{"id":10944,"date":"2021-02-07T19:48:57","date_gmt":"2021-02-07T19:48:57","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=10944"},"modified":"2023-02-09T08:28:17","modified_gmt":"2023-02-09T07:28:17","slug":"1-korinther-2-1-10-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/1-korinther-2-1-10-2\/","title":{"rendered":"1. Korinther 2, 1-10"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<h3><b><span style=\"color: #000099;\">2. Sonntag nach Epiphanias, 15. Januar 2006<br \/>\nPredigt zu 1. Korinther 2, 1-10, verfasst von Klaus B\u00e4umlin<\/span><\/b><\/h3>\n<hr \/>\n<p><em>&#8222;So bin auch ich, Br\u00fcder, als ich zu euch kam, nicht als Ausbund von Beredtheit oder Weisheit gekommen, um euch das Geheimnis Gottes anzuk\u00fcnden. Denn ich hatte mich entschieden, unter euch von nichts zu wissen, ausser von Jesus Christus \u2013 und von ihm als dem Gekreuzigten. Und ich bin in Schwachheit, in Furcht und in grossem Bangen bei euch aufgetreten. Mein Wort und meine Verk\u00fcndigung bestand ja nicht in \u00fcberzeugenden Weisheitsworten, sondern im Erweis von Geist und Kraft, damit euer Glaube auf Gotteskraft, nicht auf Menschenweisheit gr\u00fcnde. <\/em><br \/>\n<em>Dennoch reden wir Weisheit bei den Vollkommenen \u2013 nicht Weisheit dieser Weltzeit oder der Anf\u00fchrer dieser Weltzeit, die abgetan werden. Nein, wir reden von Gottes verborgen gehaltener Weisheit voll Geheimnis, die Gott vorherbestimmt hat vor den Weltzeiten \u2013 zu unserer Verherrlichung. Keiner der Anf\u00fchrer dieser Weltzeit hat sie erkannt. Denn h\u00e4tten sie erkannt, so h\u00e4tten sie den Herrn der Herrlichkeit nicht gekreuzigt. Doch so ist geschrieben: &#8222;Was kein Auge gesehen, kein Ohr geh\u00f6rt, was in keines Menschen Herzen aufgegangen: All das hat Gott denen bereitet, die ihn lieben.&#8220; Uns aber hat Gott es enth\u00fcllt durch den Geist. Der Geist ergr\u00fcndet ja alles \u2013 auch die Tiefen Gottes.&#8220;<\/em><\/p>\n<p>Liebe Gemeinde!<\/p>\n<p>Darf ich f\u00fcr einmal die Predigt selber zum Gegenstand einer Predigt machen? Der Text aus dem 1. Korintherbrief legt es ja nahe. Ich gehe davon aus, dass, wenn ein Prediger sich Rechenschaft dar\u00fcber gibt, was ihm sein Predigen bedeutet, auch die H\u00f6rer und H\u00f6rerinnen, bzw. die Leser und Leserinnen sich die Frage stellen, was <em>sie<\/em> denn von einer Predigt und von einem Gottesdienst erwarten.<\/p>\n<p>Der Anfang des zweiten Kapitels im 1. Korintherbrief ist einer jener Bibeltexte, die den Prediger, wenn er sie auslegen und \u00fcber sie predigen will, ganz sch\u00f6n in die Enge treiben und in Frage stellen. Da habe ich mich doch w\u00e4hrend meiner T\u00e4tigkeit als Pfarrer bem\u00fcht, durch mein Predigen die Zuh\u00f6rer und Zuh\u00f6rerinnen nun nicht gerade zu \u00fcberreden, aber sie doch zu \u00fcberzeugen von der Wahrheit des Evangeliums, sie ihnen so nahe zu bringen, dass sie ihnen zur Lebensperspektive werde. Ich habe versucht, ihnen das &#8222;Geheimnis Gottes&#8220; aufzuschliessen, so dass sie es fassen und zu Herzen nehmen k\u00f6nnten. Und dazu habe ich mein ganzes Wissen um die biblischen Texte aufgeboten \u2013 ich habe doch nicht umsonst manches Jahr Theologie studiert! \u2013, habe versucht, die Verk\u00fcndigung in verst\u00e4ndliche, nachvollziehbare, einleuchtende Rede zu fassen. Ab und zu habe ich ein Wort eines Philosophen, ein Zitat aus Shakespeare, ein Gedicht oder eine Anekdote eingeflochten in der Meinung, ein solcher Text k\u00f6nne ein Licht aufleuchten lassen f\u00fcr das Verstehen der biblischen Botschaft. Ausserdem habe ich mich bem\u00fcht, eine Predigt nach den bew\u00e4hrten