{"id":10945,"date":"2021-02-07T19:48:54","date_gmt":"2021-02-07T19:48:54","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=10945"},"modified":"2023-02-23T16:36:05","modified_gmt":"2023-02-23T15:36:05","slug":"1-korinther-2-1-10-3","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/1-korinther-2-1-10-3\/","title":{"rendered":"1. Korinther 2, 1-10"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<h3><b><span style=\"color: #000099;\">2. Sonntag nach Epiphanias, 15. Januar 2006<br \/>\nPredigt \u00fcber 1. Korinther 2, 1-10, verfasst von Heinz Behrends<\/span><\/b><\/h3>\n<hr \/>\n<p>Die Welt ist mit ihrer Weisheit am Ende, liebe Gemeinde.<\/p>\n<p>Der Weisheit der Welt stellt Paulus in seinem Brief an die Gemeinde in Korinth die Weisheit Gottes gegen\u00fcber, das Thema meiner Predigt. Hoch aktuell. Wir haben in den Tagen von Weihnachten und Neujahr etliche Ansprachen geh\u00f6rt oder davon gelesen. Der Bundespr\u00e4sident hat gesprochen, die Bundeskanzlerin, unser Ministerpr\u00e4sident, die Partei-Vorsitzenden im Wildbad Kreuth und auf dem Dreik\u00f6nigstreffen in Stuttgart, der Parteivorsitzende, der Ministerpr\u00e4sident von Brandenburg ist. Sie alle haben Begriffe benutzt, die wir lange Zeit nicht mehr geh\u00f6rt haben: Anst\u00e4ndigkeit, Redlichkeit, Ehrlichkeit, Pflicht<\/p>\n<p>Verd\u00e4chtig finde ich das. Um alte Werte werben sie, wo die praktische Politik immer schwerer, weil komplizierter geworden ist. Ein kritischer Kommentator, Heribert Prantl von der S\u00fcddeutschen Zeitung hat dar\u00fcber gesagt: Es ist, als stelle der Koch eine Maggi-Flasche auf den Tisch, weil er seiner Kochkunst nicht traut. Wo die Rezepte versagen, wird an Werte appelliert. Warum sie in den letzten Jahrzehnten wirkungslos geworden sind, wird nicht gefragt.<\/p>\n<p>Die Welt ist mit ihrer Weisheit am Ende.<\/p>\n<p>Ich nenne einige Beispiele von vielen. Da wird seit 30 Jahren gestritten und entschieden, die Kernkraft abzuschaffen, in der Sorge um den t\u00f6dlichen M\u00fcll f\u00fcr Millionen Jahre in unserem Erdboden. Nur das Thema Gorleben zuckt noch zweimal im Jahr. Doch da wird in der Ukraine von den Russen f\u00fcr zwei Tage der Gashahn abgedreht, schon wieder hei\u00dft es: Wir brauchen Kernkraft. Angst vor kalten F\u00fcssen.<\/p>\n<p>In den 50ern und 60ern hatten wir starke Jahre, Wiederaufbau, Wirtschaftswundern, Bauen. Seit dem Stocken in den 70ern hei\u00dft es: Wir m\u00fcssen den Konsum ankurbeln.<\/p>\n<p>Daf\u00fcr m\u00fcssen wir Schulden machen. Dann wird mehr investiert, dann kommt die Wirtschaft wieder in Gang. Aber es kam nicht richtig in Gang. Heute lasten auf mich als B\u00fcrger meiner Kleinstadt 2.100 \u20ac Schulden pro Person, als Bewohner des Landes Niedersachsen noch mal 2.000 \u20ac und als Bundesb\u00fcrger weitere 10.000 \u20ac. W\u00e4re der Staat eine Firma, h\u00e4tte er schon l\u00e4ngst Konkurs angemeldet. Und immer noch brauchen wir neues Geld zum Ankurbeln.<\/p>\n<p>Die Welt ist mit ihrer Weisheit am Ende.<\/p>\n<p>Die Werte haben sich umgekehrt. Da galt mal ehrlicher Lohn f\u00fcr ehrliche Arbeit, Schwei\u00df und M\u00fche. Heute wird das meiste Geld mit Geld gemacht, Spekulation vom Computertisch aus. Wir kommen darin nicht vor. Aber Spekulanten k\u00f6nnen an einem Tag alles zum Zusammenbruch bringen, was wir uns erarbeitet haben.<\/p>\n<p>Die Welt ist mit ihrer Weisheit am Ende.<\/p>\n<p>Da wurde ein Sozialsystem aufgebaut, das funktionierte so: Wer heute Geld verdient, gibt davon einen Teil ab, mit dem die Alten \u00fcber 65 versorgt werden. Es funktioniert nur, wenn die Zahl der Alten nicht h\u00f6her ist als die Zahl der Kinder. Nun aber werden die Alten immer \u00e4lter und die Zahl der Kinder nimmt rapide ab. Wir erh\u00f6hen das Kindergeld um 20 \u20ac. Nichts passiert. Die Lust Kinder zu haben, wird offensichtlich aus anderen Quellen gespeist.