{"id":10746,"date":"2005-10-07T19:49:18","date_gmt":"2005-10-07T17:49:18","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=10746"},"modified":"2025-07-14T11:47:33","modified_gmt":"2025-07-14T09:47:33","slug":"johannes-4-46-53-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/johannes-4-46-53-2\/","title":{"rendered":"Johannes 4, 46-53"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<h3><span style=\"color: #000099;\">21. Sonntag nach Trinitatis | 16. Oktober 2005 |\u00a0Johannes 4, 46-53 | Arne \u00d8rtved | <\/span><\/h3>\n<p>(Text der d\u00e4nischen Perikopenordnung)<\/p>\n<p><em>Wenn ihr nicht Zeichen und Wunder seht, so glaubt ihr nicht!<\/em> Jesus mag es offenbar nicht, dass wir Zeichen sehen wollen; aber so sind wir nun einmal. Wir k\u00f6nnen es gar nicht sein lassen, nach Zeichen zu suchen. Das f\u00e4ngt eigentlich schon kurz nach der Geburt an, wenn die Stimme und N\u00e4he der Mutter Zeichen f\u00fcr Essen ist. Der S\u00e4ugling beginnt zu saugen, bevor er \u00fcberhaupt etwas zum Saugen hat; das Wasser l\u00e4uft ihm im Munde zusammen, und er kann mit Armen und Beinen fuchteln.<\/p>\n<p>Die Psychologen nennen so was einen <em>bedingten Reflex; <\/em>aber es ist doch eine Art Zeichen, das sich auf vielerlei Weise das ganze Leben hindurch fortsetzt. Wir sind die ganze Zeit auf Zeichen aus, was gleich oder in der Zukunft geschehen wird. Wir wollen Zeichen f\u00fcr das Wetter haben; ob es ein warmer Sommer werden, eine gute Ernte geben, ein harter Winter sein wird. Wir begn\u00fcgen uns nicht mit den Meteorologen; wir wenden uns auch an Wetterpropheten und uralte Hausregeln mit Zeichen, wie das Wetter sein wird.<\/p>\n<p>Es ist auch ein gutes Zeichen, wenn der Kranke wieder Appetit bekommt und nachts gut schl\u00e4ft. Und wenn V\u00e4terchen morgens unter der Dusche singt, dann wissen die Kinder, dass das ein Zeichen guter Stimmung ist und dass sie damit eine gute Gelegenheit haben, Verhandlungen \u00fcber eine Erh\u00f6hung des Taschengeldes einzuleiten. Zeichen k\u00f6nnen also mehr oder weniger vern\u00fcnftig sein; mehr oder weniger zuverl\u00e4ssig.<\/p>\n<p>Hunde kennen auch Zeichen. Wenn man zur Hundeleine greift oder mit der T\u00fcte mit den Hundekuchen rasselt, ja, wenn der Hund nur die Schritte auf der Treppe h\u00f6rt, dann geht der Schwanz wie ein Propeller. Aber der Hund kann ja nicht so gut \u00fcber alle die Zeichen philosophieren, die er kennt und liebt oder f\u00fcrchtet. Er kann weder Gott noch das Schicksal oder den Sinn des Daseins damit verbinden. Beim Hund ist tats\u00e4chlich von bedingten Reflexen die Rede, auch wenn wir uns dar\u00fcber wundern m\u00f6gen, wie gut entwickelt diese Reflexe bei Hunden sind, so dass wir glauben, Hunde seien wie Menschen. Aber Hunde sind wie neugeborene Kinder: Sie reagieren auf W\u00e4rme, Liebe, Essen; und erst sp\u00e4ter entwickelt es sich zu eigentlichen Zeichen.<\/p>\n<p>Ich erinnere mich an viele Zeichen aus meiner Kindheit. Manchmal waren sie recht albern und manchmal auch todernst. Wenn man auf dem B\u00fcrgersteig ging, durfte man auf keinen Fall auf einen Strich zwischen den Fliesen treten, denn dann k\u00fcsste man einen Neger. Da ging es darum, wirklich auf die Striche aufzupassen. Aber dann konnte man ein heimliches Zeichen mit sich selbst verabreden, dass man stattdessen seine Sch\u00fclerliebe k\u00fcsste, und dann galt es nat\u00fcrlich, so oft wie m\u00f6glich auf die Striche zu treten; denn jetzt war es ein gutes Zeichen.<\/p>\n<p>Wenn man erwachsen geworden ist, entdeckt man, dass das Dasein voller Zeichen ist; aber oft ist man taub oder blind f\u00fcr sie. Erst im Nachhinein \u2013 wenn die Katastrophe eingetreten ist \u2013 kann man sehen, dass es massenhaft Zeichen gegeben hat. Manche Menschen sind sehr wachsam in dieser Beziehung und sehen pausenlos Zeichen. Vielleicht ist es eine Frage des Temperaments oder eine besondere F\u00e4higkeit dieser Menschen.<\/p>\n<p>Aber dann ist es ja auch so, dass Zeichen so undeutlich sein k\u00f6nnen. Man muss sie nicht nur selbst entdecken; man muss auch selbst durchschauen, was sie bedeuten. Es gen\u00fcgt nicht, ein Zeichen zu sehen, ohne dass man wei\u00df, wof\u00fcr das ein Zeichen ist. Dann schaden sie mehr als sie n\u00fctzen. Deshalb sind Zeichen mit Glauben und mit Aberglauben verbunden; mit Falschheit und mit Aufkl\u00e4rung; mit L\u00fcge und mit Wahrheit; mit Anleitung und Irreleitung.