{"id":10755,"date":"2005-10-07T19:49:25","date_gmt":"2005-10-07T17:49:25","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=10755"},"modified":"2025-07-14T13:01:32","modified_gmt":"2025-07-14T11:01:32","slug":"matthaeus-1815-20","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/matthaeus-1815-20\/","title":{"rendered":"Matth\u00e4us 18,15-20"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<h3><b><span style=\"color: #000099;\">22. Sonntag nach Trinitatis | 23. Oktober 2005 |\u00a0Matth\u00e4us 18,15-20 | Michael Plathow |<\/span><\/b><\/h3>\n<p><strong>Meditation zum Predigttext <\/strong><\/p>\n<p>Als Kind habe ich nicht selten beim Lesen einer Geschichte den Schluss vorausgelesen, als jugendlicher Kriminalromanleser das Ende mit der L\u00f6sung und als Erwachsener das Summarium eines Buches. So soll es auch bei diesem Predigttext geschehen, eingezeichnet in den unmittelbaren Zusammenhang des Matth\u00e4usevangeliums. Die letzten Worte Jesu Christi in Mt 18, 20 \u201c&#8230;, da bin ich mitten unter ihnen\u201d erschlie\u00dfen den ganzen Text als Evangelium. Der unmittelbare Zusammenhang der Perikope (Mt 18, 12 &#8211; 14 und Mt 18, 21 &#8211; 33) erz\u00e4hlen: das Evangelium erweist sich als Verhei\u00dfung der Vergebung, der unbegrenzten Vergebung. 1. Das Wort der Vergebung ist es, wovon die Gemeinde der Glaubenden lebt. 2. Die im Namen Jesu Christi verbundenen Gemeinde betet unter der Verhei\u00dfung und in der Gewissheit, dass ihre Gebete geh\u00f6rt und erh\u00f6rt werden. 3. Das Wort der Vergebung und das Gebet pr\u00e4gen das seelsorgerliche Miteinander in der Gemeinde selbst in Konfliktsituationen.<\/p>\n<p>1. Gegenwart Christi in der heutigen Zeit<\/p>\n<p>Die Verhei\u00dfung der Gegenwart Christi durchzieht die neutestamentlichen Zeugnisse (Mt 18, 20; 28, 20). Und Evangelium meint nicht nur die Botschaft von Jesus Christus, sondern gerade den gegenw\u00e4rtig das Heil wirkenden Christus. Die Schmalkaldischen Artikel III, 4 sagen sehr andringend, dass das Evangelium, also der Christus praesens, sich vergegenw\u00e4rtigend zueignet in der Predigt des Evangeliums, im Abendmahl, in der Taufe, im Zuspruch der Vergebung der S\u00fcnden und auch im geschwisterlichen Gespr\u00e4ch und Trostwort in der Gemeinde (mutuum colloquium et consolatio fratrum et sororum). Den jungen Dietrich Bonhoeffer, an den wir in diesem Jahr besonders gedenken, trieb die Frage nach der Gegenwart Christi in seinem theologischen Denken um. In der Gemeinde als \u201csanctorum communio\u201d, als Gemeinschaft der Heiligen, vergegenw\u00e4rtigt und bewahrheitet sich der lebendige Christus; sie ist der \u201cLeib Christi\u201d und er ihr \u201cHaupt\u201d. Die einf\u00fcrallemal geltende Stellvertretungstat Jesu Christi am Kreuz erweist sich als Lebensgrund der christlichen Gemeinde und ihres Lebensprinzip im Miteinander und stellvertretendem F\u00fcreinander, d. h. konkret im Dasein f\u00fcr den Anderen &#8211; sp\u00e4ter spricht Bonhoeffer von der \u201cKirche f\u00fcr andere\u201d &#8211; in der F\u00fcrbitte und im gegenseitigen Zuspruch der Vergebung.<\/p>\n<p>\u201cChristus als Gemeinde existierend\u201d vergegenw\u00e4rtigt sich so h\u00f6chst konkret im Wort der Vergebung.