{"id":10914,"date":"2021-02-07T19:48:53","date_gmt":"2021-02-07T19:48:53","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=10914"},"modified":"2023-03-06T22:13:26","modified_gmt":"2023-03-06T21:13:26","slug":"2-mose-13-20-22-5","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/2-mose-13-20-22-5\/","title":{"rendered":"2. Mose 13, 20-22"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<h3><b><span style=\"color: #000099;\">Altjahresabend, 31. Dezember 2005<br \/>\nPredigt \u00fcber 2. Mose 13, 20-22, verfasst von Andreas Vonach <\/span><\/b><\/h3>\n<hr \/>\n<p>Wieder liegt ein Jahr hinter uns, aber auch ein neues vor uns. Die vergangenen 365 Tage waren f\u00fcr uns alle eine Wanderung, die uns auf unserem Lebensweg ein bestimmtes St\u00fcck n\u00e4her zu unserem Ziel gebracht hat. Viele Steine galt es dabei aus dem Weg zu r\u00e4umen, manche zu \u00fcberklettern, andere gar zu umgehen; doch manches St\u00fcck wurden wir auch von anderen mitgenommen, gef\u00fchrt oder getragen, das eine oder andere Mal mussten wir selbst jemanden tragen; teilweise wanderten wir in Gemeinschaft, manchmal allein, oft in Gedanken versunken, gelegentlich auch gedankenlos. Vor einem Jahr wussten wir bei aller Zeit- und Lebensplanung noch nicht genau, wo wir heute stehen werden; heute ist uns noch nicht im Detail klar, wie sich das kommende Jahr unserer Lebenswanderung entwickeln wird und wo genau wir in einem Jahr angekommen sein werden. Das ist auch gut so, denn gerade die nicht planbaren Elemente machen das Leben spannend, interessant und auch reizvoll; andererseits erzeugen sie nat\u00fcrlich auch gewisse \u00c4ngste, Bef\u00fcrchtungen, Unsicherheiten und manchmal auch Resignation und grunds\u00e4tzliche Anfragen an das menschliche Leben als solches.<\/p>\n<p>So war ganz global gesehen das vergangene Jahr beispielsweise ein \u201eJahr der Naturkatastrophen\u201c; \u00fcber das Jahr verteilt wurden die verschiedensten Regionen der Welt von Naturereignissen verschiedener Qualit\u00e4t aber auch unterschiedlichen Ausma\u00dfes getroffen. Gleichzeitig hat dies aber auch zu einer Flut an Hilfs- und Spendenbereitschaft gef\u00fchrt, die wieder hoffnungsvoll und zuversichtlich stimmen kann. Und diese Naturkatastrophen haben zu noch etwas gef\u00fchrt, n\u00e4mlich zu einem globaleren und ernsthafteren Nachdenken dar\u00fcber, wie die Menschheit mit der Natur, mit der ihr anvertrauten Sch\u00f6pfung, umgeht und in der Zukunft umzugehen gedenkt.<\/p>\n<p>In der Exoduslesung begegnet uns ein Volk \u2013 jedoch nicht irgendein Volk, sondern das erw\u00e4hlte Gottesvolk Israel \u2013 auf der Flucht. Unter der F\u00fchrung des Mose fliehen sie von \u00c4gypten nach Kanaan, aus erlittener Unterdr\u00fcckung in eine erhoffte Freiheit, aus einer bedr\u00fcckenden Vergangenheit in eine als begl\u00fcckend vorgestellte Zukunft. Sie sind auf ihrem langen und beschwerlichen Weg noch nicht allzu weit gekommen. Sie lagern an einem Ort \u201eam Rande der W\u00fcste\u201c. Beide genannten Ortsangaben sind nicht mit Sicherheit lokalisierbar und d\u00fcrften innerhalb der Exoduserz\u00e4hlung auch eine ganz andere, n\u00e4mlich symbolische, Funktion haben. In \u201eSukkot\u201c ist wohl eine volksetymologische Anbindung des j\u00fcdischen Laubh\u00fcttenfestes (hebr\u00e4isch \u201eSukkot\u201c) an das Exodusgeschehen ausgedr\u00fcckt; in Lev 