{"id":10781,"date":"2005-11-07T19:49:23","date_gmt":"2005-11-07T18:49:23","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=10781"},"modified":"2025-07-01T16:56:59","modified_gmt":"2025-07-01T14:56:59","slug":"lukas-11-14-23-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/lukas-11-14-23-2\/","title":{"rendered":"Lukas 11, 14-23"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<h3>Drittletzter Sonntag des Kirchenjahres | 6. November 2005 | Lk 11,14\u201323 | Hellmut M\u00f6nnich |<\/h3>\n<p>Liebe Gemeinde,<\/p>\n<p>haben Sie sich eben beim H\u00f6ren des Predigttextes auch skeptisch etwas zur\u00fcckgelehnt und vielleicht die Stirn in Falten gelegt, als Sie von einem \u201eb\u00f6sen Geist\u201c h\u00f6rten und von \u201eBeelzebul\u201c, dem \u201eObersten der b\u00f6sen Geister\u201c? Im griechischen Text des Neuen Testaments wird hier von D\u00e4monen gesprochen und auch vom Satan. Tats\u00e4chlich geh\u00f6rte es zur Zeit des Neuen Testaments zu dem, was man zu wissen meinte, dass z.B. Krankheiten durch b\u00f6se M\u00e4chte, durch Teufel, die gegen Gott k\u00e4mpfen, verursacht werden. Mit anderen Worten: Dass der Satan als Oberteufel seine b\u00f6sen, widerg\u00f6ttlichen Kr\u00e4fte, seine D\u00e4monen, in die Menschen fahren l\u00e4sst und sie krank macht. Das geh\u00f6rte damals zum Wissen der Zeit.<\/p>\n<p>Wir k\u00f6nnen heute Krankheiten anders erkl\u00e4ren. In unserer Weltgegend sehen wir hinter Krankheiten nicht teuflische M\u00e4chte. Muss man aber trotzdem an den Teufel glauben, um solche Bibeltexte richtig zu verstehen? Selbstverst\u00e4ndlich: nein. Aber sollten wir nicht in der Lage sein, dass zeitgebundene Verst\u00e4ndnis damals von b\u00f6sen Kr\u00e4ften, von krankmachenden Teufeln als Erkl\u00e4rungsversuch zu verstehen, in dem B\u00f6ses personifiziert wird? Heutzutage k\u00f6nnen wir fragen, welche auch heute noch verstehbare Wahrheit sich in der damaligen, zeitgebundenen Vorstellung von b\u00f6sen Geistern, einfach: vom B\u00f6sen verbirgt. Ein Blick an den Anfang des 11.Kapitels im Lukasevangelium &#8211; dem der heutige Predigttext entnommen ist &#8211; kann uns jetzt weiterhelfen.<\/p>\n<p>Das 11. Kapitel beginnt mit dem Vaterunser. \u201cErl\u00f6se uns von dem B\u00f6sen\u201c ist in diesem grundlegenden Gebet formuliert &#8211; und wir werden das am Ende des Gottesdiensts ja auch gemeinsam beten. Unmittelbar davor hei\u00dft es: \u201cUnd f\u00fchre uns nicht in Versuchung\u201c. Was allerdings ist mit diesen Bitten genau gemeint? Dieselbe Frage gilt auch f\u00fcr die Vaterunser-Bitte \u201eDein Reich komme\u201c. Tats\u00e4chlich geh\u00f6ren die Bitte um befreiende Erl\u00f6sung von der Macht des B\u00f6sen und die Bitte darum, dass Gott und keine andere Macht unser Leben und die Welt bestimmt, zusammen \u2013 im Vaterunser ebenso wie in unserem Predigtabschnitt. Und die Bitte \u201eDein Reich komme\u201c hat ebenfalls mit unserem Predigttext zu tun und geh\u00f6rt in dasselbe Gedankenfeld.