{"id":10931,"date":"2021-02-07T19:49:03","date_gmt":"2021-02-07T19:49:03","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=10931"},"modified":"2023-02-05T22:25:51","modified_gmt":"2023-02-05T21:25:51","slug":"kolosser-1-24-29","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/kolosser-1-24-29\/","title":{"rendered":"Kolosser 1, 24-29"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<h3><b><span style=\"color: #000099;\">Epiphanias, 6. Januar 2006<br \/>\nPredigt \u00fcber Kolosser 1, 24-29, verfasst von Christian-Erdmann Schott<\/span><\/b><\/h3>\n<p>Liebe Gemeinde, das Evangelium des Epiphaniasfestes \u2013 wir haben es eben als Lesung geh\u00f6rt \u2013 , die Geschichte von den Weisen aus dem Morgenland, bildet eine deutliche Erg\u00e4nzung zu der Weihnachtsgeschichte aus dem Lukasevangelium, die an Heilig Abend verlesen wird. Dort wird erz\u00e4hlt, dass die Botschaft von der Geburt Jesu Christi zuerst den Hirten verk\u00fcndet wurde, Menschen, die am unteren Ende der sozialen Skala standen, aber zum Volk Israel geh\u00f6rten. Demgegen\u00fcber werden uns in der Geschichte von den Weisen aus dem Morgenland Personen geschildert, die weit oben angesiedelt sind, m\u00f6glicherweise sogar die Spitzen der damaligen Weltweisheit repr\u00e4sentierten, Gelehrte, vielleicht auch K\u00f6nige, die aber keine Israeliten sind. Sie kommen aus fernen Gegenden, sind Repr\u00e4sentanten verschiedener Weltteile und Vertreter der Heiden.<\/p>\n<p>Dieser Gegensatz hat immer das Besondere des Epiphaniasfestes ausgemacht. Es sollte deutlich werden: Die Erscheinung (griechisch Epiphanie) des Heilandes ist nicht allein die gro\u00dfe neue Hoffnung f\u00fcr Israel, sondern f\u00fcr die ganze Welt. Sie gilt Juden und Heiden, sie gilt den Armen wie den Hohen und Gro\u00dfen, Ungebildeten wie Gebildeten.<\/p>\n<p>Diesen Grundzug des Heilshandelns Gottes hat vor allem ein Mann ganz fr\u00fch, noch vor den von Jesus Christus zu seinen Lebenszeiten selbst eingesetzten Aposteln, begriffen: der sp\u00e4t berufene Paulus. Er erkannte die Weltbedeutung der Sendung Jesus Christi. Darum war es sein Ziel, diese Botschaft nun auch in die Welt hinauszutragen. Sein Missionswerk, seine Reisen, seine Gemeindegr\u00fcndungen stehen unter diesem Vorzeichen. Die Kirche ehrte ihn, indem sie ihm den Beinamen \u201eApostel der Heiden\u201c, \u201eApostel der V\u00f6lker\u201c, gegeben hat.<\/p>\n<p>Bei seiner Missionst\u00e4tigkeit hat Paulus viel durchmachen m\u00fcssen: Verleumdungen, Anfeindungen, Anklagen, Gefangenschaft, Schiffbruch, Krankheit, Einsamkeit, Strapazen aller Art. Diese Leiden f\u00fcr die Sache und im Dienst Jesu Christi werden in unserem heutigen Predigttext thematisiert. Ich lese:<\/p>\n<p><em>Nun freue ich mich in den Leiden, die ich f\u00fcr euch leide, und erstatte an meinem Fleisch, was noch mangelt an den Tr\u00fcbsalen Christi, seinem Leibe zugut, welcher ist die Gemeinde.<br \/>\nIhr Diener bin ich geworden nach dem Ratschluss Gottes, der mir anvertraut ist f\u00fcr euch, um Gottes Wort in seiner F\u00fclle kundzumachen,<br \/>\nn\u00e4mlich das Geheimnis, das verborgen gewesen ist von allen Zeiten und Geschlechtern her; nun aber ist es offenbart den Heiligen.<br \/>\nIhnen wollte Gott kundtun, was da sei der herrliche Reichtum dieses Geheimnisses unter den Heiden, welches ist Christus in euch, die Hoffnung der Herrlichkeit.<br \/>\nDen verk\u00fcndigen wir und vermahnen alle Menschen und lehren alle Menschen mit aller Weisheit, auf dass wir einen jeglichen Menschen darstellen vollkommen in Christus;<br \/>\ndaran ich auch arbeite und ringe in der Wirkung des, der in mir kr\u00e4ftig wirkt.