{"id":10797,"date":"2005-11-07T19:49:15","date_gmt":"2005-11-07T18:49:15","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=10797"},"modified":"2025-07-01T18:01:50","modified_gmt":"2025-07-01T16:01:50","slug":"lukas-161-8a","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/lukas-161-8a\/","title":{"rendered":"Lukas 16,1-8a"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<h3><b><span style=\"color: #000099;\">Vorletzter Sonntag des Kirchenjahres (Volkstrauertag) | 13. November 2005 | Lukas 16,1-8a | Dietz Lange |<\/span><\/b><\/h3>\n<p>Liebe Gemeinde!<\/p>\n<p>Offenbar gab es saftige Skandale auch schon in der Antike. Der Mann, von dem hier die Rede ist, hat zwar nicht verdorbenes Fleisch in Naturd\u00e4rme stopfen lassen und das eklige Zeug als frische Wurst verkauft, mit dem bewussten Risiko, dadurch die Gesundheit vieler Menschen zu gef\u00e4hrden. Aber ein ziemlicher Gauner ist er auch. Er ist ein P\u00e4chter, der das Hab und Gut seines Herrn verschwendet hat, hei\u00dft es da. Vielleicht hat er im gro\u00dfen Stil unsicheren Kantonisten Kredite gegeben. Oder er hat Geld unterschlagen und sich auf Kosten seines Vorgesetzten einen fr\u00f6hlichen Lenz gemacht. Wir wissen es nicht. Es gab ja damals weder online banking noch eine beh\u00f6rdliche Kontrolle solcher Arbeitsverh\u00e4ltnisse. Das war Vertrauenssache. Der reiche Gutsbesitzer, der in der Stadt wohnte, hatte einen Mann seines Vertrauens f\u00fcr die Verwaltung seines Landguts eingesetzt, und der hatte dieses Vertrauen grob entt\u00e4uscht.<\/p>\n<p>Nun ist die Geschichte aufgeflogen, und der P\u00e4chter wird fristlos entlassen. So weit so gut. Der Kerl hat das verdient, kein Grund zur Aufregung. Nur die Abrechnung soll er noch abliefern, damit die finanzielle Lage des Gutes an den Tag kommt. Peinliche Sache f\u00fcr den P\u00e4chter. Aber mehr als das. Seine Entlassung wird sich herumsprechen. Den nimmt keiner mehr als Verwalter. Arbeitslosenversicherung gab es nicht, und seine P\u00e4chterswohnung war er nat\u00fcrlich auch los. Er stand vor dem Nichts. Nach Hartz IV h\u00e4tte er nun jede zumutbare Arbeit annehmen m\u00fcssen. Aber was hie\u00df zumutbar? F\u00fcr Erdarbeiten auf dem Feld fehlten ihm die k\u00f6rperlichen Kr\u00e4fte, er war doch ein Schreibtischmensch. Und viele andere M\u00f6glichkeiten gab es damals nicht auf dem Lande. Oder betteln? Da sch\u00e4mte er sich. Nat\u00fcrlich h\u00e4tte er sich direkt an dem Verm\u00f6gen seines Herrn vergreifen, eine gr\u00f6\u00dfere Summe Bargeld auf die Seite bringen k\u00f6nnen. Aber das w\u00e4re im Unterschied zu den bisherigen Betr\u00fcgereien leicht nachzuweisen gewesen. Dann h\u00e4tte es eine Anklage vor Gericht gegeben, und eine Gef\u00e4ngnisstrafe w\u00e4re ihm sicher gewesen.<\/p>\n<p>Da kommt er auf eine Idee. Die ist zwar auch kriminell, keine Frage. Aber pfiffig. Die Sache mit den Schuldscheinen. Das lief damals so, dass der Schuldner seinem Gl\u00e4ubiger eigenh\u00e4ndig die geliehene Summe bescheinigen musste. Diese Scheine hatte der Gutsbesitzer nicht gesehen. Also w\u00fcrde es nicht auffallen, wenn der P\u00e4chter einfach neue Scheine ausschreiben l\u00e4sst. Es muss blo\u00df schnell gehen, bevor die Leute von seiner Absetzung erfahren. Bei diesem Plan handelt es sich nicht um Kleinkram. Der eine schuldete 100 Bat \u00d6l, das sind ca. 40 hl oder der Ertrag von 140 \u00d6lb\u00e4umen, der Geldwert von 500-600 Arbeitstagen. Der andere schuldete 100 Kor Weizen, das sind 500 Zentner oder der Ertrag von 42 ha Land. So kann man das in den gelehrten Kommentaren nachlesen. Auf jeden Fall eine ganze Menge. Davon wird den beiden ein gro\u00dfer Teil erlassen &#8211; in der Summe jedem ungef\u00e4hr gleich viel. Daf\u00fcr, so kann sich der P\u00e4chter ausrechnen, w\u00fcrde er eine ganze Weile bei den Leuten Kost und Logis bekommen. Denn dass man f\u00fcr eine gro\u00dfe Gef\u00e4lligkeit eine entsprechende Gegenleistung erwarten konnte, war in der damaligen Zeit selbstverst\u00e4ndlich. So w\u00e4re der Mann aus dem Schneider, bis \u00fcber die Sache Gras gewachsen w\u00e4re.