{"id":10837,"date":"2021-02-07T19:49:02","date_gmt":"2021-02-07T19:49:02","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=10837"},"modified":"2023-02-08T07:59:02","modified_gmt":"2023-02-08T06:59:02","slug":"offenbarung-51-14-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/offenbarung-51-14-2\/","title":{"rendered":"Offenbarung 5,1-14"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<h3><strong>Predigt zu Offenbarung 5,1-14, verfasst von\u00a0Dr. Martina Jan\u00dfen<br \/>\n<\/strong><\/h3>\n<p>Liebe Gemeinde!<\/p>\n<p>Der Predigttext f\u00fcr den ersten Advent ist ein apokalyptischer Text. Ein Text, der \u201eenth\u00fcllt, was kein Auge gesehen, was kein Ohr geh\u00f6rt hat.\u201c Das verhei\u00dft Au\u00dfergew\u00f6hnliches. H\u00f6ren wir, sehen wir!<\/p>\n<p align=\"center\">I.<\/p>\n<p><em>\u201eUnd ich sah in der rechten Hand dessen, der auf dem Thron sa\u00df, ein Buch, beschrieben innen und au\u00dfen, versiegelt mit sieben Siegeln. Und ich sah einen starken Engel, der rief mit gro\u00dfer Stimme: Wer ist w\u00fcrdig, das Buch aufzutun und seine Siegel zu brechen? Und niemand, weder im Himmel noch auf der Erde noch unter der Erde, konnte das Buch auftun und hineinsehen. Und ich weinte sehr, weil niemand f\u00fcr w\u00fcrdig befunden wurde, das Buch aufzutun und hineinzusehen. Und einer von den \u00c4ltesten spricht zu mir: Weine nicht! Siehe, es hat \u00fcberwunden der L\u00f6we aus dem Stamm Juda, die Wurzel Davids, aufzutun das Buch und seine sieben Siegel. Und ich sah mitten zwischen dem Thron und den vier Gestalten und mitten unter den \u00c4ltesten ein Lamm stehen, wie geschlachtet; es hatte sieben H\u00f6rner und sieben Augen, das sind die sieben Geister Gottes, gesandt in alle Lande. Und es kam und nahm das Buch aus der rechten Hand dessen, der auf dem Thron sa\u00df. Und als es das Buch nahm, da fielen die vier Gestalten und die vierundzwanzig \u00c4ltesten nieder vor dem Lamm, und jeder hatte eine Harfe und goldene Schalen voll R\u00e4ucherwerk, das sind die Gebete der Heiligen, und sie sangen ein neues Lied: Du bist w\u00fcrdig, zu nehmen das Buch und aufzutun seine Siegel; denn du bist geschlachtet und hast mit deinem Blut Menschen f\u00fcr Gott erkauft aus allen St\u00e4mmen und Sprachen und V\u00f6lkern und Nationen und hast sie unserm Gott zu K\u00f6nigen und Priestern gemacht, und sie werden herrschen auf Erden. Und ich sah, und ich h\u00f6rte eine Stimme vieler Engel um den Thron und um die Gestalten und um die \u00c4ltesten her, und ihre Zahl war vieltausendmal tausend; die sprachen mit gro\u00dfer Stimme: Das Lamm, das geschlachtet ist, ist w\u00fcrdig, zu nehmen Kraft und Reichtum und Weisheit und St\u00e4rke und Ehre und Preis und Lob. Und jedes Gesch\u00f6pf, das im Himmel ist und auf der Erde und unter der Erde und auf dem Meer und alles, was darin ist, h\u00f6rte ich sagen: Dem, der auf dem Thron sitzt, und dem Lamm sei Lob und Ehre und Preis und Gewalt von Ewigkeit zu Ewigkeit! Und die vier Gestalten sprachen: Amen. Und die \u00c4ltesten fielen nieder und beteten an.\u201c<\/em> (Offenbarung 5,1-14)<\/p>\n<p align=\"center\">II.