{"id":10804,"date":"2005-11-07T19:49:22","date_gmt":"2005-11-07T18:49:22","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=10804"},"modified":"2025-07-03T13:30:28","modified_gmt":"2025-07-03T11:30:28","slug":"lukas-12-42-48-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/lukas-12-42-48-2\/","title":{"rendered":"Lukas 12, 42-48"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<h3><b><span style=\"color: #000099;\">Ewigkeitssonntag | 20. November 2005 | Lukas 12,42-48 | Wolfgang Petrak |<\/span><\/b><\/h3>\n<p>Liebe Gemeinde,<br \/>\nheute, ein Tag in der Zeit: Ewigkeitssonntag. Es ist der Tag, der uns vor Augen f\u00fchrt, dass die Lebenszeit geschenkt ist. Zugleich l\u00e4sst er erkennen, dass sie uns genommen wird.<br \/>\nDieser Tag kann und will nicht den Schmerz bet\u00e4uben, den die Trauer hinterl\u00e4sst. Wir haben erfahren- und es wird sich wiederholen-, dass wir loslassen m\u00fcssen. Wir sollen aber wissen, dass zugleich unsere Zeit in den Horizont Gottes hineingestellt wird. Er umgreift uns und unsere Vergangenheit. Er allein er\u00f6ffnet eine neue Zukunft. So wird es kommen.<\/p>\n<p>Und so sind viele heute gekommen, um zu h\u00f6ren, was Gott mit uns vor hat. Vielleicht werden sie nachher noch einmal \u00fcber den Friedhof gehen, an den Gr\u00e4bern ihrer Toten verweilen und mit Blumen und Gestecken einen Gru\u00df hinterlassen. Denn mitten in der Zeit der Trauer soll das Sch\u00f6ne, das Wachsen seinen Ausdruck finden k\u00f6nnen. Zugleich k\u00f6nnen auch die Tr\u00e4nen dabei ihren Platz haben. Denn es gibt etwas, was nicht mit Worten gesagt werden kann. Die Gedanken, die wie Bilder auftauchen und sich zusammenstellen wie in den Fotoalben hinten im Glasschrank: Damals, als Weende noch ein Dorf war und der Weg in die Stadt mit dem Fahrrad an Feldern und G\u00e4rten vorbei f\u00fchrte; und im Sommer im Freibad, und wie die Mutter durch den Zaun mittags immer die Brote steckte; und wie man sonntags mit der Familie zu Plesse wandern musste; und wie bis in den fr\u00fchen Morgen hinein bei Waldmanns auf dem Saal getanzt wurde, na klar; und wie man im VW-K\u00e4fer \u00fcber die Alpen gefahren war; und wie man sp\u00e4ter dann zu Besuch gekommen war; und wie es dann soweit war und der Notarzt geholt werden musste, wie dann alles zusammenkam: Hin- und her gehen die Gedanken, entwerfen sich die Bilder. Sie lassen den Wechsel der Zeiten nicht aus. Sie z\u00f6gern, halten aber den dunklen Tiefen stand und k\u00f6nnen dann wieder im Licht der hellen Tage verweilen. Klar, man ist nicht \u00fcber die Str\u00e4nge geschlagen oder jedenfalls nicht allzu oft.<\/p>\n<p>Aber: K\u00f6nnen wir bei unseren Bildern dieses Tages und unserer Zeit-, k\u00f6nnen wir in all den Gedanken, die die Mosaiksteinchen des Lebens zusammenzuf\u00fcgen suchen, traurig gestimmt und zugleich mit einem leisen L\u00e4cheln dabei- k\u00f6nnen wir da noch h\u00f6ren, wie der Herr kommt? Dieses Bild, wie er die Rute \u00fcber dem R\u00fccken dessen schwingt, der sich als unzuverl\u00e4ssiger Haushalter erwiesen hat; wie seine ganze Strenge dem gilt, der offensichtlich \u00fcber die Str\u00e4nge geschlagen war? K\u00f6nnen wir in dem ged\u00e4mpften Licht unserer Gedanken noch h\u00f6ren und es ertragen, wie da vom Herren gesagt wird, dass er zwar den einen erhebt, den anderen aber zerschl\u00e4gt? Bang m\u00fcsste man sich fragen: \u201eHerr, bin ich\u2019s\u201c? Oder man m\u00fcsste auflehnend das Wort des Propheten Hosea dagegenhalten: \u201eKommt, wir wollen wieder zum Herren, er hat uns geschlagen, er wird uns auch verbinden\u201c (Hos 6,1). Weil niemand zwei Herren dienen kann, muss man sich fragen: wer ist denn dieser Herr?<\/p>\n<p>Wenn alles durcheinander zugehen scheint, muss man genau hinsehen und den Wust der sich zerteilenden Gedanken ordnen. Ja, es ist unser Herr, der ein Gleichnis sagt und uns ein Bild entwirft. In dieses Bild stellt er einen anderen Herrn hinein. Also: Das ist nicht er selbst, sondern eben ein Herr, wie es sie gegeben hat in diesen Zeiten der Herren und Knechte, der Freien und Sklaven, der Agrar\u00f6konomen und der Lohnabh\u00e4ngigen. Klar, dass so ein Herr von seinem Verwalter erwartet, dass in der Zeit seiner Abwesenheit der gegebene Auftrag durchgef\u00fchrt wird muss . Sonst w\u00e4re er nicht der Herr. Klar ist auch, dass die Menschen schon seit den Zeiten Noahs und den Zeiten