<\/p>\n<p>Aber nun kommt der Hammer, wie man in heutigem Deutsch sagen w\u00fcrde. Der Gutsbesitzer hat offenbar von der Sache Wind bekommen, obwohl sie so listig eingef\u00e4delt worden war. Wir w\u00fcrden erwarten, dass er nun erst recht w\u00fctend wird, ist er doch schamlos ein zweites Mal betrogen worden. Stattdessen lobt er den ungerechten Verwalter, weil er klug gehandelt habe. Damit h\u00f6rt das Gleichnis auf, das Jesus erz\u00e4hlt. Also das ist dann die Pointe, das findet er richtig!<\/p>\n<p>Jetzt sind wir dran, uns zu emp\u00f6ren. Wie kann das sein, dass Jesus die Machenschaften dieses dreisten Betr\u00fcgers guthei\u00dft? Das darf doch wohl nicht wahr sein! Wie sollen wir ihm dann noch glauben? Provozieren ist ja ganz sch\u00f6n, wenn man erkennen kann, wozu es gut ist. Aber dies geht denn doch entschieden zu weit!<\/p>\n<p>Wir sind mit unserer Emp\u00f6rung nicht allein. Nicht nur Gegner des Christentum haben sich an diesem Gleichnis gesto\u00dfen, sondern ganz fr\u00fch auch schon die Christen. Sie haben alles M\u00f6gliche unternommen, um das Problem zu entsch\u00e4rfen. So hat das Lukasevangelium Worte von Jesus, die er bei anderer Gelegenheit gesprochen hat, an dieses Gleichnis drangeh\u00e4ngt, z.B.: \u201eWer im Kleinsten treu ist, der ist auch im Gro\u00dfen treu; wer aber im Kleinsten untreu ist, der ist auch im Gro\u00dfen untreu\u201c (V.10-12). Damit war f\u00fcr die christliche Gemeinde klar, dass jedenfalls Jesus den ungerechten Verwalter nicht lobt, sondern geb\u00fchrend tadelt.<\/p>\n<p>Ich finde dieses Bem\u00fchen, Jesus in Schutz zu nehmen, h\u00f6chst sympathisch, geradezu r\u00fchrend. Es ist ja auch etwas Richtiges dran: Jesus <em>kann<\/em> nicht den Betrug gelobt haben, er <em>kann<\/em> nicht die Schlitzohrigkeit des Verwalters als vorbildlich hingestellt haben. Das passt einfach nicht zu all dem, was er sonst gesagt hat! Trotzdem h\u00f6rt das Gleichnis genau da auf, wo ich mit Vorlesen aufgeh\u00f6rt habe: \u201eDer Herr lobte den ungerechten Verwalter, weil er klug gehandelt hatte.\u201c<\/p>\n<p>Er lobte ihn, \u201eweil er klug gehandelt hatte\u201c, und nicht, \u201eweil er seinen Herrn aufs Kreuz gelegt hatte\u201c. Diesen Unterschied haben wir wohl bei unserer Emp\u00f6rung \u00fcberh\u00f6rt. Er ist aber wichtig! Klar war der Verwalter ein Betr\u00fcger, Jesus nennt ihn ja selbst ungerecht. Er besch\u00f6nigt das also nicht. Aber darauf kommt es ihm jetzt nicht an. Das ist sozusagen nur der Ohren\u00f6ffner, der uns Zuh\u00f6rer auf das Eigentliche sto\u00dfen soll. Und das ist: Dieser Mensch hat in v\u00f6llig aussichtsloser Lage die einzige Gelegenheit ergriffen, die sich ihm bot, um einen Weg aus der Misere zu finden, indem er den Schuldnern, die ja auch ganz sch\u00f6n in Schwierigkeiten waren, etwas Gutes tat. Ja gewiss, er hat das nicht aus lauter Edelmut getan, sondern um seine Haut zu retten, und kriminell war es sowieso. Aber sehen wir doch mal einen Moment von all dem Unmoralischen ab: Er hat klug gehandelt, und es war doch wohl das einzige bisschen Gute, das er da tun konnte.<\/p>\n<p>Aber wof\u00fcr soll das nun ein Gleichnis sein, was soll uns das sagen? Ich denke, das ist jetzt gar nicht mehr so schwierig herauszufinden. Jesus predigte den Menschen damals &#8211; und er predigt uns heute &#8211; etwas im Grunde ganz Einfaches: \u201eJetzt, indem ich zu euch spreche, ist das Reich Gottes mitten unter euch, hier in dieser Kirche, hier in dieser Stadt mitten im t\u00e4glichen Leben. Auch wenn ihr Gott nat\u00fcrlich nicht sehen k\u00f6nnt, er steht jetzt vor euch, er spricht jetzt in eurem Herzen. Das ist die Gelegenheit eures Lebens.