<\/p>\n<p>Die Politik ist mit ihrer Weisheit am Ende. Ein System, das seit Bismarck Menschen versorgte, bricht zusammen. Die Politik ist mit ihrer Weisheit am Ende.<\/p>\n<p>Im Weltma\u00dfstab ist das alles noch eklatanter. Wir beseitigen einen Tyrannen und schaffen eine Demokratie im Irak, sagten die Amerikaner, ohne Ahnung von Menschen im Orient zu haben. Chaos und t\u00e4gliches Sterben seit Jahren ist das Ergebnis. Weisheit am Ende.<\/p>\n<p>Und Israel und Pal\u00e4stina? Viele Versuche f\u00fcr eine Einigung, viel Blutvergie\u00dfen. Und jetzt: eine Mauer gezogen, damit Terroristen nicht mehr unerkannt r\u00fcber kommen. Die von j\u00fcdischen Siedlern gewaltsam genommenen Gebiete werden wieder freigegeben. Der daf\u00fcr steht, Ariel Sharon, liegt mit Schlaganfall handlungsunf\u00e4hig im Krankenhaus. Kinder im Gaza verteilen jubelnd Flugbl\u00e4tter an Autofahrer, auf denen steht: Stirb, du M\u00f6rder. Gro\u00dfe Verunsicherung. Die Welt ist mit ihrer Weisheit am Ende.<\/p>\n<p>Was machen wir? Da m\u00f6chte man sich zur\u00fcckziehen. \u201eSchmutzige Politik\u201c, will ich nichts mit zu tun haben. Die Festtags-Redner sagen: \u201eAnstand, Pflicht. Gemeinsam sind wir stark. Packen wir es an. Kaufen wir wieder mehr\u201c. Wir winken ab. \u201eAch ja, die schon wieder.<br \/>\nEs \u00fcberzeugt uns alles nicht. Die Politik wird doch sowieso nur vom internationalen Geld gemacht. Will ich nichts mit zu tun haben.\u201c<br \/>\nMenschen k\u00f6nnen ungemein unber\u00fchrt von aller Politik leben. Und doch sind wir in unserem Leben davon bestimmt.<\/p>\n<p>Eine der gro\u00dfen Parteien hat diese Tage proklamiert: \u201eMehr Gerechtigkeit durch mehr Freiheit.\u201c Das Ergebnis wird sein, ohne es zu wollen: M\u00f6glichst viele Menschen werden arbeitslos.<\/p>\n<p>Die Verantwortlichen im Land m\u00fchen, ermuntern, aber sie bewegen seit Jahren fast nichts. Politik wird zur \u00f6ffentlichen Darstellung. Die Herrschenden sitzen unerkannt im globalen System. Die Welt ist mit ihrer Weisheit am Ende.<\/p>\n<p>Ich habe euch etwas ganz anderes verk\u00fcndigt, sagt Paulus in Korinth. Keine hohen Worte, sondern den Gekreuzigten. Ich habe es nicht mit der geschwollenen Brust eines Wahlredners gesagt, sondern mit Furcht und gro\u00dfem Zittern. Ich bin auch nicht rhetorisch ausgebildet. Ich bin ein Stotterer. Ich versuche nicht, euch zu \u00fcberreden. Gott allein soll wirken durch meine Worte. Euer Glaube soll nicht abh\u00e4ngig werden von meiner Beredsamkeit, sondern vom Heiligen Geist. Denn ich rede von Gottes Weisheit, die von keinem Herrscher dieser Welt erkannt ist.<br \/>\nEr stellt der Weisheit dieser Welt, die mit sich am Ende ist, die Weisheit Gottes gegen\u00fcber.<\/p>\n<p>Ich versuche in einigen Punkten, die Weisheit Gottes zu benennen, um dann zu schauen, wie wir den Gegensatz aushalten.<\/p>\n<p>Eine Weisheit Gottes ist: Gott hat dich geschaffen. Jeden Menschen als Gesch\u00f6pf geschaffen. Jedem W\u00fcrde und Ehre gegeben. Ob du gro\u00df bist oder klein, arm oder reich, krank oder gesund. Niemand darf sie antasten oder in Frage stellen. Sie bleibt unabh\u00e4ngig von der Gunst von Menschen.<\/p>\n<p>Eine zweite Weisheit: Leben hat sich mit Gebrochenheit auseinanderzusetzen. Niemand sitzt heute morgen hier, der glatt durchs Leben gekommen ist. Du lebst von Br\u00fcchen. Ordne sie in dein Leben ein.