{"id":10855,"date":"2021-02-07T19:49:03","date_gmt":"2021-02-07T19:49:03","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=10855"},"modified":"2023-02-05T23:40:24","modified_gmt":"2023-02-05T22:40:24","slug":"jesaja-6315-643-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/jesaja-6315-643-2\/","title":{"rendered":"Jesaja 63,15 &#8211; 64,3"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<h3 align=\"left\"><b><span style=\"color: #000099;\">2. Sonntag im Advent, 4. Dezember 2005<br \/>\nPredigt \u00fcber Jesaja 63,15 &#8211; 64,3, verfasst von Thomas Bautz<\/span><\/b><\/h3>\n<hr \/>\n<p align=\"left\">(63,15) Schau vom Himmel und sieh her vom S\u00f6ller Deiner Heiligkeit und Deiner Pracht!<br \/>\nWo ist Dein Eifer, Dein Heldentum,<br \/>\ndas Regen Deiner Eingeweide, Dein erbarmender Busen,<br \/>\nda\u00df sie sich mir vorenthalten?!<br \/>\n(16a.c) Du aber bist (doch) unser Vater!<br \/>\nDU selber bist unser Vater, \u201eUnser-L\u00f6ser-seit-Urzeit\u201c ist Dein Name!<br \/>\n(17) Warum, DU, l\u00e4ssest du uns abirren von Deinen Wegen, unser Herz erharten gegen die Furcht vor Dir?<br \/>\nKehre um<br \/>\nDeiner Knechte halber [&#8230;]!<br \/>\n(18) Vor kurzem erst haben unsere Bedr\u00e4nger enterbt das Volk Deiner Heiligung,<br \/>\nzerstampft Dein Heiligtum:<br \/>\n(19) schon sind wir solche geworden, \u00fcber die nie Du geherrscht hast,<br \/>\n\u00fcber denen nie Dein Name ausgerufen war.<br \/>\n(20) Wenn Du doch nur den Himmel zerrissest,<br \/>\nhinabstiegst \u2013 da\u00df vor Deinem Antlitz die Berge wankten!<br \/>\n(64,1b) [&#8230; dies alles] um Deinen Namen Deinen Bedr\u00e4ngern kundzutun,<br \/>\nda\u00df vor Deinem Antlitz die Nationen zittern,<br \/>\n(2) da Du Furchterregendes tatest,<br \/>\ndas wir nicht mehr erhofften.<br \/>\nStiegest Du hinab, so wankten die Berge vor Dir.<br \/>\n(3) Von Urzeit her<br \/>\nhat man nicht geh\u00f6rt,<br \/>\nhat man nicht erlauscht,<br \/>\nnie hat etwas ein Auge ersehn<br \/>\nvon einem Gott au\u00dfer Dir,<br \/>\n[wie] Er wirkt f\u00fcr jenen, der auf Ihn hofft.<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">(1)<\/a><\/p>\n<p>Liebe Gemeinde,<\/p>\n<p>wir h\u00f6rten und lasen<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">(2)<\/a> einen Psalm (au\u00dferhalb des Psalters) aus einer Zeit, in der Teile der Bev\u00f6lkerung Israels im Exil waren \u2013 vor ihrer R\u00fcckkehr und dem Wiederaufbau des Tempels als Nationalheiligtum. Dieser Psalm d\u00fcrfte sogar in Klage- und F\u00fcrbittegottesdiensten nach der Zerst\u00f6rung Jerusalems (587 v.d.Z.) gesungen und auch sp\u00e4ter liturgisch verwendet worden sein.<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">(3)<\/a><\/p>\n<p>Es ist \u2013 alles in allem \u2013 ein ermutigender, Hoffnung weckender Psalm; ein Klagegedicht mit durchaus selbstbewu\u00dften Ankl\u00e4ngen und impliziter Aufforderung, den Kopf nicht h\u00e4ngen zu lassen, sondern vielmehr aufzuschauen [Lk 21, 28].<\/p>\n<p>Andererseits: So rasch geht es auch wieder nicht, und vor allem \u2013 ich m\u00f6chte keiner billigen \u201eBeschwichtigungsrhetorik\u201c das Wort reden, wie wir sie nur zur Gen\u00fcge kennen: \u201eWird schon wieder!\u201c<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">(4)<\/a> \u2013 \u201eDie Zeit heilt Wunden!\u201c \u2013 \u201eDas Leben geht weiter.