<\/p>\n<p>Weil uns S\u00fcndern Vergebung zugesagt ist in dem, was Jesus Christus stellvertretend f\u00fcr uns am Kreuz getan hat &#8211; er hat meine S\u00fcnde im \u201cseligen Tausch\u201d zu seiner und seine Gerechtigkeit zu meiner gemacht, wie Martin Luther sagt &#8211; k\u00f6nnen und sollen auch wir in seiner Nachfolge einander vergeben:, wie wir im Vaterunser bitten \u201cvergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern\u201d: Schuldenerlass und S\u00fcndenerlass, wie Rahmenerz\u00e4hlungen unserer Perikope berichten, dem konkreten einzelnen nachgehend und zugleich bedingungslos geltend. Die Macht der S\u00fcnde ist durch Christi Stellvertretungstod schon vernichtet, damit der durch den Geist des Auferstandenen neugeschaffene Mensch f\u00fcr Gott und f\u00fcr den Anderen lebt; getauft sind sie, hineingenommen in Christi Tod und Auferstehung (R\u00f6m 6), und d\u00fcrfen und k\u00f6nnen als \u201cneue Gesch\u00f6pfe\u201d (2. Kor 5, 17) das Vergebungswort weitergeben und Vers\u00f6hnung aus der Vergebung wirken. Denn &#8211; wie der Wochenspruch zuruft &#8211; \u201cbei die ist die Vergebung, dass man dich f\u00fcrchte\u201d (Ps 130, 4).<\/p>\n<p>Aus dem privaten und zwischenmenschlichen Bereich wissen wir, dass das Wort \u201cIch vergebe dir\u201d Zukunft gelingenden Zusammenlebens er\u00f6ffnet, der unbarmherzige Gl\u00e4ubiger in Jesu Gleichniserz\u00e4hlung aber Mauern der Feindschaft und Z\u00e4une der Ungerechtigkeit errichtet, alles, was weder Zukunft hat noch Leben f\u00f6rdert.<\/p>\n<p>Dasselbe gilt aber auch im zwischenkirchlichen und gesellschaftlichen Bereich: welch Zukunft er\u00f6ffnende Bedeutung hatte das \u201cStuttgarter Schuldbekenntnis\u201d f\u00fcr die evangelische Kirche in Deutschland, welche Bedeutung das Schuldbekenntnis von Papst Johannes Paul II. im \u201cHeiligen Jahr\u201d 2000. In diesem Jahr sei an die Vers\u00f6hnung stiftende Ostdenkschrift der EKD \u201cDie Lage der Vertriebenen und das Verh\u00e4ltnis des deutschen Volkes zu seinen \u00f6stlichen Nachbarn\u201d (1. 10. 1965) erinnert, die Barrieren zwischen Deutschland und Polen \u00fcberwandt. Auch sei an das Projekt \u201cHealing of Memories\u201d in Rum\u00e4nien erinnert, das entsprechend der Erfahrungen der Wahrheitskommissionen in S\u00fcdafrika und der interkonfessioneller \u201cgrassroot\u201d-Gruppen in Nordirland im Erinnern Vergebung und Vers\u00f6hnung zwischen Kirchen und Kulturen f\u00fcr eine gemeinsame Zukunft erwirken will. Denn das Geheimnis der Vers\u00f6hnung ist Er-Innerung und Ver-Gebung.<\/p>\n<p>2. Beten<\/p>\n<p>Immer wieder nehme ich neu wahr, dass wichtige Theologen ihre nachhaltig wirkenden Werke mit dem Gebet beginnen und mit dem Gebet enden (Augustin, Anselm von Canterbury, M. Luther, J. Calvin usw.), dass andere Theologen nach einem langen wissenschaftlichen Weg am Ende sich noch dem Gebet zuwandten (K. Barth, G. Ebeling usw.).<\/p>\n<p>Die in Jesu Name versammelte Gemeinde betet im Namen Jesu. Beten, als personale Rede mit und zu Gott dem Vater verstanden, erschlie\u00dft sich ale Ant-Wort des Beters und der betenden Gemeinde auf die An-Rede Gottes und die Gegenwart Christi in Wort und Sakrament durch den heilige Geist.<\/p>\n<p>Menschen beten zu Gott in verschiedenen lebensgeschichtlichen Grundsituationen: im Pfeilgebet oder im Gottruf aus Schreck- und Gl\u00fcckssituationen,; im Dank aus widerfahrenem Guten und Segen; in der Bitte und Klage aus erlebtem Leid und B\u00f6sem; in der F\u00fcrbitte aus erfahrener Not der Anderen; im Lobpreis von Gottes Heilig- und Herrlichkeit.