<\/p>\n<p>Das Entscheidende in unserem auf Anhieb ja gar nicht leicht zu verstehenden Predigttextes ist in V. 20 zusammengefasst und zwar in einem einzigen Satz, in dem Jesus sagt: \u201eWenn ich &#8230; die b\u00f6sen Geister durch Gottes Finger austreibe &#8211; im Matth\u00e4usevangelium hei\u00dft es an dieser Stelle derselben Geschichte \u201edurch Gottes Geist austreibe\u201c, &#8211; ist ja das Reich Gottes zu euch gekommen.\u201c Von b\u00f6sen Geistern, vom B\u00f6sen also, und vom Reich Gottes spricht Jesus hier im Streitgespr\u00e4ch im Anschluss an sein Heilen. Das B\u00f6se wie die Rede vom Reich Gottes sind heute, zweitausend Jahre sp\u00e4ter, keine g\u00e4ngigen Themen. Lassen Sie uns gleichwohl &#8211; trotz vielleicht spontaner Skepsis &#8211; versuchen herauszufinden, was Jesus in seiner Antwort sagen will.<\/p>\n<p>Darf ich zun\u00e4chst von einem pers\u00f6nlichen Erlebnis berichten? Ich war noch Student, als ich mich einen Abend lang mit einem \u00e4lteren Mann unterhielt. Er war Soldat gewesen. Inzwischen hatte der Frankfurter Auschwitz-Prozess um die Massenmorde an Juden stattgefunden. Und nun sprach der Mann \u00fcber den Krieg und die Verbrechen an den Juden. Sinngem\u00e4\u00df sagte er: &lt;Was ich damals sah, kann ich bis heute nicht vergessen. Bis heute gr\u00fcbele ich dar\u00fcber, wie es zu all dem hat kommen k\u00f6nnen. Als junger Mensch hatte ich immer gedacht, ich k\u00f6nnte alles mit meinem Verstand kl\u00e4ren und auch verstehen. Und in meinem Optimismus habe ich nicht gemerkt, dass es so etwas gibt wie eine Macht des B\u00f6sen. Eine furchtbare und unheimliche, wirkende Macht des B\u00f6sen. Wie anders sonst ist all das Furchtbare zu erkl\u00e4ren? Und ich war mitten drin!<\/p>\n<p>Seit diesem schon lange zur\u00fcckliegenden Gespr\u00e4ch habe ich mich immer wieder einmal gefragt, was das mit der Macht des B\u00f6sen ist \u2013 hier bezogen auf menschliches Handeln. Nicht, dass ich an Teufel glaube, so wie sie fr\u00fcher gemalt wurden, personifiziert wurden. Meine Frage ist vielmehr: Was bringt Menschen, wie Sie und ich es sind, dazu, so zu handeln, wie ungez\u00e4hlte Deutsche damals handelten? Nicht nur Deutsche. Und nicht nur damals \u2013 sondern bis heute: zuletzt in Europa in den kriegerischen Auseinandersetzungen im ehemaligen Jugoslawien und gegenw\u00e4rtig z.B. im Sudan, in Afrika. Was l\u00e4sst Menschen so gef\u00fchllos, so verantwortungslos, so furchtbar handeln? Die manchmal ge\u00e4u\u00dferten Begr\u00fcndungen f\u00fcr derartiges Handeln \u2013 etwa ethnische Bereinigungen &#8211; sind doch bei ruhigem \u00dcberlegen nicht \u00fcberzeugend. Was ist das mit uns Menschen? Ich habe erst langsam zu verstehen gelernt, wie sinnvoll die Vaterunser-Bitte ist: \u201eF\u00fchre uns nicht in Versuchung, sondern erl\u00f6se uns von dem B\u00f6sen.