{"id":10887,"date":"2021-02-07T19:49:08","date_gmt":"2021-02-07T19:49:08","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=10887"},"modified":"2023-01-31T12:36:08","modified_gmt":"2023-01-31T11:36:08","slug":"jesaja-7-10-14","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/jesaja-7-10-14\/","title":{"rendered":"Jesaja 7, 10-14"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<h3><b><span style=\"color: #000099;\">Christnacht, 24. Dezember 2005<br \/>\nPredigt \u00fcber Jesaja 7, 10-14, verfasst von R\u00fcdiger Lux <\/span><\/b><\/h3>\n<hr \/>\n<p>Liebe Gemeinde!<\/p>\n<p>Immanuel \u2013 <em>Mit uns ist Gott<\/em>. Ein Wort, ein Name, und alles ist gesagt, das ganze Weihnachtsgeheimnis. Dieser Name ist ein starkes Zeichen gegen die Angst.<\/p>\n<p>Soll heute, ausgerechnet heute in der Christnacht von unserer Angst die Rede sein? <em>O du fr\u00f6hliche, o du selige, gnadenbringende Weihnachtszeit \u2013 <\/em>und der Pfarrer redet von der Angst? Wie passt das zusammen? Lasst uns doch heute, wenigstens heute und in diesen Weihnachtstagen einmal unbeschwert und fr\u00f6hlich sein! Ja, liebe Gemeinde, das sollt ihr sein. Aber die Freude \u00fcber den Immanuel, dar\u00fcber, dass Gott mit uns ist, das soll ja eine echte Freude werden. Kein seichtes Vergn\u00fcgen, kein d\u00fcrres Rinnsal, das sich nach den Feiertagen schon wieder im Sande verl\u00e4uft. Es soll ja eine Freude sein, die unsere Angst besiegt. Sonst k\u00f6nnte es geschehen, dass die f\u00fcr wenige Stunden und Tage verdr\u00e4ngte Angst uns am Ende nur noch st\u00e4rker in ihren Klauen h\u00e4lt als je zuvor. Also muss auch in dieser Nacht von der Angst die Rede sein. Nicht um uns die Freude zu verderben, sondern damit es am Ende jeder von uns aus vollem Herzen singen kann: <em>O du fr\u00f6hliche, o du selige gnadenbringende Weihnachtszeit. <\/em><\/p>\n<p align=\"center\">I<\/p>\n<p>Immanuel \u2013 <em>Mit uns ist Gott. <\/em> Das ist ein uralter Name gegen die <em>Angst des Versagens.<\/em> Vor mehr als 2700 Jahren stand Ahas, der K\u00f6nig von Jerusalem, unmittelbar vor einem Krieg gegen die K\u00f6nige von Damaskus und Samaria. <em>Sein Herz und das Herz seines Volkes bebten vor Angst wie die B\u00e4ume im Walde<\/em>. W\u00fcrden seine Anstrengungen ausreichen, um das Volk vor den Feinden zu verteidigen, oder w\u00fcrde er als K\u00f6nig versagen und mit seiner Stadt untergehen? Sollte Ahas als Versager in die ruhmreiche Geschichte Israels und des Hauses David eingehen? W\u00e4hrend der K\u00f6nig die Befestigungsanlagen inspizierte, an denen die Jerusalemer fieberhaft bauten, tritt ihm der Prophet Jesaja entgegen. Und er weissagt dem \u00e4ngstlichen Ahas: <em>Der Herr, der Gott Israels, wird euch ein Zeichen geben. Siehe die junge Frau ist schwanger und wird einen Sohn geb\u00e4ren. Und du sollst seinen Namen Immanuel nennen. <\/em>Mitten im Krieg ein Kind. Mitten in Tod und Verderben bringt Gott, neues, verletzliches Leben. Immanuel, das Kind, ein starkes Zeichen gegen die Angst! Mit uns ist Gott. Was immer auch die feindlichen Heere, die da gegen die Stadt anrennen, ausrichten werden, wie gro\u00df die Not auch sein wird, Gott schenkt neues Leben. Wo ein Kind geboren wird, da ist Immanuel, da ist Gott mit uns. Denn Kinder sind ein Zeichen Gottes.<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde, wir sind nicht Ahas und auch nicht in Jerusalem. Wir stehen nicht im Krieg. Aber die Angst des Versagens, die ist uns wahrlich nicht fremd. Wie viele Kinder stehen am Morgen auf und machen sich mit Bangen auf den Schulweg, weil sie Angst vor dem Versagen haben? Wie viele Jugendliche, die keinen Ausbildungsplatz finden, leben mit der Angst, als Versager vor die Eltern, die Freunde, die Freundin treten zu m\u00fcssen? Wie viele Eltern leben mit der Angst und der Scham, gegen\u00fcber ihren Kindern, die auf die schiefe Bahn gerieten, versagt zu haben?