{"id":10850,"date":"2021-02-07T19:48:59","date_gmt":"2021-02-07T19:48:59","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=10850"},"modified":"2023-02-07T18:55:28","modified_gmt":"2023-02-07T17:55:28","slug":"jesaja-6315-643-3","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/jesaja-6315-643-3\/","title":{"rendered":"Jesaja 63,15 &#8211; 64,3"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<h3 style=\"text-align: left;\" align=\"center\"><b><span style=\"color: #000099;\">2. Sonntag im Advent, 4. Dezember 2005<br \/>\nPredigt \u00fcber Jesaja 63,15 &#8211; 64,3, verfasst von Sibylle Reh <\/span><\/b><\/h3>\n<p align=\"center\"><strong>&#8222;Jammern ist berechtigt&#8220; <\/strong><\/p>\n<p>Liebe Gemeinde, &#8222;Ich kann nicht klagen&#8220;, sagen manche. Das k\u00f6nnen gl\u00fcckliche Menschen sein, die keinen Grund haben zu klagen. Es k\u00f6nnen aber auch sehr ungl\u00fcckliche Menschen sein, sie k\u00f6nnen nicht mehr klagen, weil sie niemanden haben, dem sie ihr Leid klagen k\u00f6nnen. Oder sie haben so viel Leid, dass sie keine Worte daf\u00fcr haben.<\/p>\n<p>Der in Berlin lebende russische Schriftsteller Wladimir Kaminer hat Fragen beantwortet, die ihm von deutschen Mitb\u00fcrgern gestellt wurden. Seine Antworten wurden als &#8222;Lexikon der deutschen Merkw\u00fcrdigkeiten&#8220; im Internet ver\u00f6ffentlicht (<a href=\"www.audibleblog.de\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">www.audibleblog.de<\/a>). Eine Frage, die ihm gestellt wurde, lautete: &#8222;Warum gibt es das Wort Jammertal nur in der deutschen Sprache?&#8220; Um diese Frage zu beantworten, geht der Schriftsteller auf das Bild zur\u00fcck, das seiner Meinung nach die Menschen von Gott und Staat haben. Er meint, in Russland denken die Menschen, Gott erwarte von ihnen, dass sie einmal in der Woche in die Kirche gingen, und damit ersch\u00f6pfe sich die Beziehung zwischen Gott und Mensch. In Deutschland s\u00e4hen die Menschen Gott als eine Art Kolchosvorsitzenden an, der sich um ihre kleinen und gro\u00dfen Probleme k\u00fcmmere. Ebenso sei es auch mit dem Staat. Der Schriftsteller sagt, in Russland w\u00fcrden sich Politiker sich um ihre Angelegenheiten k\u00fcmmern und die Leute versuchten -so gut es geht- ihre Probleme zu l\u00f6sen, zwischen den Welten g\u00e4be es fast keine Ber\u00fchrung. In Deutschland dagegen verstehe sich jeder als Teil des Gemeinwesens. Selbst die Alkoholiker auf der Parkbank, an denen der Schriftsteller t\u00e4glich vorbeikommt, w\u00fcrden \u00fcber Politik reden und w\u00e4hlen gehen. Auch sei das Leben in Deutschland seiner Meinung nach viel \u00f6ffentlicher als in Russland. Die Deutschen erz\u00e4hlten sich ihre Probleme, weil sie davon ausgingen, mit ihren Problemen nicht allein zu sein. Sie glaubten, dass ihre Probleme die anderen interessieren und erwarteten, dass andere f\u00fcr ihre Sorgen zust\u00e4ndig seien. Der Autor schlie\u00dft daraus: &#8222;Jammern ist berechtigt,&#8230; in Deutschland, woanders nicht &#8222;.<\/p>\n<p>Wenn ich den Autor recht verstehe meint er, jammern kann ich dann, wenn ich jemanden gegen\u00fcber jammere, wenn mir jemand zuh\u00f6rt, wenn sich jemand Sorgen um mich macht.