{"id":10937,"date":"2021-02-07T19:49:02","date_gmt":"2021-02-07T19:49:02","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=10937"},"modified":"2023-02-06T10:58:13","modified_gmt":"2023-02-06T09:58:13","slug":"1-korinther-1-26-31-3","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/1-korinther-1-26-31-3\/","title":{"rendered":"1. Korinther 1, 26-31"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<h3><b><span style=\"color: #000099;\">1. Sonntag nach Epiphanias, 8. Januar 2006<br \/>\nPredigt \u00fcber 1. Korinther 1, 26-31, verfasst von Christian Tegtmeier<\/span><\/b><\/h3>\n<p>&#8222;<em>Seht doch, liebe Br\u00fcder, auf eure Berufung. Nicht viele Weise nach dem Fleisch, nicht viele M\u00e4chtige, nicht viele Angesehene sind berufen. Sondern was t\u00f6richt ist vor der Welt, das hat Gott erw\u00e4hlt, damit er die Weisen zuschanden mache; und was schwach ist vor der Welt, das hat Gott erw\u00e4hlt, damit er zuschanden mache, was stark ist; und das Geringe vor der Welt und das Verachtete hat Gott erw\u00e4hlt, das, was nichts ist, damit er zunichte mache, was etwas ist,<br \/>\ndamit sich kein Mensch vor Gott r\u00fchme.<br \/>\nDurch ihn aber seid ihr in Christus Jesus, der uns von Gott gemacht ist zur Weisheit und zur Gerechtigkeit und zur Heiligung und zur Erl\u00f6sung, damit, wie geschrieben steht \u00bbWer sich r\u00fchmt, der r\u00fchme sich des Herrn!\u00ab&#8220;<br \/>\n<\/em><\/p>\n<p>Den Armen wird das Evangelium gepredigt, Lahme gehen, Blinde sehen, gl\u00fccklose Menschen erhalten eine Chance zum Leben: darum ist Gott Mensch geworden, darum bezeugen Frauen und M\u00e4nner mit Rat und Tat ihren Glauben an den Erl\u00f6ser. Von dieser Hilfe spricht die Botschaft des Apostels aus seinem Brief an die Korinther.<em><br \/>\n<\/em><\/p>\n<p>Liebe Gemeinde, kennen Sie die Fabel von der Stadtmaus und der Feldmaus? Ich will sie Ihnen erz\u00e4hlen:<\/p>\n<p><em>Eine Stadtmaus ging spazieren und kam zu einer Feldmaus. Die tat sich g\u00fctlich an Eicheln, Gersten, N\u00fcssen und woran sie konnte.<br \/>\nAber die Stadtmaus sprach: &#8222;Was willst du hier in Armut leben! Komm mit mir, ich will dir und mir genug schaffen von allerlei k\u00f6stlicher Speise.&#8220;<br \/>\n<\/em><\/p>\n<p><em>Die Feldmaus zog mit ihr hin in ein herrlich sch\u00f6nes Haus, darin die Stadtmaus wohnte, und sie gingen in die Kammern, die voll waren von Fleisch, Speck, W\u00fcrsten, Brot, K\u00e4se und allem. Da sprach die Stadtmaus: &#8222;Nun iss und sei guter Dinge. Solcher Speise habe ich t\u00e4glich im \u00dcberfluss.&#8220;<br \/>\n<\/em><\/p>\n<p><em>Da kam der Kellner und rumpelte mit den Schl\u00fcsseln an der T\u00fcr. Die M\u00e4use erschraken und liefen davon. Die Stadtmaus fand bald ihr Loch, aber die Feldmaus wusste nirgends hin, lief die Wand auf und ab und gab schon ihr Leben verloren.<br \/>\n<\/em><\/p>\n<p><em>Da der Kellner wieder hinaus war, sprach die Stadtmaus: &#8222;Es hat nun keine Not, lass uns guter Dinge sein.&#8220;<br \/>\n<\/em><\/p>\n<p><em>Die Feldmaus antwortete: &#8222;Du hast gut reden, du wusstest dein Loch fein zu treffen, derweil bin ich schier vor Angst gestorben. Ich will dir sagen, was meine Meinung ist: bleib du eine Stadtmaus und friss W\u00fcrste und Speck, ich will ein armes Feldm\u00e4uslein bleiben und meine Eicheln essen. Du bist keinen Augenblick sicher vor dem Kellner, vor den Katzen, vor so vielen M\u00e4usefallen, und das ganze Haus ist dir feind. Von alldem bin ich frei und bin sicher in meinem armen Feldl\u00f6chlein.&#8220;<\/em><\/p>\n<p>Und dann trennen sich die beiden: die Feldmaus geht zur\u00fcck aufs Land, m\u00fcht sich um ihr bescheidenes Auskommen, braucht sich nicht zu f\u00fcrchten vor Katzen, Kellnern und Mausefallen. Die Stadtmaus lebt im \u00dcberfluss, jedoch auch mit den Gefahren, die ihr Leben Tag f\u00fcr Tag mit sich bringt.