{"id":10807,"date":"2005-11-07T19:49:16","date_gmt":"2005-11-07T18:49:16","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=10807"},"modified":"2025-07-03T13:53:58","modified_gmt":"2025-07-03T11:53:58","slug":"daniel-12-1b-3-3","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/daniel-12-1b-3-3\/","title":{"rendered":"Daniel 12, 1b-3"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<h3><b><span style=\"color: #000099;\">Ewigkeitssonntag | 20. November 2005 |\u00a0Daniel 12, 1b-3 | Margot Runge |<\/span><\/b><\/h3>\n<p><strong>Michael, der Seelenw\u00e4ger <\/strong><\/p>\n<p>Liebe Gemeinde,<\/p>\n<p>sehen Sie links oben sehen die Reste des Wandgem\u00e4ldes? Es ist ein Engel im wallenden Gewand. Doch er ist anders als die Engel auf Weihnachtsbildern dargestellt, auf unserer Kanzel oder an der Orgel. Er tr\u00e4gt eine Waage in der Hand und ein Schwert ist zu sehen. Er ist nicht lieblich, sondern zeigt ein anderes Gesicht. Es ist Michael, der Erzengel, oder auch Michael, der Seelenw\u00e4ger. Waage und Schwert sind meist das Attribut der Gerechtigkeit, die nicht nach dem Ansehen urteilt. Hier, bei Michael, erinnert es an den Tod.<br \/>\nDer Tod kann das Leben zerschneiden, kann grausam sein wie ein Schwert und unerbittlich. Er stellt alles in Frage.<\/p>\n<p>Besonders wer pl\u00f6tzlich einen Menschen verloren hat, wei\u00df, wie das ist: wenn der Boden unter den F\u00fc\u00dfen weggezogen wird.<br \/>\nEin Unfall, eine Krankheit, fast aus heiterem Himmel. Und dann ist von einem Tag auf den anderen nichts mehr so, wie es war.<\/p>\n<p>Oder da sind die, auf die der Tod schon lang vorher seinen Schatten wirft, Alter oder Krankheit nach ihnen greifen l\u00e4sst, sie von Monat zu Monat, Woche zu Woche immer weniger werden l\u00e4sst. Wir stehen daneben und sehen Mutter, Vater, Bruder, Schwester dahinschwinden, wissen oder ahnen zumindest, aber wir k\u00f6nnen es nicht aufhalten.<br \/>\nDa sind die, die sterben m\u00fcssen und doch nicht sterben k\u00f6nnen, die sich wehren gegen das Unaufhaltsame, k\u00e4mpfen und aufbegehren.<\/p>\n<p>Oder die, die gerne gehen m\u00f6chten und deren Zeit noch nicht gekommen ist, die, die lebenssatt Abschied nehmen m\u00f6chten, oder die, die ihr Ma\u00df an Leid nicht mehr tragen k\u00f6nnen, und auf Erl\u00f6sung warten.<\/p>\n<p>Der Tod hat viele Gesichter. Er nimmt die einen mit und l\u00e4sst die Lebenden zur\u00fcck. Was einmal war \u2013 es ist vorbei. Es schmerzt uns, wenn es zu sp\u00e4t ist f\u00fcr ein liebes Wort. Wir k\u00f6nnen nichts nachholen, nichts gutmachen, nichts klarstellen. Wir merken, dass unsere Zeit begrenzt ist. Schwert und Waage. Der Tod schl\u00e4gt Wunden und macht hilflos.<\/p>\n<p>Das Bild von Michael ist 1665 entstanden Damals wurde die Kirche ausgemalt. das Weinlaub an den Pfeilern entstand und die gemalten Figuren auf den Rippenans\u00e4tzen. plastisch Die Emporen wurden eingebaut und die Kassettendecke wurde mit vergoldeten Rosetten verziert und ebenfalls ausgemalt.. 2 Maler haben sich die Arbeit geteilt: Johann Andreas Bottschild und Johann Christoph Queck. Vielleicht ist es eine Gemeinschaftsarbeit.<\/p>\n<p>1665 kannten die Menschen die Schrecken des Todes nur zu gut. Der 30j\u00e4hrige Krieg war gerade 20 Jahre vorbei. Jedes dritte Haus stand leer, viele Grundst\u00fccke waren w\u00fcst. Womit sich der Stadtrat auf seiner Klausurtagung an diesem Wochenende herumschl\u00e4gt, ist nicht neu. Damals stand die Stadt kurz vor dem Konkurs. In jeder Familie konnten die \u00dcberlebenden erz\u00e4hlen von Einquartierungen und Pl\u00fcnderung, Vergewaltigung und Grausamkeit, Raub und Mord. Dazu kam die Pest, die Leute verarmten.