{"id":10918,"date":"2021-02-07T19:49:06","date_gmt":"2021-02-07T19:49:06","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=10918"},"modified":"2023-02-03T08:51:25","modified_gmt":"2023-02-03T07:51:25","slug":"matthaeus-6-5-13","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/matthaeus-6-5-13\/","title":{"rendered":"Matth\u00e4us 6, 5-13"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<h3><b><span style=\"color: #000099;\">Neujahrstag, 1. Januar 2006<br \/>\nPredigt \u00fcber Matth\u00e4us 6, 5-13, verfasst von Lars Ole Gjesing (D\u00e4nemark)<\/span><\/b><\/h3>\n<hr \/>\n<p>Es ist merkw\u00fcrdig, dass in der Entwicklung unserer Gesellschaft gewaltige Gegens\u00e4tze eingebaut sind. Und das wird Jahr f\u00fcr Jahr deutlicher, wenn wir zur\u00fcckschauen. Der Wohlstand w\u00e4chst ununterbrochen in unserem Teil der Welt, und mit ihm w\u00e4chst unsere Freiheit zu tun, wozu wir Lust haben. Die Zahl der M\u00f6glichkeiten steigt unabl\u00e4ssig, und dabei handelt es sich wohlgemerkt nicht blo\u00df um oberfl\u00e4chliche M\u00f6glichkeiten, die sich vermehren; es ist nicht blo\u00df die Wahl zwischen verschiedenen Sorten Brot zum Fr\u00fchst\u00fcck oder zwanzig Marken Sp\u00fclmittel, die wir im Namen der Wahlfreiheit fast t\u00e4glich zu treffen haben. Es gilt bis hinab in das aller Grunds\u00e4tzlichste, dass der Zwang aufgeh\u00f6rt hat.<\/p>\n<p>Niemand braucht da zu wohnen, wo er oder sie geboren ist, das ganze Land, ja die ganze Welt steht offen. Niemand braucht den v\u00e4terlichen Hof oder den m\u00fctterlichen Haushalt zu \u00fcbernehmen, man kann werden, was man will, mit nur wenigen Einschr\u00e4nkungen. Wie der K\u00f6rper aussehen soll, bestimmt man auch selbst: Muskelprotze von Trainingsungeheuern oder bleich und gebrechlich und interessant oder eine von den zahlreichen anderen spannenden M\u00f6glichkeiten. Welche Art von Person man sein will, muss man auch herausfinden. Die Kultur der Jugend bietet etwa sechs bis acht M\u00f6glichkeiten, die sich abwechseln, und zwischen denen man sich nach Gutd\u00fcnken hin und her bewegen kann. Es geh\u00f6rt jeweils eine ganze Identit\u00e4t dazu.<\/p>\n<p>Die Freiheit ist fast unendlich geworden. Und keine einzige Wahl, die man trifft, ist bindend; sie l\u00e4\u00dft sich immer \u00e4ndern, ungeachtet, ob es sich um Fach oder Wohnort oder Familie oder Typ oder Pers\u00f6nlichkeit handelt.<\/p>\n<p>Das Merkw\u00fcrdige dabei ist, dass, wenn die Freiheiten so zahlreich werden, dann auch der Zwang genau im selben Tempo w\u00e4chst. Denn man kann nicht einfach \u201enicht w\u00e4hlen wollen\u201c. Wenn die M\u00f6glichkeiten erstmal dasind, ist man gezwungen, Stellung zu nehmen. Jetzt ist es gezwungenerma\u00dfen so, dass man seinen K\u00f6rper nach einem der schreienden Ideale, die auf dem Markte sind, formen und sozusagen sein eigener Bildner sein muss. Vielen Menschen gelingt das ausgezeichnet, und deshalb ist unsere Welt so voller Leute mit einem sch\u00f6nen und interessanten Aussehen, w\u00e4hrend es anderen nicht gelingt und diese Menschen dann ihren K\u00f6rper mit Hungerkuren oder \u00fcberm\u00e4ssigem Essen peinigen \u2013 manche bis zur Todesgefahr, die H\u00e4lfte von allen an Magersucht leidenden M\u00e4dchen, die in psychiatrische Kliniken eingeliefert werden, stirbt an ihrem Leiden \u2013 oder sie essen giftige Tabletten, um vor Kraft zu strotzen. Die Abschaffung der Freiheitskultur k\u00f6nnen wir uns nicht gut w\u00fcnschen, wenn wir an den Zwang alter Tage denken. Und wer sollte bestimmen, wozu wir zu zwingen w\u00e4ren, wenn wir uns denn dazu entschl\u00f6ssen, die Freiheit einzuschr\u00e4nken?