{"id":10935,"date":"2021-02-07T19:49:06","date_gmt":"2021-02-07T19:49:06","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=10935"},"modified":"2023-02-03T10:16:28","modified_gmt":"2023-02-03T09:16:28","slug":"markus-10-13-16-4","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/markus-10-13-16-4\/","title":{"rendered":"Markus 10, 13-16"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<h3><b><span style=\"color: #000099;\">1. Sonntag nach Epiphanias, 8. Januar 2006<br \/>\nPredigt \u00fcber Markus 10, 13-16, verfasst von Elisabeth Birgitte Siemen (D\u00e4nemark) <\/span><\/b><\/h3>\n<hr \/>\n<p>(Text der d\u00e4nischen Perikopenordnung)<\/p>\n<p><em>\u201eLasset die Kinder zu mir kommen,\u201c sagte Jesus an jenem Tage, als die M\u00fctter mit ihren Kindern zu ihm kamen und die J\u00fcnger sie wegjagen wollten. Und im Laufe der Jahre bin ich zu der \u00dcberzeugung gelangt, dass diese Worte zu den besten und wichtigsten im Neuen Testament geh\u00f6ren. Denn diese Worte \u2013 in ihrer ganzen und vollen Bedeutung entfaltet und geh\u00f6rt \u2013 sie erz\u00e4hlen uns, wer Jesus ist. Und sie erz\u00e4hlen uns, wie Gott ist. Und sie erz\u00e4hlen uns, wer wir selbst sind, n\u00e4mlich Kinder Gottes.<\/em><\/p>\n<p>Einer der gro\u00dfen d\u00e4nischen Romane aus dem letzten Jahrhundert ist Martin Andersen Nex\u00f6s \u201eDitte Menschenkind\u201d. Der Roman handelt von dem M\u00e4dchen Ditte, das in seiner gesamten Kindheit und Jugend immer nur im Stich gelassen wird. Ihre Familie ist bettelarm und wird von der Umgebung schief angesehen. Sie hat eine Mutter, auf die sie sich nicht verlassen kann. Sie kommt als Dienstm\u00e4dchen auf einen Hof, wo der Sohn sie schw\u00e4ngert und die B\u00e4uerin sie hinausschmei\u00dft. Und zum Schlu\u00df stirbt sie und hinterl\u00e4sst eine Schar von Kindern \u2013 sie stirbt jung, verbraucht und arm \u2013 aber die Liebe hat keinen Schaden gelitten.<\/p>\n<p>In der Einleitung zu dem Roman findet sich ein unglaublich sch\u00f6ner Abschnitt, an den ich oft denken muss, wenn ich einem Neugeborenen begegne. Er lautet so:<br \/>\n\u201eJede Sekunde wird eine Menschenseele in der Welt geboren. Ein neues Licht wird angez\u00fcndet, ein Stern, der vielleicht ungew\u00f6hnlich sch\u00f6n leuchten wird, der jedenfalls sein eigenes, nie gesehenes Spektrum besitzt. Kein Mensch ist die Wiederholung von anderen oder wird jemals selbst wiederholt werden, jedes neue Wesen \u00e4hnelt den Kometen, die nur <em>ein <\/em>Mal i aller Ewigkeit die Bahn der Erde ber\u00fchren und eine kurze Zeit ihren leuchtenden Weg \u00fcber sie hin ziehen.\u201c<\/p>\n<p>Ja, so sch\u00f6n kann man es sagen, wenn man denn Dichter ist. Nun zweifle ich, dass Martin Andersen Nex\u00f6 ein besonders gutes Verh\u00e4ltnis zur Kirche gehabt hat \u2013 ich m\u00f6chte meinen, dass er eher die Kirche und die Pastoren als einen Teil des Systems betrachtete, das die kleinen Leute in Unterdr\u00fcckung und Armut niederhielt \u2013 und dennoch gibt es f\u00fcr mich eine enge Verbindung zwischen den Worten hier und dem Wort Jesu von heute. Die Worte erz\u00e4hlten, dass der kleine Mensch, Ditte Menschenkind, der auf der B\u00fchne des Lebens herumgetrieben wurde und dessen Leben voller Ungl\u00fcck war \u2013 dass auch dieses Leben einen einzigartigen Wert besa\u00df. Wie ein Licht, das angez\u00fcndet wird, wie ein Stern, der am Himmel leuchtet.<\/p>\n<p>Das klingt zusammen mit den Worten aus dem 8. Psalm, die wir zu Anfang des Gottesdienstes geh\u00f6rt haben:<\/p>\n<p>\u201eWenn ich sehe die Himmel, deiner Finger Werk,<br \/>\nden Mond und die Sterne, die du bereitet hast:<br \/>\nwas ist der Mensch, dass du seiner gedenkst,<br \/>\nund des Menschen Kind, dass du dich seiner annimmst?