\u201c \u2013 \u201eDa m\u00fcssen Sie durch!\u201c \u2013 \u201eWenn Du meinst, es geht nicht mehr, kommt von irgendwo ein Lichtlein her.\u201c \u2013 Nein, liebe Gemeinde, mit solcher Kost lassen wir uns nicht abspeisen, oder vielleicht manchmal doch, weil wir es gar nicht mehr gewohnt sind, ernst genommen zu werden?!<\/p>\n<p>Nun, m\u00f6ge uns dieser Psalm heute dazu ermutigen, anspruchsvoller zu werden. M\u00f6ge unsere Wahrnehmungsf\u00e4higkeit wieder geschult und gesch\u00e4rft werden, damit wir genauer hinsehen und hinh\u00f6ren lernen. Dazu ist es allerdings notwendig, auch Ungewohntes, Unangenehmes, Kritisches, Aufr\u00fcttelndes zu h\u00f6ren. \u2013 Niederschmetternd m\u00fcssen jedenfalls f\u00fcr die im Exil Lebenden die Nachrichten von der Zerst\u00f6rung Jerusalems und des Tempels gewesen sein. In einem anderen Klagepsalm (im Psalter: Ps 74) verdichtet sich angesichts des Entweihten Heiligtums das Entsetzen der Gemeinde:<\/p>\n<p>Ps 74,2 Gedenke an deine Gemeinde, die du vorzeiten erworben und dir zum Erbteil erl\u00f6st hast, an den Berg Zion, auf dem du wohnest. 3 Richte doch deine Schritte zu dem, was so lange w\u00fcste liegt. Der Feind hat alles verheert im Heiligtum. [&#8230;]6 Sie zerschlagen all sein Schnitzwerk mit Beilen und Hacken. 7 Sie verbrennen dein Heiligtum, bis auf den Grund entweihen sie die Wohnung deines Namens. 8 Sie sprechen in ihrem Herzen: La\u00dft uns sie ganz unterdr\u00fccken! Sie verbrennen alle Gottesh\u00e4user im Lande.<\/p>\n<p>Wenn wir das h\u00f6ren, mag das einige von uns ein wenig erinnern an finstere Zeiten des Bildersturms in Europa, oder auch an Zerst\u00f6rung und Abbrennen der Synagogen unter der Schreckensherrschaft der Nationalsozialisten. Nicht umsonst gedenkt man in unserem Land j\u00e4hrlich des Judenprogroms am 09. November, um u.a. an die \u201eKristallnacht\u201c 1938 zu erinnern.<\/p>\n<p>Wen wundert es, wenn angesichts der Zerst\u00f6rung von Synagogen und Kirchen, ja, besonders in Konfrontation mit der Tatsache, dass in Jerusalem das Zentralheiligtum, der Tempel, zerst\u00f6rt wurde \u2013 ein Bauwerk, das mit sehr viel Aufwand, Liebe zum Detail und hoher Kunst erbaut worden war; wen wundert es also, wenn da Fragen laut werden wie [Ps 74,11a]:<br \/>\n\u201eWarum ziehst Du Deine Hand zur\u00fcck?\u201c \u2013 Oder [Jes 63,15b]:<br \/>\n\u201e Wo ist Dein Eifer, Dein Heldentum, das Regen Deiner Eingeweide, Dein erbarmender Busen, da\u00df sie sich mir vorenthalten?!\u201c<\/p>\n<p>Das haben wir \u2013 bei aller Vorsicht sei das gesagt \u2013 doch mit dem Judentum gemeinsam: Einerseits eine hoffnungsvolle Tradition, die von vielen Gro\u00df- und Wundertaten \u201eGottes\u201c bzw. befreiendem, m\u00e4chtigem Handeln des Unaussprechlichen \u2013 gelobt sei Sein NAME! \u2013 k\u00fcnden; andererseits die grauenerregende Tatsache, dass sich eben dieser geglaubte und von der \u00dcberlieferung vielfach bezeugte \u201eGott\u201c jeglichem begreifen Wollen, jeglichem Zugriff unserer Vernunft entzieht.