Lots so sind, wie sie sind: es wird gearbeitet und gesorgt, gebaut und gepflanzt, geheiratet, gegessen und getrunken: die einen so, die anderen so. Ebenso klar ist, dass Verantwortliche Konsequenzen zu tragen haben, auch wenn sie hart sind. Entsetzlich aber diese Strafe: bei Missachtung der abgesprochenen Arbeitsfelder gleich in St\u00fccke gehauen zu werden \u2013 eine solche Strafe kann doch selbst der Herr in BILD nicht fordern&#8230;<\/p>\n<p>Es ist ja auch nur eine \u00dcbertreibung, denn auch damals erz\u00e4hlte man sich aus fernen Landen, in diesem Fall aus Persien, Schauergeschichten. Vom H\u00f6rensagen her kann auch im Gleichnis \u00fcbertrieben werden, um das vermeintlich ferne Ereignis umso deutlicher anzuk\u00fcndigen: der Herr, unser Herr kommt. Wann und wie: das bleibt offen. Und was dann sein wird, auch. Ja, es kann sogar sein, dass es umgekehrt kommt: Die, die eigentlich die Strafe verdienen, bekommen keine, w\u00e4hrend andere, die viel und Richtiges getan haben&#8230;.Was also kommt nach den Worten unseres Herren auf uns zu?<\/p>\n<p>Vieles kommt zusammen, wenn wir an diesem Tag das Gedenken und das Verdanken zusammen f\u00fcgen und gleichsam die Bilder unseres und gleichsam die Bilder unseres gemeinsamen Lebens aus den Alben herausnehmen und wie auf einem Tisch ausbreiten: welch eine Vielfalt, un\u00fcberschaubar die einzelnen Momente, un\u00fcberschaubar auch die Verbindungen und Verkn\u00fcpfungen. Was da alles zusammenkommt: Das meint das dankbare Erkennen eines \u00fcbergeordneten Zusammenhanges. Es meint aber auch das Zusammenkommen von Abgr\u00fcnden und Schuld. Vor Jahrhunderten hatten Theologen dazu dieses Bild entworfen: Da kommt am Ende der Zeit der Mensch mit seinem Richter zusammen. Gott sitzt am Ende des anderen Tisches, der mensa rationalis. Unser Herr z\u00e4hlt die Taten auf, sie werden in die Waagschalen des Guten und des B\u00f6sen geworfen. Unaufhaltsam neigt sich die Waage zu der Seite des Unterganges, bis im letzten Augenblick Christus selbst in die andere Waagschale hinspringt, sodass sich alles umkehrt, auch das Urteil. Denn er ist es, der zusammenh\u00e4lt.<\/p>\n<p>Wahrscheinlich haben wir uns sehr weit von diesem Bild entfernt. Stattdessen pflegen wir zu sagen: \u201e Es musste ja so kommen\u201c. Um uns selbst und anderen eine Erkl\u00e4rung abzugeben, werden Beispiele verfehlter Ausgangsbedingungen genannt. Und schnell kann auch noch unter allseitigem beif\u00e4lligen Kopfnicken die eine Ausschweifung ausgef\u00fchrt, die andere aber nicht vergessen und \u00fcberhaupt. Schlie\u00dflich werden dann noch Stressfaktoren erkl\u00e4rend genannt: So erfolgt die Lebensbeschreibung als selbstverschuldetes und selbstgew\u00e4hltes Gericht. Nichts l\u00e4sst erkennen, dass die Zukunft offen ist.<\/p>\n<p>Oder man sagt: \u201eEs kommt, wie es kommt\u201c ( auf K\u00f6lsch h\u00f6rt es sich etwas gem\u00fctlicher an). Was aber nach Karneval klingen mag, ist der bittere Ernst eines Lebens ohne Zukunft. Denn das, was kommt, w\u00fcrde im Prinzip des Zufalls oder des Schicksals ohnehin schon fest liegen und jede Gestaltungsm\u00f6glichkeit rauben, damit aber auch jede Verantwortung. Da w\u00e4re es egal, die Aggression oder die Lust oder beides auszuleben, weil man sich wie jener Haushalter dann nur der Gegenwart verschreiben w\u00fcrde. \u201eMir doch egal \u201c- das w\u00e4re seine Lebens\u00e4u\u00dferung, die sich dem Kommenden, der Zukunft, verschlie\u00dft.<\/p>\n<p>Er aber kommt. Von dannen. Weil alles offen sein soll. Er kommt von einem Ort, der nicht unseren Erfahrungen entspricht und deshalb uns nicht geh\u00f6rt. Er kommt, denn wir sind ihm nicht gleichg\u00fcltig. Er kommt, damit wir eine Zukunft haben. In einem Sein, in dem alles zusammen kommt und nichts und niemand getrennt ist. Bei Gott. Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>P. Wolfgang Petrak<br \/>\nSchlagenweg 8a<br \/>\n37077 G\u00f6ttingen<br \/>\n<a href=\"mailto:w.petrak@gmx.de\">w.petrak@gmx.de<\/a><br \/>\n<\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ewigkeitssonntag | 20. November 2005 | Lukas 12,42-48 | Wolfgang Petrak | Liebe Gemeinde, heute, ein Tag in der Zeit: Ewigkeitssonntag. Es ist der Tag, der uns vor Augen f\u00fchrt, dass die Lebenszeit geschenkt ist. Zugleich l\u00e4sst er erkennen, dass sie uns genommen wird. 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