{"id":10911,"date":"2021-02-07T19:48:58","date_gmt":"2021-02-07T19:48:58","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=10911"},"modified":"2023-02-24T19:52:08","modified_gmt":"2023-02-24T18:52:08","slug":"2-mose-13-20-22-4","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/2-mose-13-20-22-4\/","title":{"rendered":"2. Mose 13, 20-22"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<h3><b><span style=\"color: #000099;\">Altjahresabend, 31. Dezember 2005<br \/>\nPredigt \u00fcber 2. Mose 13, 20-22, verfasst von Ulrich Metzger<\/span><\/b><\/h3>\n<hr \/>\n<p>1. Das Volk Israel, liebe Gemeinde, befindet sich auf einem langen, anstrengenden Weg. Die Wanderung, die es vor sich hat, wird 40 Jahre dauern. Es ist zwar der Weg von Knechtschaft in die Freiheit, aus der Fremde in die Heimat. Aber dieser Weg ist schwer, er f\u00fchrt durch die W\u00fcste, er f\u00fchrt durch Gefahren, durch Entbehrung und Not.<\/p>\n<p>Um diesen Weg zu bew\u00e4ltigen und die \u00dcberg\u00e4nge und st\u00e4ndigen Ver\u00e4nderungen zu meistern, braucht das Volk Israel eine gro\u00dfe innere Kraft. Denn wenn ihm diese Kraft fehlt, wird es sich zur\u00fccksehnen an die Fleischt\u00f6pfe \u00c4gyptens und wird das bekannte Ungl\u00fcck dem unbekannten Gl\u00fcck wieder vorziehen. Dann wird es zur\u00fcckschrecken vor den Gefahren und seine Schritte werden lahm und ziellos sein.<\/p>\n<p>2. Diese innere Kraft, liebe Gemeinde, braucht jeder Mensch, wenn sich auf einen Weg begibt oder \u00fcber eine Schwelle tritt. H\u00f6rt dazu folgende Geschichte, die der Journalist und Schriftsteller Axel Hacke in einer seiner Kolumnen \u201eDas Beste aus meinem Leben\u201c im Magazin der S\u00fcddeutschen Zeitung ver\u00f6ffentlicht hat:<\/p>\n<p>\u201eDas ist schon ein paar Wochen her, dass Anne in die Schule gekommen ist. Sie haben eine wundersch\u00f6ne Feier gemacht mit Sch\u00fclern, Lehrern und Eltern als Publikum vor einer B\u00fchne, auf der die Lehrerin stand und die neuen Sch\u00fcler einzeln mit Namen rief. Jedes Kind musste auf die B\u00fchne kommen. Nie, haben wir gedacht, geht Anne alleine an den ganzen Leuten vorbei, nie geht sie allein auf die B\u00fchne, und nie gibt sie allein der Lehrerin die Hand.<\/p>\n<p>Und was geschah, als die Lehrerin \u201eAnne Hacke\u201c rief? Anne stand auf, ging allein an den ganzen Lehrern vorbei, allein auf die B\u00fchne, und allein gab sie der Lehrerin die Hand. Einmal hat sie sich umgeschaut unterwegs. Und ich sa\u00df da, und mir zitterte die Unterlippe, aber geheult habe ich erst nachts, als ich aufwachte und wieder daran denken musste. Steht das Kind auf und geht allein weg von uns, dachte ich \u2013 das ist sch\u00f6n und schwer zugleich.\u201c<\/p>\n<p>\u00dcber die Schwelle zu treten, liebe Gemeinde, ist sch\u00f6n und schwer zugleich. In der Geschichte treten zwei Menschen \u00fcber die Schwelle: Zum einen die Tochter Anne, die ihr Leben als kleines Kind hinter sich l\u00e4sst und den ersten Schritt in ein selbst\u00e4ndiges, selbstbewusstes und selbst bestimmtes Leben unternimmt.<\/p>\n<p>Der andere, der \u00fcber die Schwelle tritt, ist der Vater. Er muss mit ansehen, wie sein Kind aus der elterlichen Obhut entschwindet und beginnt, seine eigenen Wege zu gehen. F\u00fcr beide ist dieses Gehen \u00fcber die Schwelle sch\u00f6n und schwer zugleich. Schwer ist es, das gewohnte zu verlassen und die Sicherheiten aufzugeben, die eingespielten Rollen abzustreifen und sich auf neue Verh\u00e4ltnisse einzustellen. Aber genau dieses ist auch sch\u00f6n, denn es er\u00f6ffnet den Weg in die Freiheit.<\/p>\n<p>Um das Sch\u00f6ne und das Schwere zusammen bew\u00e4ltigen zu k\u00f6nnen, braucht man eine gro\u00dfe innere Kraft. Man braucht Mut und Hoffnung, Zutrauen ins Leben, man braucht Freiheit und Gelassenheit, um sich nicht an das Alte festzuklammern, sondern das Neue zuzulassen.