<\/p>\n<p>Wir k\u00f6nnen ihre Abschaffung nicht wollen.<\/p>\n<p>Aber die Freiheitskultur ist gnadenlos. Sie ist zerm\u00fcrbend, vor allem f\u00fcr die jungen Menschen zwischen zw\u00f6lf und drei\u00dfig Jahren, die mitten im Kampf und all den Wahlm\u00f6glichkeiten stehen und denen ein einigerma\u00dfen fester Standort fehlt und die ununterbrochen die Frage beantworten m\u00fcssen, wer sie im Grunde selbst sind, wenn es denn \u00fcberhaupt so etwas wie \u201eman selbst zu sein\u201c gibt, wo sich doch alles in wechselnde Rollen aufgel\u00f6st hat. Und das Urteil \u00fcber die, die dieses Spiel nicht beherrschen, ist hart. Sie hei\u00dfen die Verlierer, und f\u00fcr die Verlierer gibt es keine Gnade.<\/p>\n<p>Das ist merkw\u00fcrdig: Wir haben die Gesellschaft der Freiheit erreicht; aber es zeigt sich, dass gerade diese Tatsache die Bildung eines gesunden Ichs bedroht, die Leute in Identit\u00e4tsprobleme st\u00fcrzt, in Magersucht, Depressionen und unaufh\u00f6rliche Jagd nach Anerkennung.<\/p>\n<p>Die unbarmherzige, moderne Gesellschaft der Freiheit ist eine der gro\u00dfen gesellschaftlichen Fragen, deren wir uns im Ernst annehmen m\u00fcssen. Tun wir das nicht, kann es dazu kommen, dass die Sehnsucht nach Krieg und Katastrophen als Gegenzug an St\u00e4rke gewinnen w\u00fcrde. Denn im Krieg und bei Katastrophen ist die Freiheit klein und die Notwendigkeit gro\u00df; aber nur Dummheit und Gedankenlosigkeit k\u00f6nnen Menschen dazu veranlassen, sich diese Art von L\u00f6sungen zu w\u00fcnschen. Das sind nur Leute, die die Schrecken von Krieg und Katastrophen nicht kennen.<\/p>\n<p>Aber welche Alternative haben wir?<\/p>\n<p>Ja, das Christentum zeichnet sich dadurch aus, dass es keine Gesetzesreligion ist, die fertige Vorschriften liefert, wie die Probleme der Welt zu l\u00f6sen w\u00e4ren. Wir k\u00f6nnen also nicht sagen: Jetzt kommt die Antwort des Christentums. Es ist erlaubt, Neujahr zum Nachdenken und zur Einsicht zu benutzen, wie es auch gedacht ist, und es ist erlaubt, Fragen zu formulieren, auf die man keine Antworten hat, wenn die Frage sich aufdr\u00e4ngt. Aber der Text des Neujahrstages gibt denn doch immerhin <em>eine<\/em> ganz wesentliche Andeutung einer Antwort.<\/p>\n<p>Der Neujahrstext ist das Vaterunser, dargestellt als ein kleines St\u00fcck Unterricht in regelm\u00e4\u00dfiger Anwendung. Das Vaterunser ist also ganz einfach dazu bestimmt, fest und immer wieder gebraucht zu werden. Es ist dazu bestimmt, ein Anker zu sein, der allein durch die t\u00e4gliche Anwendung einige Stabilit\u00e4t zu schenken vermag, wie das ein Anker kann. Das Vaterunser ist nicht nur ein Gebet, sondern auch ein Ritual, etwas, was man regelm\u00e4\u00dfig und oft tun soll. Und genau dies ist das Wesentliche in diesem Zusammenhang.<\/p>\n<p>Denn eine der wesentlichsten Sicherungen gegen die alles verzehrende Freiheit sind gute, unersch\u00fctterliche Rituale. Etwas, das fest steht, weil es in derselben Form in bestimmten Abst\u00e4nden wiederkehrt, gleichg\u00fcltig, in welcher Stimmung wir uns befinden, gleichg\u00fcltig, wie und wo die Welt brennt und wie es um die Liebe bestellt ist. Ohne Rituale ist das Dasein zerfahren.