{"id":10824,"date":"2005-10-07T19:49:14","date_gmt":"2005-10-07T17:49:14","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=10824"},"modified":"2025-05-12T09:58:36","modified_gmt":"2025-05-12T07:58:36","slug":"lukas-22-39-43","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/lukas-22-39-43\/","title":{"rendered":"Lukas 22, 39\u201343"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<h3><b><span style=\"color: #000099;\">Ansprache anl\u00e4sslich einer Beerdigung |\u00a0<\/span><\/b><b><span style=\"color: #000099;\">Oktober 2005 | Lukas 22, 39\u201343 | Enno Junge |<\/span><\/b><\/h3>\n<p>Liebe Angeh\u00f6rige und werte Trauergemeinde!<\/p>\n<p>Es gibt Tage, an denen es nicht hell wird, auch wenn drau\u00dfen die Sonne aus allen Knopfl\u00f6chern scheint.<\/p>\n<p>Es gibt Tage, da wird man dieses dumpfe Gef\u00fchl nicht los, jenes Gef\u00fchl, das man gar nicht n\u00e4her benennen kann, das aber da ist und sich auch k\u00f6rperlich bemerkbar macht.<\/p>\n<p>In Strecken der Trauer ist es gut, wenn Sie es zulassen k\u00f6nnen, dass das Leben eben nicht so weitergeht, sondern, dass Sie sich alle, die Sie zum engsten Familienkreis geh\u00f6ren \u2013 und die anderen nat\u00fcrlich auch, aufh\u00f6ren zu funktionieren: einfach bei sich sind, bei Ihren Gef\u00fchlen, bei Ihren Tr\u00e4nen und bei Ihrer Hoffnungslosigkeit.<\/p>\n<p>Dann, in solchen Augenblicken darf man sich ruhig selber sagen: Nichts ist gut und wahrscheinlich wird es erst einmal auch nicht besser, denn das Liebste, was wir hatten, ist uns genommen.<\/p>\n<p>Wie kann man da noch funktionieren und wie um alles in der Welt, kann man dann so tun, als wenn gar nichts passiert w\u00e4re?<\/p>\n<p>Die Trauer und der Abschied ist eine der gr\u00f6\u00dften Herausforderungen in unserem Leben. Und ich w\u00fcrde das nicht sagen, wenn ich nicht selber aus eigener Erfahrung w\u00fcsste, wie bitter das ist und wie einsam man sich dabei f\u00fchlt.<\/p>\n<p>In den Augenblicken, die bei mir nun Jahre zur\u00fcck liegen, habe ich wahrgenommen, wie bitter Galle schmeckt und wie salzig die Tr\u00e4nen waren, die ich geweint habe.<\/p>\n<p>Was bei mir Jahre her ist, ist bei Ihnen noch sehr frisch und ist eben Gegenwart.<\/p>\n<p>Ich bitte Sie alle: Nutzen Sie diese Zeit der Trauer, um bei sich selber anzukommen und wenn es denn geht, bei den echten und wahren Gef\u00fchlen, die tief in Ihnen schlummern m\u00fcssen.<\/p>\n<p>N.N. \u2013 mit diesem Namen sind Erlebnisse, Verh\u00e4ltnisse und\u00a0 Gef\u00fchle verbunden.<\/p>\n<p>Geboren wurde er am &#8230;.. in N.N.<\/p>\n<p>Sie, liebe N.N., k\u00f6nnten \u00fcber N.N. sehr viel aus Ihrer Sicht erz\u00e4hlen.<\/p>\n<p>Sie haben ihn auf diese Welt gebracht und aufgezogen und haben mit erlebt, wie er seinen Weg ging.<\/p>\n<p>Heute haben Sie den schwersten Weg vor sich, der einer Mutter in ihrem Leben zugemutet wird: Sie m\u00fcssen Ihren Sohn, den einzigen, den Sie geliebt und immer noch lieb haben, los lassen und zu Grabe bringen.<\/p>\n<p>Das ist schwer und es ist bitter, das wei\u00df ich wohl, aber seien Sie versichert, Sie werden auf diesem Weg und in der Zeit danach nicht alleine gelassen werden, denn Gott sieht Ihre Trauer und vernimmt jeden Schluchzer, den Ihre Seele tut.<\/p>\n<p>Gott, der f\u00fcr viele Schattenseiten unseres Lebens mitverantwortlich ist, wird sich nicht aus der Aff\u00e4re ziehen, sondern wird sich als der Gott des Leidens und des Mitleidens zeigen.