<\/p>\n<p>Menschen beten in freier und gebundener Sprache, allein und in Gemeinschaft, in der \u201cKammer\u201d und in der Kirche, am Alltag und am Sonntag, an Tagzeiten und spontan; so ist es in den biblischen Schriften bezeugt.<\/p>\n<p>Christen beten in der Nachfolge und Gemeinschaft mit Jesus das \u201cAbba\u201d als Kinder und Erben Gottes, \u201cgleichgestaltet\u201d mit Jesus Christus, Gottes eingeborenen Sohn, unserem erstgeborenen Bruder durch den heiligen Geist. Denn durch den heiligen Geist wird das Gebet der Glaubenden und der glaubenden Gemeinde in das Wirken des dreieinen Gottes hineingenommen (R\u00f6m 8).<\/p>\n<p>Unter der Verhei\u00dfung Jesu Christi betet die Gemeinde in der Gewissheit, dass ihre Gebete, die Bitten, Klagen und F\u00fcrbitten, geh\u00f6rt und erh\u00f6rt werden von Gott. Eine gro\u00dfe Verhei\u00dfung, der die Gebetserfahrungen nicht weniger Beter nicht zu entsprechen scheinen. Und wie viele tiefe Anfechtungen zeichnen sich in diese Feststellung ein! Die Anfechtung geh\u00f6rt zu Glaubensgewissheit und die Glaubensgewissheit tr\u00e4gt auch durch die Anfechtung., so dass Jesu \u201cNicht wie ich will, sondern wie Du willst\u201d, \u201cNicht mein, sondern dein Wille geschehe\u201d im Wissen um Gottes Zukunft er\u00f6ffnende Freiheit und treu f\u00fcrsorgende Liebe auch unsere Gebete tr\u00e4gt. Christus als Beter ist da der betenden Gemeinde vorangegangen und mit Christus ist die betende Gemeinde verbunden.<\/p>\n<p>3. Das seelsorgerliche Miteinander der Gemeinde auch im Konflikt<\/p>\n<p>Aufmerksam nehme ich die zunehmende Anzahl von Ver\u00f6ffentlichungen zu gemeindlich-kirchlicher Konfliktberatung und Konfliktmanagement wahr.<\/p>\n<p>Mt 18, 15 &#8211; 18 stellt das Grundmodell des Umgangs mit Konflikten und der Streitschlichtung und Konfliktl\u00f6sung in der christlichen Gemeinde dar. Alle Disziplinar- und Lehrbeanstandungsordnungen der evangelischen Kirche fu\u00dfen auf diesem Modell. Dabei sind Disziplinar- und Lehrbeanstandungen klar von einander zu unterscheiden. Disziplinarverfahren sind justitiable Prozesse, Lehrbeanstandungen sind Feststellungen. Beide gr\u00fcnden in Schrift und Bekenntnis, so dass das geregelte Verfahren im Dienst des Auftrags der christlichen Gemeinde und Kirche durchgef\u00fchrt wird um der Sorge f\u00fcr den Frieden in der Gemeinde willen und f\u00fcr die rechte Verk\u00fcndigung des Evangeliums und die evangeliumsgem\u00e4\u00dfe Verwaltung der Sakramente willen. Rechtliche Ordnungen d\u00fcrfen sich in der evangelischen Kirche weder verselbst\u00e4ndigen noch verabsolutieren; sie folgen aus dem Bekenntnis und dienen dem Aufbau der Gemeinde.<\/p>\n<p>Konflikte in Gemeinde und Kirche haben vielerlei Ursachen: Unklarheit \u00fcber Zust\u00e4ndigkeiten mit Kompetenz\u00fcberschreitungen in der Folge und den \u00c4ngste, zu kurz zu kommen, nicht anerkannt zu werden; Missverst\u00e4ndnisse \u00fcber Ziel und Durchf\u00fchrung von Aktivit\u00e4ten; Unachtsamkeit und Uneinsichtigkeit mit den entsprechenden Erregungszyklen in der Folge; Misstrauen gegen einzelne und alle; selbstbezogenes und selbstgerechtes Verhalten gegen andere; eigenwilliger Schriftgebrauch zur Legitimierung menschlicher W\u00fcnsche und Ziele; Bedingtes zu Unbedingtem erkl\u00e4ren an der Wahrheitsfrage &#8211; ich denke etwa an das personale Verh\u00e4ltnis des Glaubenden zu Gott, der sich dem erschlie\u00dft in seinem Wort, oder an die \u201cAuferstehung Jesu Christi und unsere Auferstehung\u201d &#8211; vorbei; elit\u00e4re Gruppenbildung in Abgrenzung von anderen Gemeindegliedern; Unbu\u00dffertigkeit und \u201csektiererischer\u201d Selbstausschluss usw.