{"id":10759,"date":"2005-10-07T19:49:18","date_gmt":"2005-10-07T17:49:18","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=10759"},"modified":"2025-07-14T12:02:29","modified_gmt":"2025-07-14T10:02:29","slug":"matthaeus-1815-17","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/matthaeus-1815-17\/","title":{"rendered":"Matth\u00e4us 18,15-20"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<h3 style=\"text-align: left;\" align=\"center\"><b><span style=\"color: #000099;\">22. Sonntag nach Trinitatis | 23. Oktober 2005 |\u00a0Matth\u00e4us 18,15-20 | Jorg Christian Salzmann |<\/span><\/b><\/h3>\n<p align=\"center\">I<\/p>\n<p>Endlich mal ein einfaches und klar verst\u00e4ndliches Bibelwort! Wenn ich allerdings nachdenke, dann habe ich das eigentlich noch in keiner Gemeinde erlebt, dass da jemand nach diesen Regeln erst von einem einzelnen, dann von mehreren und schlie\u00dflich von der ganzen Gemeinde zur Rechenschaft gezogen und am Ende ausgeschlossen wurde. K\u00f6nnte es sein, dass wir zu wenig Mut haben, uns nach den biblischen Weisungen zu richten?<\/p>\n<p>Bei genauerem Hinsehen allerdings kommen doch Fragen auch an unser Bibelwort auf. Da steht in der einen Bibel\u00fcbersetzung: Wenn dein Bruder s\u00fcndigt, dann geh zu ihm und weise ihn unter vier Augen zurecht. Und in der anderen: S\u00fcndigt aber dein Bruder <em>an dir<\/em>, so geh hin usw. Worum geht es denn nun, dass \u00fcberhaupt jemand s\u00fcndigt und deswegen zurechtgewiesen werden soll &#8211; oder darum, dass es einen Konflikt gibt zwischen zwei Gemeindegliedern?<\/p>\n<p>In den alten Bibelhandschriften findet man beide Fassungen des Bibelwortes. \u00c4lter scheint die Form zu sein, wo es nur hei\u00dft: wenn dein Bruder s\u00fcndigt, dann geh zu ihm usw. Doch kann das gemeint sein, dass die Gemeindeglieder sich gegenseitig kontrollieren sollen, damit auch niemand s\u00fcndigt? Hat nicht Jesus sehr deutlich gesagt: \u201eRichtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet!\u201c? Das w\u00e4re doch wohl ein Alptraum von Gemeinde, wo sich die Leute gegenseitig kontrollieren und der S\u00fcnde \u00fcberf\u00fchren; ja, es w\u00fcrden wohl am Ende nur die Selbstgerechten und Scheinheiligen \u00fcbrig bleiben. Und wer das Pech hatte, vielleicht etwas sichtbarer zu s\u00fcndigen als die anderen, der w\u00e4re ruck-zuck drau\u00dfen.<\/p>\n<p>In der Geschichte der Kirche hat es Versuche gegeben, Zuchtordnungen f\u00fcr die Gemeinde aufzustellen, damit der S\u00fcnde gewehrt w\u00fcrde und alle nach biblischer Weisung ein vorbildliches Leben f\u00fchrten. Wir d\u00fcrfen getrost sagen, dass diese Versuche gescheitert sind, weil man einem Trugbild von b\u00fcrgerlicher Anst\u00e4ndigkeit nachjagte, statt das Evangelium von der Rettung der S\u00fcnder zu verk\u00fcndigen.<\/p>\n<p>So d\u00fcrfte es wohl eine dem Evangelium gem\u00e4\u00dfe Korrektur sein, wenn in manch alter Bibelhandschrift steht: wenn dein Bruder <em>an dir<\/em> s\u00fcndigt, dann gehe hin und stell ihn zur Rede. In erster Linie um diese Art von S\u00fcnde geht es also an dieser Stelle, S\u00fcnde demnach, unter der du pers\u00f6nlich von einem andern zu leiden hast.