<\/p>\n<p>Es gibt keine befriedigenden rationalen Erkl\u00e4rungen f\u00fcr das mannigfache und vielfache Leid in dieser Welt. Schicksalsschl\u00e4ge und f\u00fcr den Einzelnen wie f\u00fcr Kollektive zuf\u00e4llige Katastrophen sind meist nicht erkl\u00e4rbar, gleich welcher Modelle wir uns dabei bedienen. Schlimm finde ich, wenn versucht wird, f\u00fcr verschiedene Ungl\u00fccksszenen und Katastrophen einen sog. Tun-Ergehen-Zusammenhang herzustellen. Ob daf\u00fcr nun religi\u00f6se Motive oder pseudowissenschaftliche herhalten m\u00fcssen, beide Arten des k\u00fcnstlichen Konstruierens von scheinbaren Kausalzusammenh\u00e4ngen finde ich \u2013 verzeihen Sie bitte die Ausdrucksweise \u2013 einfach pervers.<\/p>\n<p>Man stelle sich vor, Freunde oder Verwandte von Ihnen sind wom\u00f6glich in S\u00fcdostasien bei den letzten Tsunami-Katastrophen umgekommen, und man h\u00e4tte Sie zu einer Talkshow \u2013 z.B. bei J\u00fcrgen Fliege<a href=\"#_ftn5\" name=\"_ftnref5\">(5)<\/a> oder bei Johannes B. Kerner<a href=\"#_ftn6\" name=\"_ftnref6\">(6)<\/a> \u2013 eingeladen und jeweils mit einem Theologen und mit einem Meteorologen konfrontiert. Der Theologe w\u00e4re Ihnen zun\u00e4chst seelsorglich \u2013 mit viel Einf\u00fchlungsverm\u00f6gen \u2013 begegnet, um an einer scheinbar \u201epassenden\u201c Stelle im Gespr\u00e4ch Ihnen etwas \u201ezum Bedenken mit auf den Weg\u201c zu geben: ein frommes [besser: fromm tuendes] Erkl\u00e4rungsmodell \u2013 \u201ebei aller Ehrfurcht vor dem Allerh\u00f6chsten\u201c [!]; es k\u00f6nne doch m\u00f6glich sein, dass \u201eGott\u201c nicht nur den unmittelbar Betroffenen [!], sondern auch uns, denen es so gut geht, \u201eeine Warnung\u201c, \u201eetwas zum Aufr\u00fctteln\/ Wachwerden\u201c mit-teilen will.<\/p>\n<p>Der Meteorologe w\u00fcrde naturwissenschaftlich zu begr\u00fcnden wissen, wie wir \u2013 besonders in den westlichen Industrienationen \u2013 die Klimaverh\u00e4ltnisse weltweit derart beeinflu\u00dft h\u00e4tten, dass es eben zu solchen Katastrophen kommen m\u00fcsse. Das sollte uns endlich mal zu denken geben, so leid es ihm um die Opfer und deren Hinterbliebene auch tue.<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde, ich habe nat\u00fcrlich meinerseits etwas konstruiert und zwei Karikaturen gezeichnet, die \u2013 hoffentlich \u2013 nicht der Realit\u00e4t entsprechen; aber wir kennen durchaus \u00e4hnliche Erkl\u00e4rungsmodelle f\u00fcr Ph\u00e4nomene, die wir letztlich \u2013 weder religi\u00f6s noch wissenschaftlich zu deuten verm\u00f6gen.<\/p>\n<p>Vielmehr bleibt die Frage nach dem Eingreifen \u201eGottes\u201c, nach Seinem Handeln im Leben des Einzelnen wie auch in der Geschichte der V\u00f6lker und Rassen \u2013 man denke nur an die nahezu komplette Ausradierung der roten Rasse von der Bildfl\u00e4che Nord- und S\u00fcdamerikas oder vom Untergang der Aborigines in Australien \u2013 r\u00e4tselhaft und geheimnisumwittert. Wobei die sog. Kolonialkriege sicher eine besondere Kategorie darstellen, weil \u2013 wie etwa im Falle der spanischen Conquista \u2013 menschliches Verschulden seitens der Kolonialherren allemal historisch nachweisbar ist. \u00c4hnliches l\u00e4\u00dft sich gerade auch im Hinblick auf die Massenvernichtung im Dritten Reich nicht verheimlichen. Im Gegenteil \u2013 auch wenn es uns heute lebenden B\u00fcrgern in Deutschland oft auf die Nerven und gegen den Strich geht: Dieses elende, Menschen verabscheuende, minuzi\u00f6s geplante und administrativ \u201everantwortete\u201c millionenfache Morden und Abschlachten von Juden und Andersgesinnten darf niemals in Vergessenheit geraten!