{"id":10880,"date":"2021-02-07T19:48:56","date_gmt":"2021-02-07T19:48:56","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=10880"},"modified":"2023-02-09T12:55:31","modified_gmt":"2023-02-09T11:55:31","slug":"gemeinsames-weihnachten-unter-feinden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/gemeinsames-weihnachten-unter-feinden\/","title":{"rendered":"Gemeinsames Weihnachten unter Feinden"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<h3><b><span style=\"color: #000099;\">Heiliger Abend, 24. Dezember 2005<br \/>\nPredigt am Heiligen Abend, verfasst von Elof Westergaard (D\u00e4nemark)<\/span><\/b><\/h3>\n<hr \/>\n<p>Es war kurz vor Weihnachten. Es war Krieg. Der Nachbar dr\u00fcben auf der anderen Seite, England, hatte wenige Jahre zuvor, im Jahr 1807, Kopenhagen bombardiert. D\u00e4nemark hatte daraufhin seine Neutralit\u00e4t aufgegeben. Die unabh\u00e4ngige Linie lie\u00df sich nun nicht mehr aufrecht erhalten.<\/p>\n<p>D\u00e4nemark war dann auf der Seite Napoleons in den Krieg eingetreten, ohne jedoch dadurch den Engl\u00e4ndern den Zugang zu den d\u00e4nischen Hoheitsgew\u00e4ssern versperren zu k\u00f6nnen. Wenige Jahre sp\u00e4ter ging D\u00e4nemark bankerott und wurde gezwungen, gro\u00dfe Landgebiete abzutreten.<\/p>\n<p>Drau\u00dfen an der K\u00fcste, n\u00f6rdlich von uns, bei Fjaltring, war kurz vor Weihnachten ein Schiff gestrandet, und eine Masse Treibgut war an Land getrieben worden. Einige Leute aus der Umgebung hielten an dem Strandgut Wache.<\/p>\n<p>Es war die letzte Nacht. In der Nacht zwischen dem 23. und 24. Dezember. Es war kein Vergn\u00fcgen, Wache zu schieben. Denn das Wetter war unruhig. Es war f\u00fcrchterlich kalt und st\u00fcrmisch, ja, es kamen orkanartige B\u00f6en. Zwar hatten sich die Leute, die Wache hielten, aus St\u00f6cken und alten Lappen ein Zelt gebaut. Dort konnten sie Schutz finden.<\/p>\n<p>Aber bald regnete, bald hagelte es. Die M\u00e4nner schauderten vor K\u00e4lte und mussten immer wieder die Arme um die Brust schlagen, um sich warm zu halten, oder sie mussten sich noch einen Schluck aus der Schnapsflasche erlauben, um etwas in den Leib zu bekommen, was sie wenigstens eine Zeitlang W\u00e4rme sp\u00fcren lie\u00df.<\/p>\n<p>\u201eM\u00f6ge sich der Friede der Weihnacht \u00fcber Land und Meer senken!\u201c Die M\u00e4nner warteten auf den Frieden der Weihnacht, und sie hofften, er w\u00fcrde dann auch den Wind zur Ruhe bringen, dem Regen und Hagel Einhalt gebieten.<\/p>\n<p>Wenn der Weihnachtsfriede komme, so hatten die Alten erz\u00e4hlt, dann w\u00fcrde man Gold auf den Weg legen k\u00f6nnen, ohne dass jemand es wegnehmen w\u00fcrde, niemand w\u00fcrde seine geringe Habe verschlie\u00dfen m\u00fcssen. Der Bauer w\u00fcrde dann kein Schloss mehr f\u00fcr seine Kommode brauchen. Und die n\u00e4chtlichen Wachen bei Fjaltring w\u00fcrden dort auch nicht in der Nacht drau\u00dfen zu stehen und zu frieren und an Land gesp\u00fcltes Wrackgut zu bewachen haben.<\/p>\n<p>Wenn es doch nur bald Weihnachten w\u00e4re und sich Friede \u00fcber Land und Meer senkte!<\/p>\n<p>Fr\u00fchmorgens am 24. Dezember, als es noch dunkel war, h\u00f6rten die Wachen einen H\u00f6llenl\u00e4rm. Es klang wie kr\u00e4ftige Sch\u00fcsse in der Dunkelheit. Aber zugleich h\u00f6rte es sich auch wie das Rufen von Menschen an. War da noch ein Schiff in Seenot? Die Wachen liefen alle hinab zum Strand. Sie sahen \u00fcber das Meer hinaus. Sie glaubten, sie k\u00f6nnten ein gro\u00dfes Schiff dort drau\u00dfen wahrnehmen. Ja, die Masten fehlten zwar, aber die Konturen waren unverkannbar. Es war ein Schiff dort drau\u00dfen.