{"id":10849,"date":"2021-02-07T19:49:08","date_gmt":"2021-02-07T19:49:08","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=10849"},"modified":"2023-01-31T12:12:59","modified_gmt":"2023-01-31T11:12:59","slug":"matthaeus-25-1-13-9","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/matthaeus-25-1-13-9\/","title":{"rendered":"Matth\u00e4us 25, 1-13"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<h3><b><span style=\"color: #000099;\">2. Sonntag im Advent, 4. Dezember 2005<br \/>\nPredigt \u00fcber Matth\u00e4us 25, 1-13, verfasst von Niels Henrik Arendt (D\u00e4nemark) <\/span><\/b><\/h3>\n<hr \/>\n<p>(Text der d\u00e4nischen Perikopenordnung)<\/p>\n<p>Es war eine stille Nacht, jene Nacht, in der die zehn Brautjungfern darauf warteten, dass der Br\u00e4utigam vom Hause der Familie der Braut kommen und die Braut heimf\u00fchren sollte. Die Nacht war so still, dass die Brautjungfern einschliefen. Wie kann man unsere unruhige, l\u00e4rmende Zeit mit der ereignislosen Nacht vergleichen, in der so wenig geschah, dass die zehn Brautjungfern sich nicht wachhalten konnten? Selbstverst\u00e4ndlich geschah da etwas, als der Br\u00e4utigam endlich auftauchte, aber bis dahin war die Nacht langweilig und still. Es hatte den Anschein, als w\u00fcrde \u00fcberhaupt nichts passieren. Aber nun ist es gerade die Pointe des Gleichnisses, dass just in diesen eint\u00f6nigen Stunden das Folgenschwere geschah. In diesen Stunden ging den f\u00fcnf Brautjungfern das \u00d6l aus. Das war zwar ganz und gar nicht dramatisch, ja, es war eigentlich gar nichts zu sehen: ihre Lampen leuchteten wie die der f\u00fcnf anderen, es sah nicht so aus, als k\u00f6nnte jemand von ihnen etwas tun, und sie schliefen alle miteinander ein. Erst als der Brautzug, zeigte es sich aber, dass in diesen langweiligen, stillen Stunden etwas Entscheidendes geschehen war.<\/p>\n<p>Stille Stunden \u2013 unsere Zeit ist nicht still oder ereignislos. Ganz im Gegenteil: sie ist laut, sie ist voller dramatischer, ja ersch\u00fctternder Ereignisse, sie ist unruhig. Immer wieder geschieht etwas, was selbst die Weisesten nicht vorausgesehen haben. Die ganze Zeit sind neue drastische Dinge im Anmarsch. Es gibt kein Sommerloch mehr in den Redaktionen der Zeitungen, und wenn die Zeitung trotzdem so aussieht, hat das seine Erkl\u00e4rung darin, dass die Redaktion eingeschlafen ist, wie immer sie das auch angestellt hat, wenn doch ununterbrochen hei\u00dfe Neuigkeiten auf Schreibern und Schirmen ins Haus ticken.<\/p>\n<p>Aber weil so viel geschieht, braucht der Einzelne sein Leben nicht als bedeutungsvoll zu empfinden. Ich habe den Eindruck, dass es vielmehr fast in die entgegengerichtete Richtung gegangen ist: dass wir die Ereignisse der unruhigen Welt in wachsendem Ma\u00dfe aus einer Position in den Kulissen verfolgen. Sie m\u00f6gen uns wohl angehen, aber was wir selbst tun und lassen, wirkt im Vergleich zu dem Weltdrama so merkw\u00fcrdig bedeutungslos. Mein eigenes Leben mu\u00df doch mit Notwendigkeit ein bisschen blass, eint\u00f6nig, um nicht zu sagen langweilig wirken, wenn ich es mit dem vergleiche, was andere Menschen durchmachen m\u00fcssen. Die Geschichte hat sich f\u00fcr ihren Verlauf andere Schaupl\u00e4tze gew\u00e4hlt, und dar\u00fcber sind wir vielleicht sogar auch ein wenig erleichtert. Wir haben keine Aufgabe, keine Rolle in dem gro\u00dfen Drama \u2013 in unserem Leben geschieht nur ausgesprochen wenig von dem Verh\u00e4ngnisvollen, das die Welt ver\u00e4ndert. Ja, manchmal fliehen wir geradezu in die Bedeutungslosigkeit, machen wir uns selbst zu Zuschauern.