{"id":10827,"date":"2005-10-07T19:49:19","date_gmt":"2005-10-07T17:49:19","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=10827"},"modified":"2025-05-13T10:56:47","modified_gmt":"2025-05-13T08:56:47","slug":"geh-aus-mein-herz-und-suche-freud","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/geh-aus-mein-herz-und-suche-freud\/","title":{"rendered":"&#8222;Geh aus mein Herz und suche Freud&#8220; (EG 503)"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<h3><span style=\"color: #000099;\"><span class=\"Stil3\">Liedpredigten zu Erntedank: <\/span><\/span><span style=\"color: #000099;\"><span class=\"Stil3\">Alle guten Gaben &#8230; | <\/span><\/span><span style=\"color: #000099;\">Erntedankfest | 2. Oktober 2005<\/span><span style=\"color: #000099;\"><span class=\"Stil3\">\u00a0| <\/span>&#8222;Geh aus mein Herz und suche Freud&#8220; (EG 503) | Erika Godel |<\/span><\/h3>\n<p>Liebe Geschwister.<\/p>\n<p>Heute feiern wir mit der evangelischen Christenheit in Deutschland Erntedankfest. Die drei W\u00f6rter Ernte, Dank und Fest sind im Deutschen zu einem Begriff zusammengezogen worden, der in der Reihenfolge der Nennung der einzelnen W\u00f6rter eine Rangfolge erkennen l\u00e4sst. Ernte ist der Anlass, Dank die Ursache und Fest die Folge des Umstands, dass Menschen f\u00fcr ihre Ern\u00e4hrung sorgen m\u00fcssen und k\u00f6nnen, so Gott will. Mit der Ernte wird seit Urzeiten \u00fcber die Zukunft von einzelnen Menschen, von Familien, Sippen und V\u00f6lkern entschieden. Immer noch und immer wieder investieren Menschen viel Arbeit und M\u00fche, um eine gute Ernte zu haben. Aber trotz allen Fortschritts der Landwirtschaft, der Biologie, der Chemie und der Lebensmittelindustrie gibt es bis heute keine Garantie f\u00fcr gute Ernten. Global gesehen reicht das weltweit Geerntete immer noch nicht aus, um alle Menschen satt zu machen. Umso mehr haben wir Grund zur Dankbarkeit daf\u00fcr, dass sich bei uns die Tische decken lassen, auch wenn die Bl\u00fcte im Fr\u00fchjahr verhagelt, anhaltende Hitze die Felder austrocknet oder sintflutartige Regenf\u00e4lle \u00dcberschwemmungen zur Folge haben. Also feiern wir ein Fest, ein Erntedankfest. Aber wie? \u201eDu weckst lauten Jubel, du machst gro\u00df die Freude. Vor dir wird man sich freuen, wie man sich freut in der Ernte\u2026\u201c(Jes. 9,2). So prophezeite Jesaja im Blick auf den erwarteten Friedef\u00fcrsten, als den wir Christen Jesus erkannt haben. In der biblischen Lesung aus dem Ersten (Alten) Testament am Heiligen Abend erinnern wir uns daran. Vermutlich werden aber die wenigstens von uns aus eigener Erfahrung wissen, wie es ist, \u201esich in der Ente\u201c zu freuen. Wie k\u00f6nnen wir dann unsere Dankbarkeit f\u00fcr das, was meist andere f\u00fcr uns geerntet haben, ausdr\u00fccken? Paul Gerhard, ein Liederdichter aus dem 17. Jahrhundert macht einen Vorschlag, den ich auch heute noch brauchbar finde: \u201eLasset uns singen\u2026!\u201c Denn: \u201e.. dankbare Lieder sind Weihrauch und Widder, an welchen ER sich am meisten erg\u00f6tzt\u201c (EG 449).