<\/p>\n<p>N.N. absolvierte nach der Schulzeit eine KFZ-Mechanikerlehre, denn eine seiner gro\u00dfen Lieben und Leidenschaften waren Autos, eine andere Liebe waren Modellbau und wieder eine andere war der unermessliche Drang nach Freiheit und in dem Punkt ist es wie es ist: Freiheit wird geographisch immer noch mit Amerika gleichgesetzt, dem sogenannten \u201eLand der unbegrenzten M\u00f6glichkeiten.\u201c Wir werden sp\u00e4ter noch darauf zur\u00fcckzukommen haben.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend und nach der Bundeswehrzeit kam die Phase der Weiterbildung und so avancierte der Mechaniker zum Meister, dann zum Techniker und nach dem Absolvieren eines weiteren Studienganges zum technischen Betriebsleiter. In den letzten drei Jahren war er als t\u00fcchtiger, angesehener und allzeit flei\u00dfiger Kundendienst \u2013 Ingenieur bei Conti besch\u00e4ftigt.<\/p>\n<p>Auch dort hinterl\u00e4sst er eine L\u00fccke, die nicht geschlossen wird.<\/p>\n<p>Alles ist im Fluss, so hei\u00dft es bei Heraklit\u00a0 \u2013 nun, auch f\u00fcr das Leben und f\u00fcr die Liebe im Leben\u00a0 von N.N. gilt dieser Satz:<\/p>\n<p>Bereits im Alter von 14 Jahren hat er Ihnen, liebe N.N., einen ersten Heiratsantrag gemacht. Nun kann man hergehen und sagen: Das ist pubertierend, aber es hat sich letztlich doch als Wahrheit verdichtet und ist das geworden, was er sich und Sie sich gew\u00fcnscht haben.<\/p>\n<p>Mir steht es nicht zu, dar\u00fcber etwas zu sagen, zu urteilen schon gar nicht, aber ich finde es dennoch bemerkenswert, dass sie sich 30 Jahre sp\u00e4ter in Palm Springs in Kalifornien\u00a0 das Ja-Wort gegeben haben. Sowohl N.N. als auch Sie haben vor diesem Zeitpunkt der Eheschlie\u00dfung Erfahrungen gemacht im Zusammenleben mit einem anderen Menschen: Sie mit N.N., mit ihm waren Sie verheiratet und haben zwei gemeinsame S\u00f6hne und auch f\u00fcr N.N. war es, nachdem er 18 Jahre mit N.N. zusammen war, eine neue und andere Erfahrung.<\/p>\n<p>Ihr beide, N.N. und N.N. hattet zu N.N. ein gutes Verh\u00e4ltnis und immer wieder muss man bei solchen Betrachtungen sich vor Augen f\u00fchren, wie es denn gewesen ist: N.N. hat Euch nicht gezeugt, aber wichtig ist sicherlich, dass er Euch <strong> be<\/strong>zeugt hat, n\u00e4mlich als die Seinen.<\/p>\n<p>Behaltet ihm ein angemessen gutes Andenken.<\/p>\n<p>Liebe Trauergemeinde, vom Zufall gilt der Satz, dass es ihn nicht gibt und das k\u00f6nnen wir auch ruhig auf das Leben von N.N.\u00a0 anwenden, denn es wurden Weichen gestellt, die dem lebenslangen Wunsch nach einer Ehe mit \u201eseiner Prinzessin\u201c in Erf\u00fcllung brachten.<\/p>\n<p>Ich kann mir nicht helfen, mich hat das alles sehr an das Buch \u201eDoktor Schiwago\u201c von Boris Pasternak erinnert, dass da zwei nicht zusammen kommen konnten, aber am Ende war es doch so, dass der Doktor seine Lara hatte und Lara ihren Juri Andr\u00e9itsch. Indessen: Auch\u00a0 das Verh\u00e4ltnis bei Schiwago sollte nicht \u00fcberm\u00e4\u00dfig lange dauern, aber das ist dann auch nicht ma\u00dfgeblich, ma\u00dfgeblich sind kurze oder l\u00e4ngere Zeiten intensiven Gl\u00fccks.<\/p>\n<p>Aus Ihren Schilderungen, liebe N.N., wei\u00df ich, und aus der Trauerkarte habe ich herausgelesen, dass es Ihnen darauf ankam, dass es Leben gab in den Jahren, die Sie gemeinsam hatten. Und\u00a0 Leben gab es jede Menge, wenn ich das so sagen darf. Und dennoch \u2013 auch das d\u00fcrfen wir uns ruhig sagen lassen \u2013 es gab eben auch diesen verzweifelten Versuch, Leben zu erhalten, die Krankheit zu besiegen und die Hoffnung nicht zu verlieren.