<\/p>\n<p>Europ\u00e4ische \u2013 nicht nur deutsche \u2013 Theologie sollte sich endlich einmal konsequent darauf besinnen, dass Jesus von Nazareth Jude war und als \u201eK\u00f6nig der Juden\u201c \u2013 nach dem Urteil des Pilatus \u2013 gekreuzigt wurde; dieser Jesus ist n i c h t der Begr\u00fcnder des Christentums, wie leider immer noch in einschl\u00e4gigen Lexika zu lesen ist. Dieser Jesus kannte wahrhaftig Gottesferne und Gottverlassenheit; das schimmert sogar noch beim Lesen der vier kanonischen Evangelien durch [Mt 4, 1\u201311; Lk 4, 1\u201313] wenn wir z.B. die Erz\u00e4hlung von der Versuchung Jesu in der W\u00fcste, seine psychosomatisch durchlebte und durchlittene Einsamkeit im Garten Gethsemane [Mk 14,32\u201342par] und schlie\u00dflich eine der Szenen bei der Kreuzigung [Mk 15,34] betrachten. \u2013 Mit der Warum-Frage hauchte der Nazarener sein Leben aus und gab Seinen Geist zur\u00fcck in die H\u00e4nde des Sch\u00f6pfers. Doch hat eben derselbe Jesus w\u00e4hrend seines relativ kurzen Wirkens oftmals seinen Vater im Himmel an dessen eigene Verheis-sungen erinnert, hat \u201eGott\u201c gleichsam beim Wort \u2013 bei Seinem Wort n\u00e4mlich \u2013 genommen.<\/p>\n<p>Schon als 12-j\u00e4hriger nahm dieser Jesus \u201eGott\u201c beim Wort, indem er in der Synagoge in Nazareth die ihm gereichte Jesajarolle nahm und aus einem Abschnitt laut vorlas [Jes 61,1.2]:<\/p>\n<p>[Lk 4,18 -19.21] \u201eDer Geist des Herrn ist auf mir, weil er mich gesalbt hat, Armen gute Botschaft zu verk\u00fcndigen; er hat mich gesandt, Gefangenen Freiheit auszurufen und Blinden, da\u00df sie wieder sehen, Zerschlagene in Freiheit hinzusenden, auszurufen ein angenehmes Jahr des Herrn.\u201c 20 Und als er das Buch zugerollt hatte, gab er es dem Diener zur\u00fcck und setzte sich; und aller Augen in der Synagoge waren auf ihn gerichtet. 21 Er fing aber an, zu ihnen zu sagen: Heute ist diese Schrift vor euren Ohren erf\u00fcllt.<\/p>\n<p>Jesus war von einem prophetischen Geist erf\u00fcllt. Daraus speiste sich sein Selbstbewu\u00dftsein. Eine Tiefenpsychologin hat einmal Jesus \u2013 wie er sich in den Evangelien des Neuen Testaments spiegelt \u2013 als einen \u00fcberaus an Leib und Seele gesunden Menschen beschrieben, der es sogar verstand, die Selbstheilungskr\u00e4fte in anderen Menschen zu wecken. Er war keiner der damals h\u00e4ufig auftretenden Wunderheiler, er war vielmehr jemand, der zum einen seine Zeitgenossen an die wertvollen Traditionen und Verhei\u00dfungen der Tora erinnerte, und der zum anderen \u201e\u2018Gott\u2018 in den Ohren lag\u201c \u2013 d.h. Jesus hatte keine Bedenken, Seinen Vater, der in seinen Augen auch der Vater aller Menschen und der Sch\u00f6pfer aller Kreaturen ist, um alles zu bitten, was er und was Menschen in seiner N\u00e4he auf dem Herzen hatten.<\/p>\n<p>Wir k\u00f6nnen auch wieder bei den Psalmisten in die Schule gehen. Dort lernen wir, dass \u201eGott\u201c, wenn Er doch \u201eunser Vater\u201c ist [!] erinnert und aufgefordert werden will (Ps 74,20):<br \/>\nSchaue hin auf den Bund! Denn die Schlupfwinkel des Landes sind voll von St\u00e4tten der Gewalttat. \u2013 Oder:<br \/>\n(Jes 63,15) Schau vom Himmel und sieh her vom S\u00f6ller Deiner Heiligkeit und Deiner Pracht!