23,43 wird dieses Fest, bei dem j\u00fcdische Familien eine Woche lang die wesentlichen Zeiten des Tagesablaufes in einer Laubh\u00fctte verbringen, n\u00e4mlich als j\u00e4hrlich wiederkehrendes Gedenken an das Wohnen in solchen H\u00fctten beim Auszug aus \u00c4gypten erkl\u00e4rt. \u201eEtam\u201c kommt als Ortslage au\u00dfer in Exodus und Numeri nirgends vor. Wichtiger scheint hier das, was theologisch dazugesagt wird. Nochmals: es liegt am Rande der W\u00fcste, in nur geringer Entfernung vom fruchtbaren Nildelta also. Und hier beginnt jene F\u00fchrung Gottes, die bald im \u201eSchilfmeerwunder\u201c gipfeln wird. Das Volk befindet sich demnach \u00f6stlich des Nildeltas im Gebiet der Bitterseen. Doch nochmals, nicht der genaue Ort ist das entscheidende an dieser Stelle, sondern die besondere F\u00fchrung und Begleitung Gottes, die nun einsetzt.<\/p>\n<p>Ab dem Moment \u2013 so will diese Erz\u00e4hlung uns sagen \u2013 in dem das Volk das fruchtbare und von guten Wegen durchzogene Gebiet verl\u00e4sst, \u00fcbernimmt Gott selbst die F\u00fchrung dieser Menschen durch die karge und weglose W\u00fcste. Weder Mose noch Aaron kennen den genauen Weg; sie m\u00fcssen sich auf Gottes F\u00fchrung und Lenkung verlassen. Diese Wanderung ist wie gesagt eigentlich eine Flucht. Daher muss das Volk seinen Weg w\u00e4hrend der kommenden Tage bei Tag und bei Nacht fortsetzen, um nicht von den Verfolgern eingeholt zu werden. Bei Tageslicht werden sie von Gott in Form von einer Wolkens\u00e4ule gef\u00fchrt, die vor ihnen herzieht. Die altorientalische Mythologie kennt zahlreiche Beispiele f\u00fcr G\u00f6tter, die als \u201eWolkenreiter\u201c auftreten und sich auf diese Weise auch fortbewegen. Dieses Motiv ist hier insofern aufgenommen, als deutlich gesagt wird, dass Gott selbst in dieser Wolke pr\u00e4sent ist. Die Wolke wird nicht nur von Gott gesandt, sondern er selbst ist in dieser Wolke anwesend. Dadurch wird f\u00fcr uns nochmals deutlich, dass letztlich er selbst der Anf\u00fchrer und Wegweiser seines wandernden, fl\u00fcchtenden, Gottesvolkes ist. Mose ist nur sein menschliches Werkzeug, dem die spezielle F\u00fchrung Gottes vorgeschaltet ist und der auch selbst zuallererst auf diesen g\u00f6ttlichen Beistand angewiesen ist, hat doch letztlich er menschlich gesehen die Verantwortung f\u00fcr das Volk und f\u00fcr diese W\u00fcstenwanderung. In der Nacht weist Gott dem Volk den Weg in Form einer Feuers\u00e4ule. Zum einen dient das Feuer nat\u00fcrlich der Erhellung der dunklen Nacht, die ein sicheres Weiterziehen \u00fcberhaupt erst m\u00f6glich macht. Zum anderen ist \u201eFeuer\u201c aber auch ein h\u00e4ufiges Medium f\u00fcr Theophanien nicht nur im Exodusbuch, sondern auch in zahlreichen anderen alttestamentlichen Schriften. Das hei\u00dft, dass auch mit der Feuers\u00e4ule die direkte Pr\u00e4senz, das direkte Voranziehen Gottes selbst ausgesagt wird.<\/p>\n<p>Dieses Mitsein Gottes mit seinem Volk wird dann auch nochmals bekr\u00e4ftigt: \u201eWeder wich die Wolkens\u00e4ule vor dem Volk bei Tag noch die Feuers\u00e4ule bei Nacht\u201c. Das Gottesvolk kann sich der st\u00e4ndigen F\u00fchrung und Begleitung durch Gott sicher sein und so seinen Weg selbst durch die gef\u00e4hrliche W\u00fcste im Vertrauen auf ihn fortsetzen. Diese spezielle Art seines Mitseins wird sich dann ja auch im Schilfmeerwunder bewahrheiten, wodurch sich auch das in diesen Gott gesetzte Vertrauen endg\u00fcltig als gerechtfertigt erweist.