<\/p>\n<p>Eines aber muss man sich klar machen: die Rituale sind nat\u00fcrlich auch in die Falle der Freiheit geraten. Einst betete man das Vaterunser regelm\u00e4\u00dfig, morgens und abends, es war eine Selbstverst\u00e4ndlichkeit. Das baute, zusammen mit vielen anderen festen Rahmen, Stabilit\u00e4t auf. Heute ist das Vaterunser aber keine Selbstverst\u00e4ndlichkeit mehr. Hier drau\u00dfen in der Freiheit sind wir doch gezwungen, erstmal zu beschlie\u00dfen, ob wir \u00fcberhaupt feste Rituale haben wollen, und wenn ja, ob es ein Morgen- oder ein Abendgebet sein soll. Und danach haben wir frei zu w\u00e4hlen, ob es irgendein Gebet sein soll, vielleicht ein buddhistisches oder j\u00fcdisches, oder vielleicht eine Meditation. Und warum nicht auch wechseln, ein bisschen von hier, ein bisschen von da nehmen? Der naive selbstverst\u00e4ndliche, wahlfreie Gebrauch des Vaterunsers ist uns abhanden gekommen. Aber der Weg dahin l\u00e4sst sich wieder \u00f6ffnen: Nicht so, dass das Beten des Vaterunsers pl\u00f6tzlich wieder eine einf\u00e4ltige Selbstverst\u00e4ndlichkeit werden k\u00f6nnte, sondern so, dass wir beschlie\u00dfen, dass wir das Ritual jetzt wieder haben <em>wollen<\/em>, und einen unumst\u00f6\u00dflichen Entschluss fassen, dass es genau so sein soll, und uns an diesen Entschluss halten.<\/p>\n<p>So ein Entschluss verlangt heutzutage gute Gr\u00fcnde. Wir wollen deshalb diese Neujahrspredigt damit beenden, dass wir einige gute Gr\u00fcnde f\u00fcr den Gebrauch des Vaterunsers andeuten:<\/p>\n<p><em>Erstens<\/em> ist es einfach phantastisch, dass wir tats\u00e4chlich ein Gebet haben, das Jesus selbst formuliert hat. Dieser Mensch, der einem jeden Respekt und Hingabe abverlangt f\u00fcr ein Leben voller Glauben, Hoffnung und Liebe. Es b\u00fcrgt f\u00fcr Qualit\u00e4t, dass es Jesu eigenes Gebet ist.<\/p>\n<p><em>Zweitens<\/em> ist es das Gebet, das unsere Vorv\u00e4ter Generation f\u00fcr Generation benutzt und hoch gesch\u00e4tzt haben. Es ist vor \u00fcber tausend Jahren auf d\u00e4nischen Grund und Boden umgepflanzt worden und ist deshalb in unsere Volksseele hineingewachsen, wenn wir denn so etwas wie eine Volksseele haben. Es ist jedenfalls in unsere Literatur und unsere Kirchenlieder hineingewachsen, und es ist unl\u00f6slich mit unserer Taufe und mit unserem Begr\u00e4bnis verkn\u00fcpft.<\/p>\n<p><em>Drittens<\/em> ist es ungew\u00f6hnlich sch\u00f6n formuliert als Sprache, als Gedicht, k\u00f6nnte man sagen, \u2013 mit einem strengen Aufbau aus sieben Einzelgebeten, eingeleitet mit einer Anrede und abgeschlossen mit einem Lobpreis.<\/p>\n<p><em>Viertens<\/em> ist es ein Gebet, das in seinem Inhalt genau das Wichtigste und Grundlegende erfasst. Die letzten vier Teile bitten f\u00fcr den Alltag um alles, was wir n\u00f6tig haben, um gut zu leben: das t\u00e4gliche Brot im umfassenden Sinn, Vergebung, Schutz vor Versuchungen und vor allem B\u00f6sen. Und die drei ersten Gebete graben ein St\u00fcck tiefer, denn sie bitten darum, dass das Reich Gottes und sein Wille hier gelten sollen. D.h. es sind Gebete, dass sogar das, was das bestm\u00f6gliche Dasein hier auf Erden niederdr\u00fcckt, aufgehoben werden m\u00f6ge: dass Krieg und Katastrophen aufh\u00f6ren, dass Krankheit und Schaden verschwinden m\u00f6gen, ja, dass Tod und Trauer und Sehnsucht aufh\u00f6ren m\u00f6gen, auf dass der Friede und die Freude Gottes alles in allen wirken kann.<\/p>\n<p>Amen<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Pastor Lars Ole Gjesing<br \/>\n<\/strong><strong>S\u00f8ndergade 43<br \/>\n<\/strong><strong>DK-5970 \u00c6resk\u00f8bing<br \/>\n<\/strong><strong>Tel.: +45 62 52 11 72<br \/>\n<\/strong><strong>E-mail: <a href=\"mailto:logj@km.dk\">logj@km.dk<\/a><\/strong><\/p>\n<p align=\"left\"><strong>\u00dcbersetzung aus dem D\u00e4nischen: Dietrich Harbsmeier <\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Neujahrstag, 1. 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