Grunds\u00e4tzen der Rhetorik aufzubauen und zu formulieren und habe auch meine Vikare und Vikarinnen angeleitet, dasselbe zu tun. Und schliesslich schien es mir nicht unwesentlich, die Predigt auf eine ansprechende Weise vorzutragen. Und dazu kamen dann die sch\u00f6ne Orgelmusik, die Kerzen und der Blumenschmuck auf dem Altar, die dazu beitrugen, dass der Gottesdienst zu einem kleinen kulturellen Anlass wurde. Die Gottesdienste am Sonntagmorgen seien ein kulturelles Angebot neben vielen anderen, sagt man etwa. Und ich gestehe, dass dies auch meine Meinung war und dass ich versucht habe, diesem Anspruch zu gen\u00fcgen.<\/p>\n<p>Muss ich mir nun vom Apostel Paulus vorhalten lassen, ich h\u00e4tte mich als &#8222;Ausbund von Beredtheit oder Weisheit&#8220; aufgef\u00fchrt und h\u00e4tte &#8222;Weisheit dieser Weltzeit&#8220;, gar &#8222;Weisheit der Anf\u00fchrer dieser Weltzeit&#8220; verk\u00fcndet \u2013 statt das Evangelium von Jesus Christus, dem Gekreuzigten? War das Bem\u00fchen um eine sch\u00f6n formulierte Predigt etwa gar motiviert durch meine Eitelkeit? War die Predigt eine Demonstration meines theologischen Wissens und meiner rhetorischen F\u00e4higkeiten? Ging es mir letztlich um ein Haschen nach Anerkennung bei den Menschen? Und was habe ich denn empfunden, wenn ich feststellte, dass an meinen Gottesdiensten mehr Leute teilnahmen als an denen der Kollegen? Gingen mir da nicht Gedanken durch den Kopf wie &#8222;Ich bin halt doch der bessere Prediger&#8220;? Ich m\u00fcsste heucheln, wenn ich behauptete, ich sei jeweils &#8222;in Schwachheit, in Furcht und in grossem Bangen &#8220; auf der Kanzel gestanden. Wenn ich mich gut vorbereitet hatte, war es f\u00fcr mich immer wieder ein sch\u00f6nes, ein begl\u00fcckendes Erlebnis, einer aufmerksam zuh\u00f6renden Gemeinde etwas vom Reichtum der biblischen Botschaft weiterzugeben, ihr das Evangelium von Jesus Christus zu verk\u00fcndigen.<\/p>\n<p>Und nun treibt mich Paulus wirklich in die Enge. Ich h\u00f6re seine Worte als eine ernste Frage an mich selber und auch an die Gemeinde, die zum Gottesdienst kommt und eine Predigt anh\u00f6rt. Was erwarten wir von der Predigt? Paulus hat eine klare, eindeutige Antwort: &#8222;Denn ich hatte mich entschieden, unter euch von nichts zu wissen, ausser von Jesus Christus&#8220;, und er f\u00fcgt gleich noch hinzu &#8222;und von ihm als dem Gekreuzigten&#8220;. Und damit ist der Apostel bei seinem Thema.<\/p>\n<p>Menschen k\u00f6nnen viele grossartige, gelehrte, kluge und sch\u00f6ne Dinge \u00fcber Gott glauben, sagen und behaupten. Wer Gott ist, das wissen sie nicht. Seinem Geheimnis kommen sie mit aller Gelehrsamkeit, allem Scharfsinn und Tiefsinn und mit aller Fr\u00f6mmigkeit nicht auf die Spur. Wer Gott ist, sein Geheimnis \u2013 das kann nur Gott selber den Menschen sagen und offenbaren. Menschen k\u00f6nnen ihn nur erkennen, wenn er sich selber zu erkennen gibt. In Jesus, dem Messias, sagt Paulus und sagen mit ihm alle Zeugen des Neuen Testaments, hat Gott sich den Menschen zu erkennen gegeben, hat ihnen gezeigt, wer er ist. Und nun eben: im Gekreuzigten. Das geht einem gegen den Strich. Gott ist doch der Inbegriff von Weisheit und Allmacht; und so m\u00fcsste er sich doch zu erkennen geben in den Gedanken, Worten und Schriften der grossen Philosophen und Dichter. Da man ihn &#8222;K\u00f6nig&#8220; und &#8222;Herrscher&#8220; nennt, m\u00fcsste der Glanz von irdischen K\u00f6nigen und Herrschern etwas wiederspiegeln von Gottes Herrlichkeit und Gr\u00f6sse. Etwas von seinem Geheimnis m\u00fcsste aufleuchten dort, wo Menschengeist und Menschenmacht Grosses und Pr\u00e4chtiges erbauen, in Pal\u00e4sten, Tempeln und Kathedralen, in den grossen Entdeckungen, Erfindungen und Fortschritten vielleicht, die das Leben der Menschen erleichtern.