<\/p>\n<p>Der Tod griff nach allen und machte alle gleich. Reiche und Arme, Alte und Junge. Daran werden die Menschen wohl gedacht haben, wenn sie den Engel betrachtet haben.<\/p>\n<p>Die Waage der Gerechtigkeit &#8211; jedes Leben wird einmal gewogen. Was ein Mensch f\u00fchlt, denkt, redet, tut, anst\u00f6\u00dft, zul\u00e4sst oder verhindert \u2013 es ist von Belang. Im Guten wie im Negativen.<\/p>\n<p>Wer Vater oder Mutter verliert, Geschwister, sogar ein Kind, wird irgendwann \u00fcberfallen von Sinnlosigkeit und Leere. Der Tod kann sie dazu bringen, sich zur\u00fcckzuziehen oder sich sogar zu vernachl\u00e4ssigen. Die Waage mag die Leute daran erinnert haben, ihre Tage j e t z t bewusst zu gestalten und dass sie sich auf der Seite des Lebens in die Waagschale werden. Die Waage in der Hand des Engels hat sie angesto\u00dfen, dass sie sich nicht dem Sog der Gleichg\u00fcltigkeit hingeben. Sie hat sie daran erinnert, dass sie im Alltag immer wieder die Worte abw\u00e4gen und selbst nach Gerechtigkeit suchen.<\/p>\n<p>Was wir f\u00fchlen, denken, reden, zulassen, verhindern oder tun \u2013 es ist von Belang. Vielleicht war das f\u00fcr die Leute damals sogar tr\u00f6stlich: Nichts ist verloren, auch nicht das, was sie erlitten oder erduldet haben. Die gute Tat, auch wenn sie nicht vergolten wurde, die Barmherzigkeit, auch wenn sie niemand gesehen oder gew\u00fcrdigt hat \u2013 sie liegen in der Waagschale, wenn einmal Bilanz gezogen wird, Lebensbilanz.<\/p>\n<p>Der Erzengel Michael ist hier als Seelenw\u00e4ger dargestellt.<\/p>\n<p>Dass am Ende des Lebens gewogen wird, ist ein uraltes Motiv, das bis zu den alten \u00c4gyptern zur\u00fcckgeht. Sp\u00e4ter, bei den Griechen, wurde Hermes oft so dargestellt, als Seelengeleiter, Seelenf\u00fchrer. Er kommt zu den Menschen, wenn sie sterben. Er empf\u00e4ngt die Seelen an der Pforte des Todes. Er begleitet sie bis an die Grenzen unserer Welt.<\/p>\n<p>Die Bibel erz\u00e4hlt vom verlorenen Paradies, das den Menschen nun versperrt ist. Uns ist unsere Erinnerung ist manchmal wie ein Paradies. Wir malen uns aus, was gewesen w\u00e4re und was noch sein k\u00f6nnte. Die Bibel erz\u00e4hlt, wie die Menschen ihre Unschuld verloren haben und das Paradies verlassen mussten. Ein Engel bewacht den Weg zur\u00fcck, ein Engel mit dem blitzenden Flammenschwert. Die Science-Fiction-Filme bewahren eine Erinnerung daran. Der Legende nach soll Michael dieser Engel gewesen sein \u2013 deshalb wohl tr\u00e4gt er das Schwert.<\/p>\n<p>Aber in der Bibel selbst wird Michael namentlich nur zweimal erw\u00e4hnt. Beide Male tritt er auf, wenn die M\u00e4chte des B\u00f6sen die Menschheit bedrohen. Dann kommt er dem Leben zu Hilfe. Wenn wir genau hinschauen, k\u00f6nnen wir an der Wand rechts unten einen Drachen vermuten, den Michael bek\u00e4mpft.<\/p>\n<p>Die erste Bibelstelle lese ich Ihnen vor, aus dem ersten Teil der Bibel, dem Danielbuch (Dan 12,1-3).<br \/>\n<em>Zu jener Zeit wird Michael, der gro\u00dfe Engelf\u00fcrst, der f\u00fcr dein Volk eintritt, sich aufmachen. Denn es wird eine Zeit so gro\u00dfer Tr\u00fcbsal sein, wie sie nie gewesen ist, seitdem es Menschen gibt. Aber zu jener Zeit wird dein Volk errettet werden, alle, die im Buch geschrieben stehen. Und viele, die unter der Erde schlafen liegen, werden aufwachen, die einen zum ewigen Leben, die anderen zu ewiger Schmach und Schande. <\/em><\/p>\n<p>Am Ende der Bibel, in der Offenbarung des Johannes, kommt Michael wieder vor. Am Ende aller Zeiten ringen Gut und B\u00f6se, Gott und das Satanische miteinander. Ein Kind, Symbol des Lebens, wird geboren \u2013 und ist sofort bedroht. Auch hier springt Michael ein Er rettet das Neugeborene und beh\u00fctet es vor dem W\u00fcten der dunklen M\u00e4chte. Er k\u00e4mpft mit dem Drachen und bringt das Kind in Sicherheit.