{"id":10784,"date":"2005-11-07T19:49:19","date_gmt":"2005-11-07T18:49:19","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=10784"},"modified":"2025-07-01T16:52:19","modified_gmt":"2025-07-01T14:52:19","slug":"lukas-1114-26","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/lukas-1114-26\/","title":{"rendered":"Lukas 11,14-26"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<h3>Drittletzter Sonntag des Kirchenjahres | 6. November 2oo5 | Lukas 11,14-26 | Franz-Heinrich Beyer |<\/h3>\n<p>Liebe Gemeinde,<\/p>\n<p>von einer Heilung durch Jesus ist in diesem Text aus dem Lukasevangelium die Rede. Von einer heilsamen Ver\u00e4nderung. Ein Mensch hat sie an sich selbst erfahren. Er, der vorher stumm war, der unf\u00e4hig war zu sprechen, der redet jetzt.<\/p>\n<p>Aber im weiteren Text geht es gar nicht mehr um diesen Menschen. Vielmehr ist diese Heilung Anlass zu einer Auseinandersetzung dar\u00fcber, was Jesus tut, wie er es tut \u2013 ja schlie\u00dflich darum &#8211; wer Jesus ist.<\/p>\n<p>Es f\u00e4llt nicht leicht, diesem Gespr\u00e4ch zu folgen. Zu fern scheint das dort Verhandelte von unserer Alttagserfahrung. Es ist vor allem die zur sprichw\u00f6rtlichen Redewendung gewordene Passage \u201eDen Teufel durch Beelzebub austreiben\u201c, die aus diesem Textabschnitt in unseren Wissensschatz Eingang gefunden hat.<\/p>\n<p>Aber verweilen wir zun\u00e4chst bei der geschilderten Ausgangssituation. Ein stummer Mensch vermag zu reden, denn \u201eder b\u00f6se Geist\u201c ist aus ihm herausgefahren, hatte ihn verlassen.<\/p>\n<p>Ja, wo leben wir denn m\u00f6chten wir ausrufen. Wer rechnet denn in unserer Zeit noch mit b\u00f6sen Geistern und spricht es auch noch aus. Wenn jemand nicht sprechen, sich nicht artikulieren kann, dann liegt in der Regel ein medizinisches Problem vor. Vielleicht auch ein psychisches und daf\u00fcr gibt es hoffentlich eine Therapie.<\/p>\n<p>Jeder einzelne, so die weit verbreitete Meinung, ist zun\u00e4chst f\u00fcr sich selbst zust\u00e4ndig. Er kann bestimmten Dingen zustimmen, er kann andere ablehnen und seine eigene Meinung artikulieren. Das ist es doch, woraufhin alle Erziehung in Kindergarten, Schule und vielleicht auch noch Universit\u00e4t zielt \u2013 den einzelnen\/die einzelne zu einer selbst\u00e4ndigen Lebenshaltung zu bef\u00e4higen.<\/p>\n<p>Sollte an dieser Zielsetzung etwas verkehrt sein? Nein, keinesfalls. Nur, geht diese Zielsetzung mit der Wirklichkeit, wie wir sie wahrnehmen oft nicht spannungslos zusammen.<\/p>\n<p>Wir kennen selbst die Situation: Ein Vorhaben, ein selbst gestecktes Ziel l\u00e4sst uns nicht zur Ruhe kommen. Wir sind wie \u201ebesessen\u201c von einer solchen Idee, einem solchen Ziel und dabei oft nicht mehr ansprechbar f\u00fcr andere.<\/p>\n<p>Oder denken wir an die Menschen in unserer Nachbarschaft. Manch einer hat seinen Arbeitsplatz verloren, hat viele Anstrengungen und Initiativen unternommen \u2013 ohne das ersehnte Ergebnis, einen Arbeitsvertrag zu haben. Bestimmt von Entt\u00e4uschung, auch von Minderwertigkeitsgef\u00fchlen m\u00f6chte er kaum noch angesprochen werden und bringt sich selbst schon gar nicht ins Gespr\u00e4ch; er ist stumm geworden.<\/p>\n<p>Oder erinnern Sie sich an die vielen Bilder in den Fernsehnachrichten aus den Krisen- und Katastrophenregionen unserer Welt. Immer wieder sehen wir Menschen, die stumm geworden sind in dem Elend, das \u00fcber sie gekommen ist.<\/p>\n<p>Solches Stummsein von Menschen, aus welchen Ursachen und Anl\u00e4ssen auch immer, ist keinesfalls erst ein Ph\u00e4nomen unserer Zeit. Es gab es wohl zu allen Zeiten.<\/p>\n<p>Lukas berichtet davon, dass ein stummer Mensch zu reden beginnt, denn Jesus hatte den \u201eb\u00f6sen Geist\u201c ausgetrieben; er, Jesus, vermochte den Stummen zu heilen. Sein Verm\u00f6gen zu Heilen, Schicksale zu ver\u00e4ndern \u2013 Jesus selbst f\u00fchrt das nicht auf besondere Qualit\u00e4ten seiner Person zur\u00fcck, auch nicht auf ein besonderes Geheimwissen oder \u00e4hnliches. \u201eWenn ich aber durch Gottes Finger die b\u00f6sen Geister austreibe, so ist ja das Reich Gottes zu euch gekommen\u201c. So hat Jesus seinen Kontrahenten im Gespr\u00e4ch entgegnet. Durch Gottes Finger ist das geschehen, durch Gottes Finger, von denen es im Alten Testament, im Ps 8 hei\u00dft, die Himmel sind Gottes Finger Werk. Gottes sch\u00f6pferische und ordnende Macht vermag Wunder, Heilung, pl\u00f6tzliche Lebenswenden zu bewirken.