{"id":10845,"date":"2021-02-07T19:49:06","date_gmt":"2021-02-07T19:49:06","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=10845"},"modified":"2023-02-03T09:12:58","modified_gmt":"2023-02-03T08:12:58","slug":"die-nacht-ist-vorgedrungen-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/die-nacht-ist-vorgedrungen-2\/","title":{"rendered":"Die Nacht ist vorgedrungen"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<h3><strong>Liedpredigt zu &#8222;Die Nacht ist vorgedrungen&#8220; von Jochen Keppler, Adventszeit<\/strong><\/h3>\n<h3><strong>verfasst von Prof. Dr. R\u00fcdiger Lux<br \/>\n<\/strong><\/h3>\n<hr \/>\n<p>Universit\u00e4tsgottesdienst in St. Nikolai, Leipzig<\/p>\n<p>Die Predigt wird unterbrochen und abgeschlossen von dem Lied EG 16, Die Nacht ist vorgedrungen.<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde,<\/p>\n<p>in der Nacht kommen die Bilder. Bilder, die sich nicht abschalten lassen. Bilder, gegen die man sich nicht wehren kann. Bilder, die uns im unruhigen Schlaf \u00fcberfallen, die uns die Augen \u00f6ffnen. Um uns das Dunkel, und doch sind wir hellwach. Bilder der Angst und Bilder der Hoffnung. Bilder der Schuld und Bilder des Gl\u00fccks.<\/p>\n<p>In der Nacht kommen die Bilder. Aus Weltbruchst\u00fccken formen sich bizarre Gebilde. Da finden wie auf einem surrealistischen Gem\u00e4lde Dinge zueinander, die bei Lichte besehen nicht zusammengeh\u00f6ren. Ein Thron, ein Buch mit sieben Siegeln, ein Lamm. Ereignisse und Zeiten flie\u00dfen ineinander wie die ber\u00fchmten zerflie\u00dfenden Uhren auf den Gem\u00e4lden Salvador Dalis. Das Weinen und die Tr\u00e4nen der Verfolgten, der siegreiche L\u00f6we aus Juda, die Wurzel Davids.<\/p>\n<p>In der Nacht kommen die Bilder, da \u00f6ffnen sich Welten, die wir noch nie betreten haben, Himmel, Erde und Unterwelt. Wir fahren durch R\u00e4ume und Zeiten, f\u00fcr die sich in keinem Reiseb\u00fcro der Welt ein Bahn- oder ein Flugticket buchen l\u00e4sst.<\/p>\n<p>Bilder der Nacht. Was wird aus ihnen, wenn der Morgen graut? Waschen wir sie uns mit dem Schlaf aus den Augen? Legen wir sie ab wie ein altes, unbrauchbares Kleid, ungeeignet f\u00fcr den Tag, der seine eigenen Sorgen hat? Oder nehmen wir sie mit hinein in eine neue Woche, ein neues Kirchenjahr?<\/p>\n<p align=\"center\"><strong>I<\/strong><\/p>\n<p>Johannes, dem Seher von Patmos, waren sie wichtig, die Bilder, die ihn in Visionen \u00fcberfielen. Er konnte und wollte sie nicht absch\u00fctteln wie l\u00e4stiges Gep\u00e4ck. Denn hinter diesen Bildern stand das Weinen, das Leiden, das Blut j\u00fcdischer und christlicher M\u00e4rtyrer aus den Tagen des Kaisers Domitian.<\/p>\n<p>Wie seine Vorg\u00e4nger lie\u00df er sich als <em>Dominus et Deus<\/em> verehren. Domitian, der Herr und Gott! Der Kaiserkult florierte. Noch heute l\u00e4sst sich Domitians Selbstdarstellung auf einem Obelisken in der Piazza Navona in Rom besehen. Da wird er gepriesen als \u00bbvollkommener Gott\u00ab, als \u00bbErbe des Vaters der G\u00f6tter\u00ab, der \u00bbdas Land f\u00fcllt mit seiner Nahrung\u00ab. Er lie\u00df sich Tempel errichten mit Kolossalstatuen von seiner Person. <em>Dominus et Deus<\/em>, Herr und Gott, das g\u00f6ttliche Kind auf dem Scho\u00dfe Jupiters, den er zu seinem Vater erkl\u00e4rte.