<\/p>\n<p>Darum ist es vielleicht auch gar nicht so verkehrt, dass man gelegentlich gern Zeichen \u00fcbersehen m\u00f6chte. Es kann ja sein, dass sie auf etwas hindeuten, was man nicht wahrhaben m\u00f6chte. Und dann ist es gar nicht mehr so unschuldig wie damals, als man noch ein Kind war. Die Zeichen verraten das Schicksal, das einen erwartet, und k\u00f6nnen von Ungl\u00fcck, Liebe und Tod erz\u00e4hlen. Und damit stellt sich die Frage: Wo kommen die Zeichen her? Wer schickt sie? Und dann haben die Zeichen im Ernst etwas mit Glauben zu tun.<\/p>\n<p>Wenn unser Leben wirklich voller Zeichen ist, dann muss es eine h\u00f6here Macht geben, die einen Plan mit uns hat und uns durch das Leben geleitet. Diese h\u00f6here Macht mag man als kalt und unberechenbar oder als wohlgesonnen und warm erleben. Auch aus diesem Grunde sind die Zeichen ja auch spannend: m\u00f6gen die h\u00f6heren M\u00e4chte uns, und sind sie von wohlgesonnener Art?<\/p>\n<p>Aber da zeigen sich die Menschen in all ihrer Treulosigkeit. Im einen Augenblick loben wir Gott in hohen T\u00f6nen, n\u00e4mlich wenn er uns verw\u00f6hnt und wenn es uns gut geht im Leben und wir gl\u00fccklich sind. Aber im n\u00e4chsten Augenblick, wenn es dann anf\u00e4ngt, schief zu gehen, dann k\u00f6nnen wir denselben Gott verfluchen. Dann ist er pl\u00f6tzlich grausam und ungerecht. So etwas hat nichts mit Glauben zu tun, sondern ist vielleicht genau jene Selbstbespiegelung, auf die Jesus es abgesehen hat, wenn er Menschen ihr Verlangen nach Zeichen vorwirft. Sie wollen nur sich selbst und ihre eigenen W\u00fcnsche in den Zeichen sehen.<\/p>\n<p>Ja, aber, wie steht es mit Jesus selbst? Ist er nicht ein Zeichen? War alles, was er tat und sagte und lebte, nicht Zeichen von irgendetwas? Wer war er im Grunde? War er Gottes Sohn, wie man behauptete? Oder war er nur ein Mensch, der sich nur etwas vom Gew\u00f6hnlichen unterschied und ungl\u00fccklich umkam? Oder war er geradezu vom Teufel geschickt, um Menschen von ihrem wahren Glauben wegzulocken? Man hat alle drei Antworten gegeben.<\/p>\n<p>Und alles, was er sagte? \u2013 seine Reden und seine Gleichnisse? Ist Gott wirklich so, wie er ihn darstellte? Gleicht das Reich Gottes den Bildern, die er in seinen kurzen provozierenden Erz\u00e4hlungen schilderte? \u2013 Und wenn er zu einem Menschen sagte: <em>Deine S\u00fcnden sind dir vergeben!, <\/em>waren die S\u00fcnden dann wirklich vergeben, oder war das nur Schall und Rauch?<\/p>\n<p>Und die Heilungen, die Jesus vornahm? Sind sie Zeichen, dass er Gottes Sohn war? Oder ist er nur ein Schwindler? Schon damals verd\u00e4chtigten sie ihn, Menschen mit dem Finger des Teufels zu heilen. Wenn Jesus Gottes Sohn ist, wof\u00fcr sind seine Heilungen dann ein Zeichen? Dass Gott F\u00fcrsorge f\u00fcr uns alle hat, ungeachtet ob wir geheilt werden, oder sind wir ihm gleichg\u00fcltig?<\/p>\n<p>Als die Frauen am Ostersonntag zu seinem Grab kamen, fanden sie es leer! Wof\u00fcr war das ein Zeichen? War die Leiche gestohlen worden? War sie bei dem Erdbeben in einem Felsspalt verschwunden? Oder war er auferstanden von den Toten, was die Frauen bekanntlich glaubten? Und wof\u00fcr war dann diese Auferstehung gegebenenfalls ein Zeichen? Dass sich da eine Sensation ereignet hatte? Dass Jesus den Tod \u00fcberwunden hatte? Dass seine Auferstehung den Tod auch f\u00fcr uns \u00fcberwunden hatte?<\/p>\n<p>Alle Zeichen werfen also ebenso viele Fragen auf, wie sie beantworten. Kein Zeichen aber hat so viele Fragen aufgeworfen wie der Mensch Jesus von Nazareth. Er, den sie Christus nannten, Gottes Sohn, Erl\u00f6ser der Menschen. Die Fragen stellen sich f\u00fcr jede neue Generation: und es gibt niemanden sonst, sie zu beantworten, als uns, denen sie gestellt werden. Wer ist er? Was bedeuten seine Worte und seine Heilungen? Wof\u00fcr ist sein Tod und seine Wiederauferstehung ein Zeichen?