{"id":10754,"date":"2005-10-07T19:49:15","date_gmt":"2005-10-07T17:49:15","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=10754"},"modified":"2025-07-14T13:03:08","modified_gmt":"2025-07-14T11:03:08","slug":"matthaeus-1821-35-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/matthaeus-1821-35-2\/","title":{"rendered":"Matth\u00e4us 18,21-35"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<h3><b><span style=\"color: #000099;\">22. Sonntag nach Trinitatis | 23. Oktober 2005 |\u00a0Matth\u00e4us 18,21-35 | Niels Henrik Arendt |<\/span><\/b><\/h3>\n<p>(Text der d\u00e4nischen Perikopenordnung)<\/p>\n<p>Die Erz\u00e4hlung von dem Schalksknecht ist nicht so schwer zu verstehen. Die Schwierigkeit liegt eher darin, ihre Botschaft zu akzeptieren, sich vor dem zu <em>beugen<\/em>, was sie \u00fcber unser Verh\u00e4ltnis zu Gott und \u00fcber unser Verh\u00e4ltnis zueinander sagt. Unmittelbar k\u00f6nnen wir alle h\u00f6ren, dass der verschuldete Knecht falsch handelt. Es geht nicht an, einem Mitknecht gegen\u00fcber so unangemessen kleinlich zu sein, wo er doch selbst gerade eben so gro\u00dfz\u00fcgig behandelt worden ist. Aber wenn die Erz\u00e4hlung nun sagen will, dass <em>wir<\/em>uns geben\u00fcber unseren Mitmenschen oft so benehmen, dann will uns das nicht einleuchten. Erstens k\u00f6nnen wir nicht richtig sehen, dass wir eine solche Gro\u00dfz\u00fcgigkeit erlebt haben sollen, und zweitens werden die meisten von uns der Meinung sein, dass wir nur angemessene und gerechte Forderungen an das Dasein stellen. An wen Jesus mit seiner Geschichte auch immer gedacht haben mag, wir k\u00f6nnen es jedenfalls nicht sein.<\/p>\n<p>Das Problem besteht darin, dass es uns schwer f\u00e4llt, uns selbst als Schuldner zu betrachten. Wir meinen nicht, dass wir so etwas \u00dcberw\u00e4ltigendes und Unverdientes erleben wie der Knecht, als sein Herr ihm alle Schuld erl\u00e4sst, denn wir meinen nicht, dass wir in einer vergleichbar hoffnungslosen Lage sind wie er. Unsere Schuld Gott gegen\u00fcber ist nicht bodenlos, wir sind nicht zahlungsunt\u00fcchtig. Und es ist genau dasselbe, was der verschuldete Knecht von sich selbst meint \u2013 der K\u00f6nig tut wohl eigentlich nur das, was ein K\u00f6nig zu tun hat. Was sein Verh\u00e4ltnis zu dem anderen Knecht angeht, ist eine ganz andere Geschichte.<\/p>\n<p>Was denken wir, wenn in der Kirche von Gottes Barmherzigkeit und Vergebung gesprochen wird? Denken wir nicht: ja, es ist wohl Gottes Job, Gottes Aufgabe zu vergeben. Das ist es, was man von Gott erwarten kann, dass man uns nicht zur Rechenschaft zieht f\u00fcr das, was wir an kleinen Versehen und Schnitzern begehen. Was hier in der Kirche gesagt wird, als etwas wirklich Erfreuliches und Gro\u00dfz\u00fcgiges zu erleben, setzt voraus, dass man etwas weniger Erfreuliches hierher mitbringt, von dem man dann befreit w\u00fcrde. Aber das ist unsere Schwierigkeit im Verh\u00e4ltnis zur Botschaft der Kirche, dass die Rede davon, dass wir S\u00fcnder oder Schuldner sind, uns nicht richtig angeht oder trifft.<\/p>\n<p>Was f\u00fcr eine S\u00fcnde oder Schuld ist es denn, an die man in der Kirche immerzu erinnert werden soll, mit der aber die wenigsten irgendetwas verbinden k\u00f6nnen, wenn sie die Kirche wieder verlassen haben? Wie kann man eine S\u00fcnde bereuen, wenn man eigentlich gar nicht f\u00fchlt, dass man etwas zu bedauern hat? Wie kann der Gottesdienst ein Fest sein, wenn die festliche Botschaft gar nicht auf einen selbst gem\u00fcnzt ist?