<\/p>\n<p>Und Treibgut, das bereits an Land trieb, zeugte davon, dass es sich um Schiffbruch handelte. Holzst\u00fccke, Kisten, alles M\u00f6gliche wurde durch die Brandung an Land gesp\u00fclt und dort auf dem Stand hin- und hergesp\u00fclt. Und dort, an ein rundes Holz mit Tauwerkresten geklammert, glitt ihnen ein Mensch entgegen. Ein lebendiges Gesicht, ein K\u00f6rper mit H\u00e4nden und F\u00fc\u00dfen, der mit letzter Kraft an Tauen und Holz festhielt. Die Wachen bekamen ihn schnell zu fassen und retteten ihn an Land.<\/p>\n<p>Und alles ging jetzt schrecklich schnell. Ein weiterer Seemann wurde gerettet. Die M\u00e4nner sp\u00e4hten umher, gingen am Strand entlang, um zu sehen, ob sich unter dem Wirrwar von Kisten, Holz, Tauen, Tonnen und allem M\u00f6glichen, was sich im Schaum des Meeres tummelte und ihnen entgegenschwamm, noch mehr \u00dcberlebende f\u00e4nden. Und da, auf einem primitiv zusammengebundenen Flo\u00df von Rundh\u00f6lzern kamen weitere f\u00fcnf M\u00e4nner heran. Auch sie wurden gerettet. Das Meer spuckte auch sie aus aus seinem gro\u00dfen n\u00e4chtlichen Mund.<\/p>\n<p>Der eine der M\u00e4nner konnte allerdings nur mit knapper Not gerettet werden mit einem ganz besonderen Einsatz einer der Wachen, weil der Mann mit dem einen Fu\u00df zwischen den H\u00f6lzern festgeklemmt sa\u00df. Nur mit einem gewaltigen Ruck und festem Zupacken wurde der Mann gerettet.<\/p>\n<p>Andere Leute aus der Gegend waren jetzt geweckt worden, und sie kamen hinzu mit Pferd und Wagen, Decken und Schnaps. Sie sp\u00e4hten alle zum Wrack hinaus. Aber es gab niemanden mehr, der gerettet wurde, von der etwa 550 Mann starken Besatzung. Und schon verbreitete sich das Ger\u00fccht von einem weiteren Schiff, das in derselben Nacht Schiffbruch erlitten hatte, blo\u00df wenig weiter im S\u00fcden.<\/p>\n<p>Die meisten unter uns hier in der Gegend kennen diese Geschichte von der Defence und vor allem dann auch die Geschichte von dem zweiten der beiden gro\u00dfen englischen Linienschiffe, die hier drau\u00dfen vor unserer K\u00fcste in unserem Pastorat in der Nacht zwischen dem 23. und 24. Dezember 1811 untergingen. Das war die St. George.<\/p>\n<p>Das Museum in Thorsminde erz\u00e4hlt ihre Geschichte und vermittelt mit allen Funden, die aus dem Meer geborgen werden konnten, ein eindrucksvolles Bild von dem Leben an Bord dieser Schiffe. Die Gegenst\u00e4nde von den Schiffen sprechen zu uns.<\/p>\n<p>Es waren damals am 23. Dezember mehrere britische Schiffe, die hier mit dem Kurs nach S\u00fcden unterwegs waren. Es waren die Schiffe Cressy, St. George und Defence. Am 23. Dezember gegen Abend kam westlich von Bovbjerg ein Orkan auf. Die Cressy entschloss sich im letzten Moment zur Umkehr, die beiden anderen englischen Schiffe setzten also ihre Reise in Richtung Fjaltring fort, wo die Defence strandete, und weiter im S\u00fcden, s\u00fcdlich von Thorsminde, bei Fjand, ging die St. George unter.<\/p>\n<p>Alles ging schief in jener Nacht.<\/p>\n<p>Die beiden Schiffe strandeten und nur 18 Menschen kamen mit dem Leben davon, 6 von der Defence und 12 von der St. George.<\/p>\n<p>Die wenigen \u00dcberlebenden konnten sp\u00e4ter von dem Kampf auf Leben und Tod gegen das Meer in dieser Nacht berichten. Von Kameraden, die sie verloren, und von Freunden und Arbeitskollegen, die in den Wellen verschwanden.<\/p>\n<p>Und die Menschen hier in der Gegend waren von dem Untergang gezeichnet, bei dem man noch in der folgenden Nacht, am Heiligen Abend, heute Nacht, Menschen auf dem Deck der St. George sehen konnte, ohne dass man ihnen h\u00e4tte helfen k\u00f6nnen. Man konnte nicht zu ihnen hinauskommen.