<\/p>\n<p>Wer wagte es, diesem Anspruch entgegen zu treten? Wer beugte da nicht das Haupt und die Knie vor der unerbittlichen Macht dieses \u00bbGottes\u00ab? Wer warf sich nicht vor ihm zur Erde? Domitian, der Tyrann, das Tier aus dem Abgrund, das Johannes, der Seher, schaute. Der totalit\u00e4re r\u00f6mische Staat, der alles niederwalzt, was sich ihm in den Weg stellt. Wer widersteht?<\/p>\n<p>Es gab solche, die sich verweigerten. Juden und Christen, die das alte Wort vom Sinai im Herzen trugen: \u00bbIch bin der Herr, dein Gott, der dich aus \u00c4gyptenland aus dem Sklavenhaus gef\u00fchrt hat. Du sollst keine anderen G\u00f6tter haben neben mir.\u00ab Weil sie dem Sklavenbefreier vom Sinai allemal mehr gehorchten als dem Sklavenhalter Domitian, deswegen schickte dieser Hunderte und Tausende von ihnen in die Arenen und lie\u00df sie vor dem johlenden, gaffenden, br\u00fcllenden Mob von wilden Tieren zerrei\u00dfen.<\/p>\n<p>Das war die Nacht der christlichen Gemeinden in Kleinasien, an die Johannes seine Sendschreiben schrieb. Verschl\u00fcsselte Botschaften, verschickt von einem auf die Insel Patmos verbannten Profeten. Untergrundliteratur in einer den Uneingeweihten schwer verst\u00e4ndlichen Symbolsprache. Literatur in der Sprache der Nacht, aus der die Bilder kamen, die sich nicht aus den Augen waschen und auch nicht einfach absch\u00fctteln lie\u00dfen. Bilder vom zynischen Anspruch auf die totale Macht, die Macht, die man sich nicht mehr nehmen lassen wollte. Bilder vom Tier aus dem Abgrund und von denen, die sich ihm widersetzten; eingepfercht in den Dunkelzellen der Jahrhunderte, hingemordet in den Gef\u00e4ngnissen und Lagern der Diktatoren. Die Fleischerhaken in der Hinrichtungsst\u00e4tte Pl\u00f6tzensee, an denen die M\u00e4nner vom 20. Juli starben. Der Galgen in Flossenb\u00fcrg, an dem vor 60 Jahren Dietrich Bonhoeffer sein Ende fand. Die Zelle des Untersuchungsgef\u00e4ngnisses der Staatssicherheit in Gera, in der 1981 der 24-j\u00e4hrige Matthias Domaschk starb. Das Tier aus dem Abgrund hat viele Opfer gefordert. Gott, wozu diese Geschichte und diese Geschichten? Wie lange m\u00fcssen wir noch warten? Wann kommst du zum gro\u00dfen Weltgericht? Mit Johannes, dem Seher von Patmos rufen wir zu dir: \u00bbAmen, ja, komm Herr Jesus!\u00ab Die Nacht ist vorgedrungen.<\/p>\n<p>EG 16,1<\/p>\n<p align=\"center\"><strong>II<\/strong><\/p>\n<p>In der Nacht kommen die Bilder. In der Nacht kommen die Fragen. \u00bbWer ist es wert, zu \u00f6ffnen das Buch und seine Siegel zu l\u00f6sen?\u00ab Das Buch mit den sieben Siegeln! Was steht darin geschrieben? Birgt es das Geheimnis der Geschichte? Birgt es das Geheimnis der unendlich vielen Opfergeschichten, die dein Geheimnis bleiben, Gott? Warum muss sich dein Reich so m\u00fchsam durch die Reiche dieser Welt hindurcharbeiten? Warum steigt das gro\u00dfe Tier immer von Neuem aus dem Abgrund herauf? Wozu all das Blut und all die Tr\u00e4nen? Wer bricht die Siegel des Buches? Wer tut uns sein Geheimnis kund? Wer steht verzeichnet in diesem Buch? Die Opfer, die T\u00e4ter? Die, die uns bekannt sind? Und die, von denen nur Du etwas wei\u00dft? Die Opfer, deren Tr\u00e4nen keiner sah, die T\u00e4ter, deren Schuld bis zum heutigen Tage unges\u00fchnt geblieben ist?