<\/p>\n<p>Hier kommt das andere Gesicht von Michael noch deutlicher zum Vorschein. Er ist der starke Retter. Er beh\u00fctet und besch\u00fctzt das Kind, Sinnbild des bedrohten Lebens, das erst noch w\u00e4chst.<\/p>\n<p>Ein solches Bild von Michael haben wir auch wir in unserer Kirche, vorn in unserem Fl\u00fcgelaltar aus dem 14. Jahrhundert. Es ist die 3.Figur links vom gekreuzigten Jesus.<\/p>\n<p>Michael steht vor goldenem Hintergrund. In seinem Arm tr\u00e4gt er ein kleines Kind. Mit seiner Hand h\u00e4lt er es sicher. Gro\u00df und besch\u00fctzend ist die Hand zu erkennen. Der Drachen, Sinnbild des B\u00f6sen, ist noch da. Er windet sich zu seinen F\u00fc\u00dfen. Aber er kann nichts ausrichten. Das Kind ist in Sicherheit.<\/p>\n<p>Es ist ein Bild des Friedens nach allen K\u00e4mpfen zuvor.<br \/>\nNach Schwert und Waage das Kind, das Lebendige. Nach Krieg, Zerst\u00f6rung und Kampf Sicherheit und Trost in starken Armen. Nachdem Geschrei und Tr\u00e4nen ausgestanden sind, kehrt Frieden ein.<\/p>\n<p>Manchmal soll das auch bei den Toten so sein. Wenn der Todeskampf ausgestanden ist und alle Schmerz abgefallen sind, k\u00f6nnen sich die Gesichter von Toten verwandeln. Manche von ihnen liegen so gel\u00f6st da, als w\u00fcrden sie friedlich schlafen.<\/p>\n<p>Michael tr\u00e4gt das Kind, die Seele, sicher in seinem Arm, und es mu\u00df keine Angst haben.<\/p>\n<p>Unsere Abschiede sind oft so anders, ohne Ruhe, pl\u00f6tzlich und zerrissen. Oft stehen wir wie gel\u00e4hmt daneben und k\u00f6nnen nichts mehr tun. Wie tr\u00f6stlich w\u00e4re es, wenn da ein Beistand gewesen w\u00e4re, der \u00fcber das hinausreicht, wozu ein Mensch in der Lage ist. Und unsere Toten w\u00fcrden wie auf Engelsh\u00e4nden gehalten und gewiegt werden.<\/p>\n<p>Michael, der Seelenw\u00e4ger, der Seelenbegleiter, tr\u00e4gt das verlorene Kind in seinen Armen. Welch sch\u00f6nes Bild!<\/p>\n<p>F\u00e4llt es uns leichter, unsere Lieben loszulassen, wenn wir sie in guten H\u00e4nden geborgen wissen, beh\u00fctet auch im Tod?<\/p>\n<p>Michael nimmt das Kind und tr\u00e4gt es weg, dorthin, wo wir nicht folgen k\u00f6nnen. Auch die Toten r\u00fccken fort von uns. Wir m\u00fcssen sie loslassen Die Zeit, nein, sie heilt nicht die Wunden, aber sie legt leise und unmerklich den Schleier des Vergessens auf uns. Nach und nach verblasst die Erinnerung. Michael tr\u00e4gt das Kind fort&#8230; Wir k\u00f6nnen es nicht festhalten. Der goldene Glanz, der ihn umgibt, ist kein irdischer. Er weist auf eine andere Welt hin.<\/p>\n<p>Michael ist ein Sinnbild f\u00fcr Gott. Gott selbst nimmt sich unserer Toten an. Gott nimmt sie in den Arm und holt sie heim. Gott vollendet das, was bei uns abgebrochen und Fragment geblieben ist. So wie Michael dem bedrohten Leben zu Hilfe kommt, so will Gott auch uns retten, wenn uns die Angst \u00fcberf\u00e4llt. Gott will auch uns in seinen Armen in Sicherheit bringen, uns tr\u00f6sten und an seinem Herzen wiegen.<\/p>\n<p><em>Chor: Ach Herr, la\u00df dein lieb Engelein&#8230; (EG 397,3)<\/em><\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Pfarrerin Margot Runge, Sangerhausen<br \/>\n<a href=\"mailto:m.runge@jacobigemeinde-sangerhausen.de\">m.runge@jacobigemeinde-sangerhausen.de <\/a> <\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ewigkeitssonntag | 20. November 2005 |\u00a0Daniel 12, 1b-3 | Margot Runge | Michael, der Seelenw\u00e4ger Liebe Gemeinde, sehen Sie links oben sehen die Reste des Wandgem\u00e4ldes? Es ist ein Engel im wallenden Gewand. Doch er ist anders als die Engel auf Weihnachtsbildern dargestellt, auf unserer Kanzel oder an der Orgel. 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