<\/p>\n<p>Das sind viele herausfordernde Fragen, die man auf sachliche Art und Weise nicht beantworten kann. Es gibt keine Beweise oder objektive Tatsachen. Wir m\u00fcssen sie auf eigene Rechnung und eigenes Risiko beantworten. Das ist es, was Glaube hei\u00dft. Jedoch sind wir Gott sei Dank nicht allein, denn sonst k\u00e4me nichts dabei heraus. Wir haben eine ganze Gemeinde hinter uns, \u2013 nicht nur wir, die wir heute in der Kirche sind, sondern alle die, die uns vorangegangen sind; diejenigen, die anfingen, alle die Geschichten \u00fcber ihn zu erz\u00e4hlen; diejenigen, die sie niederschrieben; diejenigen, die sie \u00fcber die ganze Welt verbreiteten; diejenigen, die sie hierzulande annahmen; diejenigen, die sie an ihre Kinder weitergaben, indem sie sie taufen lie\u00dfen und daf\u00fcr sorgten, dass sie das alles lernten. Diejenigen, die uns in das alles mit hineinbrachten!<\/p>\n<p>Eigentlich ist das ein phantastisches Projekt, in das man da ger\u00e4t, wenn man in der Kirche ist. Alles ist voller Zeichen, die Fragen an einen stellen; und zugleich werden einem die Antworten mit dem Glaubensbekenntnis in den Mund gelegt, mit den Liedern, Gebeten und was hier sonst noch so geschieht. Man kann fast nicht au\u00dfenvor bleiben, obwohl Kirchgang und Glaube vielleicht nicht zu den st\u00e4rksten Seiten geh\u00f6ren, die man hat.<\/p>\n<p>Wieder gibt es heute hier in der Kirche starke Zeichen, dass Jesus Herr \u00fcber Leben und Tod und damit wirklich Gottes Sohn ist. Und wir <em>haben<\/em> die Antwort, n\u00e4mlich dass wir daran glauben. Und jetzt sollen wir hinausgehen und davon leben. Und daraus wird bestimmt kein schlechtes Leben werden. Im Gegenteil, alles hier ist Zeichen f\u00fcr ein gutes und starkes Leben f\u00fcr uns mit all der Kraft, die Gottes Sohn in es gelegt hat, wie immer es dann im \u00dcbrigen verlaufen mag. Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Pastor Arne \u00d8rtved<br \/>\n<\/strong><strong>Birkeb\u00e6k 8<br \/>\n<\/strong><strong>DK-7330 Brande<br \/>\n<\/strong><strong>Tlf.: ++ 45 \u2013 97 18 10 98<br \/>\n<\/strong><strong>E-mail: <a href=\"mailto:ortved@mail.dk\">ortved@mail.dk<\/a><\/strong><\/p>\n<p align=\"left\"><strong>\u00dcbersetzung aus dem D\u00e4nischen: Dietrich Harbsmeier <\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>21. Sonntag nach Trinitatis | 16. Oktober 2005 |\u00a0Johannes 4, 46-53 | Arne \u00d8rtved | (Text der d\u00e4nischen Perikopenordnung) Wenn ihr nicht Zeichen und Wunder seht, so glaubt ihr nicht! Jesus mag es offenbar nicht, dass wir Zeichen sehen wollen; aber so sind wir nun einmal. Wir k\u00f6nnen es gar nicht sein lassen, nach Zeichen [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":14801,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[39,542,1,727,1170,185,157,853,114,237,349,3,109],"tags":[],"beitragende":[],"predigtform":[],"predigtreihe":[],"bibelstelle":[],"class_list":["post-10746","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-johannes","category-21-so-n-trinitatis","category-aktuelle","category-archiv","category-arne-ortved","category-aus-dem-daenischen","category-beitragende","category-bibel","category-deut","category-kapitel-04-chapter-04","category-kasus","category-nt","category-predigten"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/10746","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=10746"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/10746\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":25223,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/10746\/revisions\/25223"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media\/14801"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=10746"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=10746"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=10746"},{"taxonomy":"beitragende","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/beitragende?post=10746"},{"taxonomy":"predigtform","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtform?post=10746"},{"taxonomy":"predigtreihe","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtreihe?post=10746"},{"taxonomy":"bibelstelle","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/bibelstelle?post=10746"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}