<\/p>\n<p>Wenn dich die Angst des Versagens qu\u00e4lt, dann halte dich an den Namen Immanuel. Sprich ihn dir vor, wieder und wieder: Immanuel \u2013 <em>Mit uns ist Gott.<\/em> Unser Gott ist ein Gott der Kinder, ein Gott des neuen Lebens, eines Lebens, das frei werden soll von der Angst des Versagens. Immanuel \u2013 <em>Mit uns ist Gott. <\/em><\/p>\n<p>Er war und ist auch mit mir, damals, als ich von meinen Eltern an den Taufstein getragen wurde, da geschah das im Zeichen des Immanuel. Da hat er mir bereits dieses Versprechen gegeben. <em>Ich bin mit dir!<\/em> Und heute, in dieser stillen Christnacht, da komme ich zur\u00fcck, zu dir, Immanuel. Und ich sehe dich in der Krippe, dich selbst als Kind. Und ich ahne, dass ich vor dir mehr bin als nur ein Versager, ein Mensch. Ja, das will ich nun auch sein. Und das macht mich froh, dass es einen gibt, vor dem ich keine Angst haben muss, vor dir, Immanuel, vor dir, Christus. Ich bitte dich: Sei mit mir und mach mich froh.<\/p>\n<p align=\"center\">II<\/p>\n<p>Immanuel \u2013 <em>Mit uns ist Gott. <\/em>Das ist ein uralter Name gegen die <em>Angst vor der Zukunft. <\/em>Als sich Josef und Maria vor 2000 Jahren auf den Weg nach Bethlehem machten, da war ihre Zukunft alles andere als gewiss. Maria war schwanger und erwartete ein Kind. Und sie wussten nicht einmal, ob sie eine Herberge f\u00fcr die Nacht finden w\u00fcrden. Und bald schon, nachdem Jesus geboren war, mussten sie nach \u00c4gypten fliehen, um das Kind vor den H\u00e4schern des K\u00f6nigs Herodes zu retten, der alle Knaben von Bethlehem bis zum zweiten Lebensjahr t\u00f6ten lie\u00df. Jesus, kaum geboren und schon war er ein Fl\u00fcchtlingskind. Was sollte aus dem werden \u2013 als Kind in einem fremden Land, mitten in einem fremden Volk mit einer fremden Sprache? Die mittelalterlichen Maler haben sich ganz lebensnah in dieses Geschick der Fl\u00fcchtlingsfamilie eingef\u00fchlt. Da sieht man auf ihren Bildtafeln den alternden Josef, der m\u00fchsam in einem zugigen Stall dem neugeborenen Knaben einen Brei kocht.<\/p>\n<p>Vielleicht sitzt unter uns noch der eine oder die andere, die sich an den Winter vor sechzig Jahren erinnert, damals als immer noch Hunderttausende auf der Flucht waren aus Ostpreu\u00dfen, Schlesien oder dem Sudetenland. Wie war das, Weihnachten 1945, die Trecks auf den Landstra\u00dfen, die Notquartiere, die M\u00e4nner in Gefangenschaft? Wer erinnert sich noch an die M\u00fctter, die vergeblich versuchten, ihren Kindern am Stra\u00dfenrand oder in einer d\u00fcrftigen schnell hergerichteten Dachkammer eine warme Suppe zu kochen? Wer von ihnen wusste denn damals, was der n\u00e4chste Tag bringen w\u00fcrde? Wie viele Lippen haben da wohl das Weihnachtswort als ein verzweifeltes Gebet gefl\u00fcstert: Immanuel \u2013 <em>Sei mit uns, Gott! <\/em><\/p>\n<p>Ist dies, dass wir seither sechzig Jahre im Frieden leben durften, nicht auch ein starkes Zeichen Gottes? Hat er ihn denn nicht an uns wahr gemacht, seinen eigenen Namen Immanuel? Leben wir seither denn nicht ohne Hunger und ohne \u00e4u\u00dferliche Not? Und doch \u2013 oder vielleicht gerade deswegen \u2013 beschleicht viele in diesem Land eine unheimliche Angst. Wie die K\u00e4lte des Winters kriecht sie in uns nach oben und l\u00e4hmt unser Herz und unsere Fr\u00f6hlichkeit, die Angst vor einer ungewissen Zukunft. Die Angst davor, dass alle unsere Sicherheiten pl\u00f6tzlich wie ein Kartenhaus in sich zusammenfallen k\u00f6nnten.<\/p>\n<p>Da brach im letzten Jahr eine heimt\u00fcckische Krankheit in mein Leben ein, erz\u00e4hlt der Freund. Und er fragt: Was soll aus meiner Frau und den Kindern werden, wenn dieses Weihnachtsfest das letzte f\u00fcr mich sein sollte? Ein anderer qu\u00e4lt sich mit der Sorge: Wie wird das weitergehen mit meiner Arbeit? Geh\u00f6re ich im n\u00e4chsten Jahr auch zu denen, die nicht mehr gebraucht werden? Viele verzichten inzwischen aus lauter Angst vor der Zukunft auf eigene Kinder. Doch gibt es das, eine Zukunft ohne die Kinder? Sind wir in unserer Angst vor der Zukunft nicht bereits dabei, uns jede Zukunft zu verbauen?