\u201c<\/p>\n<p>Gott vor uns, das ist eine ernste Sache, auch wenn wir uns nichts Derartiges haben zuschulden kommen lassen wie der P\u00e4chter im Gleichnis. Denn wer von uns w\u00fcrde wohl behaupten wollen, er habe sich in jeder Lebenslage fest auf Gott verlassen, habe immer zu seinem Glauben gestanden, habe immer aus Liebe zu seinem N\u00e4chsten gehandelt? Ja, schlimmer noch: Wir neigen heute mehr als die Menschen fr\u00fcherer Zeiten dazu, den Ernst solcher unbequemen Fragen zu verdr\u00e4ngen. Gottes Gericht \u00fcber uns, so meinen wir, das ist finsteres Mittelalter. Wir glauben doch an einen lieben Gott, der immer nur freundlich ist. Im Ernst, liebe Gemeinde? Ein Gott, der uns immer nur in den Arm nimmt und streichelt, der w\u00e4re doch ein allzu menschlicher Schw\u00e4chling und kein Gott! Erwachsene Menschen, auch Jugendliche, werden sich auf so etwas doch nicht im Ernst einlassen wollen. Nein, Gott verlangt schon den vollen Einsatz unseres Lebens. Das ist mit der \u201eGelegenheit\u201c auch gemeint, die er uns gibt. Deswegen wird die strenge Rede, die wir vorhin als Sonntagsevangelium geh\u00f6rt haben, zu Recht auch heute noch vorgelesen: \u201eWas Ihr einem dieser Geringsten nicht zugute getan habt, das habt ihr mir auch nicht getan, und Gott wird das nicht vergessen.\u201c Auch der Herr im Gleichnis ist durchaus streng.<\/p>\n<p>Aber zugleich ist da die andere Seite, auf die es Jesus vor allem ankommt. \u201eGottes Reich ist bei euch jetzt, wo ich zu euch spreche\u201c, das hei\u00dft auch: \u201eGott will euch trotz allem vergeben, euch annehmen und als seine Mitarbeiter gewinnen.\u201c Das ist ein Wort! Das erwartet allerdings auch eine Reaktion. Die kann nicht darin bestehen, dass ich gelangweilt in meinem Fernsehsessel die n\u00e4chste Flasche Bier \u00f6ffne. Sondern wenn wir das verstehen, was Jesus da sagt, dann ist das eine entscheidende Gelegenheit, die vielleicht nicht wiederkehrt, eine Gelegenheit, die eine klare Entscheidung verlangt, so wie von dem Verwalter im Gleichnis. Die Gelegenheit kann nur ergriffen werden. Da k\u00f6nnen wir nur all unsere Klugheit zusammennehmen, um zu erkennen, wo Gott uns jetzt hinstellen will.<\/p>\n<p>So auf Gottes Vergebung zu bauen, das werden viele Menschen f\u00fcr blau\u00e4ugiges Wunschdenken halten, und ein solcher Gott wird ihnen ungerecht vorkommen, genauso ungerecht wie der Gutsherr, der seinen betr\u00fcgerischen Verwalter lobt. Aber seien wir froh, dass unser Gott sich nicht an den Ma\u00dfst\u00e4ben solcher Moral messen l\u00e4sst. Auch wenn wir, die wir hier in dieser Kirche sitzen, bestimmt keine solchen Gauner sind wie der P\u00e4chter, den Jesus schildert: Verdient haben wir Gottes Nachsicht auch nicht. Er hat ja nicht vergessen, was f\u00fcr eine Art von Leben er von uns erwartet. Aber er gibt uns jetzt die Chance eines neuen, von Schuld unbelasteten Lebens. Greifen wir zu, und finden wir heraus, jeder von uns, an welcher Stelle sich dadurch in unserem Leben mit unseren Mitmenschen etwas handgreiflich ver\u00e4ndern kann.<\/p>\n<p>Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Prof. Dr. Dietz Lange<br \/>\n<a href=\"mailto:Dietzlange@aol.com\">Dietzlange@aol.com <\/a> <\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vorletzter Sonntag des Kirchenjahres (Volkstrauertag) | 13. November 2005 | Lukas 16,1-8a | Dietz Lange | Liebe Gemeinde! Offenbar gab es saftige Skandale auch schon in der Antike. 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