{"id":10793,"date":"2005-11-07T19:49:23","date_gmt":"2005-11-07T18:49:23","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=10793"},"modified":"2025-07-03T13:18:29","modified_gmt":"2025-07-03T11:18:29","slug":"lukas-16-1-8","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/lukas-16-1-8\/","title":{"rendered":"Lukas 16, 1-8"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<h3><span style=\"color: #000099;\">Vorletzter Sonntag des Kirchenjahres (Volkstrauertag) | 13. November 2005 | Lukas 16,1-8 | Walter Meyer-Roscher |<\/span><\/h3>\n<p>\u201eLernt aus verwehter Spur, sorgt, dass die W\u00fcste nicht w\u00e4chst\u201c.<br \/>\nDiese Mahnung ist am Portal des deutschen Soldatenfriedhofs in El Alamein in Nordafrika zu lesen.<\/p>\n<p>Wo die W\u00fcste sich ausbreitet, wird menschliches Leben gef\u00e4hrdet. Das ist eine uralte Erfahrung aus der Geschichte der Menschheit. Sie gilt auch in einem \u00fcbertragenen Sinn von der durch Menschen verursachten Verw\u00fcstung mitmenschlichen Zusammenlebens. Hass und Vorurteile, hemmungsloser Egoismus und Gewalt, Brutalit\u00e4t und Tod durch Menschenhand, durch menschliches Versagen und menschliche Schuld lassen eine W\u00fcste wachsen mitten unter uns.<\/p>\n<p>Der Volkstrauertag erinnert uns an die dunkelste Zeit unserer j\u00fcngeren Geschichte, als diese W\u00fcste in einer bis dahin unvorstellbar grauenvollen Weise millionenfach menschliches Leben vernichtete und mitmenschliches Zusammenleben zerst\u00f6rte.<\/p>\n<p>Redet doch nicht mehr davon, sagen heute- 60 Jahre nach den Schrecken des Zweiten Weltkriegs- viele Menschen in unserem Land. Die Toten ruhen, die Tr\u00fcmmer sind l\u00e4ngst beseitigt. Wozu immer noch an das Grauen von damals erinnern?<\/p>\n<p>\u201eIch beneide sie alle, die vergessen k\u00f6nnen\u201c, hat der Schriftsteller G\u00fcnter Eich gesagt. \u201eIch beneide alle, die sich beruhigt schlafen legen. Ich beneide mich selbst um die Augenblicke blinder Zufriedenheit. Im Grunde aber zweifle ich an der G\u00fcte des Schlafs, in dem wir uns alle wiegen&#8230; Alles, was geschieht, geht dich an\u201c- auch Intoleranz und Hass , die wir heute erleben; Terror, der blindw\u00fctig zuschl\u00e4gt, und Gewalt, die sich mit einer Art von Kreuzzugsmentalit\u00e4t an allen ideologischen Fronten breit macht; Egoismus und Habgier, verweigerte Solidarit\u00e4t mit Schwachen und Benachteiligten. Wo auch immer in unserer globalisierten Welt das geschieht, geht es uns an.<\/p>\n<p>So macht die Mahnung schon Sinn: Lernt aus verwehter Spur, sorgt, dass die W\u00fcste nicht w\u00e4chst. Verschweigt nicht die Erinnerung an die ohnm\u00e4chtigen Opfer, an verratene Menschlichkeit, an menschliches Versagen und menschliche Schuld. Gedenken macht Sinn, wenn aus der Erinnerung Wissen erw\u00e4chst, wenn das Vergangene heute unser Gewissen sch\u00e4rft. Vergesst nicht die bittere Erkenntnis, dass damals die Macht der Gewalt begann, als die Menschen ihrer Faszination erlagen, als wir einer menschenverachtenden Ideologie vom Recht des St\u00e4rkeren, vom Misstrauen gegen alles Fremde, von der angeblichen Minderwertigkeit der Schwachen Macht \u00fcber uns gaben.<\/p>\n<p>Darum lernt aus verwehter Spur, sorgt, dass die W\u00fcste von Vorurteilen und Hass nicht w\u00e4chst. Sorgt, dass die W\u00fcste, in der blanker Egoismus triumphiert, Schwache an die Seite gedr\u00e4ngt, Versager \u00fcbergangen und Fremde ausgesto\u00dfen werden, sich nicht unter uns ausbreitet. Bedenkt auch, dass wir f\u00fcr alles Unterlassen und alles Tun zur Rechenschaft gezogen werden.