<\/p>\n<p>Nun k\u00f6nnen wir heute wohl sehen, dass wir nicht die Ersten sind, denen es so geht. Petrus, der Jesus fragte, wie oft er seinem Bruder vergeben solle, erging es ebenso. Er war selbst nicht der Auffassung, dass er ein elender und schuldbeladener Mensch sei \u2013 sonst h\u00e4tte er nicht so gefragt. Und der Knecht, von dem Jesus erz\u00e4hlt, meinte wohl auch, dass er blo\u00df bekam, worauf er ein Recht hatte, als ihm seine gro\u00dfen Schulden erlassen wurden. Wir sind nicht die Ersten, die so ihre Schwierigkeiten mit dem Wort \u201eSchuld\u201d haben. Es ist auch so, dass die Worte \u201eSchuld\u201c und \u201eVergebung\u201c so oft und so gedankenlos gebraucht werden k\u00f6nnen, dass sie ihre Bedeutung verlieren; sie sind wie ein Bonbon, auf dem man behaglich lutscht, und wenn jemand fragen sollte: \u201eWas ist das f\u00fcr eine furchtbare S\u00fcnde, von der du die ganze Zeit redest?\u201c, dann wei\u00df der Betreffende keine Antwort.<\/p>\n<p>Es kennzeichnet unsere Gegenwart, dass wir gelernt haben, dass auch wenn es um das Handeln von Menschen geht, menschliche Fehler ihre Erkl\u00e4rung und ihre Ursache haben. Deshalb ergibt es keinen Sinn f\u00fcr uns, diese Fehler \u201eS\u00fcnden\u201c zu nennen, als w\u00e4ren sie etwas, was uns schuldig macht, etwas, wof\u00fcr wir selbst etwas k\u00f6nnen. \u201eMan kann ja nicht daf\u00fcr, nicht wahr?\u201c<\/p>\n<p>Zugleich sind wir uns einigerma\u00dfen einig, dass jeder Mensch im Grunde Anspruch auf Gl\u00fcck hat. Ja, im Blick auf uns selbst sind wir dessen so sicher, dass wir sogar willens sind, unser eigenes Gl\u00fcck mit dem Ungl\u00fcck anderer zu erkaufen. Wir haben ein Recht im Verh\u00e4ltnis zu unseren Mitmenschen; nicht dass wir nicht R\u00fccksicht auf sie n\u00e4hmen, aber stehen sie unserem Gl\u00fcck im Wege, dann d\u00fcrfen wir sie zur Seite schieben. Gelegentlich tun wir das mit der lahmen Entschuldigung, dass das auch zu deren eigenem Vorteil geschehe. Gestern las ich von einer Frau, die ihre Ehe um eines anderen Mannes willen aufgegeben hatte und in Bezug auf ihre Kinder das Argument gebrauchte: f\u00fcr sie w\u00e4re es ja nicht gut, wenn sie ihre Mutter ungl\u00fccklich s\u00e4hen. Wir h\u00f6ren nicht einmal, wie hohl das klingt. Obwohl wir es sicherlich h\u00f6ren w\u00fcrden, wenn jetzt der Knecht in der Erz\u00e4hlung Jesu zu seinem armen Kollegen sagen w\u00fcrde: \u201eEs geschieht zu deinem eigenen Vorteil, dass du und deine Familie ins Schuldgef\u00e4ngnis geworfen werdet. Euch ist damit am besten gedient, dass ihr meinem Erfolg nicht im Wege steht!\u201c<\/p>\n<p>Nein, die christliche Botschaft trifft uns nicht richtig. Es fehlt sozuagen ein \u201eerkenntnism\u00e4\u00dfiger Durchbruch\u201c, wie ein Politiker einmal gesagt hat. Wir k\u00f6nnen uns sicher einigen, dass es vielen Menschen heute bestimmt nicht allzu gut geht. Es ist Sand im Getriebe an allzu vielen Stellen, Menschen f\u00fchlen sich zum alten Eisen geworfen, sie sind einsam, beginnen mit Missbrauch von Alkohol oder Narkotika, sind nervlich am Ende, f\u00fchlen sich von allen Seiten in Bedr\u00e4ngnis, sind gestresst auf Grund der Forderungen, denen sie nicht gerecht werden k\u00f6nnen, oder sie meinen, ihre Arbeit sei nicht sinnvoll, sie meinen, dass sie ihren Kindern gegen\u00fcber versagen; sie haben ein schlechtes Gewissen, weil sie sich zu wenig um die Alten k\u00fcmmern. Usw. usw.<\/p>\n<p>Aber all diese Schlechtigkeit ist niemandes Schuld. Oder andere sind daran schuld. Oder es ist wom\u00f6glich die Schuld der anonymen Gesellschaft \u2013 auf sie kann man die Schuld immer schieben. Aber das bedeutet keine Besserung.