<\/p>\n<p>Dabei ist es ja nicht so, dass Gott sein Volk nur in Ausnahmesituationen, in der W\u00fcste sozusagen, begleiten w\u00fcrde, sondern dieser Gegenwart Gottes kann es sich eigentlich immer und \u00fcberall sicher sein. Doch die Begleitung, die hier zur Sprache kommt, ist ein ganz besonderes Mitsein Gottes in einer Situation, die auch alles andere als allt\u00e4glich ist. Gottes Schutz und Beistand ist genau im Exodusgeschehen in besonderer Weise sp\u00fcrbar, in einer Zeit also, die auch dem Volk selbst au\u00dferordentlich viel abverlangt und in der Situationen der Ausweglosigkeit und Gef\u00fchle der Resignation vermehrt auftreten.<\/p>\n<p>Was dem Exodusvolk hier exemplarisch zuteil wurde, gilt \u2013 und das ist das Bleibende an dieser Episode der Geschichte Israels mit seinem Gott \u2013 f\u00fcr uns alle und zu jeder Zeit. Wenn wir ein Jahr unserer Lebenswanderung hinter uns lassen und ein neues beginnen, dann wissen wir zwar nicht genau, was dieses uns bringen wird; einer Zusage aber d\u00fcrfen wir uns gewiss sein: Gott wird die an ihn Glaubenden und auf ihn Vertrauenden auch in diesen kommenden Tagen pers\u00f6nlich begleiten. Wie das Volk Israel auf seiner W\u00fcstenwanderung wird er auch uns nicht nur irgendeinen Wegweiser schicken, sondern er selbst wird dieser Wegweiser sein. Er wird Tag und Nacht \u00fcber unsere Wege wachen und bei uns sein, wenn uns dies auch nicht in jedem Augenblick unmittelbar einsichtig und bewusst sein mag.<\/p>\n<p>Im Vertrauen auf diesen Gott, der sich im Verlauf der (Heils-)Geschichte schon unz\u00e4hlige Male bew\u00e4hrt hat, d\u00fcrfen wir also zuversichtlich das vergangene Jahr hinter uns lassen und das kommende mutig beschreiten. Und wir d\u00fcrfen uns noch einer Sache sicher sein: Wenn das Leben es erfordert, k\u00f6nnen auch wir uns getrost an den Rand der W\u00fcste wagen; denn dort wird Gottes F\u00fchrung und Begleitung noch intensiver als sonst und er zeigt sich uns noch deutlicher und klarer als sonst als Wegweiser.<\/p>\n<p>In diesem Sinne d\u00fcrfen wir voll Vertrauen auf den Gott Israels, auf den Gott des Exodus, der letztlich unser aller Gott ist, dieses neue Jahr beginnen und das vergangene voll Dankbarkeit f\u00fcr das Mitsein des Exodusgottes getrost hinter uns lassen. Die paar Verse aus der Exoduserz\u00e4hlung sind f\u00fcr uns eine Best\u00e4rkung und Ermutigung, unseren Lebensweg diesem Gott anzuvertrauen, uns in seine H\u00e4nde fallen zu lassen und auch angesichts unwirtlicherer und unwegsamerer Wegetappen uns auf seine F\u00fchrung und Leitung ganz zu verlassen; dann wartet am Ende einer anstrengenden Wanderung auch auf uns ein Schilfmeerwunder.<\/p>\n<p><strong>Univ.-Prof. Dr. Andreas Vonach<br \/>\n(Universit\u00e4t Innsbruck)<br \/>\n<a href=\"mailto:Andreas.Vonach@uibk.ac.at\">Andreas.Vonach@uibk.ac.at<\/a> <\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Altjahresabend, 31. Dezember 2005 Predigt \u00fcber 2. Mose 13, 20-22, verfasst von Andreas Vonach Wieder liegt ein Jahr hinter uns, aber auch ein neues vor uns. Die vergangenen 365 Tage waren f\u00fcr uns alle eine Wanderung, die uns auf unserem Lebensweg ein bestimmtes St\u00fcck n\u00e4her zu unserem Ziel gebracht hat. 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