<\/p>\n<p>Das Wahrnehmen dessen, dass es ein Stummsein gibt, auch mitten unter uns, kann uns bewusst machen, was wir haben, was wir verm\u00f6gen. Reden k\u00f6nnen, mit einer Antwort rechnen und wiederum selbst antworten \u2013 f\u00fcr uns ist es so selbstverst\u00e4ndlich, dass wir dar\u00fcber nicht mehr nachdenken m\u00fcssen. Stummsein wird in der menschlichen Erfahrung mit Einsamkeit verbunden; Reden-K\u00f6nnen dagegen mit Austausch und Gemeinschaft.<\/p>\n<p>Wer stumm ist, wer nicht zu reden vermag muss sich als Spielball der Geschehnisse sehen Ein solcher Mensch empfindet sich wehrlos ausgeliefert, wem auch immer. Wer reden kann, kann sich artikulieren, kann Fragen stellen. Ein solcher Mensch kann somit aktiv eingreifen; er sieht sich nicht mehr ohnm\u00e4chtig und nur ausgeliefert.<\/p>\n<p>Reden k\u00f6nnen, sich zu artikulieren verm\u00f6gen \u2013 das erm\u00f6glicht es, die eigene Stimme angesichts von Unrecht und Gleichg\u00fcltigkeit erheben zu k\u00f6nnen. Was uns vor Augen und Ohren kommt, es muss nicht nur einfach hingenommen werden. Es gibt Situationen, da bedarf es eines Mutes, in dieser Weise die eigene Stimme zu gebrauchen, gegen \u00e4u\u00dfere Einsch\u00fcchterung und gegen inneres Abgestumpftsein. Ein wichtiger Schritt dabei ist es, mit der eigenen Stimme f\u00fcr Menschen einzutreten, die von Not oder Gewalt betroffen sind. Darum ist die F\u00fcrbitte in unseren Gottesdiensten etwas ganz Wichtiges. Als Menschen, die reden, die sich artikulieren k\u00f6nnen, treten wir mit unserer Stimme f\u00fcr Menschen ein, die in Not und Bedr\u00e4ngnis sind, die durch die Umst\u00e4nde, durch Unrecht oder durch Gewalt zum Verstummen gebracht wurden oder die nie etwas anderes als Stummsein kennenlernen konnten.<\/p>\n<p>Vor 16 Jahren, im Herbst 1989, haben unz\u00e4hlige Menschen in der damaligen DDR an sich selbst die Wende vom Stummsein zum Redenk\u00f6nnen erlebt. Viele erlebten es wie ein Wunder, die Wende vom verordneten und oft auch verinnerlichten Stummsein zu einem Redenk\u00f6nnen. Dieses Redenk\u00f6nnen artikulierte sich in den Friedens- und F\u00fcrbittgottesdiensten zuallererst in der F\u00fcrbitte f\u00fcr die Verhafteten, deren Namen verlesen wurden. Das Redenk\u00f6nnen artikulierte sich dann auch in dem Einstimmen in Lieder und Gebete aus der christlichen Tradition. Dann aber auch durch die Teilnahme am anschlie\u00dfenden Demonstrationszug, der wortlos und gerade so mit der un\u00fcberh\u00f6rbaren Botschaft von Friedfertigkeit und Gewaltlosigkeit durch die Stra\u00dfen zog. Stille, wenn sie freiwillig gew\u00e4hlt und nicht aufgezwungen wird, eine solche Stille vermag manchmal deutlicher zu \u201esprechen\u201c als Worte es verm\u00f6gen. Die Erinnerung an diese Ereignisse bleibt Hoffnung und Ermutigung zugleich.<\/p>\n<p>Noch ein letzter Aspekt des Redenk\u00f6nnens im Gegensatz zum Stummsein sei angesprochen. Redenk\u00f6nnen erm\u00f6glicht es, in Lob und Dank einzustimmen. Die geschichtliche Erfahrung zeigt, dass das eher selten im Bewusstsein von Menschen ist. Trotzdem: Es ist wichtig, dass wir uns Zeit nehmen, zum Innehalten, um uns erinnern zu lassen \u2013 Wir sind solche, die reden k\u00f6nnen; wir sind solche, die Grund haben zum Danken. Dann werden wir auch gewahr, dass es auch und immer noch das Stummsein gibt \u2013 in der N\u00e4he und in der Ferne.<\/p>\n<p>Was uns der Textabschnitt aus dem Lukasevangelium von Jesus in Erinnerung ruft, das best\u00e4rkt uns als hoffende Menschen. Hoffnung hat immer einen Grund und sie ermutigt dazu, Hoffnungsvolles, da wo es erkennbar ist wahrzunehmen. Solche Hoffnung wei\u00df aber auch darum: F\u00fcr viele Menschen scheint eine Wende vom Stummsein zum Redenk\u00f6nnen unvorstellbar. Es steht noch etwas aus, auf das wir warten. Die Kraft unserer Hoffnung ist gefragt. AMEN.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Prof. Dr. Franz-Heinrich Beyer<br \/>\n<a href=\"mailto:Franz-Heinrich.Beyer@rub.de\"> Franz-Heinrich.Beyer@rub.de<\/a><\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Drittletzter Sonntag des Kirchenjahres | 6. 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