aufgeboten worden sind. Und auch, als er <em>dieses<\/em> Gleichnis erz\u00e4hlt. Denn das Hochzeitsfest ist ein Bild des Lebens selbst, f\u00fcr das wir keine Zeit haben und an dem teilzunehmen wir leider ablehnen m\u00fcssen, weil wir uns in Kleinigkeiten verlieren, weil wir keine Zeit haben, weil wir vorher nur eben noch etwas anderes zu erledigen haben. Es leuchtet ein, dass die Wut dazugeh\u00f6rt. Es leuchtet ein, dass der Tag des Gerichts im Evangelium von der Sch\u00f6pferfreude und Liebe Gottes auftritt. Alles andere w\u00e4re Geschw\u00e4tz und Mangel an Ernst und Gleichg\u00fcltigkeit gegen\u00fcber dem Leben. Wir wissen es nur zu gut, wenn wir einmal unseren Blick von den kleinen und engen Dingen des Alltags l\u00f6sen.<\/p>\n<p>Was wir dagegen \u00fcberhaupt nicht wissen konnten, liegt in der Fortsetzung, au\u00dferhalb dieses Gleichnisses. Es liegt im Schluss des Evangeliums, wo Jesus die ganze Wut sich selbst treffen l\u00e4sst, wo er anbietet, unsere Strafe an Karfreitag mit seinem Leben zu bezahlen und wo Gott selbst am Ostertag sein Opfer annimmt. Ehre sei dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist, wie es war im Anfang, so auch jetzt und alle Zeit und in Ewigkeit. Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Pastor Lars Ole Gjesing<br \/>\n<\/strong><strong>S\u00f8ndergade 43<br \/>\n<\/strong><strong>DK-5970 \u00c6resk\u00f8bing<br \/>\n<\/strong><strong>Tel.: +45 62 52 11 72<br \/>\n<\/strong><strong>E-mail: <a href=\"mailto:logj@km.dk\">logj@km.dk<\/a><\/strong><\/p>\n<p><strong>\u00dcbersetzung aus dem D\u00e4nischen: Dietrich Harbsmeier <\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>20. Sonntag nach Trinitatis | 9. Oktober 2005 |\u00a0Matth\u00e4us 22, 1-14 | Lars Ole Gjesing | (Text der d\u00e4nischen Perikopenordnung) Matth\u00e4us ist Prediger. 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