{"id":10833,"date":"2005-11-07T19:49:23","date_gmt":"2005-11-07T18:49:23","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=10833"},"modified":"2025-05-13T11:06:59","modified_gmt":"2025-05-13T09:06:59","slug":"predigt-zum-wochenspruch-des-volkstrauertags-2-korinther-5-10-gerichtetes-leben","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/predigt-zum-wochenspruch-des-volkstrauertags-2-korinther-5-10-gerichtetes-leben\/","title":{"rendered":"2. Korinther 5, 10"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<h3>Predigtreihe &#8222;Evangelische Lebenskunst&#8220; \u2013 &#8222;Gerichtetes Leben&#8220; | Volkstrauertag 2005 | 2. Kor 5,10 | Eva Losert |<\/h3>\n<p>\u201eWir m\u00fcssen alle offenbar werden vor dem Richterstuhl Christi,<br \/>\ndamit jeder seinen Lohn empfange f\u00fcr das, was er getan hat bei Lebzeiten,<br \/>\nes sei gut oder b\u00f6se.\u201c<br \/>\n2. Kor. 10<\/p>\n<p><strong> I. Das Leben leben<br \/>\n<\/strong> \u201eich wurde nicht gefragt<br \/>\nbei meiner geburt<br \/>\nund die mich gebar<br \/>\nwurde auch nicht gefragt<br \/>\nbei ihrer geburt<br \/>\nniemand wurde gefragt<br \/>\nausser dem Einen<\/p>\n<p>und der sagte<br \/>\nja\u201c<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\"> (*)<\/a><\/p>\n<p>Ich wurde nicht gefragt. Ich nicht und sie auch nicht.<br \/>\nNur einer hatte etwas zu sagen, als es um mich ging, und der sagte es: \u201eja\u201c.<br \/>\nVom Leben vielleicht ungeplant, von ihm geplant.<br \/>\nIns Leben geworfen.<br \/>\nErwartet, das Leben zu gestalten, es zu bestehen, es mit ihm auszuhalten, zu f\u00fcllen mit allem, was es verlangt.<br \/>\nDie Kunst, das Leben zu leben, ist eine Besondere.<br \/>\nWas es noch bereith\u00e4lt, wissen wir nicht.<br \/>\nDie Kunst, nicht den Himmel auf Erden zu haben und doch so zu leben, als sei der Himmel nahe. Denn der Eine wurde gefragt und er sagte \u201eja\u201c.<\/p>\n<p><strong>II. Dem Himmel so nah<br \/>\n<\/strong>Dem Himmel so nah ist das Leben. Es ist erw\u00fcnscht. So, wie es eben ist:<br \/>\nKlein, bescheiden, flei\u00dfig.<br \/>\nDem Himmel so nah ist das Leben. Gewollt von ihm und entschieden durch seinen Fingerstreich: Jung, unerfahren, sorglos.<br \/>\nDem Himmel so nah: Alt, gebeugt, voll Sorge.<br \/>\nDer Himmel hat es gewollt. Gott hat es gewollt. Er hat mich gewollt.<br \/>\nWas kann ich da noch wollen?<br \/>\nSein Kommen erwarten wir in diesen Tagen.<br \/>\nSein Licht soll unsere Leben hell machen.<br \/>\nSein Licht soll strahlen. Es soll sich ausbreiten.<\/p>\n<p><strong>III. Offenbar<br \/>\n<\/strong>Offenbar brauchen wir im Dunkel der Zeiten und in den Dunkelheiten unseres Lebens eine Lichtquelle. Unsere Erinnerung an seinen Lebensplan mit uns scheint zu verblassen.<br \/>\nDarum soll sein Licht f\u00fcr uns leuchten. Alle Winkel soll es bescheinen, ausleuchten jede Ecke meines Daseins. Nichts soll verborgen bleiben.<br \/>\nDer Wunsch, dass es einen gibt, der mich, mein Leben, alles, was ich tue, in- und auswendig kennt, vor dem ich alles zeigen kann, weil er es schon kennt. Der mich kennt. Dem nichts verborgen ist, sondern dem alles offenbar ist: Mein Leben liegt vor ihm wie ein offenes Buch, nicht versiegelt, nichts verheimlicht, nichts besch\u00e4mt versteckt: Offenbar sein. Ich ihm &#8211; ohne Versteckspiel. Ohne L\u00fcgen.<br \/>\nDenn bei ihm ist die Quelle des Lebens und in seinem Licht sehen wir das Licht.<\/p>\n<p><strong>IV. Sich im Licht sehen<br \/>\n<\/strong>Und dann im Licht stehen, auf der B\u00fchne meines Lebens. Ungeschminkt und ohne Text. Vergessen die Ausreden des Nichtgelingens, verpatzt den Auftritt mit dem gelernten Drehbuch.<br \/>\nUnd genau so vor ihm stehen, offenbar sein in seinem Licht, ausgeleuchtet, das Innere nach au\u00dfen:<\/p>\n<p><em>Wir m\u00fcssen alle offenbar werden vor dem Richterstuhl Christi, damit jeder seinen Lohn empfange f\u00fcr das, was er getan hat bei Lebzeiten, es sei gut oder b\u00f6se.<br \/>\n<\/em><br \/>\n<strong>V. Die Toten achten<br \/>\n<\/strong>Die Lebenden achten die Toten in diesen Tagen.<br \/>\nDarum gedenken wir der V\u00f6lker und Rassen, deren Leben durch Menschenhand geplant weggeworfen wurde: in Sch\u00fctzengr\u00e4ben versch\u00fcttet, unter Tr\u00fcmmern vergraben, in Kammern vergast.