<\/p>\n<p>Freilich: Die Pr\u00e4misse, die Voraussetzung solcher Gebetshaltung \u2013 das Beten, liebe Gemeinde, d\u00fcrfen und sollten wir in der Tat als eine Lebenshaltung, nicht nur als \u201efromme\u201c \u00dcbung ansehen \u2013 ist entspricht z.B. der dritten Bitte des Vaterunsers: Dein Wille geschehe! \u2013 Wie auch Jesus von Nazareth betete [Mk 14,36b]: \u201edoch nicht, was ich will, sondern was du willst [geschehe]\u201c. \u2013 Das meint kein \u201efrommes\u201c, \u201estoisches\u201c Hinnehmen (\u201eGott will es so\u201c),<a href=\"#_ftn7\" name=\"_ftnref7\">(7)<\/a> sondern das kindliche Vertrauen gegen\u00fcber dem, der mehr vermag als wir zu bitten und zu verstehen imstande sind. Andernfalls h\u00e4tte Jesus n\u00e4mlich kaum beten k\u00f6nnen [Mk 14,36a]:<br \/>\nAbba, Vater, alles ist dir m\u00f6glich. Nimm diesen Kelch von mir weg!<\/p>\n<p>Wahrlich, es gibt irrsinniges Leid, dass Menschen schier in den Wahnsinn oder zumindest hart an die Grenzen ihrer k\u00f6rperlichen und seelischen Belastbarkeit treibt: erfahrene Lieblosigkeit oder geschm\u00e4ht Werden, Depressionen, Arbeitslosigkeit, aufgek\u00fcndigte Freundschaften, zerbrochene Ehen und Familien, pl\u00f6tzliche Erblindung, chronische Erkrankungen, unheilbare Krankheiten, Unf\u00e4lle, Katastrophen und vieles andere mehr.<\/p>\n<p><em>Wenn Du doch nur den Himmel zerrissest, hinabstiegst \u2013<\/em> [Jes 63,20a]. Und \u2013 was w\u00fcrde passieren? W\u00fcrde sich etwas bei uns \u00e4ndern? W\u00fcrden <em>wir<\/em> uns \u00e4ndern? W\u00fcrden wir <em>etwas<\/em> (wenigstens) \u00e4ndern? \u2013 Nun, wenn wir schon wagen, \u201eGott\u201c unseren Vater zu nennen, dann sollten wir auch h\u00f6ren, was er uns durch einen anderen Propheten sagen l\u00e4\u00dft [Mal 1,16]:<\/p>\n<p>Ein Sohn ehrt den Vater und ein Knecht seinen Herrn. Wenn ich nun Vater bin, wo ist <em>meine<\/em> Ehre? Und wenn ich Herr bin, wo ist <em>meine<\/em> Furcht? spricht der Herr der Heerscharen zu euch, ihr Priester, die ihr meinen Namen verachtet.<\/p>\n<p>Nun werden wir kaum \u201eGottes\u201c Namen verachten, aber wohl nennen wir m.E. viel zu oft Seinen Namen, oder wir meinen, uns auf Seinen heiligen Namen berufen zu d\u00fcrfen.<\/p>\n<p>Der Psalm, dem wir uns heute die ganze Zeit widmen, steigert die Klage gegen \u201eGott\u201c so weit, dass sich der Dichter sogar zu einem Vorwurf aufschwingt [Jes 63,17]:<br \/>\nWarum, DU, l\u00e4ssest du uns abirren von Deinen Wegen, unser Herz erharten gegen die Furcht vor Dir?<br \/>\nKehre um!<\/p>\n<p>Die Adventszeit war einst eine Gelegenheit im Kirchenjahr, Bu\u00dfe zu tun, seine Gesinnung zu \u00e4ndern, in spiritueller Hinsicht umzudenken und umzukehren von diversen Abwegen. \u2013 Hier im Psalm wird \u201eGott\u201c zur Umkehr ermahnt oder wenigstens aufgerufen.<\/p>\n<p>Dieser Mut verdient m.E. unbedingt Anerkennung; diese Fr\u00f6mmigkeit oder Gl\u00e4ubigkeit ist mir, ehrlich gesagt, tausendmal lieber, wirkt auf mich wesentlich \u00fcberzeugender als jegliches \u201efromme\u201c Getue \u00e0 la \u201eder Herrgott hat\u2019s gegeben &#8230;\u201c \u2013 \u00fcbrigens geht diese biblische Aussage urspr\u00fcnglich weiter: \u201e[&#8230;] der Herr hat\u2019s genommen; gelobt sei der Name des Herrn!\u201c Wer das \u2013 wie ein Hiob \u2013 sagen kann, ist schon mindestens einen Schritt weiter und \u00fcber Schicksals-gl\u00e4ubigkeit hinaus gewachsen in seiner\/ ihrer Gl\u00e4ubigkeit.