{"id":10915,"date":"2021-02-07T19:49:08","date_gmt":"2021-02-07T19:49:08","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=10915"},"modified":"2023-01-31T10:30:12","modified_gmt":"2023-01-31T09:30:12","slug":"2-mose-13-20-22","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/2-mose-13-20-22\/","title":{"rendered":"2. Mose 13, 20-22"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<h3><b><span style=\"color: #000099;\">Altjahresabend, 31. Dezember 2005<br \/>\nPredigt \u00fcber 2. Mose 13, 20-22, verfasst von Bernd Eberhardt<\/span><\/b><\/h3>\n<hr \/>\n<p><em>Also zogen sie aus von Sukkoth, und lagerten sich in Etham, vorn an der W\u00fcste.<br \/>\n<\/em><\/p>\n<p><em>Und der Herr zog vor ihnen her, des Tages in einer Wolkens\u00e4ule, dass er sie den rechten Weg f\u00fchrte, und des Nachts in einer Feuers\u00e4ule, dass er ihnen leuchtete, zu reisen Tag und Nacht.<br \/>\nDie Wolkens\u00e4ule wich nimmer von dem Volk des Tages, noch die Feuers\u00e4ule des Nachts.<br \/>\n<\/em>(2. Mose 13, 20-22)<\/p>\n<p>Wolken und Feuer als Wegweiser Gottes f\u00fcr den Zug des Volkes Israel durch die W\u00fcste. Liebe Leserinnen und Leser der Internetpredigt, wer wird hierbei am Ende eines ereignisreichen Jahres nicht Assoziationen haben, die alles andere als positiv belegt sind.<\/p>\n<p>Wolken und Feuer! Lassen sie mich kurz rekapitulieren, wor\u00fcber uns im vergangenen Jahr die Medien besonders berichtet haben.<\/p>\n<p>Gleich zu Beginn des Jahres erfahren wir von \u00fcber 178 000 Toten bei einer Tsunamie-Flutwelle in S\u00fcdostasien.<br \/>\nIm Oktober m\u00fcssen New Orleans und zahlreiche weitere St\u00e4dte evakuiert werden, weil der Hurrikan \u201eKatrina\u201c sein zerst\u00f6rerisches Werk vollendet. Die Nationalgarde verhindert tagelang eine R\u00fcckkehr der Bewohner um der angeblichen Gefahr von Pl\u00fcnderungen oder Einst\u00fcrzen vorzubeugen.<br \/>\nIn Pakistan sterben 87 000 Menschen an einem verheerenden Erdbeeben. Zahllose Menschen sind obdachlos dem harten Winter ausgesetzt.<br \/>\nIn den Vorst\u00e4dten von Paris brennen im November unz\u00e4hlige Autos und Geb\u00e4ude, begleitet von Stra\u00dfenschlachten.<\/p>\n<p>Sie werden sich fragen: Was hat dies mit der Wolken- und Feuers\u00e4ule Gottes zu tun? Nat\u00fcrlich deute ich die zuvor genannten Schreckensbilder nicht als Zeichen Gottes. Aber ein Vergleich des Jahresr\u00fcckblickes 2005 mit dem Mose-Text wirft doch Fragen auf.<\/p>\n<p>Sind wir noch ein Volk?<br \/>\nWoran orientieren wir uns heute?<br \/>\nWas ist der \u201erechte Weg\u201c?<br \/>\nGibt es f\u00fcr uns heute g\u00f6ttliche Zeichen der Orientierung?<br \/>\nAuf welchem Weg befinden wir uns und wohin soll er f\u00fchren?<\/p>\n<p>Wenn man sich die momentane Wirtschaftslage in unserem Land betrachtet und wenn man die Menschen auf der Stra\u00dfe nach ihrem Befinden befragt, so bekommt man durchaus ein zerrissenes Bild vom Zustand unseres Volkes.<\/p>\n<p>Von den Wirtschaftsexperten h\u00f6ren wir oft, dass Deutschland \u201eExport-Weltmeister\u201c sei. Dass sich mit den teils guten Absatzzahlen vieler Unternehmen gut Geld verdienen l\u00e4sst, zeigt der Blick auf die Einkommen einzelner in unserer Gesellschaft. Die Automobilindustrie best\u00e4tigt: Der Absatz an Oberklasse-Fahrzeugen ist so hoch wie nie zuvor. Auf der anderen Seite k\u00f6nnen wir im sogenannten Armutsbericht lesen, dass in Deutschland 11 Millionen Bundesb\u00fcrger an der Armutsgrenze leben. Das Magazin \u201eDer Spiegel\u201c kommentiert dies als \u201eDokument sozialer Zerrissenheit\u201c. Irgendetwas l\u00e4uft hier schief.