{"id":10744,"date":"2005-10-07T19:49:22","date_gmt":"2005-10-07T17:49:22","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=10744"},"modified":"2025-07-14T11:50:40","modified_gmt":"2025-07-14T09:50:40","slug":"matthaeus-10-34-39-5","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/matthaeus-10-34-39-5\/","title":{"rendered":"Matth\u00e4us 10, 34-39"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<h3 style=\"text-align: left;\" align=\"center\"><span style=\"color: #000099;\">21. Sonntag nach Trinitatis | <\/span><span style=\"color: #000099;\">16. Oktober 2005 |\u00a0Matth\u00e4us 10, 34-39 |<\/span><span style=\"color: #000099;\">\u00a0Heribert Arens |<\/span><\/h3>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"center\"><strong>Wer sein Leben um meinetwillen verliert, gewinnt es <\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"left\"><strong>\u201eUm des lieben Friedens willen\u201c<\/strong><\/p>\n<p>Um des lieben Friedens willen tun oder unterlassen Menschen so manches. Sie geben klein bei, verzichten auf ihr gutes Recht, dr\u00fccken sich vor der l\u00e4ngst f\u00e4lligen Aussprache, umgehen notwendige Entscheidungen.<\/p>\n<p>Das kann ich sehr gut verstehen. Wer \u2013 au\u00dfer einigen geborenen Streith\u00e4hnen \u2013 f\u00fchlt sich schon wohl, wenn er Streit hat, wenn in seiner n\u00e4chsten Umgebung Leute mit einem langen Gesicht herumlaufen, ihn beleidigt ansehen oder zornentbrannt anfauchen, wenn man sich tagelang schweigend aus dem Weg geht, wenn Streit in der Familie den Feierabend zum Feuerabend verwandelt oder das gelockerte Gespr\u00e4ch zum verbissenen Schweigen.<\/p>\n<p>Um des lieben Friedens willen! Es ist oft sinnvoll und notwendig, aus diesem Motiv zu handeln. Es lohnt sich nicht, einiger Bagatellen wegen einen Streit vom Zaun zu brechen.<\/p>\n<p>Aber, so paradox das auch klingen mag, diese friedliche Einstellung kann auch zur Quelle von Streit, Hass und Feindschaft werden; sie kann Ursache unheilvoller Fehlentwicklungen sein. Um des lieben Friedens willen gibt es viel Unfrieden auf der Welt, davon bin ich \u00fcberzeugt. Wo ein Konflikt notwendig ist, wirkt dieser kleine Satz wie Reisig auf die Glut des schwelenden Konfliktes. F\u00fcr einen Augenblick mag die Glut verdeckt sein. Aber schon bald entsteht daraus ein loderndes Feuer.<\/p>\n<p>Um des Friedens willen ist es manchmal notwendig, einem Streit nicht aus dem Weg zu gehen, nicht klein beizugeben, nicht auf mein gutes Recht zu verzichten, die l\u00e4ngst f\u00e4llige Aussprache anzugehen, die notwendige Entscheidung zu f\u00e4llen. So fordert J\u00fcrgen Moltmann: \u201eWir m\u00fcssen es lernen, kritischer als fr\u00fcher zu unterscheiden zwischen der wahren und der falschen Vers\u00f6hnung.\u201c<\/p>\n<p><strong>Frohbotschaft ist Friedensbotschaft<\/strong><\/p>\n<p>Dieser Hintergrund hilft mir, den Predigttext besser zu verstehen, der mir zun\u00e4chst total gegen den Strich geht, der so gar nicht in mein Bild von Jesus passen will. Die Frohbotschaft Jesu ist ja zuerst eine Friedensbotschaft: \u201eFriede auf Erden den Menschen seiner Huld\u201c ist das Leitwort am Anfang seines Lebens. Liebe ist eines der Hauptthemen seiner Predigt. Und dann schl\u00e4gt er pl\u00f6tzlich solche T\u00f6ne an! Er redet vom Streit, den er bringen will, notfalls bis in die Familien hinein. Da muss ich schon erst einmal schlucken \u2013 und verdaut habe ich\u2019s dann noch lange nicht.<\/p>\n<p><strong>Warum redet Jesus in solcher Sch\u00e4rfe?<\/strong><\/p>\n<p>Vielleicht weil er wei\u00df, wie leicht man seine Botschaft vom Frieden vor den Karren eines falschen Friedens spannen kann. Dann mag zwar die Augenblickswirkung Frieden und Harmonie sein, aber die letzten Dinge sind schlimmer als die ersten. Darum scheut auch Jesus selbst sich nicht zu streiten: wenn es um das Gl\u00fcck des Menschen geht, wenn Missst\u00e4nde offenkundig sind, wenn seine Frohbotschaft Gefahr l\u00e4uft, verzerrt zu werden. \u201eSo nannte er seinen obersten Landesherrn einen Fuchs. Den F\u00fchrern seiner Religion sagte er \u201aihr Schlangenbrut!\u2019, Petrus, seinen engsten Mitarbeiter, f\u00e4hrt er an: \u201eWeiche Satan!