<\/p>\n<p align=\"center\">II<\/p>\n<p>Dann h\u00e4tten wir eine Anleitung zur Konfliktl\u00f6sung vor uns. Nun k\u00f6nnte jemand kommen und sagen: Das darf es doch gar nicht erst geben in einer christlichen Gemeinde, dass sich einer am andern vers\u00fcndigt. Doch so zu denken hie\u00dfe wohl, die Augen vor der Wirklichkeit zu verschlie\u00dfen. Immerhin, es kann nicht um irgendwelche Kleinigkeiten gehen, wenn wir bedenken, dass am Ende der Konfliktl\u00f6sungsstrategie die M\u00f6glichkeit zum Ausschluss aus der Gemeinde steht. Das m\u00fcssen schon gravierende Probleme sein, welche die Gemeindeglieder untereinander haben. Was k\u00f6nnte gemeint sein? Dass jemand sich sehr r\u00fccksichtslos verh\u00e4lt gegen andere, oder ein anderes Gemeindeglied systematisch schlecht macht zum Beispiel. Jedenfalls muss S\u00fcnde gemeint sein, die das Verh\u00e4ltnis zu Gott, zum N\u00e4chsten, zur Gemeinde nachhaltig st\u00f6rt.<\/p>\n<p>Jetzt aber kommt die n\u00e4chste Frage: ist denn immer so klar, dass bei dem einen die S\u00fcnde liegt und bei dem andern nicht? Unsere Anleitung zur Konfliktl\u00f6sung scheint von einem solchen Fall auszugehen. Andererseits, wenn die Sache gar nicht so klar ist, dann k\u00f6nnte es ja in den vorgeschlagenen Gespr\u00e4chen auch zur Einsicht auf beiden Seiten kommen, so dass beide ihre S\u00fcnde erkennen und eingestehen. Dann k\u00f6nnte die Sache in gegenseitiger Vergebung enden. In den seltensten F\u00e4llen ist wohl alles so einfach, wie es nach dem Wort Jesu hier scheinen will. Das liegt aber nicht an einer vereinfachten Weltsicht, sondern daran, dass hier ganz bewusst einfache Grundregeln aufgestellt werden statt dass alle m\u00f6glichen F\u00e4lle abgedeckt sind. Wenn man das n\u00e4mlich wollte, wenn man f\u00fcr jede m\u00f6gliche Schwierigkeit eine passende Sonderregelung formulieren w\u00fcrde, dann k\u00e4me ein unhandliches Gesetzbuch zustande, das im Zweifelsfall dann doch wieder nicht passen w\u00fcrde. Es kommt also darauf an zu verstehen, in welche Richtung die Sache hier l\u00e4uft.<\/p>\n<p align=\"center\">III<\/p>\n<p>Damit h\u00e4ngt ein letzter Einwand gegen das vorgeschlagene Verfahren zusammen: ist das nicht eine Anleitung zur Eskalation, wird es nicht geradezu zwangsl\u00e4ufig dazu kommen, dass ein Problem immer gr\u00f6\u00dfere Kreise zieht und schlie\u00dflich nicht nur einer leidet, sondern alle in der Gemeinde? Das Gegenteil ist beabsichtigt. Es geht gerade darum, den Bruder zu gewinnen, wie es da hei\u00dft. Es soll gerade nicht zu einem \u00f6ffentlichen Verfahren kommen; vielmehr wird zu allererst zu einer Kl\u00e4rung unter vier Augen ermuntert. Und das sollte der Normalfall sein. Immerhin geht es ja hier nicht um Konflikte mit x-beliebigen Leuten, sondern um Probleme innerhalb der christlichen Gemeinde. F\u00fcr die gilt die Zusage des Herrn Jesus Christus: Wo zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen, da bin ich mitten unter ihnen. Und wo zwei sich eins werden um eine Bitte, da soll es ihnen von meinem Vater im Himmel gegeben werden. Vers\u00f6hnung, Umkehr, Sinnes\u00e4nderung &#8211; das sind hier reale M\u00f6glichkeiten. Das ist m\u00f6glich, nicht weil Christen so fromm und gut sind, sondern weil Gott selbst solche M\u00f6glichkeiten er\u00f6ffnet.