<\/p>\n<p>Ich m\u00f6chte jetzt nicht nocheinmal eine \u201eHeuschrecken-Diskussion\u201c beginnen. Aber eines ist in den letzten Jahren klar geworden:<br \/>\nDurch die \u00d6ffnung der Grenzen und dem mehr und mehr zusammenbrechenden Binnenmarkt, sind Menschen auf der Strecke geblieben. Die Arbeit ihrer H\u00e4nde ist im Wettbewerb der konkurrierenden Gesellschaftssysteme nicht konkurrenzf\u00e4hig. Doch Gegenma\u00dfnahmen unternimmt unser Volk nur zaghaft. Dass Einschr\u00e4nkungen n\u00f6tig sind, wird niemand mehr in Frage stellen. Dass unser Gesellschaftssystem sich \u00fcber die Jahrzehnte einen \u201eSpeckg\u00fcrtel\u201c angewirtschaftet hat, wird man auch kaum verleugnen k\u00f6nnen.<br \/>\nWas allerdings wirklich erschrecken muss, ist die Tatsache, dass es soetwas wie eine gemeinsame Orientierung nicht mehr zu geben scheint.<\/p>\n<p>Jeder denkt an seine eigene Existenz.<br \/>\nDie Gewerkschaften denken an ihre Prozente und an ihre tarifrechtlich ausgehandelten Arbeitsrechte. Die Mitglieder der Firmen-Vorst\u00e4nde denken an die Entwicklung ihrer Aktien und Gewinnanteile. Ein Ziehen und Zerren an dessen Ende die schw\u00e4chsten Glieder unserer Gesellschaft verlieren werden.<br \/>\nUnd hier kommt die Geschichte vom Volk Israel beim Auszug aus \u00c4gypten genau zur rechten Zeit. Die Erkenntnis die Flucht aus \u00c4gypten gemeinsam zu unternehmen ist zun\u00e4chst die erste Voraussetzung f\u00fcr das Gelingen des Unternehmens.<br \/>\nSo g\u00e4be es auch in unserer Situation schon allein gen\u00fcgend volkswirtschaftliche Gr\u00fcnde den Binnenmarkt auch arbeitsmarktpolitisch zu stabilisieren, da die vielen entlassenen Mitarbeiter \u00fcber die Sozial- und Steuersysteme am Ende unsere Gesellschaft mehr kosten als das, was wir durch die Produktionsverlagerungen in \u201ebilligere\u201c L\u00e4nder gespart haben.<\/p>\n<p>Doch woher sollte der Anreiz kommen sich umzuorientieren? In den letzten Tagen wird vor allem im Zusammenhang mit dem Urteil um die Abfindungen im Umfeld des Mannesmann-Konzernes die Frage nach einem \u201eVerhaltens-Kodex\u201c gestellt. Ja, sogar \u00fcber gesetzliche Regelungen im Umgang mit anvertrautem Verm\u00f6gen wird nachgedacht.<\/p>\n<p>Ich glaube, dass all dies nicht ersetzen kann, was in unserer modernen, aufgekl\u00e4rten Gesellschaft fehlt. Es ist die Wolkens\u00e4ule in unseren Tagen, es ist die Feuers\u00e4ule unserer N\u00e4chte.<\/p>\n<p>Die einzigen Wolkens\u00e4ulen die wir wahrnehmen, sind die, die uns Naturkatastrophen bescheren. Die einzigen Feuers\u00e4ulen die uns in Erinnerung kommen, sind die brennenden Autos in Paris. Wir G\u00f6ttinger B\u00fcrger werden vielleicht zuerst an den brennden Nordturm unserer Johanniskirche denken, der in der Nacht zum 23. Januar von Brandstiftern angez\u00fcndet wurde.<\/p>\n<p>Deshalb mein Vergleich mit diesen Bildern: Auch hier spiegelt sich ausschlie\u00dflich Orientierungslosigkeit! Trotz steigender Zahlen an Umweltkatastrophen, ausgel\u00f6st u.a. von globaler Erw\u00e4rmung durch den steigenden Einsatz fossiler Brennstoffe, gibt es keine wirklich gemeinsame Basis auf der z.B. in Kyoto vern\u00fcnftige, alle Staaten betreffende Vereinbarungen zur Eind\u00e4mmung der Ressourcenverschwendung getroffen werden k\u00f6nnten.