{"id":10894,"date":"2021-02-07T19:49:07","date_gmt":"2021-02-07T19:49:07","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=10894"},"modified":"2023-02-02T14:17:09","modified_gmt":"2023-02-02T13:17:09","slug":"1-johannes-3-1-6-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/1-johannes-3-1-6-2\/","title":{"rendered":"1. Johannes 3, 1-6"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<h3 style=\"text-align: left;\" align=\"center\"><b><span style=\"color: #000099;\">Tag der Geburt des Herrn, 25. Dezember 2005<br \/>\nPredigt \u00fcber 1. Johannes 3, 1-6, verfasst von Stefan Knobloch <\/span><\/b><\/h3>\n<hr \/>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"center\"><em>1\u00a0Seht, welch eine Liebe hat uns der Vater erwiesen, dass wir Gottes Kinder hei\u00dfen sollen \u2013 und wir sind es auch! Darum erkennt uns die Welt nicht; denn sie hat ihn nicht erkannt. 2\u00a0Meine Lieben, wir sind schon Gottes Kinder; es ist aber noch nicht offenbar geworden, was wir sein werden. Wir wissen: Wenn es offenbar wird, werden wir ihm gleich sein; denn wir werden ihn sehen, wie er ist. 3\u00a0Und jeder, der solche Hoffnung auf ihn hat, der reinigt sich, wie auch jener rein ist. 4\u00a0Wer S\u00fcnde tut, der tut auch Unrecht, und die S\u00fcnde ist das Unrecht. 5\u00a0Und ihr wisst, dass er erschienen ist, damit er die S\u00fcnden wegnehme, und in ihm ist keine S\u00fcnde. 6\u00a0Wer in ihm bleibt, der s\u00fcndigt nicht; wer s\u00fcndigt, der hat ihn nicht gesehen noch erkannt. <\/em><\/p>\n<p align=\"center\"><strong>\u201eDer wahre Horizont unseres Lebens\u201c <\/strong><\/p>\n<p align=\"left\">Ein anspruchsvoller Text ist das an diesem 1. Weihnachtsfeiertag. Ein zu anspruchsvoller? Einer, der uns mit Begriffen erschl\u00e4gt, die wir nicht mehr verstehen? Gotteskindschaft (\u201eWir hei\u00dfen Kinder Gottes\u201c), Offenbarwerden Gottes, unsere Hoffnung darauf, S\u00fcnde und Gesetzlosigkeit? Wenn diese Begriffe auf uns einprasseln, m\u00fcssen sie uns nicht wie eine Fremdsprache vorkommen, deren Vokabeln uns nicht mehr gel\u00e4ufig sind? Und das am heutigen 1. Weihnachtsfeiertag, wo wir doch den Kokon der Allt\u00e4glichkeit f\u00fcr einige Stunden etwas abgestreift haben, wo wir feierlich-famili\u00e4r-religi\u00f6se Stimmung in uns tragen? Der Text bleibt uns fremd oder droht uns zumindest fremd zu bleiben, fast wie eine verschl\u00fcsselte Depesche eines Geheimdienstes.<\/p>\n<p>Als erster Eindruck mag dies durchaus verst\u00e4ndlich sein. Vielleicht aber verh\u00e4lt es sich mit unserer Lesung etwas \u00e4hnlich wie mit unseren Weihnachtsgeschenken, die wir in diesen Tagen auspacken. Wir m\u00fcssen sie gewisserma\u00dfen aus ihrer historischen Verpackung l\u00f6sen. Denn es sind ja ca. 1900 Jahre, die uns von ihrem Denkhorizont trennen. Dabei d\u00fcrfte uns in ihr nicht einfach alles unverst\u00e4ndlich erscheinen. Denn irgendwie haben wir uns doch als christliche Gemeinschaft wie wohl auch als einzelne einen gewissen, wenn auch vielleicht minimalen Bezug zu der Glaubenstradition bewahrt, aus der diese Lesung entstammt. Zumindest ist es so, da\u00df wir \u2013 und das ist schon einiges, wenn wir es recht bedenken \u2013 auch heute noch Wert darauf legen, Weihnachten zu feiern, und da\u00df wir darauf sogar zwei Feiertage verwenden. Und dabei in aller Regel noch wissen, da\u00df es sich dabei nicht um das Oster- oder Pfingstfest oder ein anderes kirchliches Fest handelt, sondern um das Fest der Geburt des Herrn.