<\/p>\n<p>Wer reich ist, hat viel Sorge, sagt der letzte Satz der Fabel aus der Feder Martin Luthers.<br \/>\nUnd noch etwas will uns die Fabel sagen:<br \/>\nDie Stadtmaus hat ein bequemes Leben und d\u00fcnkt sich gl\u00fccklich. Sie r\u00fchmt sich ihres herrlichen Lebens, das sie sich selbst zu schaffen wei\u00df. Die Feldmaus dagegen m\u00fcht sich mit t\u00e4glicher harter Arbeit, sie teilt das Los der meisten Gesch\u00f6pfe. Gleichzeitig lebt sie aus dem Vertrauen, das ihr Sch\u00f6pfer ihr das N\u00f6tige gibt, was sie zum Leben braucht \u2013 ohne Angst vor lauernder, t\u00f6dlicher Gefahr.<\/p>\n<p>\u201e\u2026<em>was t\u00f6richt ist vor der Welt, das hat Gott erw\u00e4hlt, damit er die Weisen zuschanden mache; und was schwach ist vor der Welt, das hat Gott erw\u00e4hlt, damit er zuschanden mache, was stark ist; und das Geringe vor der Welt und das Verachtete hat Gott erw\u00e4hlt, das, was nichts ist\u2026\u201c<br \/>\n<\/em><\/p>\n<p>Darin findet Jesus seine Aufgabe, den Schwachen und M\u00fchseligen ein Arzt, ein Heiland, ein Erl\u00f6ser zu werden, damit sie aus den Sorgen und N\u00f6ten, aus ihren Krankheiten, ja sogar vom Tod befreit werden und in das Licht der Welt treten k\u00f6nnen, in die Sonne seiner Gnade.<br \/>\nDas, was die Gemeinschaft der der ersten Christen ausmacht und zu der von Gott erw\u00e4hlten Schar z\u00e4hlt, sind eben jene Menschen, die nichts haben, die armen Schlucker, die mit leeren H\u00e4nden kommen: da sind die Hirten an der Krippe und die J\u00fcnger, ehemalige Fischer, Handwerker, Tagel\u00f6hner. Erfolgreiche Kaufleute und H\u00e4ndler oder gar die klugen und weisen Berater von Haus und Hof, Politik, Kultur und Gesellschaft suchen wir in der Schar der Jesusleute vergebens. In der Bergpredigt nennt Jesus die Menschen, die selig genannt werden:<\/p>\n<p>&#8211; Selig, die geistlich Armen \u2013 jene, die nicht getr\u00f6stet werden oder untr\u00f6stlich leben.<\/p>\n<p>&#8211; Selig, die da Leid tragen \u2013 jene, die k\u00f6rperliche oder seelische Gebrechen haben, Not leiden m\u00fcssen, ohne Heimat sind, ohne Menschen, denen sie sich anvertrauen k\u00f6nnen, denen die Perspektive f\u00fcr Morgen oder \u00dcbermorgen fehlt.<\/p>\n<p>&#8211; Selig, die da sanftm\u00fctig sind &#8211; jene, die nicht r\u00fccksichtslos die Ellbogen gebrauchen, um zum Ziel zu gelangen, jene , die nicht \u201eAuge um Auge, Zahn um Zahn denken\u201c, und gerade deshalb scheitern auf dem Weg in den Beruf, in die Ehe, zum eigene Gl\u00fcck.<\/p>\n<p>&#8211; Selig, die da hungern und d\u00fcrsten nach Gerechtigkeit \u2013 jene, um nur ein Beispiel zu nennen, die mit Anfang 50 unverschuldet arbeitslos werden und nun als Hartz IV-Empf\u00e4nger vor dem Nichts stehen.<\/p>\n<p>Diesen und anderen, die am Rande der Gesellschaft, der erfolgreichen Welt stehen, Menschen ohne Chance und ohne jede eigene St\u00e4rke, denen gilt Gottes Zuspruch und seine Hilfe. Sie z\u00e4hlen zu denen, die er berufen und auserw\u00e4hlt hat.<\/p>\n<p><em>So spricht der HERR:<br \/>\nEin Weiser r\u00fchme sich nicht seiner Weisheit,<br \/>\nein Starker r\u00fchme sich nicht seiner St\u00e4rke,<br \/>\nein Reicher r\u00fchme sich nicht seines Reichtums.<br \/>\nSondern wer sich r\u00fchmen will, der r\u00fchme sich dessen,<br \/>\nda\u00df er klug sei und mich kenne,<br \/>\nda\u00df ich der HERR bin,<br \/>\nder Barmherzigkeit, Recht und Gerechtigkeit \u00fcbt auf Erden;<br \/>\ndenn solches gef\u00e4llt mir, spricht der HERR.<br \/>\n(Jer. 9, 22f.)