<\/p>\n<p>Ein anderes Beispiel: Ich war einmal mit einem f\u00fcnfj\u00e4hrigen Kind auf dem Spielplatz. Unterwegs fiel das Kind hin und verletzte sich am Knie. Die Verletzung war aber nicht schlimm und das Kind spielte bald wieder fr\u00f6hlich. Als wir aber nach Hause kamen, und das Kind seine Mutter in der T\u00fcr stehen sah, fing das Kind wegen dieses fast vergessenen Kratzers am Knie wieder an zu weinen. Es wollte noch einmal daf\u00fcr getr\u00f6stet werden.<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde, Der Predigttext ist ein Psalm aus dem letzten Teil des Buches des Propheten Jesaja. Es geht in diesem Teil um das Leben des Volkes mit Gott nach Vertreibung und R\u00fcckkehr. Die Menschen, zu denen Jesaja spricht, hatten schon eine Geschichte mit Gott. Sie hatten erlebt, wie Gott das Unm\u00f6gliche wahr macht, wie das m\u00e4chtige Reich der Babylonier f\u00e4llt und es den verbannten Israeliten m\u00f6glich wurde, zur\u00fcckzukehren in ihre Heimat. Hatte man so etwas schon jemals geh\u00f6rt? Und doch scheint es, dass auf die gro\u00dfe Freude eine Art Katerstimmung folgte. Die Menschen waren zur\u00fcckgekehrt, in ihr eigenes Land, aber es war nicht alles automatisch gut. Das Leben hatte so seine allt\u00e4glichen Schwierigkeiten. Die Menschen hatten ihre H\u00e4user wieder aufgebaut,und lebten nicht allzu schlecht, aber es gab neue Probleme. Es gab Streit zwischen Dagebliebenen und Zur\u00fcckgekehrten und es gab auch noch Krankheiten und Missernten. Das Leben im Gelobten Land war noch kein Leben im Paradies. Fr\u00fcher hatten die Israeliten auf die R\u00fcckkehr in ihr Land gewartet, worauf sollten sie nun warteten? Fr\u00fcher hatten sie zu Gott geklagt, und um ihre Heimat getrauert, wor\u00fcber sollten sie jetzt klagen, sie hatten doch alles?<\/p>\n<p>Ich denke, es ging den Menschen damals so \u00e4hnlich wie uns jetzt, nach dem Fall der Mauer und Ende des kalten Krieges.<\/p>\n<p>Damals, im alten Israel, meldete sich der Prophet Jesaja zu Wort, berichtete von Gottes Verhei\u00dfungen, weckte neue Hoffnung. Unser Predigttext ist ist jedoch keine Verhei\u00dfung, sondern ein Gebet, ein Klagepsalm. Das Volk fleht Gott an, sich ihnen wieder zuzuwenden. So schau nun vom Himmel und sieh herab von deiner heiligen, herrlichen Wohnung! Wo ist nun dein Eifer und deine Macht? Deine gro\u00dfe, herzliche Barmherzigkeit h\u00e4lt sich hart gegen mich. Bist du doch unser Vater; denn Abraham wei\u00df von uns nichts, und Israel kennt uns nicht.<\/p>\n<p>Wer den Psalm betet, erwartet viel von Gott, von Gott der da ist, nicht bereits gestorben, wie die Vorv\u00e4ter Abraham und Jakob. Er oder sie hat auch ein fast kindliches Vertrauen.- Ich erinnere mich, als mein Neffe vor Jahren einmal beim Spielen etwas kaputtgemacht hatte, versucht er eine Weile, es selber zu reparieren, dann kam er mit den Teilen zu seinem seinem Vater und sagte: &#8222;Papa, dranmachen&#8220;. Er sagte das mit dem Vertrauen eines Zweij\u00e4hrigen, der der festen \u00dcberzeugung ist, dass es kein Problem auf der Welt gibt, dass sein Papa nicht l\u00f6sen kann.-<\/p>\n<p>Im Psalm geht es um dieses Vertrauen, aber noch um mehr.<\/p>\n<p>&#8222;Ach dass du die Himmel zerrissest und f\u00fchrest herab.