<\/p>\n<p>Es mag uns entt\u00e4uschen, da\u00df von dieser Geburt des Herrn in unserer Lesung, wie es den Anschein hat, keine Notiz genommen wird. Die Herrengeburt scheint nicht vorzukommen. Doch das scheint nur so. Denn die Lesung entwickelt ihre Gedanken in Wahrheit auf der Basis der Menschwerdung Gottes, auf der Basis der Menschwerdung des Gottessohnes, wie wir sagen. Gott, der Vater, habe uns seine gro\u00dfe Liebe geschenkt. Hier bedient sich unsere Lesung einer Kurzformel, wir k\u00f6nnten auch sagen, einer Bekenntnisformel, die ihre Gewi\u00dfheit aus der Heilsgeschichte Gottes mit den Menschen und zuletzt aus der Tatsache seiner Menschwerdung bezieht. Wir d\u00fcrfen dabei nie vergessen, da\u00df wir nie ganz an das herankommen, was wir die Menschwerdung Gottes nennen. Wir kommen mit unserem Denken und mit unseren Begriffen nicht an das heran, was da geschah, als Gott Mensch wurde. Unsere Begriffe loten das nicht aus, unsere Phantasie, unser Denk- und Glaubenshorizont versagen davor. Selbst unsere Lesung erfa\u00dft das nicht wirklich. Sie kleidet es in das Bild, da\u00df Gott uns seine gro\u00dfe Liebe geschenkt habe.<\/p>\n<p>Und sie deutet eine wichtige Folgerung an: Im Licht der Menschwerdung des Gottessohnes sollen und k\u00f6nnen auch wir uns als \u201eGotteskinder\u201c verstehen. In ihrem Licht k\u00f6nnen wir wahrnehmen, was wir tats\u00e4chlich sind: Gotteskinder. Der springende Punkt hierbei ist, da\u00df in der Lesung nicht gesagt sein wollte, wir seien durch die Geburt Jesu Kinder Gottes <em>geworden<\/em>, sondern da\u00df gesagt sein wollte, da\u00df wir aufgrund der immer bestehenden N\u00e4he Gottes zu uns, die in seiner Menschwerdung lediglich ihren un\u00fcberbietbaren Ausdruck fand, immer schon Kinder Gottes <em>sind<\/em>. Das ging den ersten Christen an der Geburt Jesu begl\u00fcckend auf.<\/p>\n<p>Das m\u00fcssen wir auch f\u00fcr uns aufbrechen. Der Begriff \u201eKinder Gottes\u201c mag uns einigerma\u00dfen stumpf vorkommen, oder auch zu glatt. An ihm reibt sich nichts. Er erzeugt keinen Reibungswiderstand. Er scheint all unsere oft so bedr\u00fcckenden und verheerenden Lebenserfahrungen einfach auszublenden, zu \u00fcberblenden. Er scheint der Realit\u00e4t nicht gerecht zu werden. Ja, er kann negative Assoziationen wachrufen. Er mache uns abh\u00e4ngig und halte uns bewu\u00dft klein. Er sei nichts f\u00fcr selbstbewu\u00dfte Menschen in den besten Jahren.<\/p>\n<p>Wenn auch nur etwas von dieser Empfindung aus uns spr\u00e4che, w\u00fcrde das zeigen, wie weit wir vom eigentlichen Verst\u00e4ndnis des Begriffes \u201eKinder Gottes\u201c entfernt sind. Um das mit ihm Gemeinte zu erschlie\u00dfen, k\u00f6nnten wir auf den Begriff \u201eKind Gottes\u201c sogar verzichten. Denn er ist ja seinerseits auch nur ein Bild f\u00fcr eine Wirklichkeit, die wir, ohne an ihr Abstriche zu machen, auch anders beschreiben k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Die Formel \u201eKinder Gottes\u201c will sagen und kann uns darauf aufmerksam machen: Wir kommen unserem Leben nicht hinreichend auf die Spur, wir tappen mit ihm zu gro\u00dfen Teilen im Dunkel, solange wir unser Leben, unsere Existenz allein in uns, in unseren eigenen Sicherungs- und Vorsorgema\u00dfnahmen verankert sehen. Solange wir es als die letzte und alleintragende Aussage \u00fcber unser Leben ansehen, da\u00df wir autark und autonom sind und in einem w\u00f6rtlichen Sinn allein Regie in unserem Leben f\u00fchren. So kann einer denken, auch wenn er wei\u00df, da\u00df er von Eltern abstammt, die ihm das Leben geschenkt haben, von denen er abh\u00e4ngig war und die ihn gepr\u00e4gt haben wie ihn auch die sp\u00e4teren Einfl\u00fcsse des sozialen Lebens gepr\u00e4gt haben. Gerade angesichts dieser erfahrenen Abh\u00e4ngigkeiten kann der Wunsch aufkommen, in einer Absetzung davon einem Lebensentwurf nachzutr\u00e4umen, bei dem man nach M\u00f6glichkeit alle Lebensf\u00e4den selber in der Hand hat.