<\/p>\n<p>Da kommt das Evangelium und sagt uns, dass keine Minute ohne Bedeutung ist, und dass es deshalb niemals gleichg\u00fcltig ist, was wir tun, auch nicht, wenn es so aussehen k\u00f6nnte, als w\u00e4re es einerlei. Wie die Stille und Eint\u00f6nigkeit die f\u00fcnf Jungfrauen die Bedeutung der Zeit, in der sie warteten, \u00fcbersehen lie\u00df, so kann das Get\u00f6se der Welt uns die Bedeutung des Lebens, das wir leben, der Dinge, die wir tun, vergessen lassen. Im Augenblick sieht es nicht gerade wichtig aus, ebenso wie die Wartezeit f\u00fcr die Jungfrauen nicht besonders wichtig aussah, trotzdem aber ist das, was geschieht, von entscheidender Bedeutung. Gott hat in dieser Zeit eine Aufgabe f\u00fcr uns, die wir nicht vers\u00e4umen d\u00fcrfen, und die niemand anders f\u00fcr uns erledigen kann. Und was ist das f\u00fcr eine Aufgabe? Ja, mit dem Bild des Gleichnisses gesprochen ist sie dies: auf ihn zu warten. Oder: in diesem Augenblick, in diesem Jetzt, auf sein Reich hin zu leben. Den Blick auf das Reich gerichtet zu haben, von dem Jesus erz\u00e4hlt hat, in dem die Liebe herrscht, und im Licht dieser Liebe zu leben. Aber nun k\u00f6nnte man fragen, ob man nicht gerade das Jetzt, diesen Augenblick vers\u00e4umt, wenn man auf diese Weise den Blick auf etwas gerichtet hat, was nicht jetzt ist? Nein, so ist es nicht. Auf Gott zu warten bedeutet nicht, dass die Wartezeit leer und bedeutungslos w\u00fcrde. Es bedeutet vielmehr, dass die Zeit, das Leben, das ereignislos und unbedeutend aussehen kann, jetzt pl\u00f6tzlich eine entscheidende Bedeutung erh\u00e4lt. Dagegen k\u00f6nnte man auf der anderen Seite, wenn man den Blick nur auf sein eigenes kleines Leben im Gegensatz zu der dramatischen und l\u00e4rmenden Welt darum herum richtet, von derselben Langeweile ergriffen werden, die die f\u00fcnf t\u00f6richten Jungfrauen befiel, die dachten: \u201ehier passiert nichts!\u201c \u2013 und nicht beachteten, was faktisch geschah.<\/p>\n<p>Unsere unruhige, dramatische Zeit ist merkw\u00fcrdigerweise auch zu der Zeit geworden, in der sich der Mensch am allermeisten in seinem eigenen Dasein langweilt und deshalb immer mehr Unterhaltung verlangt, sich in immer aufregendere Erlebnisse st\u00fcrzt, um in einzelnen Augenblicken behaupten zu k\u00f6nnen, dass jetzt auch in ihrem Leben etwas passiere. Was war der Unterschied zwischen den f\u00fcnf klugen und den f\u00fcnf t\u00f6richten Jungfrauen? Ja, der Unterschied war wohl, dass die f\u00fcnf von ihnen wussten, dass da etwas geschah auch in den Stunden, in denen nichts geschah, w\u00e4hrend die anderen f\u00fcnf glaubten, die Zeit, in der sie warteten, sei ohne Bedeutung, denn da gesch\u00e4he allzu wenig. Jesus stellt hier die Freude und die Langeweile gegen einander: die Freude hat den Blick auf das gerichtet, was kommen wird, und das gibt auch der gegenw\u00e4rtigen Zeit Bedeutung, w\u00e4hrend die Langeweile den Blick nur auf die Gegenwart gerichtet h\u00e4lt und glaubt, da geschehe ja gar nichts, und \u00fcberhaupt nicht zu sehen vermag, dass die Zukunft auch jetzt etwas von dir verlangt. Jesus sagt: auf Gott zu warten, auf sein Reich hin zu leben, das ist deine Aufgabe, und das hei\u00dft: das Leben zu lieben und zu wissen, dass es nie leer ist, auch dann nicht, wenn in ihm so wenig passiert. Das Leben zu lieben bedeutet nicht, dass du immer froh sein sollst, dass du nicht auch trauern oder w\u00fctend sein oder gar verzweifeln darfst. Sondern es bedeutet, dass du dich nicht langweilen darfst.<\/p>\n<p>Auf Gott zu warten ist dasselbe wie nie der Meinung zu sein, dass das Leben unertr\u00e4glich gleichg\u00fcltig ist. Es bedeutet zu erwarten, dass man findet, ungeachtet, wie wenig es so aussieht, als w\u00e4re f\u00fcr einen ein Schatz in der Zukunft verborgen. <em>Das<\/em> ist deine Aufgabe \u2013 das ist <em>deine<\/em> Aufgabe.<\/p>\n<p>Letztes Mal, als ich \u00fcber diesen Text predigte, kam nach dem Gottesdienst eine Dame zu mir und sagte, sie f\u00e4nde, das sei die schlimmste Geschichte, die Jesus erz\u00e4hlt habe: wenn n\u00e4mlich die f\u00fcnf Jungfrauen mit dem \u00d6l nicht willens seien, mit den f\u00fcnfen ohne \u00d6l zu teilen. Aber nun dreht sich die Geschichte ja nicht ums Teilen; zu diesem Thema hat Jesus andere Geschichten. Wenn die f\u00fcnf Jungfrauen mit dem \u00d6l nicht mit den f\u00fcnfen ohne \u00d6l teilen wollen, hat das seinen Grund darin, dass das, worum es hier geht, nicht etwas ist, was der eine f\u00fcr den anderen tun k\u00f6nnte: <em>du<\/em> bist es, der das Leben lieben soll, <em>du<\/em> bist es, der es im Licht des Reiches der Liebe leben soll, und es gibt niemanden, der das <em>an deiner Stelle<\/em> tun k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Wie lebt man im Lichte des Reiches Gottes? Man tut es, indem man die Beunruhigung, die Gott ist, in sein Leben einschlie\u00dft. Tut man das, dann \u00e4ndert sich die Zukunft total, und dann \u00e4ndert sich auch die Gegenwart.