<\/p>\n<p>Was f\u00fcr ein himmlisches Schauspiel zwischen Harry Potter und Hollywood! Was m\u00fcssen meine Augen da sehen! Ungesehenes. Unabsehbares. Einen pr\u00e4chtigen Thron mitten im Himmel \u2013 umringt von Engeln, goldenen Schalen, m\u00e4chtigen Gestalten. Vieltausendmal tausend \u00c4lteste. Niederfallen. Anbeten. Ein Buch &#8211; geheimnisvoll, versiegelt, gleich siebenmal, blendet die Augen. R\u00e4ucherwerk. Blut. Ein Lamm mit sieben H\u00f6rnern und sieben Augen. Welch\u2019 bizarre Szenen! Welch\u2019 groteske Wesen!<\/p>\n<p>Doch damit genug. Was m\u00fcssen meine Ohren da h\u00f6ren! Ungeh\u00f6rtes. Unerh\u00f6rtes. Hymnen. Lobpreisungen. Ein ganzes Gewitter aus Lobges\u00e4ngen und Huldigungen! M\u00e4chtige Stimmen ert\u00f6nen, gewaltige Worte schwirren durch die Luft: \u201eWer ist w\u00fcrdig? L\u00f6we aus dem Stamm Juda! Weine nicht! Blut! Das Lamm, das geschlachtet ist. Ehre. Preis. Gewalt. Ewigkeit.\u201c Welch\u2019 schwere Worte! Welch\u2019 schrille T\u00f6ne!<\/p>\n<p>Dieser Text wirkt auf mich wie eine Droge, die mich nach mehr verlangen l\u00e4sst: Wie gro\u00df ist das Lamm? Sieht mich eins seiner sieben Augen an? Wie dick ist das Buch? Was steht darin? Wie klingen diese himmlischen Hymnen? Wie sieht das Gesicht des Sehers aus?<\/p>\n<p>Ein Text mit sieben Siegeln! So etwas habe ich noch nie gesehen! So etwas habe ich noch nie geh\u00f6rt! Und ich frage mich: Wer ist f\u00e4hig, sich das wirklich vorzustellen? Ist das nicht alles eine Nummer zu gro\u00df? Ist es das wert, sich darauf einzulassen?<\/p>\n<p align=\"center\">III.<\/p>\n<p>\u201e<em>Wer ist w\u00fcrdig, das Buch aufzutun und seine Siegel zu brechen?\u201c<\/em> Die Frage des Engels hei\u00dft nichts anderes als: \u201eWer ist w\u00fcrdig? Wer ist es wert? Wer ist der Herr?\u201c Und die Antwort ist eindeutig: Niemand au\u00dfer einem. Niemand au\u00dfer dem einen, der uns verhei\u00dfen wurde. \u201e<em>Der L\u00f6we aus dem Stamm Juda, die Wurzel Davids.\u201c<\/em> Einen L\u00f6wen als Herrscher der Welt kann ich mir vorstellen. Ein gewaltiges Tier, der \u201eK\u00f6nig der Tiere\u201c. Stark. W\u00fcrdevoll. Unbesiegbar. Aufrecht. Stolz. Gef\u00e4hrlich. Gerecht. Eben m\u00e4chtig. Doch der L\u00f6we des Sehers sieht anders aus. <em>\u201eUnd ich sah ein Lamm stehen wie geschlachtet.\u201c<\/em> Der Weltenherrscher hat die Gestalt eines Opfertieres. Wehrlos. Blutig. Stumm. Geduldig. Unschuldig. Sanft. Barmherzig. Eben ohnm\u00e4chtig. Und doch: <em>\u201eEs hatte sieben H\u00f6rner und sieben Augen.\u201c <\/em> Das ist keine Ohnmacht ohne Macht. Das Lamm tr\u00e4gt die Zeichen der Macht und der Allwissenheit. Siebenmal. Sieben ist die Zahl der Vollkommenheit. Sieben H\u00f6rner. Vollkommene Macht. Sieben Augen. Vollkommenes Wissen. Macht und Ohnmacht in einem. Wie der Auferstandene die Wundmale tr\u00e4gt. Wie das Kind in der Krippe zum Kreuz dr\u00e4ngt. Voller Macht, doch ohne Liebe zur Macht. Wie der allm\u00e4chtige Herrscher ohnm\u00e4chtig am Kreuz stirbt. Sein Tod f\u00fcr uns. Die Macht dieses Herrschers ist die Liebe. Diesen Herrscher erwarten wir im Advent. Diesen und keinen anderen. Dieser Herrscher ist es wert, \u201e<em>das Buch aufzutun und seine Siegel zu brechen.\u201c <\/em><\/p>\n<p align=\"center\">IV.