<br \/>\nWeggeworfen auch die eigene Identit\u00e4t, Bildung und Kultur. B\u00fccher verbrannt. Denken verboten. Gleichschaltung erw\u00fcnscht.<br \/>\nDie Heimatliebe so verraten, dass man sich schon des Wortes sch\u00e4mte.<br \/>\nLeben achtet auf das Vergangene, damit die Zukunft Neues bringt und Altes nicht wiederkehrt.<br \/>\nDarum gedenken wir der Kinder und Kindeskinder von T\u00e4tern und Opfern, die bis heute vom Alten wenig wissen. Die als Kinder nichts h\u00f6rten, weil Ihre V\u00e4ter und M\u00fctter nicht sprachen &#8211; vor Schmerz und Scham. Die Enkel, die nicht verstehen, warum wir der Schuld des Vergangenen gedenken, weil die Alten nicht erz\u00e4hlen k\u00f6nnen &#8211; aus Schmerz und Scham.<br \/>\nDie als Kinder selbst mit dem Schweigen und der Ungewissheit aufwuchsen: Waren meine Eltern es auch?<br \/>\nDie Kinder der V\u00e4ter und M\u00fctter, deren Leid immer ein wenig geringer war als das der Gro\u00dfen: Die Mutter, die den Mann verloren hatte. Die Schwester, die niemals Braut wurde. Der Onkel in der Gefangenschaft dem Wahnsinn verfallen. Was gilt da die Angst eines F\u00fcnfj\u00e4hrigen, die Not einer Zw\u00f6lfj\u00e4hrigen, die Trauer eines Achtj\u00e4hrigen?<br \/>\nWir gedenken heute auch der Kriegskinder: Kinderjahre im Schatten der Trauer der Erwachsenen und Erwachsenenjahre im Zwielicht des Ungewissen.<\/p>\n<p><strong>VI. Gebrannte Kinder &#8211; verbrannte Erde<br \/>\n<\/strong>Die Lebenden achten die Toten in diesen Tagen. Wir erinnern uns, stehen an Gr\u00e4bern, sehen die Jahre des Lebens. Wir erinnern uns der eigenen Geschichte und der Geschichte unseres Landes:<br \/>\nM\u00e4nner sind gefallen.<br \/>\nV\u00e4ter wurden vermisst.<br \/>\nGeliebte gerieten in Gefangenschaft.<br \/>\nMenschen, die ver\u00e4ndert vom Erlebten das eigene Leben nicht leben konnten.<br \/>\nFrauen sind verwitwet.<br \/>\nVerlobte werden niemals Ehepaare.<br \/>\nKinder kennen ihre V\u00e4ter nicht.<br \/>\nVerbrannte Erde bringt gebrannte Kinder hervor.<br \/>\nWelche Kunst das Leben zu gestalten vor aufgerichteten Kreuzen!<\/p>\n<p><strong>VII. Durchkreuztes Leben<br \/>\n<\/strong>Wenn die Pl\u00e4ne durchkreuzt werden, besteht die Kunst im Leben!<br \/>\nIch wurde nicht gefragt, weil Einer es wollte &#8211; mein Leben.<br \/>\nIch werde gefragt am Ende der Zeiten.<br \/>\nIch werde gefragt am Ende der Zeiten, so, wie alle vor und alle nach mir.<br \/>\nIch werde gefragt!<br \/>\nGefragt von dem, der es l\u00e4ngst wei\u00df. Der mich kennt, mein Leben kennt, mein Versteckspiel vor mir und den anderen.<br \/>\nGefragt von dem, dem jeder Winkel meines kleinen, selbst geschusterten Lebens offenbar ist.<br \/>\nDann werde ich offenbar, empfange meinen Lohn von ihm, der am Anfang gefragt wurde und am Ende mein Richter sein wird. Ein Richter meines Lebens.<br \/>\nVon seinem Kreuz auf mein Leben blickend. Sein Kreuz aufgerichtet, mein Leben anzublicken. Nicht von oben herab, sondern auf Augenh\u00f6he auf mich gerichtet. Mit dem Blick des Sch\u00f6pfers, der um die Not wei\u00df und das B\u00f6se kennt, der um der Opfer willen nichts sch\u00f6n redet, der die Toten achtet und die Lebenden mahnt. Der meinen Lohn kennt und ihn auszahlt. Der mein Leben vom Verderben erl\u00f6st und mich kr\u00f6net mit Gnade und Barmherzigkeit. Der mich aufrichtet, weil sein Kreuz aufgerichtet ist.<\/p>\n<p>So stehen wir an den Gr\u00e4bern und Denkmalen gerichteter Leben. Ihre Kreuze mahnen von Trauer und Schuld. Sein Kreuz mahnt vor Unachtsamkeit. Und am Ende der Zeiten werde ich vor Gott stehen und ich werde sein Kreuz sehen.<\/p>\n<p>Amen.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\"><\/a> (*) Kurt Marti, Der Heilige Geist ist keine Zimmerlinde, S. 58.<\/p>\n<hr \/>\n<p align=\"left\"><strong>Eva Losert<\/strong><br \/>\n<strong><a href=\"mailto:elosert@uni-kassel.de\">elosert@uni-kassel.de<\/a><\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Predigtreihe &#8222;Evangelische Lebenskunst&#8220; \u2013 &#8222;Gerichtetes Leben&#8220; | Volkstrauertag 2005 | 2. Kor 5,10 | Eva Losert | \u201eWir m\u00fcssen alle offenbar werden vor dem Richterstuhl Christi, damit jeder seinen Lohn empfange f\u00fcr das, was er getan hat bei Lebzeiten, es sei gut oder b\u00f6se.\u201c 2. Kor. 10 I. 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