<\/p>\n<p>Br\u00e4nde werden gelegt &#8211; in G\u00f6ttingen genauso wie in Paris &#8211; von Menschen, die den Glauben an eine lebenswerte Zukunft l\u00e4ngst verloren haben.Doch wo ist sie nun die Wolkens\u00e4ule am Tag und die Feuers\u00e4ule der Nacht? Angenommen die Wolken- und Feuers\u00e4ulen zu unserer Orientierung, sie w\u00e4ren tats\u00e4chlich vorhanden. W\u00fcrden wir sie denn \u00fcberhaupt wahrnehmen?<\/p>\n<p>Um \u00fcberhaupt eine Orientierung bekommen zu k\u00f6nnen m\u00fcssen wir es dem Volk Israels gleichtun. Wir m\u00fcssen uns als eine Gemeinshaft f\u00fchlen, die als Ganzes eine Reise antreten muss. Eine Reise durch eine globalisierte Welt.<br \/>\nIn Zeiten der Bedr\u00e4ngnis ist eine Geschlossenheit nicht leicht zu halten. Beim Anblick der heranrollenden Streitwagen der \u00c4gypter entsteht Panik im Volk Israels. Eine Flucht durch das Schilfmeer scheint aussichtslos. Und die Israeliten fragen Mose: \u201eWaren nicht Gr\u00e4ber in \u00c4gypten, dass du uns musstest wegf\u00fchren, dass wir in der W\u00fcste sterben?\u201c (2. Mose 14, 11)<\/p>\n<p>Wir m\u00fcssen wieder lernen uns einzulassen auf den, auf den unsere ganze Kultur zur\u00fcckgeht, auf den, der uns soweit gebracht hat. Auf den, der Konventionen bricht, der sich den Bed\u00fcrftigen zuwendet, der von den Menschen fordert: \u201eWem viel gegeben ist, bei dem wird man viel suchen; und wem viel anvertraut ist, von dem wird man um so mehr fordern\u201c (Luk. 12, 48).<br \/>\nWenn es gelingen k\u00f6nnte ein wenig von der Botschaft Jesu Christi wieder in der Gesellschaft zu verankern und nur ein wenig von dem Gef\u00fchl verstr\u00f6men zu lassen, das die Menschen jahrhundertelang aufgabaut hat in Zeiten von Krankheit, Armut und Verfolgung, so k\u00f6nnte manche herannahende Katastrophe abgewendet werden..<\/p>\n<p>Und wir stehen kurz vor einer Katastrophe, wenn nicht rechtzeitig eine Korrektur unseres Reisezieles eintritt. Wenn die Frage der Besch\u00e4ftigung von Mitarbeitern nicht auch dem Ziel einer gesunden Volkswirtschaft und somit der Wahrung des sozialen Friedens folgt.<br \/>\nWenn sich die Wohlhabenden und Begabteren dieser Gesellschaft nicht um ein \u201eMitnehmen\u201c der Schw\u00e4cheren bem\u00fchen, sondern sich abgrenzen (Erinnern Sie sich noch an die Aussage des franz\u00f6sischen Innenministers Sarkozy man m\u00fcsse die Problemviertel von Paris mit dem Hochdruckreiniger s\u00e4ubern?).<br \/>\nWenn das Verantwortungsbewusstsein gegen\u00fcber der Sch\u00f6pfung weiterhin dem Wachstumsdenken zum Opfer f\u00e4llt.<\/p>\n<p>Eigentlich scheint es so einfach zu sein. Doch die Abh\u00e4ngigkeiten und Verpflichtungen unserer gesellschaftlichen Netzwerke sind komplex. Ich w\u00fcnsche uns allen, dass wir den Mut haben uns in unserer Orientierung von Gott leiten zu lassen, auch &#8211; oder gerade wenn &#8211; man glaubt direkt vor der W\u00fcste zu stehen.<\/p>\n<p>Ein gesegnetes Jahr 2006 w\u00fcnsche ich Ihnen allen. Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Bernd Eberhardt<br \/>\nKantor der St. Johanniskirche G\u00f6ttingen<br \/>\n<a href=\"mailto:eberhardt.kirchenmusik@web.de\">eberhardt.kirchenmusik@web.de <\/a><\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Altjahresabend, 31. Dezember 2005 Predigt \u00fcber 2. Mose 13, 20-22, verfasst von Bernd Eberhardt Also zogen sie aus von Sukkoth, und lagerten sich in Etham, vorn an der W\u00fcste. 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