<br \/>\n<\/em><\/p>\n<p>Das Auff\u00e4lligste an diesen S\u00e4tzen ist der Anfang \u201eIch freue mich in den Leiden, die ich f\u00fcr euch leide\u201c. Es w\u00e4re nicht nur f\u00fcr mich auf Anhieb sehr gut nachvollziehbar, wenn Paulus seinem Herzen einmal Luft gemacht und ein kr\u00e4ftiges Klagelied angestimmt h\u00e4tte \u00fcber all das viele h\u00f6chst Widerw\u00e4rtige, was er auf seinen Missionsreisen erleben muss. Und nicht nur das. Es h\u00e4tte mir auch sehr eingeleuchtet, wenn er sich einmal \u00fcber die Z\u00e4hlebigkeit und \u00fcber die Widerstandskraft des Unglaubens beklagt h\u00e4tte, auf die das Evangelium, das er in bester Absicht verbreitete, schlie\u00dflich auch gesto\u00dfen ist. Nat\u00fcrlich hat er einige Erfolge gehabt. Aber seine Leiden haben ihm ja zu einem guten Teil gerade die zugef\u00fcgt, die er nicht \u00fcberzeugen konnte, die sich gegen das Evangelium wehrten und ihn, den Apostel, daf\u00fcr schlecht behandelten. Also \u2013 ein paar Seufzer, ein paar klagende Worte des gro\u00dfen Mannes h\u00e4tte ich sehr gut verstehen k\u00f6nnen.\u00a0<em><br \/>\n<\/em><\/p>\n<p>Statt dessen erkl\u00e4rt er \u201eIch freue mich in den Leiden, die ich f\u00fcr euch leide\u201c. So wie ich den Apostel verstehe, hat er f\u00fcr diese Haltung zwei Gr\u00fcnde.<\/p>\n<p>Der eine ist, dass er den sehr verschiedenartigen Widerstand, den er hinter seinen Leiden erkennt, als letztlich zukunftslos, ohne wirklich gro\u00dfe, mitrei\u00dfende Perspektive durchschaut. Die Ablehnung, auf die das Evangelium trifft, ist verbissen, \u00e4ngstlich, kleinkariert. Da ist nichts, was dem Evangelium wirklich gewachsen oder gar \u00fcberlegen w\u00e4re. Die Leute, die sich dagegen stark machen, bangen um ihre P\u00f6stchen, um ihre Bequemlichkeit, haben Angst vor Ver\u00e4nderungen und merken gar nicht, wie alt sie aussehen, wie wenig Freude, Begeisterung, Aufgeschlossenheit, Neugier, Aufbruch, Zukunft von ihnen ausgeht.<\/p>\n<p>Genauso freudlos und \u00e4ngstlich wie sie selber sind, ist auch die Welt, f\u00fcr die sie sich einsetzen und an der sie festhalten. Diese Leute und diese Welt zeigen mit ihrem Verhalten nur \u00fcberdeutlich an: Gerade sie brauchten das Evangelium. Aber dagegen verschlie\u00dfen sie sich. Sie klammern sich an die Macht in ihren H\u00e4nden. Und dort, wo sie an der Macht sind, haben sie auch durchaus M\u00f6glichkeiten, dem Apostel zu schaden. Aber im Grunde kann sich jeder nur freuen, wenn er dieser vergangenen, alten, perspektivlosen Welt nicht mehr angeh\u00f6ren muss. Das macht den Apostel froh und auch siegesgewiss.<\/p>\n<p>Der andere Grund f\u00fcr die Freude in seinen Leiden ist, dass er sich von Gott gew\u00fcrdigt sieht, die Botschaft von der Liebe Gottes, die mit der Botschaft des Engels und dem Kommen Jesu Christi an Weihnachten zuerst aufleuchtete, weiterf\u00fchren und fortsetzen zu d\u00fcrfen. Er nennt diese Botschaft hier das \u201eGeheimnis\u201c Gottes. Das ist es ja auch. In der gesamten Religionsgeschichte vor und au\u00dferhalb des Christentums ist niemand auf die Idee gekommen, Gott als Vater und als Liebe zu sehen. Diese Botschaft war und ist der Welt \u2013 auch wenn sie die Welt inzwischen durch das Christentum kennt \u2013 fremd. Die Welt erlebt sich selbst fern von der Liebe Gottes und eher als eine Welt der Gewalt, der Lieblosigkeit, der L\u00fcge und der Ungerechtigkeit.