<\/p>\n<p>Streitschlichtung und Konfliktmanagement ist darum heute in unserer sich einerseits s\u00e4kularisierenden, andererseits religi\u00f6s pluralisierenden Gesellschaft angesagt auch in Gemeinde und Kirche.<\/p>\n<p>Die Gemeindeordnung des Matth\u00e4usevangeliums setzt auf das seelsorgerliche Miteinander im Wissen um die Verhei\u00dfung des Vergebungswortes und des Gebetes., das, was SA III, 4 mit dem \u201cmutuum colloquium &#8230; fratrum et sororum\u201d anzeigt: das Seelsorgegespr\u00e4ch unter vier Augen, das die Verschwiegenheit des Beichtgeheimnisses einschlie\u00dft; das geschwisterliche Gespr\u00e4ch unter Hinzuziehen weiterer Personen auch unter dem Gesichtspunkt der Fachkompetenz; schlie\u00dflich die Herbeif\u00fchrung einer Beurteilung in der Gemeindeversammlung. H\u00f6rt der \u201cBruder\u201d auch diese nicht, so stellt er sich selbst au\u00dferhalb der Gemeinschaft der Gemeinde, au\u00dferhalb des Grundes der christlichen Gemeinde, der Vergebungsverhei\u00dfung und des Gebetes, und soll als solcher von der Gemeinde angesehen werden in der Offenheit f\u00fcr Umkehr und Bu\u00dfe. Das Binde- und L\u00f6sewort Mt 18, 18, gerichtet an die ganze Gemeinde, auf das sich so viel Unchristliches im Laufe der Zeit berufen hat, bezieht sich zum einen auf den Zuspruch der Vergebung an den, der Bu\u00dfe tut, als Letztschritt kann es in Situationen des \u201cStatus confessionis\u201d, wo es um Wahrheit und L\u00fcge, um Glaube und Unglaube, um Gott und Abgott geht, das Wort der Trennung der Gemeinde und der Trennung von der Glaubensgemeinschaft der Christen ausgesprochen werden. Die Situation bekennender evangelischer Christen gegen die vom der nationalsozialistischen Ideologie infiltrierten Deutschen Christen, die Verurteilung der Apartheit in S\u00fcdafrika und des Ku-Klux-Klan in den USA, der \u201csektiererische\u201d Selbstausschluss aus der christlichen Gemeinde oder der bewusste oder gleich-g\u00fcltige Austritt aus der evangelischen Kirche in einer sich s\u00e4kularisierenden und religi\u00f6s pluralisierenden Gesellschaft sind kirchengeschichtliche Beispiele.<\/p>\n<p>Die christliche Gemeinde jedoch, in der Christus gegenw\u00e4rtig ist, lebt allein aus dem Wort der Vergebung mit dem Gebet im Mit- und F\u00fcreinandersein. Erst wer sich als gerechtfertigter S\u00fcnder erkennt, d. h. als vergebungsbed\u00fcrftigen und der Vergebung tats\u00e4chlich teilhaftig gewordenen Menschen, begreift wirklich das Wesen Gottes, das grundlos Liebe ist. Das seelsorgerliche und beratende Gespr\u00e4ch ist darum die in der christlichen Gemeine eigent\u00fcmliche Form der Konfliktl\u00f6sung. Das konkretisiert sich zuerst im vertrauens- und verst\u00e4ndnisvollen Sprechen mit einander unter vier Augen, nicht im Reden \u00fcber einander, im selbstkritischen Zuh\u00f6ren, im Trostwort des \u201cGottes alles Trostes\u201d und mahnenden Bu\u00dfruf und schlie\u00dflich im Zuspruch der Vergebung mit dem Ziel der Vers\u00f6hnung. Das konkretisiert sich weiter in der um Verst\u00e4ndnis und Kl\u00e4rung bem\u00fchten Beratung, gerade da, wo Misstrauen und Ver\u00e4rgerung, aber auch Unkenntnis und Eigensinn zu eskalieren drohen. Das konkretisiert sich leider und leidvoll auch in der \u00f6ffentlichen, auch rechtlichen Konfliktregelung, die durch selbstgerechte oder gleich-g\u00fcltige Unbu\u00dffertigkeit im Blick auf die bewahrheitende Wahrheit in Jesus Christus, dem Haupt der Gemeinde und Kirche, auch den Selbstausschluss feststellen muss. Auch in diesem Fall wird dem Ausgetretenen begleitend nachgegangen, vor allem in der F\u00fcrbitte; er wird nicht allein gelassen, sich selbst oder anderen \u00fcberlassen, weil sich das Wort der Vergebung an \u201calles Volk\u201d richtet.