<\/p>\n<p>Und es kann zun\u00e4chst so scheinen, als w\u00e4re das t\u00f6richt: zu glauben, dass es anderes gebe als dieses Jetzt, Gott zu folgen. Die f\u00fcnf Jungfrauen, die mit ihren zus\u00e4tzlichen \u00d6lkannen angeschleppt kommen, sahen ja t\u00f6richt aus. W\u00e4re der Brautzug zu gewohnter Zeit gekommen, h\u00e4tten sie ihre doppelte Last umsonst tragen m\u00fcssen. Dass sie die Klugen waren, wurde erst offensichtlich, als der Brautzug kam. Diesen Anschein von Torheit muss man auf sich nehmen.<\/p>\n<p>Zu glauben hei\u00dft auch: nicht davor zur\u00fcckzuschrecken, den Anschein von Torheit zu tragen, der darin liegt, dass hier und jetzt nichts darauf hindeutet, dass du Recht hast. Warten zu k\u00f6nnen, ohne des Wartens \u00fcberdr\u00fcssig zu werden. Auch das ereignislose Leben und die Menschen lieben zu k\u00f6nnen, die Gott dir begegnen l\u00e4sst. Sich freuen zu k\u00f6nnen, auch wenn im Augenblick vielleicht gar kein Grund zur Freude vorhanden zu sein scheint. Das ist deine Aufgabe hier und jetzt. Und sp\u00e4terhin, verhei\u00dft Jesus, sp\u00e4terhin wirst du das finden, wass die Freude unaufh\u00f6rlich macht. Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Bischof Niels Henrik Arendt<br \/>\nRibe Landevej 37<br \/>\nDK-6100 Haderslev<br \/>\nTel.: +45 74 52 20 25<br \/>\nE-mail: <a href=\"mailto:nha@km.dk\">nha@km.dk<\/a><\/strong><\/p>\n<p><strong>\u00dcbersetzung aus dem D\u00e4nischen: Dietrich Harbsmeier <\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>2. Sonntag im Advent, 4. Dezember 2005 Predigt \u00fcber Matth\u00e4us 25, 1-13, verfasst von Niels Henrik Arendt (D\u00e4nemark) (Text der d\u00e4nischen Perikopenordnung) Es war eine stille Nacht, jene Nacht, in der die zehn Brautjungfern darauf warteten, dass der Br\u00e4utigam vom Hause der Familie der Braut kommen und die Braut heimf\u00fchren sollte. Die Nacht war so [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":16256,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[36,612,122,1,727,120,853,114,121,118,349,3,109],"tags":[],"beitragende":[],"predigtform":[],"predigtreihe":[],"bibelstelle":[],"class_list":["post-10849","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-matthaeus","category-2-advent","category-adv_weihn_neujahr","category-aktuelle","category-archiv","category-bes_gelegenheiten","category-bibel","category-deut","category-festtage","category-kapitel-25-chapter-25","category-kasus","category-nt","category-predigten"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/10849","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=10849"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/10849\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":16257,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/10849\/revisions\/16257"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media\/16256"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=10849"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=10849"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=10849"},{"taxonomy":"beitragende","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/beitragende?post=10849"},{"taxonomy":"predigtform","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtform?post=10849"},{"taxonomy":"predigtreihe","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtreihe?post=10849"},{"taxonomy":"bibelstelle","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/bibelstelle?post=10849"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}