<\/p>\n<p>Der Vater hat \u2013 Stunden sp\u00e4ter \u2013 in der Nacht geheult. Aber noch die Tr\u00e4nen, die er vergoss, waren Zeichen der inneren Kraft, die er aufbrachte, um die neue Freiheit, die neue St\u00e4rke und die Selbst\u00e4ndigkeit seiner Tochter zuzulassen und zu begr\u00fc\u00dfen.<\/p>\n<p>3. Liebe Gemeinde, in wenigen Stunden treten auch wir \u00fcber eine Schwelle. Es ist die Schwelle zum neuen Jahr, jeder an sich unbedeutende Augenblick, in dem ein Sekundenz\u00e4hler um ein paar Millimeter vorr\u00fcckt. Und doch ist diese Schwelle, die wir ins neue Jahr \u00fcberschreiten, f\u00fcr uns von Bedeutung. Denn jede Sekunde erinnert uns an die tiefgreifenden Ver\u00e4nderungen, die wir im vergangenen Jahr zu bew\u00e4ltigen hatten. Und sie ist ein Zeichen f\u00fcr alle die neuen Schritte und schwierigen \u00dcberg\u00e4nge, denen wir auch im Blick auf das neue Jahr gegen\u00fcber stehen.<\/p>\n<p>Was mag alles kommen? Die Schulzeit wird zu Ende gehen, Kinder werden aus dem Haus ausziehen, manche werden eine neue Arbeitsstelle antreten, Beziehungen werden in die Br\u00fcche gehen, Menschen werden neue Liebe und neues Gl\u00fcck erfahren, manche werden erleben, wie sie sich von einem geliebten Menschen verabschieden m\u00fcssen. Andere erfahren das Gl\u00fcck der Geburt eines Kindes. Und jenseits aller dramatischen Ver\u00e4nderungen, die im Leben eines Menschen einkehren k\u00f6nnen, wird es jene kleinen Ver\u00e4nderungen geben, mit denen wir st\u00e4ndig rechnen und auf die wir uns einstellen m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Und was f\u00fcr jeden Einzelnen gilt, gilt auch f\u00fcr jede Stadt, f\u00fcr jede Kirchengemeinde, f\u00fcr das ganze Land: Nichts wird bleiben wie es ist. St\u00e4ndig sehen wir uns Herausforderungen gegen\u00fcber, m\u00fcssen uns von lieb gewordenem verabschieden. M\u00fcssen uns auf ver\u00e4nderte politische und \u00f6konomische Rahmenbedingungen einstellen, m\u00fcssen althergebrachte Denkmuster \u00fcber Bord werfen.<\/p>\n<p>Werden wir im Kleinen und im Gro\u00dfen, im Privaten und Politischen die innere Kraft aufbringen, diese Ver\u00e4nderungen zu bew\u00e4ltigen? Woher wird diese Kraft kommen?<\/p>\n<p>4. Schauen wir, liebe Gemeinde, noch einmal in unseren Text aus dem 2. Mose. In dieser uralten biblischen Geschichte findet sich eine Metapher, ein Bild f\u00fcr jene innere Kraft, die Menschen brauchen, um auch lange und beschwerliche Wanderungen auf sich nehmen zu k\u00f6nnen. Dieses Bild, das die Bibel zeichnet, ist Wolkens\u00e4ule und Feuerschein.<\/p>\n<p>Wolkens\u00e4ule und Feuerschein sind Bilder f\u00fcr die g\u00f6ttlichen Geist, der Menschen bef\u00e4higt, die schwierigen und beschwerlichen Wege ihres Lebens kraftvoll bew\u00e4ltigen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Sie sind Bilder daf\u00fcr, dass Menschen innere Orientierung bewahren und auch in der Hitze der W\u00fcste und in der Finsternis der Nacht nicht daran zweifeln, dass sie auf einem guten Wege sind.<\/p>\n<p>Die Wolke steht f\u00fcr Leichtigkeit und Durchl\u00e4ssigkeit, f\u00fcr Gelassenheit und innere Freiheit. &#8218;*<br \/>\nDas Feuer steht f\u00fcr Liebe, W\u00e4rme und Klarheit.<\/p>\n<p>Gelassene Leichtigkeit und Freiheit auf der einen Seite und W\u00e4rme und Licht auf der anderen Seite sind Gaben der g\u00f6ttlichen Gegenwart, die zu Kr\u00e4ften unseres inneren Lebens werden.