<\/p>\n<p><strong>Predigt <\/strong><\/p>\n<p>Liebe Gemeinde,<\/p>\n<p>Eine wunderbare Botschaft wird uns heute verk\u00fcndigt. Der lebendige Christus verhei\u00dft: \u201cda bin ich mitten unter ihnen\u201d, \u201cich bin mitten unter euch. Ich bin da, da f\u00fcr euch. Ich habe euch nicht verlassen und ich verlasse euch nicht.\u201d So hatte Jahwe sich zu erkennen gegeben dem Mose am brennenden Dornbusch mit der Selbstvorstellung: \u201cIch bin da f\u00fcr euch als der ich da sein werde ganz konkret\u201d. So begleitete Gott sein Volk durch die W\u00fcsten, finstere T\u00e4ler, gr\u00fcne Auen und lichte H\u00f6hen. Selbst wenn das Volk vom Weg abwich und eigenwillige Abwege einschlug, dann aber durch Moses Prophetenwort umkehrte, verhie\u00df Jahwe erneut: \u201cIch will in eurer Mitte sein.\u201d Und sein Verhei\u00dfungswort gilt, wie der Regen und Schnee vom Himmel f\u00e4llt und nicht wieder leer zur\u00fcckkehrt sondern feuchtet die Erde, dass sie Frucht bringt, Samen zu s\u00e4en, Frucht zu bringen und Brot zu essen, wenn die Gemeinde glaubend antwortet: \u201cDenn Du bist bei mir.\u201d<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde, vor unserem Predigttext erz\u00e4hlt Jesus das Gleichnis vom verlorenen Schaf, dem, wenn es wiedergefunden wird, \u00fcberschw\u00e4ngliche Freude begegnet. Nach unserem Predigttext erz\u00e4hlt Jesus das Gleichnis vom unbarmherzigen Gl\u00e4ubiger, vom Schalksknecht, der, obwohl ihm eine riesige Schuldsumme erlassen wird, gnadenlos eine kleine Schuld eintreibt. Jesus erz\u00e4hlt dieses Gleichnis auf die Frage des Petrus, wie oft er seinem Bruder und seiner Schwester, die gegen ihn ges\u00fcndigt haben, vergeben soll. \u201cNicht siebenmal, sondern siebzigmal siebenmal\u201d, also zahl- und grenzenlos. Denn immer schon ist uns Vergebung grenzen- und bedingungslos widerfahren. In Jesus Christus, in seinem stellvertretenden Leiden und Sterben am Kreuz, ist uns Vergebung, d. h. zu Leben und Seligkeit, immer schon widerfahren. Jesus Christus machte am Kreuz meine S\u00fcnde zu seiner und seine Gerechtigkeit zu meiner: ein seliger Tausch f\u00fcr uns. Und in unserer Taufe ist uns Anteil am Heil geschenkt.<\/p>\n<p>Das ist es, wovon wir pers\u00f6nlich leben, das ist es, wovon die christliche Gemeinde lebt, was sie durch die Zeiten tr\u00e4gt und erh\u00e4lt: das Wort der Vergebung. Die Predigt des Evangeliums, d. h. unser lebendiger Herr Jesus Christus, der gegenw\u00e4rtig in seiner Gemeinde ist, verhei\u00dft die Vergebung der S\u00fcnden, d. h. Leben und Seligkeit. So ist Christus heute in der Gemeinde gegenw\u00e4rtig, sie \u201cChristus als Gemeinde existierend\u201d, er das Haupt der Gemeinde, so dass die Gemeinde im Miteinander und F\u00fcreinander in der Nachfolge Christi lebt: im F\u00fcrsein f\u00fcr den anderen, in der F\u00fcrbitte f\u00fcr die anderen und im gegenseitigen Zuspruch des Vergebungswortes, wie Dietrich Bonhoeffer es uns erkl\u00e4rt.