<\/p>\n<p>Dieser Augenblick kann sehr pl\u00f6tzlich kommen. Davon spricht Jesus in dem Gleichnis, das am diesj\u00e4hrigen Volkstrauertag der vorgegebene Predigttext ist.<\/p>\n<p>Da ist ein Verwalter, der mit dem ihm anvertrauten Besitz sorglos, fahrl\u00e4ssig und offenbar auch eigenn\u00fctzig umgeht. \u201eVeruntreuung\u201c lautet der Vorwurf. Wir kennen das und wissen auch, wie darauf zu reagieren ist: Einbestellung, Anh\u00f6rung, K\u00fcndigung, erzwungene Wiedergutmachung, aber auch gleichzeitig eine der Schwere der Verfehlungen angemessene Bestrafung. Was ist daran so au\u00dfergew\u00f6hnlich?<\/p>\n<p>Wir erleben dann die ewigen Selbstrechtfertigungsversuche; die schamlosen Behauptungen, das t\u00e4ten doch viele andere auch; den verschleierten R\u00fcckzug aus der Verantwortung. Hier aber ist es anders. Das Selbstgespr\u00e4ch des Beschuldigten ist eindeutig, seine Selbsterkenntnis ist bestechend. Einfache, harte Arbeit ist nicht seine Sache. Auch auf Almosen will er nicht angewiesen sein. Dieser Mann sch\u00e4tzt seine Situation n\u00fcchtern ein, und er ist ehrlich mit sich selbst. Das ist schon au\u00dfergew\u00f6hnlich.<\/p>\n<p>Er muss in letzter Stunde etwas tun, um die eigene Existenz zu retten und Vorsorge f\u00fcr eine unsichere, wahrscheinlich schon verbaute Zukunft zu treffen. So macht er sich \u2013 wieder auf Kosten des Besitzers \u2013 lieb Kind bei anderen, hofft auf eine Kumpanei aller, die dem Besitzer verpflichtet und dankbar f\u00fcr eine Minderung ihrer Verpflichtungen sind. Diese Dankbarkeit hofft er auf sich zu ziehen.<\/p>\n<p>Am Ende lobt ihn der Besitzer, sagt Jesus. Ich frage mich, wie ich mit solch einem unerwarteten und unerh\u00f6rten Lob umgehen soll. Was dieser Verwalter getan hat, muss man doch verantwortungslos nennen. Wenn alle so handeln, dann w\u00e4chst die Verw\u00fcstung von Moral und Anstand, von Tugenden, ohne die menschliches Zusammenleben nicht gelingen kann. Dann finden wir uns in einer wachsenden W\u00fcste der Abzockerei und eines primitiven Egoismus wieder.<\/p>\n<p>Sorgt, dass die W\u00fcste nicht w\u00e4chst. Setzt der Verw\u00fcstung mitmenschlichen Zusammenlebens Grenzen. Ja, aber das muss doch schon da anfangen, wo Menschen sich und anderen unbefugterma\u00dfen erlassen, was sie denen schuldig sind, die ihnen Verantwortung \u00fcbertragen haben. Dann muss es schon da beginnen, wo unterlassenes oder schuldhaft verfehltes Handeln auf billige Gnade hofft.<\/p>\n<p>Das tun die Gauner. So habe ich es von Albert Camus gelernt, der einmal gesagt hat, die Gnade, die die Gauner wollten, sei die Unverantwortlichkeit. Diesen Weg der Gaunerei d\u00fcrfen wir doch nicht mitgehen. Er kann nur in die W\u00fcste f\u00fchren, und wir haben schlie\u00dflich erlebt, wie entsetzlich schnell und wie barbarisch die W\u00fcste wachsen kann, wenn man nicht schon den Anf\u00e4ngen wehrt.<\/p>\n<p>Darum kann ich das Lob, das Jesus in seinem Gleichnis als ein Lob des Herrn und Besitzers gewisserma\u00dfen weitergibt, nicht auf das Handeln dieses Gauners von Verwalter beziehen, sondern nur auf seine kluge Erkenntnis der Situation und auf seine ungeschminkte Selbsterkenntnis.