\u201c Wie unendlich viele Gesichter hat doch b\u00f6ses Handeln! Im Gro\u00dfen &#8211; wie im allt\u00e4glich Kleinen, wo egoistisches, nicht verantwortbares Handeln beginnt. Wenn wir uns nun selbst kritisch ansehen:<\/p>\n<p>Wir reden vom Frieden und wir wollen Frieden \u2013 und merken &#8211; wenn es gut geht &#8211; wie eigene Aggressivit\u00e4t, wie Neid, auch etwa Eifersucht uns unf\u00e4hig machen, dem anderen einf\u00fchlsam, verst\u00e4ndnisvoll, auch tolerant zu begegnen.<\/p>\n<p>Wir sprechen von Gerechtigkeit, die gelten und hergestellt werden muss \u2013 und erfahren an uns selbst, wie schnell uns Mut und Zivilcourage verlassen, wenn andere Menschen unseren Beitrag, unser Eintreten n\u00f6tig haben, uns das aber etwas kosten k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Wir wissen was Wahrhaftigkeit ist \u2013 und erwischen uns vielleicht dabei, wie wir Fakten zu unseren Gunsten leicht ver\u00e4ndern, Geh\u00f6rtes zu unseren Gunsten nicht genau wiedergeben und einmal erwischt l\u00e4chelnd von Notl\u00fcgen oder verniedlichend von Flunkern reden.<\/p>\n<p>Wer k\u00f6nnte solche Beispiele nicht vermehren? Was ist das mit uns? Was l\u00e4sst uns derartig handeln \u2013 oder auch nicht handeln? Psychologen m\u00f6gen das erkl\u00e4ren k\u00f6nnen\u2013 aber die Fragen bleiben uns.<\/p>\n<p>Nein. Es gibt keinen Teufel mit einem Pferdefu\u00df \u2013 aber es gibt un\u00fcbersehbar B\u00f6ses im Kleinen wie im Gro\u00dfen. B\u00f6ses in der Gestalt von Krankheit und Ungl\u00fcck. B\u00f6ses in Gestalt von Naturkatastrophen. Und B\u00f6ses, das durch uns Menschen ver\u00fcbt wird. Hierauf bezogen ist jeder in Gefahr, dahinein verwickelt zu werden \u2013 durch Handeln oder durch Nichtstun. Gottlob, wenn wir nicht durch Umst\u00e4nde und Gelegenheit zu T\u00e4tern werden. Deshalb ja ist die Bitte formuliert: \u201eF\u00fchre uns nicht in Versuchung, sondern erl\u00f6se uns von dem B\u00f6sen\u201c die seit zweitausend Jahren von nachdenklichen M\u00e4nnern und Frauen an Gott gerichtet wird. Wollen wir nicht befreit sein von entsprechenden Versuchungen?<\/p>\n<p>Die Heilung eines vermutlich psychisch Kranken in unserer Predigttext-Geschichte verstand Jesus und verstanden die Evangelisten als einen Anfang. Als Anfang einer Welt, wie Gott sie will: einer Welt, die nicht mehr von der sozusagen widerg\u00f6ttlichen Macht des B\u00f6sen mit ihren unz\u00e4hligen Gesichtern bestimmt wird, sondern von Gott, dem Gott des Lebens. Kurz gesagt: In der Heilung des Kranken beginnt Gott mit dem Herstellen der Welt, wie er sie will &#8211; traditionell ausgedr\u00fcckt: mit dem Reich Gottes. Auf Jesu Handeln und Heilen bezogen hei\u00dft das: Mit Jesus beginnt Gott die Welt zu ver\u00e4ndern, damit sie das Gesicht bekommt, das er seiner, unserer Welt aufpr\u00e4gen will. Um dies sinngem\u00e4\u00df und mit den Worten eines Auslegers zu formulieren: Wer es mit Jesus zu tun bekommt, bekommt es nach seinem eigenen Anspruch mit der Gegenwart Gottes auf Erden und zwar bis in die Leiblichkeit hinein zu tun.