<\/p>\n<p>Darum beten wir im Vaterunser \u201cVergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern\u201d. Vergebung schafft Zukunft: Christi Wort der Vergebung und unser Vergebungswort. \u201cIch vergebe dir\u201d &#8211; dieses Wort ver\u00e4ndert alles in einer zerr\u00fctteten Ehe, in einer angespannten Beziehung mit Kindern und auch mit Kollegen: \u201cIch vergebe dir\u201d auf die Bitte \u201cVergib\u201d, weil auch du in Jesus Christus Vergebung erfahren hast. Schulderkenntnis, Schuldanerkenntnis, Schuldbekenntnis und das Wort der Vergebung schafft Neues und erschlie\u00dft Zukunftf\u00e4higes und Lebendienliches auch zwischen Verfeindeten, zwischen Kirchen, V\u00f6lkern und Rassen. Das \u201cStuttgarter Schuldbekenntnis\u201d brachte der evangelischen Kirche in Deutschland die Gemeinschaft mit den anderen Kirchen in der weiten Welt wieder. Die Wahrheitskommissionen nach den Schrecken der Apartheit in S\u00fcdafrika zeichneten Vers\u00f6hnung. Denn das Geheimnis der Vers\u00f6hnung ist Er-innerung und Ver-gebung. Das ist der Schatz der Gemeinde, das besondere des Zusammenlebens der Christen heute. In der Predigt des Evangeliums vernehmen wir es heute, im Abendmahl wird es uns heute frei und bedingungslos geschenkt, im pers\u00f6nlichen Zuspruch der Vergebung macht es heute alles neu, im geschwisterlichen Gespr\u00e4ch er\u00f6ffnet es heute Zukunft. \u201cDenn bei die ist die Vergebung\u201d (Ps. 130, 4).<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde, wir antworten auf dieses Wort der Vergebung mit dem Gebet. Eine mit Staunen erf\u00fcllte Gabe! Beten meint das personale Reden mit und zu Gott als Ant-Wort auf die An-Rede Gottes. Das Gebet im Namen Jesu ist der \u201cAbba\u201d-Ruf der Kinder und Erben Gottes mit Jesus, Gottes eingeborenem Sohn, unserem erstgeborenen Bruder, durch den heiligen Geist. Wenn wir als einzelne oder in der Gemeinde Gott bitten, klagen, danken und preisen, so tun wir es in der Gemeinschaft mit Jesus Christus; wir sind ihm gleichgestaltet durch den heiligen Geist. Und dieses Beten steht unter der Verhei\u00dfung, dass Gott es h\u00f6rt und erh\u00f6rt. Ein zu hoher Anspruch, k\u00f6nnte mancher einwenden. Und die empirische Gebetserfahrung von nicht wenigen k\u00f6nnte beipflichten. Aber wie Verhei\u00dfung und Glaube zusammengeh\u00f6ren, so auch Glaubensgewissheit und Anfechtung, die ja immer noch getragen wird vom Glauben, und so auch Verhei\u00dfung und Anfechtung. Die Glaubensgewissheit in der Gemeinschaft mit Jesus Christus aber wei\u00df um das \u201cDoch nicht mein, sondern dein Wille geschehe\u201d und um die Zukunft er\u00f6ffnende Freiheit und die Leben dienliche Treue Gottes: \u201cDein Wille geschehe wie im Himmel also auch auf Erden\u201d.<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde, Das Leben der Gemeinde aus dem Wort der Vergebung im Gebet hat entscheidende Bedeutung f\u00fcr das Zusammenleben der Gemeindeglieder auch in Konfliktsituationen. Und Daf\u00fcr gibt unser Predigttext eine Grundregel. Schieben wir sie nicht gleich ab als veraltet, unbrauchbar in unserer von sozialpsychologischen Erkenntnissen geleiteten Gesellschaft. Es gibt keine Zukunft ohne Herkunft. Und Erinnern grundlegender, von reicher Erfahrung getragener Regeln bedeutet Er-Innern in die Zukunft.