<\/p>\n<p>Und steht da auch mein Name verzeichnet, in diesem Buch der Geschichte, Gott? Ja steht da meine Geschichte geschrieben, von der ich noch gar nichts wei\u00df? Die Geschichte, die erst noch auf mich zukommt, die noch verborgen ist im Dunkel der Nacht, im Dunkel der Zeit? Wer ist es wert, die Siegel des Buches zu brechen? Wer wei\u00df um das Geheimnis der Geschichte und dieser Geschichten? Was kommt da noch auf mich zu, auf meine Kinder, meine Enkel? Wer kommt da auf uns zu?<\/p>\n<p>Ist es das, was uns an den Bildern der Nacht so verst\u00f6rt, dass wir sie nicht zu lesen verstehen, dass uns das Buch der Weltgeschichte und das Buch unserer Lebensgeschichte ein Buch mit sieben Siegeln bleibt, stumm und verschlossen?<\/p>\n<p>\u00bbUnd ich weinte sehr, dass niemand f\u00fcr wert befunden wurde, das Buch zu \u00f6ffnen und hineinzublicken.\u00ab Im Uneinsehbaren, Unlesbaren, Unh\u00f6rbaren widerf\u00e4hrt dem Seher Johannes eine Stimme: \u00bbWeine nicht!\u00ab Wenn dich das Tier aus dem Abgrund in die Arena schleift, weine nicht! Wenn dir die Bilder der Opfer vor Augen treten, weine nicht! Wenn dich die Gedanken an die T\u00e4ter qu\u00e4len, weine nicht! Wenn die Sorge um deine Kinder auf dir lastet, weine nicht! Manchmal reichen sie aus, diese beiden Worte des Trostes: Weine nicht! Lass die Bilder der Nacht nicht \u00fcberm\u00e4chtig werden. Schon graut der Morgen. Schon leuchtet warm die erste Kerze im Advent.<\/p>\n<p>Aus dem Seher Johannes wird ein Seelsorger der Verfolgten. Er bricht die Macht der dunklen Bilder durch ungew\u00f6hnliche Gegenbilder. Dem Tier aus dem Abgrund stellt er den siegreichen L\u00f6wen von Juda in den Weg. Aus der Wurzel Davids, die die R\u00f6mer glaubten, mit Stumpf und Stil ausgerottet zu haben, ging ein Reis hervor. Christus, das geschlachtete Lamm, das den Schnitt des Sch\u00e4chters noch am Halse tr\u00e4gt. Er empf\u00e4ngt das Buch des Lebens.<\/p>\n<p>Bilder sind das, die uns fremd sind, Weltbruchst\u00fccke, die nicht zueinander passen wollen. Doch vielleicht bed\u00fcrfen wir der fremden und bizarren Bilder, weil wir uns viel zu fest eingerichtet haben in unseren Sehgewohnheiten. Noch bannen die Bilder des Vergangenen unseren Blick. Noch lassen wir uns imponieren vom gro\u00dfen Tier aus der Tiefe. Noch sitzen die Tyrannen auf ihrem hohen Ross und lassen sich als <em>Dominus et Deus<\/em> ausrufen, da verstellt ihnen ein anderer den Weg, das Lamm, der Christus: \u00bbEr ist sanftm\u00fctig und reitet auf einem Esel.\u00ab \u00bbDer, dem alle Engel dienen, wird nun ein Kind und Knecht.