{"id":10836,"date":"2021-02-07T19:48:56","date_gmt":"2021-02-07T19:48:56","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=10836"},"modified":"2023-02-09T13:18:46","modified_gmt":"2023-02-09T12:18:46","slug":"sacharja-99-10","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/sacharja-99-10\/","title":{"rendered":"Sacharja 9,9-10"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<h3><strong>Predigt zu Sacharja 9,9-10, verfasst von\u00a0Monika Waldeck, 1. Advent<\/strong><\/h3>\n<hr \/>\n<p>Es verbl\u00fcfft mich jedes Jahr aufs Neue:<br \/>\nDrau\u00dfen in den Stra&amp;szlig;en und Gesch\u00e4ften bestrahlen Lichterketten tausendfach stimmungsvollen oder kitschigen Weihnachtsschmuck in Dunkelrot und Gold.<br \/>\nHier in der Kirche empf\u00e4ngt uns dagegen eine merkw\u00fcrdig spr\u00f6de Herbheit: ein Parament in violett, die erste Kerze am Adventskranz. Das wars.<br \/>\nUnd zwischen der Welt drau\u00dfen und hier drinnen sind wir, die Gemeinde.<\/p>\n<p>Sp\u00fcren wir gerade bei der \u00dcberf\u00fclle von weihnachtlichen Symbolen in den Auslagen der L\u00e4den und in der Werbung, dass etwas an der Oberfl\u00e4che abgehandelt wird?<br \/>\nVielleicht m\u00f6chten Sie sich in diesem Gottesdienst einstimmen lassen auf die gef\u00fchlvolle Atmosph\u00e4re des Advent, der in die Geburt des Jesuskindes in der Krippe zu Weihnachten m\u00fcndet.<br \/>\nVorfreude kann dabei sein, manchmal eine besondere Traurigkeit, wenn Schweres im vergangenen Jahr geschehen ist. Auch Entt\u00e4uschung und Einsamkeit werden bewusster und unertr\u00e4glicher in dieser Zeit. In vielen H\u00e4usern brennen in den n\u00e4chsten vier Wochen Kerzen.<br \/>\nDer Beginn des Advent bringt eine Sehnsucht nach Tiefe in die Allt\u00e4glichkeit des Lebens.<\/p>\n<p>Wenn ich heute jedoch die Bibel aufschlage oder einen Gottesdienst besuche, scheint von Gef\u00fchlen erst einmal kaum die Rede zu sein. Das Thema des 1. Adventsonntags ist \u201eder kommende Christus\u201c.<br \/>\nWir h\u00f6ren vom Einzug in Jerusalem, wir lesen die Verhei\u00dfung des Sacharja. Da geht es nicht um das Jesuskind in Windeln, sondern um den Christus als Retter der Welt.<br \/>\nDa tut sich eine Distanz auf, die nur in den sch\u00f6nen bekannten Adventsliedern \u00fcberbr\u00fcckbar erscheint.<\/p>\n<p>So lassen Sie uns einen Blick werfen auf die apokalyptische fremde Szene, die uns der Predigttext heute vor Augen stellt.<br \/>\nVor uns entfaltet sich das Bild eines himmlischen Gottesdienstes.<br \/>\nWir schauen mit dem Seher Johannes Gott auf seinem Thron mit einem Buch in der Hand. Es ist innen und au\u00dfen beschrieben und enth\u00e4lt Antwort auf die Fragen nach dem Warum, dem Sinn des Lebens. Um Gott herum eine gro\u00dfe Versammlung von Menschen und Engeln.<br \/>\nAber das Buch ist verschlossen mit sieben Siegeln. Nur die Au\u00dfenseite ist lesbar.<\/p>\n<p>Ich denke daran, dass zumindest wir westlichen Menschen uns angew\u00f6hnt haben zu glauben, die R\u00e4tsel der Welt w\u00e4ren entzifferbar.<br \/>\nWir vertrauen gerne den Verhei\u00dfungen von Wissenschaft und Forschung, mit ein bisschen Vorsorge seien Krankheiten und Naturkatastrophen in den Griff zu bekommen, ob AIDS, das Ozonloch oder die Vogelgrippe.