<\/p>\n<p>Singen ist f\u00fcr Paul Gerhard und f\u00fcr das gesamte Luthertum eine herausragende Form des Gotteslobs. Singen ist Ausdruck des integralen Bewusstseins, es ist ein leiblich-praktisches Tun und gleichzeitig macht es geistlich Sinn. Gesungen wird individuell und gemeinschaftlich zugleich. Singen ruft die Heilsgeschichte in Erinnerung. Es schafft erf\u00fcllte Gegenwart und ist eine Vor\u00fcbung auf vollendetes Dasein im Paradies. Weil es viele Belege f\u00fcr himmlisches Musizieren gibt, kann Singen und Musizieren als ein Vorspiel der Ewigkeit verstanden werden. Wer lobsingt, spielt sich auf Gottes Zukunft ein.<\/p>\n<p>Eines der sch\u00f6nsten Lieder, in dem zur Freude und Dankbarkeit der Gesch\u00f6pfe Gottes inmitten der Sch\u00f6pfung angeleitet wird, hat Paul Gerhardt selbst gedichtet. H\u00f6ren und singen sie dieses Sommerlied heute als Anleitung zur Freude beim Erntedankfest.<\/p>\n<p>\u201e1: Geh aus, mein Herz, und suche Freud<br \/>\nin dieser lieben Sommerzeit<br \/>\nan deines Gottes Gaben;<br \/>\nschau an der sch\u00f6nen G\u00e4rten Zier<br \/>\nund siehe, wie sie mir und dir<br \/>\nsich ausgeschm\u00fccket haben.\u201c<\/p>\n<p>Ehrlich gesagt hat mich als Kind die fr\u00f6hliche Aufforderung, dass mein Herz aus mir herausgehen soll, immer ein bisschen erschreckt. Ich stellte mir vor, dass ich ohne Herz ja tot w\u00e4re und erst dann in den sinnenfreudigen Genuss all dessen kommen sollte, von dem das Lied spricht. Ich war dann richtig erleichtert als ich sp\u00e4ter lernte, dass mit \u201emein Herz\u201c Paul Gerhardts Frau angeredet war. F\u00fcr sie hat er das Lied gedichtet, als sie sehr traurig \u00fcber den Tod eines ihrer Kinder war. Das Lied sollte Frau Gerhardt ermuntern. Sie sollte damit aufgefordert werden, sich nicht in ihrem Leiden einzurichten und dar\u00fcber zu verbittern, sondern stattdessen aus sich herauszugehen und Freude zu suchen. Das war ein guter Rat, der auch heute noch vielen hilfreich sein kann. Denn gerade in unseren allt\u00e4glichen Beschwernissen und im Leiden \u00fcbersehen wir das leicht: Die Aktivit\u00e4t und das Wollen sind wichtige Eigenbeitr\u00e4ge zum Wohlbefinden, auch wenn es letztendlich Geschenk und Gnade ist, dass wir \u00fcber Menschen und Dinge Freude empfinden. Gegen Niedergeschlagenheit hilft nicht nur sich behandeln zu lassen, sondern auch selbst zu Handeln.<\/p>\n<p>\u201eSchau an\u201c und \u201eSieh\u201c sind weitere Aufforderungen zur Eigeninitiative. Dass wir Schauen und Sehen k\u00f6nnen ist eine Sch\u00f6pfungsgabe. Sie verbindet uns mit unseren Mitgesch\u00f6pfen und dem Sch\u00f6pfer selbst, von dem in 1. Mose 1,34 erz\u00e4hlt wird: \u201eUnd Gott sah an alles, was er gemacht hatte, und siehe, es war sehr gut\u201c. Wir bezweifeln das ja heutzutage oft und gerne und gefallen uns gut in der Rolle von Weltverbesserern, obwohl die Fortschritte in Bezug auf Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Sch\u00f6pfung immer erst m\u00e4\u00dfig sind. Vielleicht hilft es weiter, das Anschauen und Hinsehen zu intensivieren: Ist ein Mensch, der nach allen Regeln bio- und anthropotechnischer Kunst \u201adesignt\u2019 ist, wirklich erstrebenswert? Wie weit ist gr\u00fcne Gentechnik bek\u00f6mmlich? Sind Wachstum und Gedeihen in unseren H\u00e4nden wirklich gut aufgehoben?