<\/p>\n<p>Nun muss und kann hier noch pr\u00e4zisiert werden: Die Welt, wie Gott sie will, das \u201eReich Gottes\u201c, hat in den Augen des Glaubens mit Jesus schon begonnen und ist doch zugleich noch nicht gegenw\u00e4rtige, erwartete Zukunft. Das hei\u00dft: Diejenigen Menschen, die sich an Jesus Christus orientieren, also die Gemeinschaft der Glaubenden, lebt vom Beginnen des Reiches Gottes im Tun Jesu Christi her &#8211; und hin auf die einmal alles umfassende und die Welt pr\u00e4gende Herrschaft Gottes.<\/p>\n<p>Aber was hei\u00dft das schlie\u00dflich heute &#8211; zu leben als Gott zugeh\u00f6rende Menschen? Die aus dem Glauben kommende Gewissheit einer angefangenen und zugleich erwarteten \u00dcberwindung des B\u00f6sen erm\u00f6glicht zweierlei: Angesicht der Realit\u00e4t des B\u00f6sen in unserer allt\u00e4glichen Welt in der N\u00e4he und in der Ferne nicht zu verzweifeln. Und dem B\u00f6sen in seinen ungez\u00e4hlten Gesichtern im Alltag aktiv zu widerstehen.<\/p>\n<p>Wie das unter allt\u00e4glichen und zugleich zeittypischen Umst\u00e4nden gelingen oder nicht gelingen kann, beschreibt der Politiker Wilhelm Hoegner in seinem Buch \u201eFlucht vor Hitler. Erinnerungen an die Kapitulation der ersten deutschen Republik 1933\u201c so: \u201eAls meine Haupts\u00fcnde bekenne ich, dass ich mich durch R\u00fccksichten der Zust\u00e4ndigkeit, aus Abneigung gegen m\u00f6gliche Quengeleien gewisser Parteib\u00fcrokraten davon abhalten lie\u00df, zu b\u00fcrgerlichen Politikern zu gehen, ihnen die Gr\u00f6\u00dfe der Gefahr zu schildern und mit ihnen gemeinsame Abwehrma\u00dfnahmen zu besprechen &#8230; So muss ich mich anklagen, mich gleich den anderen auf andere oder gar auf den blinden Zufall verlassen zu haben. So darf ein Politiker nicht handeln &#8230;\u201c . Erleben wir nicht heute vergleichbare Situationen, wie je unterschiedlich wir im Beruf und unserem besonderen Umfeld leben?<\/p>\n<p>Wer \u00e4lter geworden ist, wei\u00df: Mit wenigen Strichen skizzierte, sozusagen schwarz-wei\u00df gemalte Situationen im Leben sind tats\u00e4chlich in Wirklichkeit viel komplexer, verlangen von uns viel mehr \u00dcberlegung, Mut und Einsatz als einfach beiseite zu stehen und nichts zu tun. In der au\u00dfergew\u00f6hnlichen geschichtlichen Situation seiner Zeit \u2013 dem 3. Reich \u2013 formulierte Dietrich Bonhoeffer in einem Gedicht:<\/p>\n<p>\u201eNicht das Beliebige, sondern das Rechte tun und wagen,<br \/>\nnicht in M\u00f6glichem schweben, das Wirkliche tapfer ergreifen,<br \/>\nnicht in der Flucht der Gedanken, allein in der Tat ist Freiheit.<br \/>\nTritt aus \u00e4ngstlichem Z\u00f6gern heraus in den Sturm des Geschehens,<br \/>\nnur von Gottes Gebot und deinem Glauben getragen,<br \/>\nund die Freiheit wird deinen Geist jauchzend umfangen.\u201c<\/p>\n<p>Amen<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Hellmut M\u00f6nnich<br \/>\n<a href=\"mailto:hi.moennich@freenet.de\">hi.moennich@freenet.de<\/a><\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Drittletzter Sonntag des Kirchenjahres | 6. 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