<\/p>\n<p>Statt dessen begegnet Gott der Welt und den Menschen in der Gestalt eines Menschen, der nicht zu den Grossen und M\u00e4chtigen geh\u00f6rt. Er begegnet uns in einem wehrlosen kleinen Kind und in der Ohnmacht dessen, der verfolgt, ans Kreuz geh\u00e4ngt und get\u00f6tet wird. Gott offenbart sein Geheimnis, das Geheimnis seines Gott-Seins nicht in den spekulativen Einsichten grosser Philosophen und nicht in Demonstrationen geistiger und kultureller Gr\u00f6sse, sondern in einem Menschen, der seinen Willen auf Erden tut und erf\u00fcllt: in Jesus Christus, dem Menschen, der ganz f\u00fcr die andern da ist, f\u00fcr sie lebt und stirbt, dem Menschen, der in seinem unbeirrbaren Vertrauen auf Gott auf jede Gewalt verzichtet. Das durchkreuzt alle Gottesvorstellungen und Gottesbilder, die Menschen sich je und je gemacht haben. Es ist wirklich so, wie es geschrieben ist: &#8222;Was kein Auge gesehen, kein Ohr geh\u00f6rt, was in keines Menschen Herzen aufgegangen: All das hat Gott denen bereitet, die ihn lieben.&#8220;<\/p>\n<p>Von einem &#8222;Geheimnis&#8220; redet Paulus. Damit meint er nicht, Gott sei eine Art Geheimniskr\u00e4mer, der sich listig versteckt und die Leute herumr\u00e4tseln l\u00e4sst. Was hier mit &#8222;Geheimnis&#8220; \u00fcbersetzt ist, heisst im griechischen Original des Paulusbriefes <em>mysterion<\/em>, Mysterium. Und das bezeichnet das ganz und gar Unfassbare, Unvorhergesehene, \u00dcberraschende, eben das, &#8222;was kein Auge gesehen und kein Ohr geh\u00f6rt hat&#8220;. Und in diesem Mysterium liegt die Vers\u00f6hnung und die Zukunft aller Menschen und der ganzen Welt beschlossen. Sie wird nicht gerettet durch menschliche Grosstaten, Erfindungen und Geistesblitze; sie wird dadurch gerettet und erl\u00f6st, dass Gott sich ihr in Jesus dem Messias f\u00fcr immer verb\u00fcndet und verschrieben hat, in dessen Sterben am Kreuz und in seiner Auferweckung von den Toten der Welt den Weg aus dem Tod ins Leben aufgetan hat.<\/p>\n<p>Nichts wissen ausser von Jesus dem Messias \u2013 und von ihm als dem Gekreuzigten! Das bringt unsere Begriffe von Weisheit und Gr\u00f6sse durcheinander; es bringt eine ganz neue Weisheit. Und das soll, sagt Paulus, der Inhalt und das Zentrum der Verk\u00fcndigung, der Predigt sein. Daran soll jeder Prediger sein Tun und Reden ausrichten und messen lassen. Und daran sollen auch die H\u00f6rerinnen und H\u00f6rer ihre Erwartung an die Verk\u00fcndigung pr\u00fcfen und ausrichten.<\/p>\n<p>Es kann dann sehr wohl das Urteil dar\u00fcber, was nun eine gute Predigt sei, ganz anders ausfallen, als wir meinen. Ob sie eine gelungene kulturelle Veranstaltung ist, wird jedenfalls nicht mehr das Kriterium sei, auch nicht, ob sie besonders originell und geistreich, ob sie besonders eindr\u00fccklich formuliert und wissenschaftlich-theologisch hintersetzt ist und nach den Regeln der Rhetorik vorgetragen wird, sondern dass sie erf\u00fcllt ist vom Geist und von der Kraft Gottes, eben jener &#8222;Kraft, die in der Schwachheit zur Vollendung kommt&#8220; (2.Kor. 12,9). Auch das Ansehen und der Erfolg des Predigers und eine volle Kirche sind noch lange kein Erweis von Geist und Kraft (allerdings ist eine leere Kirche auch kein Indiz daf\u00fcr).<\/p>\n<p>Das alles muss ich mir gr\u00fcndlich hinter die Ohren schreiben, wenn ich an mein eigenes Predigen denke. Und Sie, liebe Gemeinde, m\u00fcssen es sich auch hinter die Ohren schreiben, wenn Sie sich Rechenschaft geben \u00fcber die Erwartung, die Sie an eine Predigt und an einen Gottesdienst herantragen. Paulus stellt uns alle ganz sch\u00f6n in Frage!