<br \/>\nTrotz Irritation und \u00dcberraschung angesichts vieler Toter bei den letzten Hurrikanen oder Hungerkatastrophen in Kaschmir und Sambia, trotz Nachrichten \u00fcber das Abschmelzen der Polkappen erscheint uns die Welt als sicherer Ort. Wir m\u00fcssen uns nur umsichtig verhalten, dann sind wir geborgen. Leid und Tod gelten uns nur noch als Ausnahmef\u00e4lle und sind meistens gut auszublenden.<br \/>\nKann es sein, dass Religion manch Einem so unwichtig erscheint, weil wir meinen, einen erf\u00fcllbaren Anspruch auf Lebensgl\u00fcck zu haben?<br \/>\nVielleicht hat der Glaube in diesen Tagen einen so geringen Stellenwert, weil wir denken, der Mensch k\u00f6nne seine Zukunft ohne Gottes Hilfe in der Hand halten.<\/p>\n<p>Wenn aber nur die Au\u00dfenseite des Buches lesbar ist, dann wirkt der Optimismus \u00fcber die L\u00f6sbarkeit der R\u00e4tsel dieser Welt verfr\u00fcht.<br \/>\nDann wird das Vertrauen in die grenzenlosen Machbarkeitsphantasien von uns Menschen entlarvt.<br \/>\nEs ist augenf\u00e4llig: Leid und Elend dauern an. Gerade wir Pfarrer und Pfarrerinnen h\u00f6ren viele Male die Frage nach dem \u201eWarum\u201c.<br \/>\nWarum muss ein Kind an Krebs sterben? Warum wird eine Familie grausam durch einen Krieg auseinandergerissen? Warum sind die G\u00fcter zwischen Norden und S\u00fcden so unglaublich ungerecht verteilt? Welcher Sinn liegt hinter allem?<\/p>\n<p>Sieben Siegel verschlie\u00dfen die Antwort.<br \/>\nHeute am 1. Advent stellt ein starker Engel in unserem himmlischen Gottesdienst<br \/>\ndie Frage: Wer l\u00f6st die R\u00e4tsel, wer bricht die Siegel?<br \/>\n\u201eNiemand\u201c, so sagt der biblische Text, \u201eweder im Himmel noch auf Erden noch unter der Erde, konnte das Buch auftun und hineinsehen.\u201c Es ist zum Heulen.<br \/>\nUnd das tut auch der Seher Johannes: \u201eIch weinte sehr, weil niemand f\u00fcr w\u00fcrdig befunden wurde, das Buch aufzutun und hineinzusehen.\u201c Man kann nur weinen aus Verzweiflung, Ratlosigkeit und Wut dar\u00fcber, dass das Geschenk des Lebens so untrennbar verbunden ist mit der Erfahrung von Leiden, Schuld und Sterben.<\/p>\n<p>Johannes macht nun aber eine Erfahrung, die wir auch kennen. Einer der \u00c4ltesten, die vor Gottes Thron knien, ber\u00fchrt ihn und tr\u00f6stet ihn: \u201eWeine nicht!\u201c<br \/>\nWer je erlebt hat, dass er in einem traurigen Moment getr\u00f6stet wurde, f\u00fcr den ist die verzweifelte Frage nach dem Warum in diesem Augenblick des Gehaltenseins schon einer kleinen Hoffnung gewichen, dass es einen Sinn geben m\u00f6ge.<\/p>\n<p>Johannes erf\u00e4hrt von dem \u00c4ltesten: \u201eDer L\u00f6we aus Judas Stamm und Nachkomme Davids hat den Sieg errungen. Er kann die sieben Siegel aufbrechen und das Buch \u00f6ffnen.\u201c Einige S\u00e4tze sp\u00e4ter wird von Gottes Lamm gesprochen, das aussieht wie geschlachtet. Der L\u00f6we, der Starke ist gleichzeitig das Lamm, ein sanftes und ohnm\u00e4chtiges Tier. Ein scheinbar un\u00fcberwindbarer Gegensatz.<\/p>\n<p>Wir wissen: es ist Jesus Christus, von dem hier die Rede ist. Er ist als einziger w\u00fcrdig, die sieben Siegel zu brechen. Nicht mit Gewalt, sondern friedfertig wird er die Welt retten. Nicht durch Klugheit, sondern durch seine Hingabe am Kreuz, stellvertretend f\u00fcr uns Menschen, erringt er den Sieg, gibt die Antwort auf unsere Fragen.