\u2019\u201c (G. Mross)<\/p>\n<p>Er macht nicht gute Mine zum b\u00f6sen Spiel. Er streitet, wo es n\u00f6tig ist, damit dauerhafter Friede, dauerhaftes Gl\u00fcck, dauerhaftes Heil m\u00f6glich wird. Die Vers\u00f6hnung, die er erwirkt, ist teuer. Er erkauft sie um den Preis des Konfliktes. Das kostet ihm am Kreuz sein Leben. Wenn Jesus sagt, er sei gekommen, Streit zu bringen, dann ist das Ziel nicht der Streit, sondern dauerhafter Friede.<\/p>\n<p>Das hatte in seiner Nachfolge Paulus begriffen. Petrus verhielt sich in der Frage der Heidenchristen falsch. Das barg f\u00fcr die Entwicklung der Kirche ernsthafte Konflikte. In dieser Situation sagte Paulus nicht \u201eUm des lieben Friedens willen, Petrus, mach weiter so!\u201c Er sagte ihm: \u201eDein Weg ist falsch!\u201c \u2013 und widerstand ihm ins Angesicht.<\/p>\n<p>Franziskus von Assisi, dieser sympathische Heilige, der sogar den Tieren predigt, war \u00fcberzeugt von der Notwendigkeit der Idee der Armut und Geschwisterlichkeit f\u00fcr seine Zeit und f\u00fcr die Kirche seiner Zeit. Das f\u00fchrte zum Konflikt mit seiner Familie, insbesondere mit seinem Vater. Bis auf das letzte Hemd ging der Konflikt. Auf dem Marktplatz von Assisi, in Anwesenheit des Bischofs und vieler Schaulustiger zieht er sich nackt aus, gibt seinem Vater das letzte Hemd zur\u00fcck und sagt: \u201eJetzt habe ich keinen Vater mehr auf der Erde, jetzt sage ich \u201aVater im Himmel\u2019.\u201c Die vergangenen 800 Jahre der Kirchengeschichte zeigen, wie viel Friede durch diesen Mut zum Konflikt unter die Menschen gekommen ist. Wie viel ihn das gekostet hat, l\u00e4sst Franziskus gegen Ende seines Lebens durchblicken. Gefragt, was das Schwerste in seinem Leben gewesen sei, antwortet er: \u201eDas mit meinem Vater!\u201c<\/p>\n<p><strong>Liebe, Friede, Heilung, Freude<\/strong><\/p>\n<p>Dieses Evangelium muss im Zusammenhang der gesamten Frohbotschaft gesehen und verstanden werden. \u201eIch bin gekommen, Streit und Spaltung zu bringen\u201c \u2013 so programmatisch dieser Satz auch klingen mag, er bildet nicht die Zusammenfassung der Verk\u00fcndigung und des Lebenswerks Jesu. Die \u00dcberschrift \u00fcber sein Leben findet sich eher in W\u00f6rtern wie: Liebe, Friede, Heilung, Freude.<\/p>\n<p>Viele m\u00f6chten bei solchen Worten gern augenblickliche Ergebnisse \u201ewie Pulverkaffee, Fertigsuppen oder Bullrichsalz gegen Sodbrennen.\u201c (Th. Harris) Dieser Wunsch kann uns tats\u00e4chlich helfen, schon jetzt und hier mehr Friede, mehr Liebe, mehr Hoffnung, mehr Heilung, mehr Freude zu erleben.<\/p>\n<p>Dieser Wunsch kann aber auch dazu f\u00fchren, dass wir das Ziel mit dem Weg dorthin verwechseln, dass wir faulen Frieden schaffen \u2013 und damit den Weg in eine gute Zukunft verbauen. In solchen Situationen ist der Konflikt, der Mut zur Auseinandersetzung der einzige Weg in eine gute Zukunft. So steht denn auch das Wort vom Kreuz und vom Leben, des unseren heutigen Text abschlie\u00dft genau an der richtigen Stelle; denn zu seiner Nachfolge geh\u00f6rt es, solche Kreuze, wie es Konflikte und Auseinandersetzungen sind, zu tragen, wie er es getan hat. Und es stimmt: Wer (durch Ausweichen vor dem Not-Wendenden) sein Leben gewinnen will, der verliert es; wer es aber verliert, gewinnt es. Diese scheinbare Paradoxie ist gef\u00fcllt mit Erfahrung und Verhei\u00dfung.<\/p>\n<p>Von Liebe, Frieden, Heilung, Freude reden hei\u00dft, weil es dazugeh\u00f6rt: auch von Konflikten reden. Frieden erm\u00f6glichen hei\u00dft nicht selten: not-wendende Konflikte durchtragen. Mancher, der Konflikte durchgetragen hat, durfte begl\u00fcckt erleben: Sie sind kein Hindernis, sondern eine Br\u00fccke zum Frieden. So kann diese Auslegung des Textes in die paradoxe Einladung m\u00fcnden: Lassen Sie sich durch Jesu Wort Mut machen, notwendige Konflikte durchzustehen, damit Sie Frieden erleben k\u00f6nnen!<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>P. Heribert Arens ofm<br \/>\n<a href=\"mailto:heribert_arens@huelfensberg.de\">heribert_arens@huelfensberg.de<\/a> <\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>21. Sonntag nach Trinitatis | 16. 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