<\/p>\n<p>Eine dritte: Leben ist vorl\u00e4ufig. Nichts ist fertig. Du denkst, du hast es geschafft und eine neue Frage taucht auf. Du meinst, du hast dich etabliert im Gl\u00fcck und es schmerzt im R\u00fccken, im linken Arm. Du bist hoch alarmiert. Ein Lebensger\u00fcst wankt.<\/p>\n<p>Eine vierte folgt aus den dreien: Schwache werden geachtet. Wie viel Solidarit\u00e4t ist auf der Strecke geblieben in Zeiten des Wohlstandes! G\u00f6ttliche Weisheit orientiert sich an dem, der Hilfe braucht. \u201eWer ist der N\u00e4chste dem, der unter die R\u00e4uber gefallen ist?\u201c fragt Jesus aus der Perspektive des Verletzten.<\/p>\n<p>Eine weitere Weisheit Gottes: Alles ist dir geschenkt, nichts verdankst du dir selbst.<br \/>\nDie Liebe nicht, die Hoffnung nicht. Das Brot hast du nicht selbst gebacken, das Bier nicht gebraut. Operieren, wenn du krank bist, wirst du dich nicht selbst.<\/p>\n<p>Was machen wir mit diesem Gegensatz der Weisheit der Welt zu der Weisheit Gottes?<\/p>\n<p>Paulus gibt im 2. Kapitel seines Briefes an die Gemeinde in Korinth eine Antwort: Beurteilen kann den Gegensatz nur der geistliche Mensch. \u201eEs muss geistlich beurteilt werden,\u201c sagt er, von Menschen, die den Geist Gottes empfangen haben.<\/p>\n<p>Wie werde ich ein geistlicher Mensch? Durch Gebet, durch Lesen der Bibel, durch Stille. Sich einmal am Tage 2 bis 5 Minuten Zeit lassen f\u00fcr die Losung, f\u00fcr ein Gebet, f\u00fcr eine Stille. Einmal die Woche die Bibel aufschlagen. Sich dem oft fremden Wort Gottes aussetzen. Die vertrauten Worte aufnehmen. \u201eDer Herr ist mein Hirte.\u201c Dankbarkeit \u00fcben. Zeit als geschenkten Raum bewohnen.<\/p>\n<p>Nun ist die Spiritualit\u00e4t ja \u00fcberall im Kommen. Aber vor allem au\u00dferhalb der Kirche. Die Buchhandlungen bieten mehr Literatur \u00fcber das Heil in der richtigen Ern\u00e4hrung, der besonderen Meditationspraxis an als Bibeln und christliche Literatur. Seminar und Kurse all\u00fcberall zu Seelenpflege und Wellness.<\/p>\n<p>Was ist der Unterschied zur christlichen Spiritualit\u00e4t?<br \/>\nDie weltliche besch\u00e4ftigt sich mit sich selbst, h\u00e4ufig als eine Art Bauchspiegelung. Der geistliche Mensch im Geiste der Bibel l\u00e4sst sich von au\u00dfen von einem Wort Gottes ansprechen, in Frage stellen, ansto\u00dfen, tr\u00f6sten.<\/p>\n<p>Was machen wir mit dem Gegensatz? Wir sind ja selber nicht entschieden auf einer der beiden Seiten. Die wenigsten von uns heute morgen stehen in politischer Verantwortung. Niemand von uns, denke ich, k\u00f6nnte von sich sagen, er lebe die Weisheit Gottes. Wir sind Teil des Systems.<\/p>\n<p>Wir sind im Geiste Christi nicht von dieser Welt, aber wir leben in dieser Welt. Deshalb: Sich \u00f6ffnen f\u00fcr das Wort Gottes, R\u00e4ume zulassen, einen Raum wie diesen Gottesdienstraum heute morgen in seiner ganz eigenen Sprache, mit Menschen, die mir im Geist verwandt sind, bei aller Unterschiedlichkeit.<\/p>\n<p>Verantwortliche st\u00e4rken, die um ihre Grenzen wissen., weil wir selber unsere Grenzen kennen. Ein Verlust an Lebensqualit\u00e4t bef\u00fcrchte ich nicht. Gottes Weisheit f\u00fchrt in die Dankbarkeit und die Aufmerksamkeit. Mal sehen, was mit der Welt passiert, wenn wir es in aller Gebrochenheit, mit Frucht und Zittern und Geisteskraft zu leben versuchen.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Heinz Behrends<br \/>\nSuperintendent<br \/>\nEntenmarkt 2<br \/>\n37154 Northeim<br \/>\n<a href=\"mailto:Heinz.Behrends@evlka.de\">Heinz.Behrends@evlka.de<\/a><br \/>\n<\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>2. Sonntag nach Epiphanias, 15. Januar 2006 Predigt \u00fcber 1. 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