\u00ab<\/p>\n<p>EG 16,2-3<\/p>\n<p align=\"center\"><strong>III<\/strong><\/p>\n<p>In der Nacht kommen die Bilder, auch die Bilder des Advent. Wir warten auf sie wie auf einen neuen Morgen. Bilder, die den Tyrannen den Abschied geben. Haben wir die denn nicht gesehen? Bilder von Menschen, die nur einem trauten, dem sanftm\u00fctigen K\u00f6nig der Barmherzigkeit? Haben wir die denn nicht gesehen? Bilder vom Ende der Diktatoren, Menschen, die sich zum Gott erh\u00f6hten. Haben wir die denn nicht gesehen? Und Bilder vom Gott Israels, der Mensch geworden ist. Haben wir den denn nicht gesehen? Das Kind, geboren in der Nacht von Bethlehem. Das Lamm, das zur Schlachtbank ging, Christus am Kreuz, das offene Grab.<\/p>\n<p>Verst\u00f6rende Bilder, weil sie sich nicht an die Spielregeln unserer Welt halten. Bilder vom Sieg des Lammes, vom Sieg des Lebens inmitten einer Welt des Todes. Bilder, die uns fremd sind und voller Geheimnisse wie das Buch mit sieben Siegeln. Aber das Lamm hat die Siegel gebrochen. Sieben Siegel, f\u00fcr jeden Tag der kommenden Woche eines. Wir \u00f6ffnen sie wie die Kinder die T\u00fcrchen in ihrem Adventskalender. Wir schlagen auf und lesen:<\/p>\n<p>\u2013 Das erste Siegel ist das Siegel der Angst. \u00bbChristus spricht: In der Welt habt ihr Angst; aber seid getrost, ich habe die Welt \u00fcberwunden\u00ab (Joh 16,33).<br \/>\n\u2013 Das zweite Siegel ist das Siegel der Sorge: Christus spricht: \u00bbSorget nicht, denn der morgige Tag wird f\u00fcr das Seine sorgen\u00ab (Mt 6,34).<br \/>\n\u2013 Das dritte Siegel ist das Siegel der Gerechtigkeit. Christus spricht: \u00bbTrachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch das alles zufallen\u00ab (Mt 6,33)<br \/>\n\u2013 Das vierte Siegel ist das Siegel der Barmherzigkeit. Christus spricht: \u00bbSeid barmherzig wie auch euer Vater barmherzig ist\u00ab (Lk 6,36).<br \/>\n\u2013 Das f\u00fcnfte Siegel ist das Siegel des Glaubens. Christus spricht: \u00bbDein Glaube hat dir geholfen\u00ab (Mt 8,22).<br \/>\n\u2013 Das sechste Siegel ist das Siegel der Liebe. Christus spricht: \u00bbDas ist mein Gebot, dass ihr euch untereinander liebt, wie ich euch liebe\u00ab (Joh 15,12).<br \/>\n\u2013 Das siebte Siegel ist das Siegel der Lebens. Christus spricht: Siehe \u00bbich lebe und ihr sollt auch leben\u00ab (Joh 14,19).<\/p>\n<p>Mit Johannes, dem Seher von Patmos rufen wir: \u00bbAmen, ja, komm Herr Jesus.\u00ab Komm in unsere Nacht.<\/p>\n<p>In der Nacht kommen die Bilder, Bilder vom Buch mit den sieben Siegeln, das ein Buch des Lebens ist.<\/p>\n<p>\u00bbNoch manche Nacht wird fallen<br \/>\nauf Menschenleid und \u2013schuld.<br \/>\nDoch wandert nun mit allen<br \/>\nder Stern der Gotteshuld.<br \/>\nBegl\u00e4nzt von seinem Lichte,<br \/>\nh\u00e4lt euch kein Dunkel mehr,<br \/>\nvon Gottes Angesichte<br \/>\nkam euch die Rettung her.\u00ab<\/p>\n<p align=\"left\">Amen<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Prof. Dr. R\u00fcdiger Lux<br \/>\n<a href=\"mailto:lux@rz.uni-leipzig.de\">lux@rz.uni-leipzig.de<\/a><\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Liedpredigt zu &#8222;Die Nacht ist vorgedrungen&#8220; von Jochen Keppler, Adventszeit verfasst von Prof. Dr. R\u00fcdiger Lux Universit\u00e4tsgottesdienst in St. Nikolai, Leipzig Die Predigt wird unterbrochen und abgeschlossen von dem Lied EG 16, Die Nacht ist vorgedrungen. 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