<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde, wir d\u00fcrfen und sollen mit unserem himmlischen Vater hadern; auch dazu ermutigt uns die biblische Tradition. Lassen Sie uns heute erhobenen Hauptes aus der Kirche gehen \u2013 hinaus in unsere H\u00e4user und Wohnungen, hinaus zu unseren Familien, zu unseren Nachbarn, hinaus aber auch zu den Einsamen und Elenden; zu denen, die gerade in der dunkelsten Jahreszeit vom Rest der Gesellschaft im Stich gelassen oder noch nicht einmal gesehen werden. Lassen Sie uns \u2013 und jetzt sage ich etwas scheinbar Ketzerisches \u2013 zu Weihnachten lieber einmal den sicher wundersch\u00f6nen Gottesdienst in der festlich geschm\u00fcckten Kirche \u201everkneifen\u201c, um \u201eGott\u201c dort zu dienen, wo ER \u2013 gelobt sei Sein NAME \u2013 n\u00e4mlich auch zu finden ist:<a href=\"#_ftn8\" name=\"_ftnref8\">(8)<\/a> in der Gosse, auf der Stra\u00dfe, unter der Br\u00fccke; im Krankenhaus, im Gef\u00e4ngnis; aber auch in den Seniorenheimen, auf den Pflegestationen; in den Hospizen.<\/p>\n<p>Es muss und es darf [!] nicht jeder\/ jede \u201egleich den Samariter\u201c <em>spielen<\/em> \u2013 davor bewahre uns wirklich \u201eGott\u201c! Nein, im Gegenteil: Die Frage lautet ja nicht, wer mein N\u00e4chster ist, sondern <em>wem<\/em> ich so nahe kommen will \u2013 ohne jemandem zu nahe zu treten [!], dass eine <em>Begegnung<\/em> von Mensch zu Mensch m\u00f6glich wird. Dass einer dem anderen zuh\u00f6rt; so dass sich ein echtes, <em>wirk<\/em>liches, weil wirk<em>sames<\/em> Gespr\u00e4ch entwickelt.<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde, das kostet uns nichts \u2013 au\u00dfer ein wenig Zeit, und es ist \u201everdammt\u201c h\u00f6chste Zeit, dass wir \u2013 jeder\/ jede von uns \u2013 wo auch immer wir es k\u00f6nnen und wollen tats\u00e4chlich damit anfangen. Wenn wir ehrlich sind, wissen wir, wie sehr unsere Gesellschaft das n\u00f6tig hat!<\/p>\n<p>Sicher \u2013 es w\u00fcrden keine \u201eNationen erzittern\u201c; Berge w\u00fcrden keineswegs \u201eins Wanken geraten\u201c, aber es k\u00f6nnte passieren, dass Menschen wieder Gottvertrauen gewinnen, weil Menschen IHN, den Unaussprechlichen, beim Wort nehmen.<\/p>\n<p>Deshalb erinnern wir heute an die Verhei\u00dfung des Propheten [Jes 64,3]:<br \/>\nVon Urzeit her hat man nicht geh\u00f6rt, hat man nicht erlauscht, nie hat etwas ein Auge ersehn von einem Gott au\u00dfer Dir, [wie] Er wirkt f\u00fcr jenen, der auf Ihn hofft.<\/p>\n<p>Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p style=\"font-weight: 400;\">(1) \u00dcbersetzt\/ \u00fcbertragen nach Die Schrift. Verdeutscht von Martin Buber \u2013 gemeinsam mit Franz Rosenzweig: B\u00fccher der K\u00fcndung (8. Aufl. der neubearb. Ausgabe von 1958), Lizenzausgabe Darmstadt 1985, 201f; Roland Gradwohl: Bibelauslegungen aus j\u00fcdischen Quellen. Band 2: Die alttestamentlichen Predigttexte des 4. Jahr-gangs, Stuttgart 1987, 195.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\"><\/a> (2) Wegen der L\u00e4nge des Textes sollte er unbedingt zu Beginn des Gottesdienstes verteilt werden. \u2013 Vorschl\u00e4ge zu \u201eAbgrenzung und Gestaltung der Lesung\u201c finden sich bei Rainer Henne, Pastoraltheologie\/ GPM 94 (2005), 15\u201322: 20f; zur Kritik solcher K\u00fcrzungen siehe aber Georg L\u00e4mmlin, DtPfBl 105 (2005), 533f.