<\/p>\n<p>Wenn dich die Angst vor der Zukunft qu\u00e4lt, dann halte dich an den Namen Immanuel. Sprich ihn dir vor, wieder und wieder: Immanuel \u2013 <em>Mit uns ist Gott.<\/em> Damals warst du das, als mich meine Eltern zu dir an den Taufstein trugen. Da hast du mir versprochen: <em>Ich bin mit dir.<\/em> Und heute komme ich zu euch, Josef und Maria, in dieser stillen Christnacht. Und ich bitte euch, gebt mir etwas ab von eurem Mut und von eurer Hoffnung. Immanuel \u2013 <em>Sei mit uns Gott<\/em> und mit allen, die Angst vor ihrer Zukunft haben und mach uns froh.<\/p>\n<p align=\"center\">III<\/p>\n<p>Immanuel \u2013 <em>Mit uns ist Gott. <\/em>Das ist ein uralter Name gegen die <em>Angst vor der eigenen Schuld<\/em>. Als Jesaja dem \u00e4ngstlichen K\u00f6nig in den Weg trat, und ihn aufforderte, sich von Gott ein Zeichen zu erbitten, da kam auch die Schuld des Ahas zur Sprache: <em>H\u00f6re doch, Haus David! Ist es euch zu wenig, Menschen zu erm\u00fcden, dass ihr auch Gott erm\u00fcdet? <\/em><\/p>\n<p>Des K\u00f6nigs Schuld und die seiner Vorg\u00e4nger bestand in einem mangelnden Gottvertrauen. In ihrer Angst setzten sie mehr auf Taktiererei und politische B\u00fcndnisse als auf den Gott, der ihr Volk einst aus der \u00e4gyptischen Sklaverei gef\u00fchrt hatte, der ihnen dieses Land gegeben hatte, der an jedem Morgen die Sonne aufgehen lie\u00df, der die Fr\u00fcchte des Feldes und der B\u00e4umen wachsen lie\u00df und das Vieh der Herden vermehrte. Sie lebten und regierten in dem Glauben, man d\u00fcrfe nichts sich selbst und nichts Gott \u00fcberlassen, sondern m\u00fcsse alles in die eigenen H\u00e4nde nehmen, damit das Leben gelinge. Und gerade damit gerieten sie immer mehr in die Gefahr ihr Leben und das ihres Volkes zu verspielen.<\/p>\n<p>Die Schuld von Menschen hat viele Gesichter. Aber in einem sind sich alle \u00e4hnlich. Schuld, die vor Gott nicht ausgesprochen wird, erm\u00fcdet, wird zu einem Gift, das l\u00e4hmt, zu einer Last, die nicht leichter, sondern schwerer wird. Wie angstbesetzt muss ein Mensch sein, der niemanden findet, selbst Gott nicht mehr, dem er seine Schuld bekennen kann?<\/p>\n<p>Wie viele M\u00e4nner, die vor sechzig Jahren aus dem Krieg heimkehrten, zogen sich zur\u00fcck in ein undurchdringliches Schweigen? Von wie viel Angst war und ist ihr Sterben besetzt? Wie viele Eheleute finden nicht den Mut und die Worte, um \u00fcber das zu sprechen, was zwischen ihnen zerbrach?<\/p>\n<p>Wenn dich die Angst vor der Schuld qu\u00e4lt, dann halte dich an den Namen Immanuel. Sprich ihn dir vor, wieder und wieder: Immanuel \u2013 <em>Mit uns ist Gott.<\/em> Damals warst du das, als mich meine Eltern zu dir an den Taufstein trugen. Da hast du mir versprochen: <em>Ich bin mit dir.<\/em> Und heute komme ich zu dir, Christus, zu dem Kind in der Krippe. Dir kann ich ja alles sagen, was mich bedr\u00fcckt, auch die Angst vor meiner eigenen Schuld. Und ich bitte dich, Immanuel \u2013 <em>sei auch mit mir, <\/em>vergib mir meine Schuld und lass mich frohen Herzens singen <em>O du fr\u00f6hliche, o du selige, gnadenbringende Weihnachtszeit.<\/em><\/p>\n<p>Amen<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Prof. Dr. R\u00fcdiger Lux<br \/>\nZur Mulde 2<br \/>\n04838 Zschepplin<br \/>\n<a href=\"mailto:lux@rz.uni-leipzig.de\"> lux@rz.uni-leipzig.de<\/a><\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Christnacht, 24. Dezember 2005 Predigt \u00fcber Jesaja 7, 10-14, verfasst von R\u00fcdiger Lux Liebe Gemeinde! Immanuel \u2013 Mit uns ist Gott. Ein Wort, ein Name, und alles ist gesagt, das ganze Weihnachtsgeheimnis. Dieser Name ist ein starkes Zeichen gegen die Angst. Soll heute, ausgerechnet heute in der Christnacht von unserer Angst die Rede sein? 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