<\/p>\n<p>Die biblische Grundregel lautet: Konflikte in der christlichen Gemeinde sind im seelsorgerlichen Gespr\u00e4ch zu regeln. Solche Konflikte in der Gemeinde und Kirche haben &#8211; wie wir alle wissen &#8211; verschiedene Ursachen; jeder k\u00f6nnte von den eskalierenden Erregungszyklen durch Unkenntnis, Missverst\u00e4ndnis, Unachtsamkeit, Misstrauen, Uneinsichtigkeit, Selbstgerechtigkeit, Unbu\u00dffertigkeit und auch Selbstr\u00fcckzug und Selbstausschluss erz\u00e4hlen. Spannungen und Streitigkeiten, die von Machtanspr\u00fcchen und \u00c4ngsten durchwachsen sind, spielen da eine nicht geringe Rolle.<\/p>\n<p>Seelsorge und Beratung ist der Weg aus der Sackgasse, erkl\u00e4rt die Gemeinderegel des Matth\u00e4usevangeliums. Die christliche Gemeinde, in der Christus gegenw\u00e4rtig ist, lebt allein aus dem Wort der Vergebung mit dem Gebet im Mit- und F\u00fcreinandersein. Erst wer sich als gerechtfertigter S\u00fcnder erkennt, d. h. als vergebungsbed\u00fcrftigen und der Vergebung tats\u00e4chlich teilhaftig gewordenen Menschen, begreift wirklich das Wesen Gottes, das grundlos Liebe ist. Eine wunderbare Botschaft! Das seelsorgerliche und beratende Gespr\u00e4ch ist darum die in der christlichen Gemeinde eigent\u00fcmliche Form der Streitschlichtung und Konfliktl\u00f6sung.<\/p>\n<p>Das konkretisiert sich zuerst im vertrauens- und verst\u00e4ndnisvollen Sprechen mit einander unter vier Augen, also nicht im Reden \u00fcber einander, im selbstkritischen Zuh\u00f6ren, im Trostwort des \u201cGottes alles Trostes\u201d, im mahnenden Bu\u00dfruf und schlie\u00dflich im Zuspruch der Vergebung mit dem Ziel der Auss\u00f6hnung.<\/p>\n<p>Das konkretisiert sich weiter in der um Verst\u00e4ndnis und Kl\u00e4rung bem\u00fchten Beratung, gerade da, wo Misstrauen und Ver\u00e4rgerung, aber auch Unkenntnis und Eigensinn zu eskalieren drohen.<\/p>\n<p>Das konkretisiert sich leider und leidvoll in der \u00f6ffentlichen, auch rechtlichen Konfliktregelung, die durch selbstgerechte oder gleich-g\u00fcltige Unbu\u00dffertigkeit im Blick auf die sich bewahrheitende Wahrheit in Jesus Christus, dem Haupt der Gemeinde und Kirche, auch den Selbstausschluss feststellt. Auch in diesem Fall aber gehen wir dem Ausgetretenen als Getauften nach, nicht zuletzt in der F\u00fcrbitte f\u00fcr ihn; er wird von uns nicht alleingelassen, sich selbst oder anderen \u00fcberlassen, weil das Wort der Vergebung allen gilt, sich an \u201calles Volk\u201d richtet.<\/p>\n<p>Die Gemeinderegel des Matth\u00e4usevangeliums in unseren Predigttext setzt auf das seelsorgerliche Miteinander des geschwisterlichen Gespr\u00e4chs im Wissen um die Verhei\u00dfung des Vergebungswortes und des Gebets: das Seelsorgegespr\u00e4ch unter vier Augen, das die Verschwiegenheit des Beichtgeheimnisses einschlie\u00dft; das geschwisterliche Gespr\u00e4ch unter Hinzuziehen weiterer Personen auch unter dem Gesichtspunkt der Fachkompetenz; schlie\u00dflich die Herbeif\u00fchrung einer Beurteilung in der Gemeindeversammlung. H\u00f6rt der \u201cBruder\u201d auch diese nicht, so stellt er sich selbst au\u00dferhalb der Gemeinschaft der Gemeinde, au\u00dferhalb des Grundes der christlichen Gemeinde, der Vergebungsverhei\u00dfung und des Gebets; als solcher soll er von der Gemeinde angesehen werden in der Offenheit f\u00fcr Umkehr und Bu\u00dfe.