<br \/>\nDu hast ihn wenig niedriger gemacht als Gott,<br \/>\nmit Ehre und Herrlichkeit hast du ihn gekr\u00f6nt.\u201c<\/p>\n<p>Und auf diesem Hintergrund sollen wir das Wort Jesu h\u00f6ren als das, was jedem einzelnen kleinen Menschen Wert verleiht \u2013 und W\u00fcrde.<\/p>\n<p>Es mag sein, dass dein Leben voller Ungl\u00fcck ist.<br \/>\nEs mag sein, dass andere dich f\u00fcr nichts achten.<br \/>\nEs mag sein, dass nichts sich so enwickelt hat, wie du gehofft oder erwartet hast.<\/p>\n<p>Aber in seinen Augen hast du Wert. Du hast auch einen Platz in der Welt. Du hast auch einen Platz bei ihm. In seinen Augen und gemessen mit seinem Ma\u00dfstab gibt es niemanden, der zu klein w\u00e4re. Dies h\u00f6re ich als den Kern in Jesu Botschaft. Dies h\u00f6re ich, wenn Jesus sagt: \u201eLasset die Kinder zu mir kommen,\u201c \u2013 und wenn er die Einw\u00e4nde der J\u00fcnger beiseite schiebt und die Kinder umarmt und segnet.<\/p>\n<p>Dies war es, was Jesus an Menschen tat. Er segnete sie, und er wies auf ihren unendlichen Wert hin. Dies tut er an uns. Dort wo Menschen andere wegschieben w\u00fcrden, weil sie zu klein oder zu dumm oder verkehrt seien \u2013 dort nahm Jesus sie zu sich und ber\u00fchrte und segnete sie.<\/p>\n<p>Ich erw\u00e4hnte vorhin, dass Jesu Wort von den Kindern uns erz\u00e4hlt, wer Jesus ist und wie Gott ist.<br \/>\nDas l\u00e4sst sich nicht voneinander trennen. Wenn Jesus die Kinder annimmt, zeigt er, dass Gott wie derjenige ist, der annimmt.<br \/>\nEr zeigt, dass Gott anders misst, als wir glaubten.<br \/>\nDie Juden und die Schriftgelehrten hatten einen andere Art und Weise zu messen, ganz wie wir auch.<\/p>\n<p>Die Juden und die Schriftgelehrten ma\u00dfen die Menschen daran, ob sie den Forderungen des Gesetzes entsprachen und die Regeln des Sabbats und der Reinheit einhielten, nicht gerade der Reinlichkeit, sondern die Regeln der Reinheit, die sie zu Gottes besonderem Volk machten und von anderen unterschieden \u2013 von den Unreinen. Den J\u00fcngern war diese Art des Messens sicherlich auch bekannt. Wir wissen nicht, was sie sich gedacht haben, als die M\u00fctter mit ihren Kindern auftauchten. Vielleicht haben sie gedacht, dass die Kinder st\u00f6rten und dass es Zeitverschwendung sei, weil die Kinder ja sowieso nichts verst\u00fcnden.<\/p>\n<p>Wir kennen auch die andere Art des Messens. Wir wissen sehr wohl, was in der Gesellschaft und in der Kirche Ansehen verleiht. Wir wissen genau, wie ordentliche Menschen ihr Leben zu leben haben. Und es macht keinen Spa\u00df, au\u00dferhalb der Norm zu stehen.<\/p>\n<p>Aber Jesus sagte: \u201eLasset die Kinder zu mir kommen.\u201c Und wenn wir uns anschauen, wen er sonst noch so um sich versammelte, dann sind das nicht nur die kleinen entz\u00fcckenden Babys \u2013 dann sind es vielmehr alle diejenigen, die die Kleinen geworden sind \u2013 die Kranken, die Z\u00f6llner, die s\u00fcndigen Frauen, die Fremden \u2013 Menschen, die jeweils den Anspr\u00fcchen nicht gen\u00fcgten, Menschen, die hinter den Erwartungen zur\u00fcckblieben. Und er begn\u00fcgte sich nicht damit, sie zu dulden und in einer Ecke stehen zu lassen, w\u00e4hrend er f\u00fcr die Anderen predigte. Nein, er ber\u00fchrte sie, er umarmte sie, er legte seine H\u00e4nde auf sie und segnete sie. Und er sagte sogar, dass derjenige, der nicht wie ein Kind werde, gar nicht in das Reich Gottes komme.