<br \/>\n<\/em><\/p>\n<p>So kommen wir, liebe Gemeinde, noch einmal auf einem anderen Weg zur Mitte der Botschaft: der Mensch mit leeren H\u00e4nden wird beschenkt aus dem Reichtum seines Herrn. Jesus macht sich zu ihm auf den Weg, mitten hinein in die erlebte, erlittene Schw\u00e4che und Ohnmacht seiner Existenz, tief hinein in die Ohnmacht einer pers\u00f6nlichen Katastrophe und Niederlage. Dort m\u00f6chte er neu beginnen, dort will Jesus mit ihm, dem Menschen der sich keiner Leistung mehr r\u00fchmen kann, durch die Finsternis der Schwachheit, des Leidens und der Schande zur\u00fcck ins Licht des Lebens gelangen. Gewiss, Jesus wird Gr\u00fcnde kennen und benennen, auch mahnen und zurechtweisen \u2013 denken wir nur an seine Begegnungen mit den Z\u00f6llnern oder mit der Ehebrecherin, denen der Ruf zur Umkehr neue Wege erm\u00f6glichte.<em><br \/>\n<\/em><\/p>\n<p>Jedoch: Jesus allein schafft Recht, er gew\u00e4hrt jene Gerechtigkeit, die Menschen ihren Mitmenschen oft versagen. Er m\u00f6chte als Arzt der Kranken, als St\u00e4rkender f\u00fcr die Schwachen, als Anwalt des Lebens f\u00fcr die, die vom Tod bedroht sind, ein Licht auf dunklen Wegen sein, m\u00f6chte da tragen, wo Menschen sich aus eigener Kraft nicht mehr zu helfen wissen. Er m\u00f6chte ihnen erneut Achtung und W\u00fcrde schenken.<\/p>\n<p>Wie rasch sicher geglaubtes Gl\u00fcck und Leben in Gefahr geraten kann, erz\u00e4hlte uns die Fabel von der Stadtmaus und der Feldmaus: die Stadtmaus spottet naser\u00fcmpfend \u00fcber das einfache Leben der Feldmaus und \u00fcbersieht dabei die t\u00f6dlichen Gefahren, denen sie sich Tag f\u00fcr Tag in ihrem scheinbar gl\u00fccklichen Leben aussetzen muss. Nun mag mancher einwenden, das sie das andere Leben noch nicht kennen gelernt habe. Doch h\u00e4tte sie es nicht einfach einmal ausprobieren k\u00f6nnen, bei ihrer Bekannten der Feldmaus? K\u00f6nnte sie sich nicht einlassen auf das Landleben, im Vertrauen darauf, dass sie auch dort keine Not leiden muss? Um dann zu erfahren, dass es sich ohne Angst viel ruhiger leben l\u00e4sst?<\/p>\n<p>So k\u00f6nnten sich auch die Menschen auf Jesus Christus einlassen, die bisher meinten, sich ihr Gl\u00fcck aus eigener Kraft, mit eigenen Sicherheiten und nur mit den M\u00e4chtigen und Weisen dieser Welt zu schaffen. Menschen, die jene sp\u00f6ttisch bel\u00e4cheln, die ein Leben mit Jesus als gl\u00fcckbringende, zukunftsweisende Lebenskraft f\u00fcr sich bereits erkannt haben und befolgen.<\/p>\n<p>Die Feldmaus ist ein Lebewesen, das f\u00fcr einen ganz begrenzten Zeitraum der Zukunft sorgt, dabei aber das unersch\u00fctterliche Vertrauen besitzt, dass ihr am n\u00e4chsten Tag genug zum Leben vom Sch\u00f6pfer geschenkt wird, wenn sie sich darum bem\u00fcht. Wenn sie dann loben oder r\u00fchmen will, dann eben diesen Sch\u00f6pfer wegen seiner G\u00fcte und F\u00fcrsorge.<\/p>\n<p>Und um dieses unersch\u00fctterliche, tiefe Vertrauen geht es und um nichts anderes. Zu ihm ermutigt der Apostel seine Gemeinde in Korinth und auch jene, die heute seine Botschaft h\u00f6ren oder lesen. Solches Gottvertrauen wei\u00df darum, dass nicht das Haben, weder an Besitz, Ehre, Einfluss oder Macht das best\u00e4ndige Gl\u00fcck der Menschen ausmachen. Es z\u00e4hlt allein das Vertrauen, von Gott dem Sch\u00f6pfer angenommen zu sein, sich im Kraftfeld seiner Liebe geborgen und beh\u00fctet zu wissen. Da m\u00f6gen etliche doch meinen, man sei arm wie eine Feldmaus\u2026 und doch wird mit jener Seligkeit, die inmitten aller Finsternis das Licht des Lebens sieht, unvorstellbarer Reichtum von Gott geschenkt.<br \/>\nAmen.<\/p>\n<p><strong>Christian Tegtmeier<br \/>\n<a href=\"mailto:gabriele.tegtmeier@t-online.de\">gabriele.tegtmeier@t-online.de<\/a><\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>1. Sonntag nach Epiphanias, 8. Januar 2006 Predigt \u00fcber 1. 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