<\/p>\n<p>Die Erinnerungen waren auch gepr\u00e4gt von den zahlreichen Toten, die man w\u00e4hrend des folgenden Winters auf dem Strand an Land getrieben fand.<\/p>\n<p>Das wilde Meer, die harte Winterk\u00e4lte kannte man, wie wir nun einmal hier in der Gegend unvermeidlich die Kr\u00e4fte der Natur kennen.<\/p>\n<p>Aber es war das Erlebnis von Verlust und Tod, ja das starke Gef\u00fchl von Gebrechlichkeit und Machtlosigkeit von uns Menschen, das in jener Nacht so schrecklich zunahm und seitdem die Gem\u00fcter beherrscht hat.<\/p>\n<p>Es waren das Mitgef\u00fchl und die Trauer, die sie trafen. Man behielt diesen Schiffsuntergang in der Erinnerung. Aber unter die Sorge mischte sich auch die Erinnerung an ein Weihnachten, das man mit fremden Menschen teilte. Die wenigen Geretteten konnten von der Hilfe am Stand erz\u00e4hlen, von dem Schnaps, der sie w\u00e4rmte, von den Decken, von der Hilfsbereitschaft der \u00f6rtlichen Bev\u00f6lkerung. Wie einer der Geretteten in einer englischen Zeitung schrieb: \u201esie kamen ja als G\u00e4ste vom Meer her, mitten in der Weihnachtszeit\u201c und sie seien obendrein \u201ezu einem gastlichen Empfang mit Anteil an der Weihnachtsmahlzeit der armen Leute in den D\u00fcnen\u201c gekommen.<\/p>\n<p>Die Schiffbr\u00fcchigen waren ja eigentlich Feinde, \u2013 einige von ihnen waren sicher dabeigewesen, als die Engl\u00e4nder im Jahre 1807Kopenhagen bombardiert hatten. Sie trugen Gesicht und Namen des Feindes, aber in der Nacht an den Strand gesp\u00fclt erwiesen sie sich als das, was sie zu allererst waren: Mitmenschen, die an fremder K\u00fcnste gestrandet sind.<\/p>\n<p>Die Menschen in den D\u00fcnen wurden f\u00fcr sie die N\u00e4chsten. Sie gaben ihnen ganz nat\u00fcrlich Unterkunft und Speise. Und die Fremden wurden auch ein Teil ihrer Weihnachtsfeier. Sie kamen ins Haus zu Weihnachten, und sie waren ganz selbstverst\u00e4ndlich mit dabei als Teilhaber ihrer Weihnacht an diesem Ort.<\/p>\n<p>Denn die Botschaft, die die Engel den Hirten auf dem Felde bei Betlehem in der Weihnacht brachten, war und ist ja nicht nur f\u00fcr Menschen bestimmt, die gegenseitige Freunde und Familienangeh\u00f6rige sind. Es ist, wie der Engel sagt, eine frohe Botschaft f\u00fcr das ganze Volk. Eine Gemeinschaft quer \u00fcber Nationalit\u00e4ten und ethnische Herkunft, \u00fcber soziale Unterschiede und Stellung in der Gesellschaft hinweg.<\/p>\n<p>Weihnachten enth\u00e4lt eine Botschaft des Friedens, des Friedens Gottes \u2013 eines Friedens, der nicht einfach gebrochen und zunichte gemacht werden kann von nationalen, internationalen und politischen Konflikten, \u2013 ein Frieden, der stattdessen alle unsere pers\u00f6nlichen Gegens\u00e4tze enth\u00fcllt und sie in eine andere und gr\u00f6\u00dfere Perspektive einordnet, so dass sie als das gesehen werden, was sie in Wirklichkeit sind: n\u00e4mlich menschlicher Kleinkram.<\/p>\n<p>Weihnachten enth\u00e4lt dann auch eine andere und andersgeartete Gemeinschaft als das Brausen der Wellen und das tiefe Meer. Es sind ja nicht nur Tod und Nichtigkeit, das Fallen der Bl\u00e4tter und dunkle ohnm\u00e4chtige und sorgenvolle N\u00e4chte, die wir als Menschen gemeinsam haben. Wie ja auch unsere eigene Menschlichkeit und unsere eigene G\u00fcte nicht das ist, worin unsere Hoffnung besteht.<\/p>\n<p>Nein. Die Hoffnung ist die Gemeinschaft, die uns geschenkt ist, im Sch\u00f6pfer des Lebens, im Vers\u00f6hner des Lebens und in der Sonne aller Hoffnung: im Kind in der Krippe, geboren in einem Stall, geboren in elenden Verh\u00e4ltnissen in Betlehem \u2013 ja, geboren, als w\u00e4re das in einer Lehmh\u00fctte in Fjaltring geschehen.