<\/p>\n<p>Jesus ma\u00df anders. Er ma\u00df nicht mit Gesetz und Ordnung und Normen und all dem sonstigen, dem Menschen nicht gerecht werden k\u00f6nnen und was uns peinigt und bedr\u00e4ngt. Jesus sprengte alle Bande. Er breitete das Leben aus f\u00fcr die Menschen. Er gab ihnen Platz, wo sie sein konnten. Er gab ihnen Raum, so dass sie frei atmen und leben konnten.<\/p>\n<p>Das bedeutete nicht, dass nun alle die Anst\u00e4ndigen und Ordentlichen \u2013 die Schriftgelehrten und J\u00fcnger und all die anderen guten Menschen \u2013 hingehen und sich im Dreck w\u00e4lzen sollten, wenn sie zu ihm geh\u00f6ren wollten \u2013 sondern das bedeutete, dass sie alle gleich waren. Vor Gott leben wir nicht von dem, was wir selbst tun k\u00f6nnen, wir leben davon, dass Gott uns annimmt. Wir leben davon, dass er uns seine Kinder nennt. Wir leben davon, anzunehmen. Wie das kleine Kind annehmen kann.<\/p>\n<p>Deshalb sagt Jesu Wort von den Kindern uns heute, wer wir selbst sind. Denn sein Wort handelt auch von uns.<\/p>\n<p>Ich wei\u00df nicht, wem wir am meisten gleichen. Ob wir den Schriftgelehrten oder den J\u00fcngern oder Anderen gleichen, die wussten, was Gesetz und Ordnung hei\u00dft und wie ein ordentliches Leben zu f\u00fchren sei. Oder ob wir denen am meisten gleichen, die dem allen nicht richtig entsprechen konnten.<\/p>\n<p>Aber das, was wir heute h\u00f6ren, ist dies, dass Jesus die Gro\u00dfen duckte und die Kleinen erhob.<\/p>\n<p>Und daran sollen wir denken auf unserer Wanderung durch\u2019s Leben \u2013 dass wir, wenn wir einen Menschen mit Verachtung ansehen, der das Leben nicht recht meistert und um den wir am liebsten einen gro\u00dfen Bogen machen m\u00f6chten \u2013 dass wir dann das Wort von heute festhalten und uns an den Meister erinnern sollen, der die Kleinen ber\u00fchrte und segnete \u2013 und wenn es unser eigenes Leben ist, das so geworden ist, dass wir nicht zu ihm stehen k\u00f6nnen, dann erinnert das Wort uns daran, dass hier \u2013 im Hause Gottes, hier wo wir Jesu Wort \u00fcber die Kinder h\u00f6ren \u2013 dass hier auch Platz ist f\u00fcr jemanden wie mich.<\/p>\n<p>Hier erhalten wir die W\u00fcrde, die wir uns nicht selbst geben k\u00f6nnen. Und nein, das ist kein leichter Weg, auf den man sich begibt, denn es ist ein Weg, der sich auf so vielerlei Weise im Widerspruch befindet zu all dem, was wir sonst erleben und f\u00fcr wahr halten.<\/p>\n<p>Aber es gibt \u2013 im Grund \u2013 keinen anderen Weg, der gangbar w\u00e4re.<\/p>\n<p>Das Evangelium des heutigen Tages handelt nicht von Taufe. Aber das Evangelium von heute handelt davon, was die Taufe bedeutet. Sie bedeutet n\u00e4mlich den Weg zum Leben und zur Wahrheit. Die Wahrheit \u00fcber uns selbst, als diejenigen, die wie ein kleines Kind als Schwache, Verlorene, Unw\u00fcrdige kommen. Zum Leben selbst kommen, das Jesus Christus ist. Und daran darf niemand uns hindern!<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Pastorin Elisabeth Birgitte Siemen<br \/>\n<\/strong><strong>Kirseb\u00e6rbakken 1<br \/>\n<\/strong><strong>DK- 2830 Virum<br \/>\n<\/strong><strong>Tel.: +45 45 85 63 30<br \/>\n<\/strong><strong>e-mail: <a href=\"mailto:ebsi@km.dk\">ebsi@km.dk<\/a><\/strong><\/p>\n<p align=\"left\"><strong>\u00dcbersetzung aus dem D\u00e4nischen: Dietrich Harbsmeier <\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>1. Sonntag nach Epiphanias, 8. Januar 2006 Predigt \u00fcber Markus 10, 13-16, verfasst von Elisabeth Birgitte Siemen (D\u00e4nemark) (Text der d\u00e4nischen Perikopenordnung) \u201eLasset die Kinder zu mir kommen,\u201c sagte Jesus an jenem Tage, als die M\u00fctter mit ihren Kindern zu ihm kamen und die J\u00fcnger sie wegjagen wollten. 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