<\/p>\n<p>Aber nun darf der Apostel Paulus als Diener Gottes diese Botschaft in die Welt tragen. Das erf\u00fcllt ihn mit Freude und Dankbarkeit. Er wei\u00df: Etwas Besseres gibt es f\u00fcr die Welt nicht. Er sieht allerdings auch, dass diese Botschaft ebenso wie ihre Boten in der Welt Fremdk\u00f6rper sind \u2013 so wie auch Jesus Christus selbst ein Fremdk\u00f6rper war. Die Welt konnte ihn in der gro\u00dfen Mehrheit nicht ertragen. Sein Leiden und Sterben aber war ein Teil der Botschaft, die er brachte. Denn sein Leiden und Sterben sollte auch die Vergebung Gottes, das hei\u00dft die durchgehaltene Liebe Gottes, gegen\u00fcber der Ablehnung dieser Botschaft durch die Menschen demonstrieren.<\/p>\n<p>Christus allerdings hat zu seiner Zeit gek\u00e4mpft und gelitten. Nach ihm kommen die Christen. Sie leiden f\u00fcr die Botschaft Gottes und f\u00fcr Christus in ihrer Zeit; Paulus in der seinen, wir in der unseren. Die Leiden der Christen geh\u00f6ren zu dem Gesamtwerk Gottes, das erst mit der Wiederkunft Christi und der Aufrichtung des Gottesreiches in Herrlichkeit seine Erf\u00fcllung und seinen Abschluss finden wird. Das meint Paulus mit dem Satz \u201eIch erstatte an meinem Fleisch, was noch mangelt an den Tr\u00fcbsalen Christi\u201c. Das hei\u00dft aber eben auch: Ich bin gew\u00fcrdigt, an meiner Stelle und in meiner Zeit an dem von Gott eingeleiteten Erl\u00f6sungswerk mitzuarbeiten.<\/p>\n<p>Damit wird das Leben und Leiden des Paulus und das Leben und Leiden jedes Christen in die Dimensionen des Reiches Gottes hineingestellt und zugleich ganz irdisch verortet. Jeder bekommt seinen Platz in dieser Welt zugewiesen \u2013 n\u00e4mlich in der Gemeinde. Gerade weil die Welt sich so z\u00e4h gegen Gott sperrt, braucht jeder, der an die Zukunft Gottes glaubt, auf sie setzt und f\u00fcr sie eintritt, in dieser Welt eine Heimat, Br\u00fcder und Schwestern, die diesen Glauben teilen, sich gegenseitig st\u00e4rken, tr\u00f6sten, ermutigen. Nicht ohne Grund hat Paulus nicht eine philosophisch-theologische Schule nach Art der antiken Rhetoren und Philosophen gegr\u00fcndet, sondern Gemeinden. Gemeinschaften, in denen das neue Leben in Gott schon hier in dieser noch alten Welt ein St\u00fcck weit schon gelebt wurde \u2013 mit allen Unvollkommenheiten, von denen wir wissen.<\/p>\n<p>Bei uns heute wird das Leiden der Kirche an der fortdauernden Gottesverweigerung der Welt h\u00e4ufig \u00fcbert\u00f6nt durch das Leiden der Kirche an sich selbst, an den allzu menschlichen Zust\u00e4nden und Defiziten innerhalb der Kirche. Gerade darum ist es wichtig, dass wir uns vom Apostel Paulus an unsere eigentlichen Aufgaben als Kirche und Gemeinde erinnern lassen: Ausbreitung des Glaubens (Mission) und Beheimatung der Glaubenden. Wenn wir vor allem diese gro\u00dfen, eigentlichen Aufgaben sehen, werden die beklagenswerten Erscheinungen in der Kirche nicht aufh\u00f6ren. Aber sie werden nicht dominieren, uns nicht l\u00e4hmen und handlungsunf\u00e4hig machen. Vielmehr werden wir durch die gro\u00dfen Perspektiven, in denen wir leben, k\u00e4mpfen und leiden d\u00fcrfen, erhoben, begeistert, erf\u00fcllt sein. Wir werden dankbar sein, dass wir von Gott und in der Gemeinde gebraucht werden. Dann wird auch der Geist wieder wach werden , der den Apostel Paulus beseelt hat und ihn schreiben lie\u00df \u201eIch freue mich in meinen Leiden\u201c und will \u201ekundtun, was da sei der herrliche Reichtum des Geheimnisses (Gottes) unter den Heiden, welches ist Christus in euch, der Hoffnung der Herrlichkeit\u201c. Amen<\/p>\n<p><strong>Dr. Christian-Erdmann Schott<br \/>\nPfarrer em.<br \/>\nElsa-Braendstroem-Str. 21<br \/>\n55124 Mainz<\/p>\n<p><a href=\"mailto:ce.schott@surfeu.de\">ce.schott@surfeu.de<\/a><\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Epiphanias, 6. 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