<\/p>\n<p>Die geretteten Seeleute feierten Weihnachten gemeinsam mit den Leuten hier in der Gegend in jenem Jahr 1811. Sie hatten ein paar Tage Ruhe und weihnachtlichen Frieden, bis sie weiter nach Viborg gebracht wurden, um dann als Kriegsgefangene gegen andere d\u00e4nische Seeleute in britischer Gefangenschaft ausgetauscht zu werden.<\/p>\n<p>Die Seeleute, die noch am Leben waren, als sie an Land getrieben worden waren, kamen auf die H\u00f6fe und in die kleinen Lehmh\u00fctten. Sie kamen hinein in den Geruch von Roggenbrot, Graubrot und Wei\u00dfbrot \u2013 je nach Verm\u00f6gen des Hauses. Bier und Gerstenbrot m\u00f6gen einige von ihnen wohl auch bekommen haben.<\/p>\n<p>Auf einmal waren sie alle von weihnachtlicher Besorgnis erf\u00fcllt, von der Besorgnis, die wir selbst nicht \u00fcberwinden k\u00f6nnen, sondern die zu \u00fcberwinden wir Gott bitten m\u00fcssen, weil die Welt immer irgendwo aus den Fugen geraten ist und weil unser Menschenleben nicht immer nur leicht ist. Ja, weil wir selbst nicht alles hier im Dasein zu bew\u00e4ltigen verm\u00f6gen. Wir sind \u2013 jeder f\u00fcr sich \u2013 dem Leben ausgeliefert, sowohl an das Dunkle als auch an das Lichte. Die Leute damals waren von dieser Trauer gezeichnet, die zum menschlichen Leben dazugeh\u00f6rt, die aber durch die beiden Schiffskatastrophen verst\u00e4rkt worden war. Zugleich aber senkte sich auch der weihnachtliche Frieden f\u00fcr einen Augenblick auch hier \u00fcber die Menschen. Der Weihnachtsfrieden.<\/p>\n<p>Eine Zeitlang ohne Hagel und Regen, Schnee und Matsch. W\u00e4rme statt K\u00e4lte. Schutz vor dem Sturm. Ein Augenblick Frieden. Freundliche Worte. Ein Teller mit Essen. Es herrschte ein Klang des Engelsgesangs an die Hirten in der Weihnacht, des Gesangs von Frieden und Freude. Von dem Frieden, an dem uns das Jesuskind durch die Gnade Gottes noch immer teilhaben l\u00e4sst. In ihm werden wir aus der Not gerettet. Die Liebe erweist sich in ihm st\u00e4rker als der Tod. In ihm erhalten wir Anteil an dem Frieden, den wir selbst nicht schaffen k\u00f6nnen, auf den wir nur hoffen d\u00fcrfen.<\/p>\n<p>In ihm zeigt Gott seine Liebe und seinen Willen zum Frieden in der Welt. Nicht paradiesisches Idyll und Harmonie, sondern ein Frieden, der Lebensmut verleiht und Kraft, das Leben zu wagen. Denn Gott gibt sich selbst in dem kleinen gebrechlichen Kind zu erkennen, geboren in der Weihnacht in Betlehem. In ihm wird der Frieden geschenkt, den keine Trauer zu r\u00fchren wagt.<\/p>\n<p>In Jesu Namen. Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p align=\"left\"><strong>Pastor Elof Westergaard<br \/>\n<\/strong><strong>Marieh\u00f8j 17<br \/>\n<\/strong><strong>DK-8600 Silkeborg<br \/>\n<\/strong><strong>Tlf.: +0+ 45 \u2013 86 80 08 15<br \/>\n<\/strong><strong>E-mail: <a href=\"mailto:eve@km.dk\">eve@km.dk<\/a><\/strong><\/p>\n<p align=\"left\"><strong>\u00dcbersetzung aus dem D\u00e4nischen: Dietrich Harbsmeier <\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Heiliger Abend, 24. Dezember 2005 Predigt am Heiligen Abend, verfasst von Elof Westergaard (D\u00e4nemark) Es war kurz vor Weihnachten. Es war Krieg. Der Nachbar dr\u00fcben auf der anderen Seite, England, hatte wenige Jahre zuvor, im Jahr 1807, Kopenhagen bombardiert. D\u00e4nemark hatte daraufhin seine Neutralit\u00e4t aufgegeben. Die unabh\u00e4ngige Linie lie\u00df sich nun nicht mehr aufrecht erhalten. 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