{"id":10783,"date":"2005-11-07T19:49:17","date_gmt":"2005-11-07T18:49:17","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=10783"},"modified":"2025-07-01T16:53:41","modified_gmt":"2025-07-01T14:53:41","slug":"matthaeus-5-1-12","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/matthaeus-5-1-12\/","title":{"rendered":"Matth\u00e4us 5, 1-12"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<h3><span style=\"color: #000099;\">Drittletzter Sonntag des Kirchenjahres | 6. November 2005 | Matth\u00e4us 5, 1-12 | Elof Westergaard |<\/span><\/h3>\n<p>(Text der d\u00e4nischen Perikopenordnung)<\/p>\n<p>Wenn ich hinter meiner Fensterscheibe sitze,\/ Verschleiert vom Schnee und undeutlich \/ Sehe ich meine Geliebte dort drau\u00dfen \/ Sie geht vorbei&#8230; vorbei&#8230; vorbei&#8230;<\/p>\n<p>\u00dcber mich hat die Trauer ihren Schleier gelegt \/ Ein Wesen weniger hier in der Welt, \/<br \/>\nAber der Himmel hat einen Engel mehr als zuvor.<\/p>\n<p>Wenn ich hinter meiner Fensterscheibe sitze, \/ Verschleiert vom Schnee und undeutlich, \/ Glaube ich meine Geliebte dort drau\u00dfen zu sehen, \/ aber sie geht nicht&#8230; nicht mehr vorbei&#8230;<\/p>\n<p>Dieser Text ist die Prosawiedergabe eines Gedichtes des portugiesischen Dichters Fernando Pessoa. Er hat es im Mai 1902 geschrieben, er war 13 Jahre alt, als er es schrieb. Pessoa hatte damals bereits seinen Vater verloren, der an Tuberkulose gestorben war. Und einen kleinen Bruder hatte er ebenfalls verloren.<br \/>\nEs ist ein Gedicht der Sehnsucht und der Trauer.<br \/>\nDas \u201eIch\u201c des Gedichtes sitzt hinter dem Fenster, und drau\u00dfen schneit es. Es ist kalt. Die Schleier des gefallenen Schnees und der Trauer gleiten ineinander. Und in diesem wei\u00dfen Schleier glaubt der Dichter seine Geliebte, den geliebten Menschen, den er verloren hat, vorbeigehen zu sehen. Er wei\u00df indessen schon sehr wohl, was das Schlusswort des Gedichts sagt: \u201eAber sie geht nicht&#8230; nicht mehr vorbei&#8230;\u201c<br \/>\nPessoa schrieb das Gedicht im Mai, als die B\u00e4ume bl\u00fchten, aber das Gedicht spricht vom Winter.<br \/>\nDenn wenn wir vom Tod und von dem, was wir verloren haben, sprechen, dann wird es schnell dunkel und kalt und oft schwarz oder wei\u00df wie Eis.<br \/>\nDunkel, weil die Erde dunkel ist und weil der Tod uns in seinen Schatten versetzt.<br \/>\nKalt, weil der Tod Abstand schafft, weil der Tod uns trifft und uns Schaden zuf\u00fcgt und Bruch bedeutet.<br \/>\nWei\u00df oder schwarz, weil der Schnee und die Erde, weil sie beide zudecken. Der Tod macht Alltag und Gegenwart zu Vergangenheit und Erinnerung.<\/p>\n<p>Schwarz oder wei\u00df ist der Tod. Schwarz und wei\u00df sind also nicht blo\u00df Gegens\u00e4tze. Sie \u00e4hneln einander weitaus mehr.<br \/>\nDer Tod rei\u00dft das Gras auf, und deckt das, was lebte, mit Erde zu. Er gleicht der Nacht, wenn sie das Meer und den Horizont verschluckt. Ja, er ist wie der Schnee, der das Err\u00f6ten der Erde verbirgt und seinen Schleier \u00fcber die Welt legt.