<\/p>\n<p>In den ersten sieben Versen seines Liedes reiht Paul Gerhardt viele Naturbeschreibungen aneinander, um sie als Gottes Gaben auszuweisen. Fast alle haben einen biblischen oder christologischen Bezug: Das Bild der Glucke erinnert an die f\u00fcrsorgliche Beziehung Christi zu uns Gl\u00e4ubigen (Mt 23,37). Das Bild vom s\u00fc\u00dfen Weinstock und dessen starkem Saft l\u00e4sst an das Ich-bin-Wort Jesu vom Weinstock und den Reben denken (Joh 15,5) und die Nennung des Weizens spielt auf das Abendmahl und das Brot des Lebens an (Joh 6,35). Alles, was die Welt sch\u00f6n macht, ist auch f\u00fcr mich gemacht, aber nicht nur: Die Welt ist ausgeschm\u00fcckt nicht nur f\u00fcr mich, f\u00fcr einen einzelnen Menschen, nicht nur f\u00fcr ein Volk oder f\u00fcr eine politische Gro\u00dfmacht, sondern f\u00fcr alle: \u201eUnd siehe, wie sie (die G\u00e4rten) mir und dir sich ausgeschm\u00fccket haben!\u201c Es geht hier nicht um Erbauung, um naturverliebte individuelle Innerlichkeit, sondern um Wertsch\u00e4tzung der Sch\u00f6pfung in Gegenseitigkeit (mutuality). Die sp\u00f6ttische Umdichtung des Liedes in der 80er Jahren weist ja nicht zu Unrecht darauf hin, dass wir zur Gef\u00e4hrdung der Sch\u00f6pfung beitragen und den Raum, in den wir ausgehen sollen, um unsere Freude zu suchen, schon lange nicht mehr so pfleglich behandeln, wie es n\u00f6tig ist, um sie nicht nur jetzt mir und dir, sondern auch noch morgen unseren Kindern und Enkelkindern zu erhalten:<\/p>\n<p>\u201eGeh aus mein Herz, und suche Freud,<br \/>\ndenn du hast nicht mehr lange Zeit,<br \/>\ndich an Natur zu laben.<br \/>\nSchau an der sch\u00f6nen G\u00e4rten Zier,<br \/>\nsolange Blume, Baum und Tier<br \/>\nnoch Raum zum Leben haben.\u201c<\/p>\n<p>Die Dynamik des Liedes steigert sich. In den Versen 1-7 wird die Sch\u00f6nheit der Sch\u00f6pfung gepriesen, was in Vers 8 zum Jubel f\u00fchrt:<\/p>\n<p>\u201e8: Ich selber kann und mag nicht ruhn,<br \/>\ndes gro\u00dfen Gottes gro\u00dfes Tun<br \/>\nerweckt mir alle Sinnen;<br \/>\nich singe mit, wenn alles singt,<br \/>\nund lasse, was dem H\u00f6chsten klingt,<br \/>\naus meinem Herzen rinnen.\u201c<\/p>\n<p>Singend kommen wir nach dem siebenstrophigen Spaziergang durch die sch\u00f6ne Welt, durch den uns Herz und Sinne durch Gottes gro\u00dfes Tun erweckt wurden, bei uns selbst an. \u201eIch selber\u201c bin gefragt. Ich kann und mag nicht ruhen: \u201eIch will dem Herrn singen mein Leben lang und meinen Gott loben, solange ich bin\u201c (Ps. 104,33). Aber geht es denn so einfach, sich von irdischen Naturerfahrungen in den Himmel hineinzukatapultieren? \u201eWer Gott in der Natur sucht, soll sich gef\u00e4lligst auch vom Oberf\u00f6rster beerdigen lassen\u201c, spotten wir, um nur ja nicht auf den Weg der nat\u00fcrlichen Theologie zu geraten, den wir mit Karl Barth doch l\u00e4ngst als einen Irrweg erkannt haben. Im Gegensatz zu vielen Theologen heute hatte Paul Gerhardt noch keine Scheu, einen gro\u00dfen Bogen zu spannen von der Sch\u00f6nheit der Sch\u00f6pfung, die jedermann jederzeit anschauen kann, zur Sch\u00f6nheit des Himmels und des Paradieses. Im Vergleich des irdischen mit dem himmlischen Garten zeigt er tr\u00f6stlich auf, dass der irdische Garten nur, beziehungsweise schon einen Vorgeschmack auf den himmlischen darstellt. Die Sch\u00f6pfung ist f\u00fcr ihn ein Gleichnis f\u00fcr die geglaubte, kommende Erl\u00f6sung. Nahezu todessehns\u00fcchtig schw\u00e4rmt er: \u201eO w\u00e4r ich da! O st\u00fcnd ich schon..!