<\/p>\n<p>Lasst uns in unserem biblischen Text und auf seinen Kontext blicken, um zu verstehen, unter welchen Bedingungen wir die g\u00f6ttliche Gegenwart sp\u00fcren k\u00f6nnen und wohin Wolkens\u00e4ule und Feuerschein uns tats\u00e4chlich f\u00fchren:<\/p>\n<p>4.1 Das Geschenk der Wolken und der Feuers\u00e4ule erhielten die Israeliten, als sie inne hielten und lagerten. Unverzichtbar und lebensdienlich sind die Pausen, die Unterbrechungen des Weges. Gerade dann, wenn wir viel zu bew\u00e4ltigen haben, gerade dann, wenn wir lange Wegstrecken vor Augen sehen, m\u00fcssen wir inne halten. Gerade dann m\u00fcssen wir uns unterbrechen lassen in unserem allt\u00e4glichen Rennen und Laufen. Gerade dann m\u00fcssen wir uns auf unsere inneren Kr\u00e4fte besinnen und auf ihre Quellen. Genau dies tun wir jetzt und hier, in dem wir nicht gedankenlos \u00fcber die Quelle stolpern, sondern uns die Freiheit g\u00f6nnen zu erkennen, dass wir das wesentliche unseres Lebens nicht erarbeiten k\u00f6nnen, sondern geschenkt bekommen.<\/p>\n<p>4.2 Der Augenblick, da Wolkens\u00e4ule und Feuerschein auftauchen, ist ein Ort am Rande der W\u00fcste. 40 Jahre W\u00fcste stehen dem Volk Israel bevor. Wandern in der W\u00fcste ist kein Honigschlecken, denn das Land da Milch und Honig flie\u00dft, steht erst ferne am Horizont. Es ist gut und eine Hilfe f\u00fcr die Wege des Lebens, wenn wir akzeptieren, dass sie auch w\u00fcsten\u00e4hnliche Abschnitte aufweisen werden. Abschnitte der Entbehrung, der M\u00fche, der Einsamkeit, der Fremdheit. Es sind nicht die leichten Wege, in die Gott hineinf\u00fchrt. Er f\u00fchrt uns durch tiefe T\u00e4ler und Momente der Angst hindurch. Aber er f\u00fchrt uns mit Gewissheit durch sie hindurch hin zur gr\u00fcnen Aue und zum frischen Wasser. Die W\u00fcste, die Krise, die Entbehrung ist eine Zeit der L\u00e4uterung und der Reifung. Sie durchschritten zu haben, ist schwer und sch\u00f6n zugleich.<\/p>\n<p>Noch ein Drittes lehrt uns unser Text: Feuers\u00e4ule und Wolkenschein f\u00fchren das Volk Israel zum Berg Sinai hin. Dort empf\u00e4ngt es das Gesetz. Ein Gesetz, das sein Leben in soziale Bahnen lenkt, das sie lehrt auf andere Menschen zu achten, sie zu respektieren und an sie mitzudenken.<\/p>\n<p>Der Weg in die Freiheit ist niemals ein Egotrip. Er f\u00fchrt uns hinein in die soziale Verantwortung und in die Einf\u00fchlsamkeit mit allen Menschen.<\/p>\n<p>5. In K\u00fcrze werden wir, liebe Gemeinde, die Schwelle des neuen Jahres \u00fcberschreiten. Seien wir gewiss, dass die g\u00f6ttliche Gegenwart jetzt und alle Tage unseres Lebens und in der Stunde unseres Todes bei uns sein wird.<\/p>\n<p>Sie wird bei uns sein mit der gelassenen Leichtigkeit einer Wolke, in der wir Abschied nehmen vom Alten. Die g\u00f6ttliche Gegenwart wird bei uns sein mit dem klaren hellen und w\u00e4rmenden Feuer, durch das wir lernen, die neuen Wege zu lieben.<\/p>\n<p>Gehen wir voller Zuversicht \u00fcber die Schwelle des neuen Jahres. Die Wege, die bevor stehen, werden vielleicht schwer sein, aber sie sind sch\u00f6n zugleich.<\/p>\n<p>Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Studentenpfarrer<br \/>\nUlrich Metzger<br \/>\nEv. Studentenpfarramt Ulm<br \/>\nM\u00fcnsterplatz 21<br \/>\n89073 Ulm<\/strong><\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Telefon: 0731\/33316<br \/>\nFax: 0731\/6 89 64<br \/>\nemail: <a href=\"mailto:esg-ulm@gmx.de\">esg-ulm@gmx.de<\/a><br \/>\nHomepage:<a href=\"http:\/\/www.uni-ulm.de\/esg-ksg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"> www.uni-ulm.de\/esg-ksg<\/a><\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Altjahresabend, 31. Dezember 2005 Predigt \u00fcber 2. Mose 13, 20-22, verfasst von Ulrich Metzger 1. Das Volk Israel, liebe Gemeinde, befindet sich auf einem langen, anstrengenden Weg. Die Wanderung, die es vor sich hat, wird 40 Jahre dauern. Es ist zwar der Weg von Knechtschaft in die Freiheit, aus der Fremde in die Heimat. 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