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\"><\/a> (3) Vgl. Werner H. Ritter: Ach, dass du den Himmel zerrissest, PSt 2005\/2006, Perikopenreihe IV. Erster Halbband, Stuttgart 2005, 19ff: 20.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\"><\/a> (4) W.H. Ritter: PSt 2005\/2006, 21.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref5\" name=\"_ftn5\"><\/a> (5) Der Verfasser dieser Predigt bedauert es sehr, dass die m.E. f\u00fcr viele Menschen hilfreiche Sendung des bekannten Fernsehpfarrers abgesetzt wurde. Aber beim Dienst f\u00fcr das Reich Gottes \u2013 in Seinem Weinberg \u2013 wird J\u00fcrgen Fliege sicher nicht arbeitslos!<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref6\" name=\"_ftn6\"><\/a> (6) Die Beispiele sind hier v\u00f6llig fiktiv; mit den Namensnennungen sind keinerlei Anspielungen auf tats\u00e4chlich Geschehenes bzw. faktisch Ausgestrahltes verbunden!<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref7\" name=\"_ftn7\"><\/a> (7) Vgl. W.H. Ritter: PSt 2005\/2006, 21.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref8\" name=\"_ftn8\"><\/a> (8) Vgl. Jes 61,1ff; Mt 25,31 -46; empfehlenswert (f\u00fcr Menschen im pastoralen Dienst) sind auch Erz\u00e4hlungen diesbez\u00fcglich, die man bei Fjodor Michailowitsch Dostojewski findet.<\/p>\n<p><strong>Thomas Bautz <\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>2. Sonntag im Advent, 4. Dezember 2005 Predigt \u00fcber Jesaja 63,15 &#8211; 64,3, verfasst von Thomas Bautz (63,15) Schau vom Himmel und sieh her vom S\u00f6ller Deiner Heiligkeit und Deiner Pracht! Wo ist Dein Eifer, Dein Heldentum, das Regen Deiner Eingeweide, Dein erbarmender Busen, da\u00df sie sich mir vorenthalten?! (16a.c) Du aber bist (doch) unser [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":16528,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[612,22,1,2,727,157,853,114,823,1177,349,109,209],"tags":[],"beitragende":[],"predigtform":[],"predigtreihe":[],"bibelstelle":[],"class_list":["post-10855","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-2-advent","category-jesaja","category-aktuelle","category-at","category-archiv","category-beitragende","category-bibel","category-deut","category-kapitel-63-chapter-63","category-kapitel-64-chapter-64","category-kasus","category-predigten","category-thomas-bautz"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/10855","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=10855"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/10855\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":16529,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/10855\/revisions\/16529"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media\/16528"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=10855"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=10855"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=10855"},{"taxonomy":"beitragende","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/beitragende?post=10855"},{"taxonomy":"predigtform","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtform?post=10855"},{"taxonomy":"predigtreihe","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtreihe?post=10855"},{"taxonomy":"bibelstelle","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/bibelstelle?post=10855"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}