&#8220; Liebe Gemeinde, diese Klage erinnert mich an die Zeichentrickserien der 80er und 90er Jahre &#8211; ich wei\u00df nicht, ob sie noch gezeigt werden. &#8211; Wenn die Probleme mit menschlichen Mitteln nicht mehr zu l\u00f6sen sind, wenn die Umwelt verseucht ist oder der B\u00f6se \u00fcberm\u00e4chtig wird, dann kommt Captain Planet, He-Man oder sonst eine \u00fcberm\u00e4chtige Gestalt und rettet alles, was schon verloren schien. Man braucht, um diesen Retter zu rufen, einen magischen Gegenstand &#8211; einen Ring oder ein Schwert &#8211; und das richtige Beschw\u00f6rungswort. In den &#8222;Hallo Spencer&#8220;- Sendungen war es &#8222;Galaktika, vom fernen Stern Andromeda&#8220; in die alle Probleme l\u00f6ste, wenn sie mit einem Reim gerufen wurde. Alle diese \u00fcberm\u00e4chtigen Retter in den Kinderfilmen haben etwas gemeinsam: Sie kommen, wenn die Not am gr\u00f6\u00dften ist und sie mit dem richtigen Spruch und einem magischen Gegenstand gerufen werden. Sie helfen, weil dass ja schlie\u00dflich ihre Aufgabe ist, und sie verschwinden wieder, wenn das Problem gel\u00f6st ist. Sie erwarten nichts weiter von den Menschen und bel\u00e4stigen sie auch nicht weiter. Und wenn in der n\u00e4chsten Folge ein neues Problem auftaucht dann ruft man sie eben wieder&#8230;<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde, Im Advent bereiten wir und auf die Ankunft eines ganz anderen Retters vor: Jesus Christus. \u00c4hnlich wie bei den Helden der Kinderfilme gibt es eine ganze Reihe von Ritualen, mit denen wir sein Kommen vorbereiten: Gedichte, Weihnachtspl\u00e4tzchen, Lichter, Adventskr\u00e4nze. Nun ist es aber so, dass wir mit diesen Ritualen Jesus nicht herbei beschw\u00f6ren k\u00f6nnen. Er kommt, wenn er kommt. Und wenn Jesus kommt, so kommt er nicht, wie die Filmhelden mit Gewalt und der richtigen Erkennungsmelodie, sondern schwach als Kind in der Krippe, als der Mann, der am Kreuz starb. Und Jesus verschwindet auch nicht einfach, nachdem er seine Aufgabe erf\u00fcllt hat, wie die Helden im Kinderfilm. Im Gegenteil, er bleibt, auch nach seinem Tod! Und Jesus verlangt auch mehr von uns, als einen magischen Gegenstand hochzuhalten und das richtige Wort zu sagen. Er m\u00f6chte, dass wir bereit sind, uns einzulassen, auf eine dauernde Beziehung zu Gott. Er m\u00f6chte, dass wir bereit sind, die Liebe anzunehmen, die Gott uns schenkt.<\/p>\n<p>Dass wir zu Gott eine Beziehung brauchen, wei\u00df schon der Prophet Jesaja. In dem Klagepsalm Jesajas klagt das Volk sich selber an, Gott nicht angerufen zu haben. Wir sind geworden wie solche, \u00fcber die du niemals herrschtest, wie Leute, \u00fcber die dein Name nie genannt wurde.<\/p>\n<p>Gott ist der Vater, der unsere Not kennt, unser rufen h\u00f6rt, er ist Gott, dem gegen\u00fcber wir klagen k\u00f6nnen. Aber Klage setzt eine Beziehung voraus, eine Liebesbeziehung, keine Gesch\u00e4ftsbeziehung. Eine dauernde Beziehung, nicht nur eine Notrettung.<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde, in der Adventszeit w\u00fcnsche ich Ihnen, dass sie Grund zur Freude \u00fcber das Kommen Jesu haben. Ich w\u00fcnsche Ihnen aber auch, dass sie eine Beziehung zu Gott haben, die ihnen erlaubt, Gott gegen\u00fcber alles zu klagen, was ihnen auf dem Herzen liegt. Mit eigenen Worten, oder mit den Worten das Propheten Jesaja.<\/p>\n<p>Amen<\/p>\n<p><strong>Sibylle Reh<br \/>\n<a href=\"mailto:sreh@gmx.de\">sreh@gmx.de<\/a><\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>2. Sonntag im Advent, 4. Dezember 2005 Predigt \u00fcber Jesaja 63,15 &#8211; 64,3, verfasst von Sibylle Reh &#8222;Jammern ist berechtigt&#8220; Liebe Gemeinde, &#8222;Ich kann nicht klagen&#8220;, sagen manche. Das k\u00f6nnen gl\u00fcckliche Menschen sein, die keinen Grund haben zu klagen. 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