<\/p>\n<p>Das w\u00e4re von ihm zu lernen: Wir m\u00fcssen uns der Tatsache stellen, dass wir alle zur Verantwortung gezogen werden und Rechenschaft ablegen m\u00fcssen \u00fcber das, was wir getan und was wir auch unterlassen haben. Da ist ein Herr, der uns sein Verm\u00f6gen anvertraut hat: Das Gut des Lebens, die G\u00fcter der Sch\u00f6pfung, gute Gaben Gottes. Wir sollen sie bewahren und verantwortlich nutzen, nicht egoistisch verschleudern und nicht gedankenlos zerst\u00f6ren. Wir sind Gott Rechenschaft schuldig. Diese Einsicht verbietet es, einfach wieder zur gewohnten Tagesordnung \u00fcberzugehen.<\/p>\n<p>Darauf sich einzustellen und diese Einsicht nicht immer weiter vor sich her zu schieben, nennt Jesus klug. Den Ernst der Lage zu begreifen, eine ehrliche Bestandsaufnahme vorzunehmen und entschlossen die f\u00e4lligen Konsequenzen zu ziehen, mahnt dieses Gleichnis an.<\/p>\n<p>Der Volkstrauertag ist da schon eine Gelegenheit, uns unseren Umgang mit dem Gut des Lebens und den G\u00fctern der Sch\u00f6pfung bewusst zu machen. Zu einer ehrlichen Bilanz geh\u00f6rt die Erinnerung an das millionenfache Leid, an Versagen und Schuld vor 60 Jahren. Diese Erinnerung soll heute unser Gewissen sch\u00e4rfen. Wir m\u00fcssen sie an kommende Generationen weitergeben. Zu einer ehrlichen Bilanz geh\u00f6rt aber auch die Erkenntnis von Versagen und Schuld heute \u2013 \u00fcberall da, wo die W\u00fcste von Egoismus und Habgier, von Intoleranz und Hass, von Gewalt und Brutalit\u00e4t sich auch in unserem Zusammenleben ausbreitet.<\/p>\n<p>Wir k\u00f6nnen nicht einfach wegsehen. Wir k\u00f6nnen uns auch nicht einfach aus der Verantwortung stehlen. Die einzig m\u00f6gliche und auch notwendige Konsequenz ist die Bereitschaft, aus verwehter Spur endlich zu lernen und mit allen Kr\u00e4ften der Verw\u00fcstung von Leben und mitmenschlichem Zusammenleben Grenzen zu setzen.<\/p>\n<p>Wie wird der Herr, der uns das Gut des Lebens und die G\u00fcter der Sch\u00f6pfung anvertraut hat, reagieren? Jesus erz\u00e4hlt sein Gleichnis vor dem Hintergrund der Gottesherrschaft, die er anbrechen sieht. Er redet nicht von einem fernen Gott im Jenseits \u2013 unnahbar, unbeeindruckt von unserem Ergehen und unserem Erleiden. Er redet von einem Gott, dessen Herrschaft unausweichlich ist. Die Gauner m\u00f6gen das als Bedrohung h\u00f6ren, aber Jesus meint einen Gott, der uns nahe kommt und der uns seine N\u00e4he sp\u00fcren lassen will wie ein Vater, der sich um seine Kinder sorgt.<\/p>\n<p>Er will nicht, dass sie sich in selbst geschaffenen W\u00fcsten verirren und verrennen. Er will ihnen einen zukunftsf\u00e4higen Weg aus den Verw\u00fcstungen ihres Lebens und ihres Zusammenlebens weisen. Eines unserer Gesangbuchlieder (EG 604) bringt es so zu Ausdruck:<\/p>\n<p>Wo ein Mensch Vertrauen gibt, nicht nur an sich selber denkt,<br \/>\nWo ein Mensch den andern sieht, nicht nur sich und seine Welt,<br \/>\nWo ein Mensch sich selbst verschenkt und den alten Weg verl\u00e4sst,<br \/>\nF\u00e4llt ein Tropfen von dem Regen, der aus W\u00fcsten G\u00e4rten macht.<\/p>\n<p>Darum lernt aus verwehter Spur, sorgt, dass die W\u00fcste nicht w\u00e4chst.<\/p>\n<p>Amen<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Walter Meyer-Roscher, Landessuperintendent i.R.<br \/>\n<a href=\"mailto:meyro-hi@arcor.de\">meyro-hi@arcor.de<\/a> <\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vorletzter Sonntag des Kirchenjahres (Volkstrauertag) | 13. November 2005 | Lukas 16,1-8 | Walter Meyer-Roscher | \u201eLernt aus verwehter Spur, sorgt, dass die W\u00fcste nicht w\u00e4chst\u201c. Diese Mahnung ist am Portal des deutschen Soldatenfriedhofs in El Alamein in Nordafrika zu lesen. 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