<\/p>\n<p>All das ist eben auch Leben und Sie alle haben heute keine andere Wahl als sich selber einzugestehen: Der Kampf ist verloren, die Hoffnung ist am Ende eben doch vergeblich gewesen.<\/p>\n<p>N.N. starb zu fr\u00fch, viel zu fr\u00fch und wenn ein Mensch mitten aus dem Leben wegstirbt, dann kann das nur Trauer und Entsetzen zur Folge haben.<\/p>\n<p>Wie, so frage ich Sie, wollen Sie damit klarkommen? Wie sollen Worte gefunden werden, Worte, die tragen und helfen?<\/p>\n<p>Ich lade Sie ein, mit mir zusammen einen f\u00fcr Sie vielleicht seltsamen und fremden Weg zu beschreiten, n\u00e4mlich, einige Worte aus der Heiligen Schrift zu bedenken. Es geht um Lukas 22, 39 \u2013 43. Dort hei\u00dft es:<\/p>\n<p>39 Und Jesus ging nach seiner Gewohnheit hinaus an den \u00d6lberg. Es folgten ihm aber auch die J\u00fcnger.<br \/>\n41 Und er riss sich von ihnen los, etwa einen Steinwurf weit, und kniete nieder, betete<br \/>\n42 und sprach: Vater, willst du, so nimm diesen Kelch von mir; doch nicht mein, sondern dein Wille geschehe!<br \/>\n43 Es erschien ihm aber ein Engel vom Himmel und st\u00e4rkte ihn.<\/p>\n<p>Liebe Angeh\u00f6rige, werte Trauergemeinde, es f\u00e4llt uns heute allen schwer, \u00fcberhaupt Worte zu finden. Zu diesem Abschied, den wir heute hier zelebrieren, sind wir in Wahrheit noch nicht bereit.<\/p>\n<p>Das Herz und auch die Seele kann gar nicht so schnell nachkommen, weil es eben auch keine kausalen Erkl\u00e4rungszusammenh\u00e4nge gibt. N.N. war krank, er hatte einen Tumor, denn sonst schlimmstenfalls nur Kinder in sich tragen.<\/p>\n<p>Dieser Tod st\u00fcrzt Sie alle in tiefe Traurigkeit. Und wir verschweigen als christliche Gemeinde, als die wir in dieser Stunde versammelt sind, nicht, dass uns dieser Tod \u00fcber unseren Schmerz hinaus schwere Zweifel an Gottes gutem und gerechten Willen mit uns aufgibt.<\/p>\n<p>Dass sich unsere Herzen und unsere Gedanken nur z\u00f6gernd und schmerzerf\u00fcllt zu diesem Gott vortasten. War nicht der Tod von N.N. so etwas wie ein letztes Wort nicht nur zu Ihrer Zukunft, liebe Angeh\u00f6rige, sondern auch zu unserem Glauben und Zutrauen zu Gott im Himmel?<\/p>\n<p>Wird von diesem Gott nicht immer gesagt, dass er unser Leben gibt und gn\u00e4dig erh\u00e4lt?<\/p>\n<p>Die Verse, die ich f\u00fcr diese Stunde ausgew\u00e4hlt habe, spiegeln eben diese schweren Gedanken wieder. Sie erz\u00e4hlen von keinem geringeren als Jesus Christus. Sie erz\u00e4hlen davon, wie sich sein Herz und seine Gedanken nur z\u00f6gernd und schmerzerf\u00fcllt vortasten zu Gott im Himmel. Wie sie mit IHM ringen angesichts des kommenden, unverdienten, qualvollen Todes am Kreuz im Alter von nur 33 Jahren.<\/p>\n<p>Der bittere Kelch dieses Todes ist nicht an Jesus vor\u00fcbergegangen. Der Himmel scheint verschlossen \u00fcber ihm. Gott scheint seine Hand und seinen Schutzengel abgezogen, ja gegen ihn gewendet zu haben.<\/p>\n<p>Genau das sind die Gedanken, deren wir uns am Sarg von N.N. nicht erwehren k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><em> Es erschien ihm aber ein Engel vom Himmel und st\u00e4rkte ihn!<\/em> Ich sehe: Auch der Garten Gethsemane ist kein gottverlassener Ort, ebenso wenig wie der Ort, an dem das Krankenbett von N.N. stand. Und auch am 6. Juli gab es keinen gottverlassenen Moment in den letzten Stunden dieses Lebens. Mir wird an der Geschichte Jesu, wie auch an der Krankheitsgeschichte von N.N. deutlich: Gott f\u00fchrt in den Tod hinein und aus dem Tod heraus. Er f\u00fchrt Jesus Christus durch das finstere Tal und herrlich hinaus in die Weite und F\u00fclle seines Lebens.