<\/p>\n<p>So ein Lebensentwurf w\u00e4re bei allen sozialen Bez\u00fcgen, \u00fcber die auch er verf\u00fcgte, letztlich ein auf sich fixierter, in sich gekr\u00fcmmter Lebensentwurf, der sich \u00fcberanstrengt und an seiner \u00dcberanstrengung zugrunde zu gehen droht. So ein Mensch tappt im Dunkel. Er h\u00e4tte sich noch nicht vorgewagt in die Tiefendimensionen seiner Existenz, aus der andere Signale als die Signale der Abschottung und Selbstverstrickung kommen. Aus der Tiefe jedes Menschen sind Signale vernehmbar, die seine Verwiesenheit auf mehr, auf etwas \u00fcber ihn hinaus, wor\u00fcber er nicht mehr verf\u00fcgt, anzeigen. In bestimmten Situationen des Lebens, in Stunden des unerwarteten und unverdienten Gl\u00fccks ebenso wie der Best\u00fcrzung dar\u00fcber, wie radikal das Leben einen in Frage stellen kann, in solchen Situationen \u00f6ffnet es sich auf einen offenen Horizont hin, der sich ungefragt als der entscheidende Horizont unseres Lebens erweist.<\/p>\n<p>Wir k\u00f6nnen das hier nur andeuten. Was ich hier mit offenem, unverf\u00fcgbarem Horizont bezeichne, das erschlie\u00dft sich den Gl\u00e4ubigen im Raum der christlichen Tradition als Gott, als naher, auf unser Leben bezogener Gott. Das ist dann aber nicht etwas, was man lediglich wissen bzw. worum man wissen kann, so wie man wissen kann, da\u00df es zum Beispiel die Fidschi-Inseln gibt, ohne je mit ihnen zu tun zu bekommen. So verh\u00e4lt es sich mit Gott als dem Horizont unseres Lebens nicht. Unser Glaube an Gott will die exsistentielle Pointe unseres Lebens sein. Unsere Lesung bringt diese Pointe in dem Satz zum Ausdruck, da\u00df Gott uns seine gro\u00dfe Liebe geschenkt hat. \u00dcber ihr darf unser Leben nicht unver\u00e4ndert weitergehen, , als sei an dieser Liebe nichts. Sie soll uns in ihrer lebensver\u00e4ndernden und lebensbefreienden Dynamik erfassen. Sie soll unser Leben bestimmen.<\/p>\n<p>Und exakt hier d\u00fcrfte f\u00fcr uns das Problem liegen. Obwohl wir uns als Christen verstehen \u2013 sonst w\u00fcrden wir ja nicht Weihnachten feiern -, kann es sein, da\u00df wir in dem Lebenshorizont verbleiben, den unsere Lesung die \u201eWelt\u201c nennt. Die Welt, so hie\u00df es vorhin, verstehe die Gl\u00e4ubigen nicht, weil sie Gott nicht verstehe und seineLiebe nicht erkannt habe. Das kann nun fatalerweise auch unsere Lage als Christen beschreiben, da\u00df wir als \u201eWelt\u201c leben, und nicht blo\u00df \u201ein der Welt\u201c leben, in der ja auch Jesus gelebt hat. Wir leben gewisserma\u00dfen als \u201eWelt\u201c, wenn wir von Gottes N\u00e4he und Zuwendung im Grunde nichts halten. Seiner Zuwendung die Bedeutung der Fidschi-Inseln beimessen. Wir h\u00e4tten dann, wieder mit den Worten der Lesung, \u201ekeine Hoffnung\u201c. Ja, wir lebten dann nach dem Gesetz der \u201eS\u00fcnde\u201c, das hei\u00dft, in der Verweigerung der Annahme der N\u00e4he Gottes zu unserem, zu meinem Leben.<\/p>\n<p>Anteile dessen haben wir ohne Frage in uns. Und als solche feiern wir Weihnachten als das unglaubliche Zugehen Gottes auf uns, in seiner Menschwerdung. Weihnachten sollte in uns manches lockern und l\u00f6sen, so da\u00df wir den Blick auf den gr\u00f6\u00dferen und wahren Horizont unseres Lebens freibekommen. Er sollte unser Leben pr\u00e4gen. Denn es ist so, wie die Lesung gesagt hat: Gott hat uns seine gro\u00dfe Liebe geschenkt. Das ist und bleibt wahr. Diese Wahrheit m\u00fcssen wir zu existentiellen Pointe unseres Lebens machen. Dann feiern wir Weihnachten gut und richtig.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Prof. Dr. Stefan Knobloch<br \/>\n<a href=\"mailto:dr.stefan.knobloch@t-online.de\">dr.stefan.knobloch@t-online.de<\/a><\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Tag der Geburt des Herrn, 25. Dezember 2005 Predigt \u00fcber 1. Johannes 3, 1-6, verfasst von Stefan Knobloch 1\u00a0Seht, welch eine Liebe hat uns der Vater erwiesen, dass wir Gottes Kinder hei\u00dfen sollen \u2013 und wir sind es auch! 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