<\/p>\n<p>Das Binde- und L\u00f6sewort, gerichtet an die ganze Gemeinde, auf das sich so viel Unchristliches im Laufe der Zeit berufen hat, bezieht sich zum einen auf den Zuspruch der Vergebung an den, der Bu\u00dfe tut; als ultima ratio, Letztschritt, kann es in Situationen des \u201cStatus confessionis\u201d, wo es um Wahrheit und L\u00fcge, um Glaube und Unglaube, um Gott und Abgott, um F\u00f6rderung und Zerst\u00f6rung des Lebens, um Er\u00f6ffnen und Verschlie\u00dfen von Zukunft geht und das Wort der Trennung der Gemeinde und der Trennung von der Gemeinschaft der Christen ausgesprochen wird. Die Situation des bekennenden Christen gegen die von der nationalsozialistischen Ideologie infiltrierten Deutschen Christen, die Verurteilung der Apartheit in S\u00fcdafrika und des Ku-Klux-Klan in den USA, der \u201csektiererische\u201d Selbstausschluss aus der christlichen Gemeinde oder der bewusste oder gleich-g\u00fcltige Austritt aus der evangelischen Kirche sind Beispiele.<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde, eine wundervolle Botschaft verk\u00fcndigt unser Predigttext heute, d. h. das Evangelium, in dem Christus selbst gegenw\u00e4rtig Leben und Seligkeit zusagt, verhei\u00dft das, wovon wir und die christliche Gemeinde und Kirche lebt und erhalten wird: das Wort der Vergebung. Dem antworten wir mit unseren Gebeten, mit Dank, Klage und F\u00fcrbitte \u201cBei dir ist die Vergebung\u201d in der Gewissheit der Erh\u00f6rung, weil Christus in seiner Gemeinde gegenw\u00e4rtig ist und mit uns betet das \u201cAbba\u201d, lieber Vater. Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Michael Plathow <\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>22. Sonntag nach Trinitatis | 23. Oktober 2005 |\u00a0Matth\u00e4us 18,15-20 | Michael Plathow | Meditation zum Predigttext Als Kind habe ich nicht selten beim Lesen einer Geschichte den Schluss vorausgelesen, als jugendlicher Kriminalromanleser das Ende mit der L\u00f6sung und als Erwachsener das Summarium eines Buches. So soll es auch bei diesem Predigttext geschehen, eingezeichnet in [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":8543,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[36,1143,1,727,157,853,114,519,349,181,3,109,589],"tags":[],"beitragende":[],"predigtform":[],"predigtreihe":[],"bibelstelle":[],"class_list":["post-10755","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-matthaeus","category-22-so-n-trinitatis","category-aktuelle","category-archiv","category-beitragende","category-bibel","category-deut","category-kapitel-18-chapter-18-matthaeus","category-kasus","category-michael-plathow","category-nt","category-predigten","category-vorl-so-des-kirchenjahres"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/10755","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=10755"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/10755\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":25241,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/10755\/revisions\/25241"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media\/8543"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=10755"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=10755"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=10755"},{"taxonomy":"beitragende","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/beitragende?post=10755"},{"taxonomy":"predigtform","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtform?post=10755"},{"taxonomy":"predigtreihe","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtreihe?post=10755"},{"taxonomy":"bibelstelle","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/bibelstelle?post=10755"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}