<\/p>\n<p>Wenn es aber trotz allem doch nicht zu einer Sinnes\u00e4nderung kommt, dann soll immer noch nicht die gro\u00dfe \u00d6ffentlichkeit informiert werden, sondern es wird weiter im kleinen Kreis verhandelt; man spricht miteinander, und man betet auch miteinander. Erst die letzte M\u00f6glichkeit, zu der es eigentlich gar nicht kommen soll, ist die Besprechung der Sache vor der ganzen Gemeinde; erst die allerletzte M\u00f6glichkeit ist ein Gemeindeausschluss.<\/p>\n<p align=\"center\">IV<\/p>\n<p>Dabei allerdings geht es nicht um die Abstrafung einzelner durch eine Gruppe von Menschen, sondern um nicht mehr und nicht weniger als um vollm\u00e4chtiges geistliches Handeln, das nicht nur auf Erden, sondern auch im Himmel gilt: \u201eWas ihr auf Erden binden werdet, soll auch im Himmel gebunden sein, und was ihr auf Erden l\u00f6sen werdet, soll auch im Himmel gel\u00f6st sein.\u201c Ein solches Handeln der Gemeinde hat also eine ungeheure Tragweite und kann nicht nur mal eben nach Lust und Laune die Abstrafung eines unbotm\u00e4\u00dfigen Mitgliedes sein. Kein Wunder, wenn solch ein Ausschluss nicht zu unsern allt\u00e4glichen Erfahrungen in der christlichen Gemeinde geh\u00f6rt! Vielmehr d\u00fcrfen wir hoffen und davon ausgehen, dass eben die ersten M\u00f6glichkeiten der Konfliktl\u00f6sung, der Umkehr und der Vergebung unter vier Augen oder unter Hinzuziehung einer kleinen Gruppe von Vertrauten funktionieren. So soll es sein in der Gemeinde und nicht wie in einem Scherbengericht.<\/p>\n<p>Ist das zu optimistisch? K\u00f6nnte es nicht doch sein, dass wir einfach zu gleichg\u00fcltig geworden sind in der Gemeinde oder zu zaghaft? Ist es nicht am Ende doch so, dass S\u00fcnde einfach geduldet wird statt gegen sie vorzugehen?<\/p>\n<p>Es mag sein, dass wir manchmal zu gleichg\u00fcltig sind. Es mag sein, dass wir nicht genug Kraft haben, in allen Dingen nach Gottes Willen zu leben. Es mag sein, dass wir im Kampf gegen die S\u00fcnde unterliegen. Aber lieber fl\u00fcchte ich mich als S\u00fcnder in die Vergebung Gottes als dass ich in vermeintlicher Gerechtigkeit dem andern in der Gemeinde Schaden zuf\u00fcge. Lieber verlasse ich mich auf die gn\u00e4dige Gegenwart des Herrn als darauf, dass Gott mir als Richter zur Seite steht. Denn sein Gericht k\u00f6nnte sich ja auch gegen mich wenden. Er aber hat versprochen, schon bei der kleinsten Gruppe von Leuten zu sein, die in seinem Namen zusammenkommt &#8211; nicht als R\u00e4cher, sondern mit seiner Gnade und Freundlichkeit.<\/p>\n<p>So schenke der Herr seiner Gemeinde, dass sie besonnen umgeht mit ihren Vollmachten. Vor allem aber, dass das Ziel seiner Weisungen erreicht wird: Umkehr und Frieden. Eine Illusion? Wenn es nach uns Menschen ginge, wahrscheinlich ja. Aber wir k\u00f6nnen den darum bitten, der Macht hat \u00fcber Himmel und Erde &#8211; unsern Vater im Himmel. Wie hat Jesus gesagt? \u201eWenn zwei unter euch eins werden auf Erden, worum sie bitten wollen, so soll es ihnen widerfahren von meinem Vater im Himmel.\u201c So lasst uns bitten um Umkehr und Frieden in unserer Gemeinde &#8211; durch Jesus Christus.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Prof. Dr. Jorg Christian Salzmann, Oberursel<br \/>\n<a href=\"mailto:salzmann.j@lthh-oberursel\">salzmann.j@lthh-oberursel<\/a><\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>22. Sonntag nach Trinitatis | 23. Oktober 2005 |\u00a0Matth\u00e4us 18,15-20 | Jorg Christian Salzmann | I Endlich mal ein einfaches und klar verst\u00e4ndliches Bibelwort! 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