\u201c (V 11). Die Sehnsucht nach dem himmlischen Garten ist die Sehnsucht nach Erl\u00f6sung, weil das Leben auch in sch\u00f6nster Umgebung aufs Ganze gesehen doch in einem Jammertal stattfindet.<\/p>\n<p>Wer an dieser Stelle aus der Predigt des Liedes aussteigt, wird das Evangelium in ihm nicht entdecken. Paul Gerhardt gelingt n\u00e4mlich in Vers 12 die Kurve zur\u00fcck ins diesseitige Leben. Er wei\u00df ja nur zu gut, wie schwer das irdische Joch auf Menschen lastet. Er lebt nach dem 30 j\u00e4hrigen Krieg in einer Zeit, in der St\u00e4dte und D\u00f6rfer verw\u00fcstet sind, und bittere Armut; Krankheit und Tod die Menschen niederdr\u00fccken. Trotzdem strengt er sich an und bietet alles ihm M\u00f6gliche auf, um auch auf dieser \u201earmen Erde\u201c Grund zum Lobpreis zu finden. Weil er es erlebt, wie schwer es ist, im Leben zu bestehen und nicht an der G\u00fcte Gottes zu zweifeln, bittet er in den Versen 12-15 um die Hilfe Gottes:<\/p>\n<p>\u201e13: Hilf mir und segne meinen Geist<br \/>\nmit Segen, der vom Himmel fleu\u00dft,<br \/>\ndass ich dir stetig bl\u00fche;<br \/>\ngib, dass der Sommer deiner Gnad<br \/>\nin meiner Seele fr\u00fch und spat<br \/>\nviel Glaubensfr\u00fcchte ziehe.\u201c<\/p>\n<p>Im Wachsen und Werden der Natur erkennen wir gleichnishaft den Segen Gottes in der Welt, der jeden und jede von uns dazu bef\u00e4higt, Glaubensfr\u00fcchte hervorzubringen. Eine dieser Fr\u00fcchte k\u00f6nnte sein, dass wir die Angst verlieren, dass uns die Natur beherrschen k\u00f6nnte und wir sie deshalb beherrschen m\u00fcssen. Uns wird geistliches Wachstum zugetraut. Wenn wir aus uns selbst herausgehen, schaffen wir Raum f\u00fcr Gottes Geist. So k\u00f6nnen wir Wurzeln treiben, Gr\u00fcnen und Fruchtbringen trotz des Leibes Joch. Am Ende werden wir alle wieder ein St\u00fcck der Sch\u00f6pfung. Die Herrschaft hatte, hat und wird haben der, den wir als Sch\u00f6pfer des Himmels und der Erde bekennen. Eigentlich haben wir nichts weiter zu tun als es uns in der Sch\u00f6pfung wohl sein zu lassen (zu ernten), zu danken, dass es uns gut geht und \u2013 wie hier und jetzt \u2013 Gottesdienst zu feiern.<\/p>\n<p>Amen.<\/p>\n<p>Literatur:<br \/>\nChristian Brunners, Paul Gerhardt, Berlin 1993<br \/>\nChristian M\u00f6ller (Hg.), Ich singe Dir mit Herz und Mund, Stuttgart 1997<br \/>\nGerhard Hahn, J\u00fcrgen Henkys (Hg.), Liederkunde zum Evangelischen gesangbuch, Heft 9, G\u00f6ttingen 2004<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Dr. Erika Godel<br \/>\nOlympische Str. 10<br \/>\n14052 Berlin<br \/>\nTel.: 030 304 34 52<br \/>\nFax: 030 304 53 54<br \/>\nmail: <a href=\"mailto:godel@snafu.de\">godel@snafu.de<\/a><br \/>\n<\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Liedpredigten zu Erntedank: Alle guten Gaben &#8230; | Erntedankfest | 2. Oktober 2005\u00a0| &#8222;Geh aus mein Herz und suche Freud&#8220; (EG 503) | Erika Godel | Liebe Geschwister. 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