<br \/>\nEr zeigt uns so, was die Welt in ihrem Innersten zusammenh\u00e4lt.<br \/>\nDie Antwort ist nicht durch wissenschaftlichen Fortschritt zu erwerben oder durch menschliche Anstrengung zu finden.<\/p>\n<p>Nur der Glaube erfasst sie, denn sie lautet:<br \/>\nDas Leben ist ein Geschenk, und es bringt die Erfahrung von gro\u00dfen H\u00f6hen und Tiefen.<br \/>\nWeil Christus sich aber f\u00fcr uns am Kreuz hingegeben hat, k\u00f6nnen Leidende getr\u00f6stet werden. Gott hat sich auf ihre Seite gestellt. In jedem Menschen, der einen Weinenden tr\u00f6stet, tr\u00f6stet Gott selbst.<br \/>\nDie Antwort lautet aber auch: Weil Christus sich f\u00fcr uns am Kreuz hingegeben hat, ist jedes weitere menschliche Opfer sinnlos. Wir Christen sind darum zum Handeln aufgefordert, Unrecht beim Namen zu nennen und mitzuhelfen, dass gerechte Strukturen entstehen.<br \/>\nNein, das hei\u00dft nicht, dass wir nun bis zur Selbstaufgabe f\u00fcr eine gerechte Welt k\u00e4mpfen m\u00fcssen. Jeder hat unterschiedliche Gaben und verschiedene M\u00f6glichkeiten dazu. Leider wird Gerechtigkeit und Frieden aber nicht religi\u00f6s garantiert. Und die Erfahrung von Geborgenheit oder Schutzlosigkeit h\u00e4ngt letztlich auch nicht am menschlichen Verhalten.<\/p>\n<p>Die Antwort, die der Glaube gibt, meint zun\u00e4chst einfach:<br \/>\nFeiern wir Gottesdienst! Erinnern wir uns daran, dass wir Menschen begrenzte Lebewesen sind, dass wir uns nicht an Gottes Stelle setzen d\u00fcrfen und auch nicht m\u00fcssen. Dass unsere Gestaltungsfreiheit gerade erst in der Begrenzung auf unsere Menschlichkeit entsteht. Gottesdienst zeigt uns die Grenze zwischen oben und unten. Sei es der Gottesdienst im Himmel oder der auf der Erde, heute morgen hier und jetzt.<br \/>\n\u201eDass die Welt noch steht, h\u00e4ngt im Wesentlichen damit zusammen, dass noch Gottesdienste gefeiert werden.\u201c, so hat es ein Theologieprofessor einmal ausgedr\u00fcckt. (Josuttis 1987)<\/p>\n<p>Ich glaube, es braucht die Kargheit und N\u00fcchternheit in der adventlichen Kirche, es braucht den langen Weg durch die n\u00e4chsten Wochen, um uns dem Ereignis der Geburt Jesu anzun\u00e4hern. Wir tun es heute in dem Bewu\u00dftsein, dass dieser Jesus der Christus ist, der die Welt rettet.<br \/>\nEs braucht die Zeit der Erwartung. In ihr haben all unsere unterschiedlichen Gef\u00fchle ihren Platz, denn sie wollen uns in Kontakt bringen mit dem Grund unseres Seins.<br \/>\nBis wir am Ende sicher wissen: Er, der Mann am Kreuz, das Kind in der Krippe kommt uns entgegen und wischt unsere Tr\u00e4nen ab.<br \/>\nUnd so lange feiern wir Gottesdienst, singen unsere Adventslieder, denn darum steht die Welt noch.<br \/>\nAmen.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Monika Waldeck<br \/>\nStudentenpfarrerin in Witzenhausen\/Kassel<br \/>\nE-Mail: <a href=\"mailto:waldeck.esg-wiz@ekkw.de\">waldeck.esg-wiz@ekkw.de<\/a><br \/>\n<\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Predigt zu Sacharja 9,9-10, verfasst von\u00a0Monika Waldeck, 1. Advent Es verbl\u00fcfft mich jedes Jahr aufs Neue: Drau\u00dfen in den Stra&amp;szlig;en und Gesch\u00e4ften bestrahlen Lichterketten tausendfach stimmungsvollen oder kitschigen Weihnachtsschmuck in Dunkelrot und Gold. 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