<\/p>\n<p>Karl Barth, der grosse evangelische Theologe, hatte daf\u00fcr ein feines Gesp\u00fcr. Als zu seinem 80. Geburtstag \u2013 das war 1966 \u2013 allenthalben zu lesen und zu h\u00f6ren war, er sei der gr\u00f6sste Theologe des Jahrhunderts, hat er an seiner Geburtstagsfeier dazu gesagt: &#8222;Wenn einmal herauskommen wird, wer der gr\u00f6sste Theologe dieses Jahrhunderts gewesen ist, dann wird vielleicht irgendein kleines M\u00e4nnlein oder Weiblein, das in aller Stille irgendwo Bibelstunden gehalten hat, im Licht stehen und wird tats\u00e4chlich der gr\u00f6sste Theologe des Jahrhunderts gewesen sein.&#8220; Und dann hat er in seiner Ansprache ein paar S\u00e4tze von Martin Luther zitiert, die er sich Jahrzehnte zuvor in das Handexemplar seines Buches \u00fcber den R\u00f6merbrief, das ihn \u00fcber Nacht ber\u00fchmt machte, zur eigenen Mahnung geschrieben hatte. Die Worte Luthers lauten: &#8222;F\u00fchlst du dich aber und l\u00e4ssest dich d\u00fcnken, als habest du es gewiss und kitzelst dich mit deinen eigenen B\u00fcchlein, Lehren oder Schreiben, als habest du es sehr k\u00f6stlich gemacht, und trefflich gepredigt, gef\u00e4llt dir auch sehr, dass man dich vor andern lobe, willst auch vielleicht gelobet sein, sonst w\u00fcrdest du traurig werden oder ablassen. Bist du derart, mein Lieber, so greif dir selber an deine Ohren, und greifest du recht, so wirst du finden ein sch\u00f6n Paar grosser, langer, rauher Eselsohren; so wage vollende die Kost daran, und schm\u00fccke sie mit g\u00fcldenen Schellen, auf dass, wo du gehst, man dich h\u00f6ren k\u00f6nnte, mit Fingern auf dich weisen und sagen: Seht, seht, da geht das feine Tier, das so k\u00f6stliche B\u00fccher schreiben und trefflich wohl predigen kann. Alsdann bist du selig und \u00fcberselig im Himmelreich; ja, da dem Teufel samt seinen Engeln das h\u00f6llische Feuer bereit ist.&#8220;<\/p>\n<p>Das ist eine sch\u00f6ne Auslegung und Erg\u00e4nzung der Worte aus dem 1. Korintherbrief des Apostels Paulus. Auch sie will ich mir hinter die Ohren schreiben., damit sie nicht zu langen, rauhen Eselsohren werden. Ich werde weiterhin f\u00fcr mein Predigen aufbieten, was ich theologisch gelernt habe; ich werde weiterhin mich bem\u00fchen, eine Predigt ordentlich zu formulieren und ansprechend vorzutragen. Aber die Frage muss mir brennend gegenw\u00e4rtig bleiben \u2013 und da m\u00f6gen dann schon einmal Frucht und Bangen aufkommen \u2013 ob in meiner Predigt das Mysterium des Gottes zur Sprache kommt, das in Jesus dem Messias, dem Gekreuzigten offenbar wurde. Und ich muss mir genau dar\u00fcber Rechenschaft geben und wohl zu unterscheiden lernen, ob die Predigt nun ein geistreiches Erzeugnis meiner Weisheit sei \u2013 oder zum Erweis von Geist und Kraft Gottes werden kann. Es k\u00f6nnte n\u00e4mlich noch einmal herauskommen, dass die Predigt des Kollegen, dessen Gottesdienst nur von Wenigen besucht wird, ganz anders von diesem Geist und dieser Kraft erf\u00fcllt war als die meine.<\/p>\n<p>Und Sie, liebe Gemeinde, werden genau so unterscheiden und entscheiden, wenn Sie am Gottesdienst teilnehmen und eine Predigt h\u00f6ren oder lesen. Dazu w\u00fcnsche ich Ihnen den Geist Gottes. Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Pfarrer i.R. Klaus B\u00e4umlin<br \/>\nLiebeggweg 19<br \/>\nCH-3006 Bern<br \/>\n<a href=\"mailto:klaus.baeumlin@bluewin.ch\"> klaus.baeumlin@bluewin.ch<\/a> <\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>2. Sonntag nach Epiphanias, 15. Januar 2006 Predigt zu 1. 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