<\/p>\n<p>Den erkenntnism\u00e4\u00dfigen Durchbruch, von dem ich sprach, nennt das Christentum Bekehrung \u2013 auch eines der W\u00f6rter, die Menschen von heute wohl nur schwer verstehen. Aber das Christentum dreht die Dinge wirklich um, es verlangt von dir, dass du das Dasein genau auf die entgegengesetzte Art und Weise betrachten sollst, wie du es zu tun pflegst. Das Christentum sagt zun\u00e4chst, dass nicht du es bist, der Anspruch auf das Gl\u00fcck oder etwas anderes hat, nein, du bist es, auf den Anspruch erhoben wird. Es sind die anderen, die Anspruch auf dich haben. Du hast den anderen gegen\u00fcber nicht Recht, denn du hast von vornherein mehr bekommen, als du verdient hast. Du bist immer zu sp\u00e4t dran mit der R\u00fcckzahlung. Du schuldest. Du bist es, der seinem Mitmenschen etwas schuldet. Und wenn es ihm oder ihr schlecht geht oder wenn es dir selbst schlecht geht, dann bist du es, der versagt hat.<\/p>\n<p>Dahin zu gelangen, dass man diese Wendung um 180 Grad vornimmt, ist nicht leicht. Die Dinge umgekehrt zu sehen, als wir es gewohnt sind, das ist mehr als schwierig. Um uns zu helfen, damit wir die Dinge in <em>diesem<\/em> Licht sehen k\u00f6nnen, hat Gott einen merkw\u00fcrdigen Entschluss gefasst. Er beschloss selbst die Schuld auf sich zu nehmen. \u201eGib mir die Schuld f\u00fcr das Elend\u201c, sagte er zu den Menschen durch Jesus. Wie klingt es, dass \u201edie Schuld bei Gott liegt\u201c? Ja, zun\u00e4chst einmal w\u00fcrden wir vielleicht sagen: Ja, es ist Gottes Schuld; er hat schlie\u00dflich das Leben so kompliziert geschaffen, die Verantwortung f\u00fcr diese Bescherung muss bei ihm liegen. Aber bei n\u00e4herem Zusehen erweist sich dieser Gedanke nat\u00fcrlich als wahnwitzig. Das w\u00e4re dasselbe, wie wenn der Knecht zu seinem Mitknecht sagen wollte: Es ist die Schuld des K\u00f6nigs, dass du ins Gef\u00e4ngnis kommst!<\/p>\n<p>Wenn zwei Geschwister Unfug gemacht haben und sich gegenseitig die Verantwortung zuschieben, d.h. von sich selbst abwenden wollen, und wenn dann ihr kleinerer Bruder (oder die kleinere Schwester), der (oder die) absolut nichts mit der Angelegenheit zu tun hatte, um Vers\u00f6hnung zu stiften, das Versehen eingesteht, f\u00fchlen sie vielleicht zun\u00e4chst, dass sie jetzt noch einmal davongekommen sind. Aber bei n\u00e4herem Nachdenken denken sie: nein, das ist zu viel \u2013 und dann legen sie ein Gest\u00e4ndnis ab. Und so wird die Vers\u00f6hnung zuwege gebracht.<\/p>\n<p>Das Christentum handelt von einer solchen Vers\u00f6hnung. Es erz\u00e4hlt, dass die Vers\u00f6hnung mit Gott zuwege gebracht ist \u2013 Gott har in seiner Barmherzigkeit dem Menschen die Hand gereicht. Aber es bedarf keinen scharfen Blicks, um zu sehen, dass die Vers\u00f6hnung zwischen Menschen noch nicht zuwege gebracht ist. Und zwar deshalb, weil wir noch nicht erkannt haben, wie freigebig, wie gro\u00dfz\u00fcgig, wie barmherzig Gott uns behandelt hat. Wir m\u00fcssen erst noch lernen, unseren Mitmenschen im Licht der Liebe zu sehen, die uns zuteil geworden ist. Das Christentum sagt, dass all unser Elend daher kommt und dass, wenn wir wirklich aufh\u00f6ren wollen, die Dinge auf dem Kopfe zu sehen, und wenn wir sie sehen, wie sie wirklich sind, dann alles Elend wie Tau vor der Sonne verschwinden wird. Dann w\u00fcrde die Gemeinschaft endlich beginnen, unter uns zu heranzuwachsen. Dann w\u00fcrden wir anfangen, anstatt an unserer eigenen Freude an der gegenseitigen Freude zu arbeiten. Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Bischof Niels Henrik Arendt<br \/>\n<\/strong><strong>Ribe Landevej 37<br \/>\n<\/strong><strong>DK-6100 Haderslev<br \/>\n<\/strong><strong>Tel.: +45 74 52 20 25<br \/>\n<\/strong><strong>E-mail: <a href=\"mailto:nha@km.dk\">nha@km.dk<\/a><\/strong><\/p>\n<p align=\"left\"><strong>\u00dcbersetzung aus dem D\u00e4nischen: Dietrich Harbsmeier <\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>22. Sonntag nach Trinitatis | 23. Oktober 2005 |\u00a0Matth\u00e4us 18,21-35 | Niels Henrik Arendt | (Text der d\u00e4nischen Perikopenordnung) Die Erz\u00e4hlung von dem Schalksknecht ist nicht so schwer zu verstehen. 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