<\/p>\n<p>Doch wie ist das bei uns? Sind es bei uns die L\u00e4mmer, die den Schlachtplan f\u00fcr die Welt entwickeln? Den B\u00f6rsenticker schreiben? Der Wirklichkeit ihre Melodie geben? Ist das bei uns wirklich so? Das Tier ins uns ist aus dem Paradies vertrieben. Hier in unserer Welt frisst der L\u00f6we kein Stroh. Hier liegt der Wolf nicht neben dem Schaf (Jes 65,25). Soviel Platz scheinen wir nicht zu haben. Doch wer hat die Macht? Sind bei uns die L\u00e4mmer wirklich die Strategen der Weltgeschichte? Oder sind es nicht eher die Schweine, die den Ton angeben? \u201e<em>Du musst ein Schwein sein in dieser Welt. Schwein sein. Du musst gemein sein in dieser Welt. Gemein sein. Denn willst du ehrlich durch das Leben gehen. Ehrlich. Kriegst\u2019n Arschtritt als Dankesch\u00f6n. Gef\u00e4hrlich. &#8230; Daraus ziehst du Konsequenzen und du schaltest um auf schlecht. Die Welt ist ein Gerichtssaal und die B\u00f6sen kriegen recht.<\/em>\u201c \u2013 so singen \u201edie Prinzen\u201c. Und \u2013 haben sie nicht ein bisschen recht? Regiert bei uns wirklich die Macht der Liebe? Nicht eher die Liebe zur Macht? Manchmal habe ich den Eindruck, dass sich bei uns nicht gerade f\u00fcr die L\u00e4mmer die T\u00fcren \u00f6ffnen; eher schon f\u00fcr die schlauen F\u00fcchse und die scharfen Hunde! Und all die Zwitterwesen, die W\u00f6lfe im Schafspelz, die falschen L\u00e4mmer mit der Opferrolle als Strategie. Wer hat die Macht? Lamm oder Wolf? Wer ist mehr wert?<\/p>\n<p align=\"center\">V.<\/p>\n<p><em>\u201eEs sind nicht immer die Lauten stark, nur weil sie lautstark sind. Es gibt so viele, denen das Leben ganz leise viel echter gelingt. (&#8230;) Die schreiben nie Lieder, die sind Melodie, so aufrecht zu gehen, lerne ich nie.\u201c <\/em>\u2013 auch ein Lied. So singt es Konstantin Wecker. So geht es auch. Einen Versuch ist es wert. Melodie zu sein. Aufrecht zu gehen. Blut zu lassen. Lamm zu sein. Ein wenig auf sich zu nehmen. Vielleicht \u00f6ffnen sich ja T\u00fcren, vielleicht l\u00f6sen wir so Fesseln, brechen wir so Siegel. Vielleicht geht es ja, inmitten der W\u00f6lfe, Schweine und F\u00fcchse ein neues Lied anzustimmen, vielleicht nur mit leisen T\u00f6nen, aber dennoch einen Unterton der Hoffnung in das Getose der Welt zu bringen, eine Gegenstimme zur Gewalt. Wie eine Wurzel einen Felsen sprengen kann. Wie ein kleines Licht die Dunkelheit verdr\u00e4ngt und hell macht. Wie Wasser einen Stein aush\u00f6hlen kann. Wie ein H\u00e4ndedruck Angst nimmt. Wie ein Wort das Eis brechen kann.<\/p>\n<p>Sollten wir nicht f\u00e4hig sein, uns darauf einzulassen? Und wenn wir es sind? Vielleicht h\u00f6ren wir dann neue T\u00f6ne. Ungeh\u00f6rte. Unerh\u00f6rte. Vielleicht sehen wir eine neue Welt. Ungesehen. Unabsehbar. Vielleicht \u00f6ffnet sich dann der Himmel. Vielleicht nur ein wenig. Aber das ist es wert!<\/p>\n<p>Amen.<\/p>\n<p><strong>Dr. Martina Jan\u00dfen<br \/>\nG\u00f6ttingen<br \/>\n<a href=\"mailto:martina.janssen@theologie.uni-goettingen.de\">martina.janssen@theologie.uni-goettingen.de<\/a><\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Predigt zu Offenbarung 5,1-14, verfasst von\u00a0Dr. Martina Jan\u00dfen Liebe Gemeinde! Der Predigttext f\u00fcr den ersten Advent ist ein apokalyptischer Text. Ein Text, der \u201eenth\u00fcllt, was kein Auge gesehen, was kein Ohr geh\u00f6rt hat.\u201c Das verhei\u00dft Au\u00dfergew\u00f6hnliches. H\u00f6ren wir, sehen wir! 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