<\/p>\n<p>Wenn ich hinter meiner Fensterscheibe sitze, \/ Verschleiert vom Schnee und undeutlich \/ glaube ich meine Geliebte dort drau\u00dfen zu sehen, \/ Aber sie geht nicht&#8230; nicht mehr vorbei&#8230;<\/p>\n<p>Der Schleier des Schnees ist hier der Ausdruck f\u00fcr die Trauer und die Sehnsucht. Und Trauer und Sehnsucht legen ja einen Schleier \u00fcber unsere Augen und unser Gem\u00fct. Man glaubt vielleicht einen Augenblick wie der Dichter zu sehen, \u2013 dass das Ganze nur ein b\u00f6ser Traum ist \u2013 dass sie oder er trotzdem da ist \u2013 aber das Herz wei\u00df sehr wohl, dass es nicht so ist, nicht mehr&#8230; Ein Licht ist erloschen, und es sind Grenzen daf\u00fcr gesetzt, was unsere Augen jetzt zu sehen bekommen und unsere H\u00e4nde ber\u00fchren d\u00fcrfen.<\/p>\n<p>In der Einleitung zur Bergpredigt sitzt Jesus also dort auf dem Berg, mitten in einer Schar von Menschen, darunter die J\u00fcnger. Und er will zu ihnen \u00fcber die Gebote, \u00fcber Liebe und Gericht sprechen.<br \/>\nEr wird von den Geboten ausgehen, die sie kennen, und er will ihren Inhalt versch\u00e4rfen:<br \/>\n\u201eIhr sollt nicht nur eure Freunde lieben, sondern auch eure Feinde.<br \/>\nIhr sollt die andere Backe darbieten.<br \/>\nIhr \u00fcbertretet schon das Gebot, dass ihr nicht t\u00f6ten sollt, wenn ihr einander z\u00fcrnt.<br \/>\nRichtet nicht!<br \/>\nNimm den Balken aus deinem eigenen Auge, ehe du den Splitter im Auge anderer siehst!\u201d<br \/>\nUnd Jesus hat noch viel mehr, was er sagen will.<br \/>\nAber als Einleitung kommen diese Seligpreisungen, die wir eben geh\u00f6rt haben.<br \/>\nSelig sind\u2026<br \/>\nHier spricht Jesus zu jedem gebrechlichen Menschen; zu dem Armen, dem Sanftm\u00fctigen, dem Hungernden, dem Barmherzigen, zu dem, der reinen Herzens ist, zu dem Friedfertigen, zu dem, der verfolgt wird, und dann sind da auch Worte f\u00fcr den, der trauert.<br \/>\nJesus sagt:<br \/>\n\u201eSelig sind die, die trauern, denn sie sollen getr\u00f6stet werden.\u201c<\/p>\n<p>Was Jesus mit diesen Worten sagen will, ist nicht, dass die Trauer an sich selig macht. Sie macht niemanden gl\u00fccklich. Wir w\u00fcrden uns, wenn wir die Wahl h\u00e4tten, lieber aus ihrem Griff befreien.<br \/>\nWohl gibt es die Freude der Erinnerung, die Dankbarkeit f\u00fcr Erinnerungen und Gedenken an das gemeinsame Leben. Die gibt es.<br \/>\nUnd es gibt allen guten Grund, sie zu bewahren.<br \/>\nAber wenn Jesus sagt: \u201eSelig sind die, die Leid tragen; denn sie sollen getr\u00f6stet werden\u201c, dann will er sagen: Wir kommen in unserem Leben nicht um Leiden, Tod und Schmerz herum, es gibt sie, aber das gilt auch vom Trost und von der Hoffnung. Und zwar hier an Ort und Stelle, und in aller Zukunft. Es gibt sie in Gott. Seine Ewigkeit reicht in unsere Gebrechlichkeit hinein.<\/p>\n<p>Oft h\u00f6ren wir anl\u00e4sslich einer Beerdigung hier in der Kirche einige Verse des Propheten Jesaja. Seine Verse lauten in ihrer poetischen Kraft:<\/p>\n<p>\u201eDie Sonne soll nicht mehr dein Licht sein am Tage,<br \/>\nund der Glanz des Mondes soll dir nicht mehr leuchten,<br \/>\nsondern der Herr wird dein ewiges Licht<br \/>\nund dein Gott wird dein Glanz sein.