<\/p>\n<p>Und weil Gott sich treu ist, d\u00fcrfen wir das auch f\u00fcr N.N. glauben: Es erschien ihm aber ein Engel vom Himmel und st\u00e4rkte ihn.<\/p>\n<p>Aber Sie sind zur\u00fcckgeblieben, mit all der Zeit, die Sie mit N.N. gelebt und gearbeitet haben. Und wie vieles war da f\u00fcr die Zukunft noch geplant und angelegt! Alles ist so sinnlos geworden. Sinnlos die Gegenst\u00e4nde, die er benutzt hat, sinnlos die Kleidung, die er getragen hat. Alles St\u00fccke von seinem Leben und von Ihrem Leben. Sie anzuschauen tut so verdammt weh!<\/p>\n<p>Ich muss an den J\u00fcnger Jesu denken, die unter dem Kreuz stehen, an dem der Mann h\u00e4ngt, mit dem sie so lange gelebt und gearbeitet haben, schmerzvoll versunken in die Betrachtung der zerschlagenen St\u00fccke seines Lebens und der zerschlagenen St\u00fccke ihres eigenen Lebens.<\/p>\n<p>Alles sinnlos geworden, alles vergebens.<\/p>\n<p>Es gibt keine heilmachende Br\u00fccke der Einsicht vom Karfreitag nach Ostern hin. Es gibt keine Br\u00fccke der Einsicht, die vom Schmerz \u00fcber einen so fr\u00fch weggenommenen Menschen zu neuem Vertrauen auf Gott und zu neuem Blick in die Zukunft f\u00fchrt.<\/p>\n<p>Auch die J\u00fcnger h\u00e4tten diesen Weg niemals gefunden, wenn nicht der auferstandene Jesus in ihre Mitte getreten w\u00e4re um ihnen Frieden zu schenken.<\/p>\n<p><em> Deshalb<\/em> , und das ist jetzt ganz wichtig zu h\u00f6ren, will der Auferstandene selbst jetzt in unsere Mitte treten, in unseren Kreis von zu Tode betr\u00fcbten.<\/p>\n<p><em> Deshalb<\/em> will der Auferstandene in der Zeit der Trauer immer wieder an Ihre Seite treten. Denn er allein hat die Macht, die Fesseln zu l\u00f6sen, die der Tod von N.N. auf Ihr Leben und Ihre Zukunft gelegt hat.<\/p>\n<p>Gott weckt nicht nur Tote auf. Er weckt auch zu Tode Betr\u00fcbte auf.<\/p>\n<p>Er erweckt sie zu neuer Hoffnung auf seinen trotz allem gn\u00e4digen Willen und schenkt ihnen neue Kraft f\u00fcr die Zukunft.<\/p>\n<p>Unsere Herzen und Gedanken, die in dieser Stunde nur z\u00f6gernd zu Gott im Himmel tasten, gehen nicht ins Leere.<\/p>\n<p>An den auferstandenen Christus k\u00f6nnen wir uns halten. Er ist das Zeichen, dass Gott kein Leben ins Leere gehen l\u00e4sst, auch dann nicht, wenn es so unverdient und unfassbar zu Ende geht.<\/p>\n<p>Deshalb werden Sie sich an N.N.erinnern. Deshalb ist all das, was er f\u00fcr Sie und andere getan hat, nicht sinnlos geworden.<\/p>\n<p>Sie erinnern sich am besten an ihn, indem Sie all das Gute, das Sie ihm verdanken, nun mit Ihren Herzen und H\u00e4nden weitertragen: Helfen, wo andere hilflos sind; hoffen, wo andere keine Hoffnung mehr sehen; Lebensfreude wecken, wo sie schon l\u00e4ngst abgeschrieben ist. So will es der Gott, dessen Wege mit uns selbst im Tod noch lange nicht am Ende sind.<\/p>\n<p>Diese Kraft Gottes w\u00fcnsche ich Ihnen allen, und das Vertrauen darauf, dass gerade dann, wenn das Schreckliche unser Leben trifft und uns das Herz zu brechen droht, dass gerade dann Gottes Engel um uns stehen.<\/p>\n<p>Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Pastor Enno Junge<br \/>\nFuhrberg<br \/>\n<a href=\"mailto:ennojunge@online.de\"> ennojunge@online.de<\/a><\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ansprache anl\u00e4sslich einer Beerdigung |\u00a0Oktober 2005 | Lukas 22, 39\u201343 | Enno Junge | Liebe Angeh\u00f6rige und werte Trauergemeinde! Es gibt Tage, an denen es nicht hell wird, auch wenn drau\u00dfen die Sonne aus allen Knopfl\u00f6chern scheint. 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