<br \/>\nDeine Sonne wird nicht mehr untergehen<br \/>\nund dein Mond nicht den Schein verlieren;<br \/>\ndenn der Herr wird dein ewiges Licht sein,<br \/>\nund die Tage deines Leidens sollen ein Ende haben.\u201c (Jes. 60,19-20)<\/p>\n<p>Der Prophet Jesaja spricht hier vom Licht gegen\u00fcber der Finsternis, worin wir in unserem Leben unvermeidlich gestellt werden. Licht gegen\u00fcber der Ein\u00f6de und Leere, in die der Tod unseren Sinn st\u00f6\u00dft.<br \/>\nUnser Lebenslicht brennt nur eine Zeitlang, das Licht von Sonne und Mond teilen wir nur eine Zeitlang, aber dann sind wir durch die Gnade Gottes in ein Licht gestellt. Das Licht, mit dem Gott uns begegnet. Das Licht, das in Jesus ist, und die Hoffnung, die in ihm, in seinen Taten und seinem Tod, in seinen Worten und seiner Auferstehung gegeben wird.<\/p>\n<p>An diesem Licht erhalten wir schon durch die Taufe Anteil: Ihr geh\u00f6rt mir an, sagt Gott zu uns am Taufbecken. Und er erteilt auch schon hier seinen Segen \u00fcber unser Leben. Den Segen, der uns auch beim Abendmahl begegnet, und der uns jedesmal begegnet, wenn wir uns in der Kirche versammeln.<br \/>\nDieses Licht, das Gott \u00fcber uns leuchten l\u00e4sst, bewirkt, dass wir die Zeile in der Mitte von Pessoas Gedicht voller Vertrauen h\u00f6ren:<\/p>\n<p>Wenn ich hinter meiner Fensterscheibe sitze,\/ Verschleiert vom Schnee und undeutlich \/ Sehe ich meine Geliebte dort drau\u00dfen \/ Sie geht vorbei&#8230; vorbei&#8230; vorbei&#8230;<\/p>\n<p>\u00dcber mich hat die Trauer ihren Schleier gelegt \/ Ein Wesen weniger hier in der Welt, \/<br \/>\nAber der Himmel hat einen Engel mehr als zuvor.<\/p>\n<p>\u201e\u00dcber mich hat die Trauer ihren Schleier gelegt: \/ Ein Wesen weniger hier auf der Welt, \/ Aber der Himmel hat einen Engel mehr als zuvor.\u201c<\/p>\n<p>Diese Worte lassen ein Licht erstrahlen mitten in dem sonst von Trauer getragenen Ton des Gedichts.<br \/>\nUnd wir sollen diese Worte im Lichte der Auferstehung Jesu und der Hoffnung auf ein ewiges Leben bei Gott h\u00f6ren.<br \/>\nWir wissen nicht, wie? wann? Und wir bekommen keine Beweise.<br \/>\nDer Tod bedeutet ein Wesen weniger hier auf der Erde, aber in Gott haben der Tod und die Finsternis, die Nichtigkeit und das Vergessen, der gebeugte Nacken und der flackernde Blick keine Macht. Der Tod ist nicht nur ein ewiges Fallen. In Jesus werden wir erh\u00f6ht.<\/p>\n<p>Gott! In deiner Gnade und Liebe. Gib uns, dass der Schleier der Finsternis und des Schnees vor dem klaren und ewigen Licht deiner Sonne weichen m\u00f6ge, so dass die Sehnsucht gelindert wird und das Leben gr\u00fcnt.<br \/>\nDer Friede Gottes sei mit den Toten! Der Friede Gottes sei mit uns allen! In Jesu Namen. Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Pfarrer Elof Westergaard<br \/>\nMarieh\u00f8jvej 17<br \/>\nDK-8600 Silkeborg<br \/>\nTel. +45 86 80 19 27<br \/>\nE-mail: <a href=\"mailto:eve@km.dk\">eve@km.dk<\/a><\/strong><\/p>\n<p><strong>\u00dcbersetzung aus dem D\u00e4nischen: Dietrich Harbsmeier<\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Drittletzter Sonntag des Kirchenjahres | 6. 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